Sendung vom 9. Juni 2015: Märchen

Ich begrüße euch, liebe Hörerinnen von FREIRAD, dem freien Radio Innsbruck! Am Mikrofon ist wieder Ewald Strohmar-Mauler mit einer neuen Ausgabe von „hinterfragt.“, dem kulturwissenschaftlichen Magazin.

Die heutige Sendung trägt den Titel: Märchen

Ich werde euch einige Grundlagen dieser uralten Erzählgattung präsentieren. Dazu gehört neben ein wenig literarischer Theorie und den Versuchen, Märchen zu erklären auch der Blick auf die Geschichte, vor allem die Wirkungsgeschichte der Märchen.

Und damit sind wir auch schon im zweiten Teil der Sendung, in welchem ich auf die Verwendung der Märchenstoffe in nicht-literarischen Medien, zB in aktuellen Fernsehserien und Filmen sowie auch auf Märchenparodien eingehen werde.

Und auch die Musik zwischen den einzelnen Blöcken hat heute wieder ausschließlich märchenhafte Titel und / oder Inhalte.

Musik:

Zero-project: Once upon a time 3:43

Teil 1: Überblick

Mit dem Thema Märchen habe ich mich, glaube ich, zuletzt in der Schule beschäftigt, es war eines meiner Schwerpunktthemen für die Matura. Das war 1984. Ich konnte aber glücklicherweise noch fast alle Bücher, die ich damals zur Vorbereitung verwendet hatte, noch auf dem Dachboden finden, sie sind trotz circa acht Übersiedlungen, die ich seither durchgemacht hatte, noch vorhanden. Die Faszination, welche von dieser Erzählgattung ausgeht, scheint also noch immer vorhanden zu sein und hat mich davor bewahrt, diesen halben Meter Bücher weg zu geben.

Bevor ich allerdings näher auf diese Faszination eingehe, sollte ich wie immer zunächst einige grundlegende Dinge über das Märchen an sich erzählen.

Wie bei vielen anderen Forschungsgegenständen ist es auch hier schwierig, eine allgemein anerkannte Definition des Märchens zu finden, auch hier ist es davon abhängig, wen mensch fragt. Klar scheint zu sein, dass es sich um eine uralte, ursprünglich mündlich überlieferte Erzählgattung handelt. Grundsätzlich handelt es sich meist um Prosa, wobei Märchenstoffe aber auch in lyrischer Form und dramatisiert vorliegen können.

Die Handlung spielt jenseits von Raum und Zeit, also das bekannte »Es war einmal« ersetzt eine genaue Angabe wie »London, im Oktober 1724«. Die Personen tragen Dutzendnamen wie Marie oder Hans, wenn sie überhaupt Namen haben. Auch haben die Personen keine Hintergrundgeschichte, die über die eigentliche Handlung hinaus geht, kein psychologisches Profil.

Hier finden wir auch einen Unterschied zur Sage und Legende, die an einem bestimmten Ort spielen und meist auch über ganz bestimmte Personen berichten, auch wenn in den Geschichten an sich dann Zauberei und anderes Übernatürliche vorkommt, das die Grenze zu unserer Standard-Realität überschreitet.

Weniger einfach ist die Abgrenzung zwischen Märchen und den mythologischen Stoffen, viele Märchen sind offenbar entschärfte, also wohnzimmertaugliche Versionen von Mythen. Ein beispiel ist hier das Dornröschen, das starke Parallelen zur germanischen Brünhilden-Sage aufweist – bis hin zur Dornenhecke, die im »Original« ein Feuerwall ist, hinter dem sich Brünhildens Schloss befindet. Siegfried, also der Prinz, kann den Wall erfolgreich durchschreiten und die schlafende Brünhilde aufwecken. Wo Mythen also eher em Gebrauch der staatlich-religiösen Eliten zugeordnet werden können, sind Märchen aus dem Volk, für das Volk.

In Märchen handeln nicht nur Personen, sondern auch Tiere oder sogar Pflanzen können sprechen und auch sonst so einiges. Manchmal sogar zaubern, obwohl es dafür ja eigene Charaktere gibt, die Hexen und Zauberer, aber auch magische Wesen wie Einhörner oder übermächtige Gestalten wie Zwerge und Riesen. Daher werden ständig Menschen verflucht, und vorzugsweise in Tiere verwandelt, und es herrscht eine unkomplizierte Zuordnung zu Gut und Böse vor, worüber schon von Moralistinnen bis zu Psychoanalytikerinnen viele denKopf zerbrochen haben, doch wir müssen dieses Thema aus Zeitgründen so stehen lassen.

Was auf keinen Fall unerwähnt bleiben kann, ist die Tatsache, dass Märchenstoffe selbst offenbar keine Grenzen kennen, auch nicht jene von Kulturkreisen. Viele Geschichten tauchen in sehr ähnlicher Form quer über die Welt auf, auch bei Kulturen, die keinen Kontakt mit einander hatten, also die Geschichten nicht von einander kopieren konnten. Wie bei den Mythen scheinen also auch die Märchenstoffe irgendwie allgemeingültige Elemente zu besitzen, die dann in ähnlicher Weise erzählt werden können.

Da sind wir eigentlich auch schon bei einem weiteren Diskussionspunkt angelangt: geht es eigentlich beim Märchen um eine Geschichte, die in einer bestimmten, unveränderlichen Weise erzählt werden muss, mit festen Personen, die in einer fixierten Weise handeln?

Oder variieren diese Elemente doch eher, geht es dann also vielmehr um Handlungsmuster, die dargestellt werden?

Bevor wird darauf jedoch eingehen können, muss eine klare Unterscheidung getroffen werden zwischen den alten überlieferten Märchenstoffen, den autoranonymen »Volksmärchen«, und den literarischen Stoffen mit Märchencharakter, welche von namentlich bekannten Schriftstellerinnen »erfunden« wurden, den »Kunstmärchen«. Letztere können wie andere Prosastoffe behandelt werden, die in der Absicht, ein künstlerisches Werk zu schaffen, verfasst wurden. Hierbei sind handelnde Personen, Orte, usw. Bewusst gewählt, der Aufbau der Handlung durchkomponiert. So kann es dann auch vorkommen, dass die Zeit- und Ortslosigkeit der Gattung Märchen durchbrochen wird und die Personen Namen und Hintergrund erhalten.

In den von alters her überlieferten Volksmärchen jedoch können die Handlungen, die auf konstanden »Bauelementen« basieren, von jeweils unterschiedlichen Personen ausgeführt werden1.Es gibt keine bekannte Autorin und einzelne Details ändern sich unter Umständen bei jedem weiteren Erzählvorgang. Die Handlung ist einsträngig, es existieren also keine Nebenhandlungen, Vorerzählungen, literarische Verzierungen oder ähnliches.

Verschiedene Märchenforscherinnen arbeiteten die so genannte »Aarne–Thompson« Klassifikation heraus, um diese Handlungsthemen in 7 Gruppen und insgesamt 2399 Einzelthemen zu systematisieren.

Apropos Märchenforschung: Gäbe es diese nicht, wären vermutlich auch die meisten Märchen heute gar nicht mehr bekannrt, oder zumindest nicht in der uns bekannten Form. Denn obwohl sich die Geschichten ja, wie gesagt, ändern können, ist es durchaus fraglich, ob sich das Interesse an den Stoffen bis ins 21. Jahrhundert gehalten hätte, wenn sie nicht bereits ab dem 17. Jahrhundert schriftlich fixiert worden wären. Denn bereits 1634 erschien die Märchensammlung »Il Pentamerone« von Giambattista Basile, in der ähnlich wie bei Tausendundeiner Nacht die Märchen in eine Rahmenhandlung eingeschoben wurden.1697 veröffentlichte Charles Perrault seine Sammlung mit dem Titel »Histoires ou contes du temps passé, avec des moralités«, also übersetzt »Geschichten oder Erzählungen aus vergangener Zeit, mit Moral«, besser bekannt als »Contes de ma Mère l’Oye«, »Geschichten meiner Mutter Gans«. Diese fiktive Erzählerin, Mutter Gans, ist im englischsprachigen Raum als Mother Goose offenbar sehr populär.

Jedenfalls sind die in beiden Büchern enthaltenen Märchen auch von den im deutschsprachigen Raum bekanntesten Märchensammlern in ihre Sammlung aufgenommen worden, den Brüdern Jacob und Wilhelm Grimm. Diese sind so sehr zum Maßstab für alles rund ums Märchen geworden, dass mensch sogar von einer »Gattung Grimm«2 spricht.

Jetzt möchte ich aber, bevor ich weiter über diese beiden Brüder spreche, noch etwas Musik spielen:

Musik:

Cryda Luv‘ – Fairy tales 4:10

Teil 2: Einblick

Die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm sollten ursprünglich Stoffe für die Sammlung »Des Knaben Wunderhorn« der bekannten Romantiker Clemens von Brentano und Achim von Arnim sammeln, da diese aber die eingereichten Texte nicht verwenden wollten, verselbständigte sich das Projekt. Die Brüder Grimm arbeiteten in Eigenregie weiter, suchten sich einen Verleger und veröffentlichten 1812 die erste Version ihrer »Kinder- und Hausmärchen«, die ja bis heute in Mitteleuropa die bekannteste und am weitesten verbreitete Märchensammlung darstellen. Es gab bis 1857 noch sechs weitere Auflagen, jeweils ergänzt und verbessert. Vielleicht sollte man lieber sagen, verschlimmbessert, denn natürlich war zur damaligen Zeit der Begriff »textkritische Ausgabe« noch nicht bekannt. Und es handelte sich um Kinderbücher, die noch dazu voprrangig für ein bürgerliches Publikum gedacht waren und eben entsprechend darauf hin editiert wurden.

Die Autoren sowie der Verleger editierten also das vorhandene Material, wie es ihnen sinnvoll erschien, sei es aus Überlegungen des Marketing, eigenen Forschungs-Schwerpunkten oder anderen Interessen, die von Außen kamen, etwa von Verfechterinnen bürgerlich-christlicher Moralvorstellungen.

So wichen die weiteren Fassungen immer mehr von dem ab, was ihnen die ursprünglichen Erzählerinnen wohl so an überlieferten Geschichten zum Besten gegeben hatten. Und hatten sich die Brüder Grimm in der ersten Auflage noch relativ nahe am Originalmaterial bewegt, entwickelte sich jedoch ab der zweiten Auflage dann das, was als »Gattung Grimm« bekannt wurde, jene bürgerlich bereinigten, fast möchte ich sagen, klinisch reinen, Märchenbuch-Geschichten. »Kindgerecht« war offenbar das Zauberwort, welches ja bis heute noch durch die Welt des Kinderbuches gespenstert. Denn selbst wenn heute Kinderbücher nicht nur von normalen Kindern, sondern auch wieder von Hexen und Vampiren handeln dürfen, sind diese durch die Bank »lieb« und »freundlich«.

Doch zurück ins 19. Jahrhundert zu den Grimms. Diese hatte, wie gesagt, ihre Editionen verharmlosen müssen, um sie auch vermarkten zu können. Ursprünglich waren z.B. Hänsel und Gretel nicht von einer Stiefmutter in den Wald geschickt worden, sondern von der leiblichen Mutter, doch dieses Verstoßen der Kinder, welches in der Vormoderne bei bitterer Not durchaus real war, passte nicht ins bürgerliche Sittenbild des 19. Jahrhunderts.3

Auf heutige Verhältnisse angewendet, könnte mensch ja anmerken, dass im 21. Jahrhundert auch das Verstoßen durch Stiefmütter eine vorsätzliche schwere Vernachlässigung der Aufsichtspflicht darstellt und diese Rolle angesichts bekannt gewordener Vorfälle überhaupt einer Klosterschwester zuweisen.

Und dass der Froschkönig in der Erstfassung von der Prinzessin nicht geküsst, sondern an die Wand geschleudert wurde, dürfte auf Intervention des Tierschutzvereins umgeschrieben worden sein.

Nicht zu vergessen, dass »natürlich« die Moralvorstellungen im 19. Jahrhundert die Grimms veranlassten, alle sexuellen sonstigen an das archaische Wesen des Menschen gemahnenden Anspielungen ebenfalls hinaus zu korrigieren. Dem Rotkäppchen wurde ursprünglich die Großmutter als Hauptspeise serviert, also purer Kannibalismus, und dann hatte der Wolf mit ihr auch noch Geschlechtsverkehr, bevor er sie dann ebenfalls verspeiste. Aber diese Urfassung wurde schon bei Perrault hinausgeschrieben, nicht erst bei den Grimms. Wobei das Happy-End mit dem Jäger, der das Mädchen und die Großmutter aus dem Wolfsbnauch herausholt, gab es bei Perrault nicht – dafür einen moralischen Nachsatz, der Mädchen davor warnen sollte, sich mit Wölfen, auch zweibeinigen, einzulassen.

Und dann sind auch diese Prinzen, die irgendwelche Mädels aus verschiedenen Türmen – der Turm, das phallische Symbol – retten. Ja, was werden die wohl mit ihnen gemacht haben, kaum dass sie sich durch das enge Fenster gezwängt haben? Also ich klettere doch nicht auf den höchsten Turm auf dem höchsten Berg, nur um ihre Überraschungseierfigurensammlung zu bewundern, also wirklich!

Alles rausredigiert, denn die Grimms wollten auch eine bestimmte Weltanschauung vermitteln, nämlich die pädagogischen Ideen der Aufklärung und Romantik. Also, Sex und Gewalt raus, Romantik rein.

Streng genommen hat sich durch dieses ständige Redigieren der Grimms eine eigene Art von Märchen entwickelt: kein reines Volksmärchen mehr, aber auch noch kein Kunstmärchen. Wobei etwa »Schneeweißchen und Rosenrot« offenbar ein reines Kunstmärchen von Wilhelm Grimm zu sein scheint.4

Einen großen Nachteil hat die schriftliche Fixierung natürlich: dadurch gibt es keine Möglichkeit der Variation mehr wie in der mündlichen Tradition. Es werden somit nicht nur die Handlungselemente »eingefroren«, sondern auch sämtliche Elemente, die in der mündlichen Überlieferung austauschbar waren, konnten nur mehr in der schriftlich fest gelegten Weise weiter gegeben werden, selbst wenn sie nicht vorgelesen, sondern nacherzählt wurden.

Dass dies auf andere Weise doch möglich ist, werde ich im nächsten Teil dieser Sendung erläutern.

Doch zuvor möchte ich noch kurz auf die Wirkungsgeschichte der Grimms-Märchen eingehen. Schließlich wurden diese ja auch durch die Redaktionsarbeit sehr populär und wirken bis heute als Richtschnur für die Gattung Märchen.

Im Wikipedia-Artikel zu Grimms Märchen steht zu lesen: (Zitat)

»Anlässlich des 200-jährigen Jubiläums der Kinder- und Hausmärchen (2012) schrieb der Literaturkritiker Jens Bisky: „War es ein Unfall der Literaturgeschichte, dass nicht Clemens Brentano die Märchen bearbeitete? Für den wahren Märchenfreund heißt es: Los von den Grimms! Zu stiefmütterlich sind sie mit der Phanta- sie umgegangen.“ Brentano hatte selbst schon äußerst kritisch Stellung bezogen: „Ich finde die Erzählung aus Treue äußerst liederlich und versudelt und in manchem dadurch sehr langweilig.“ [33] Auch August Wilhelm Schlegel und Heinrich Voß äußerten sich ablehnend, während Bettina von Arnim, Görres, Goethe, Savigny und Friedrich Schlegel des Lobes voll waren.5«

Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen vor allem die Alliierten auf die Idee, dass die Märchen der Brüder Grimm die deutschen Kinder zu Gewalt erzogen hätten und so mitverantwortlich für die Gräueltaten der Nazis wären.6 Diese Ansicht herrschte offenbar bis in die 1970er Jahre in Deutschland vor, bis der Psychoanalytiker Bruno Bettelheim im Jahre 1976 sein Werk »Kinder brauchen Märchen« herausbrachte, in dem er die positive Wirkung der Grimmschen Märchen betonte. Doch es dauerte noch eine ganze Weile, bis phantastische Literatur wieder als lesenswert eingestuft wurde – vermutlich mit Hilfe der Fantasyliteratur, die in den 1980ern aus den USA zu uns kam. Dann in den 1990ern die Vampire. Und heute sind es halt Zombies. Keine Gewalt, keine Gräueltaten, keine Nazis. Alles brav und harmlos, Hollywood-Kommerz eben.

Nach etwas Musik von

xxx

komme ich im zweiten Teil der Sendung dann auf einen großen Fisch im Hollywood-Teich zu sprechen, der schon seit der Zwischenkriegszeit mit Märchen gute Geschäfte macht: Walt Disney.

Musik:

Marijanh: Die zwei Raben 4:10

Zwischenmoderation

Für alle, die sich erst später zugeschaltet haben:

Hier ist „hinterfragt„, das kulturwissenschaftliche Magazin live auf FREIRAD, dem freien Radio Innsbruck! Mein Name ist Ewald Strohmar-Mauler.

Das heutige Thema ist

Märchen, und ich habe im ersten Teil neben einer allgemeinen Einführung ins Thema vor allem die Märchen der Brüder Grimm besprochen.

Im zweiten Teil folgen einige Betrachtungen zum Thema Disneys Märcheninterpretationen, TV-Serien mit Märchenbezug und Märchen-Parodien.

Doch zuvor noch etwas Musik

Musik:

The Rinn – Mirror 3:27

Teil 3: Seitenblick

Nun zu einem absolut heiklen Thema: den Märchen-Adaptationen von Walt Disney.

Wenn auch Wikipedia in der wissenschaftlichen Welt nicht so gerne als Quelle gesehen wird, eines finde ich dennoch immer wieder hilfreich: die »Listen«. So auch jene der Disney-Filme, die auf Märchen basieren.7 Es sind dies nämlich gezählte 22 Kurzfilme zwischen 1922 und 2006 sowie die bekannteren 16 Spielfilme zwischen 1937 und 2008. Disney verwendet zwar überwiegend Grimms Märchen bzw. andere europäische Quellen wie Andersens Kunstmärchen, jedoch auch arabische (Aladdin) und asiatische (Mulan).

Die Disney-Filme sind ja für viele von uns die optische Krücke zu den entsprechenden Märchen, auch für viele Bearbeitungen der Märchenstoffe im und außerhalb des Mediums Film. Leider gilt für sie vieles, das im vorherigen Abschnitt zu den Überarbeitungen durch die Brüder Grimm schon gesagt wurde. Nur, aus der Anpassung an ein bürgerlich-christliches Publikum im 19. Jahrhundert wird nun die Anpassung an ein konservativ-US-amerkanisches Publikum im 20. Jahrhundert. Was konkret bedeutet, dass die Geschichten noch mehr geschönt wurden, um der Disneyschen Lieblichkeit zu entsprechen. Einige Beispiele, die ich einem Artikel8 der Huffington Post entnommen habe:

Aschenputtels Schwestern schneiden sich, um in den gläsernen Schuh zu passen, Zehen bzw. Fersen ab («Ruckediguh, Blut ist im Schuh!«, kommentieren die Tauben). Sowas kann Disney natürlich nicht verwenden, auch im Zeichentrick schaut Blut grauslich aus. Aus dem Baum über der Mutter Grab, an dem das Mädchen betet und weint, wird eine pummelige gute Fee, die sie statt des Baumes mit Kleidern versorgt, usw.

Die kleine Meerjungfrau, ein Kunstmärchen von Hans Christian Andersen, kommt bei Disney ebenfalls viel besser weg als im Original. Wenn sie dort nämlich den Prinzen nicht heiraten kann, stirbt sie und verwandelt sich nicht einfach zurück. Außerdem schmerzt sie jeder Schritt der geborgten Beine, als ob sie über Glasscherben ginge. Und der Prinz heiratet eine andere. Doch wenn sie den Prinzen tötet, kann sie wieder Meerjungfrau werden. Doch da sie das nicht kann, fällt sie ins Meer und wird zu Meerschaum. Da kommt sie bei Disney wesentlich glimpflicher davon.

Bei anderen Märchen, wie Die Schöne und das Biest, hält sich Disney schon eher an das Original, vermutlich weil dieses nicht so brutal ist. Außer dass natürlich in den ursprünglichen Märchen die Bösen, also etwa Stiefschwestern oder -mütter, wirklich BÖSE sind und Mord und Totschlag ihre Begleiter. Da ist sogar Ursula, die Meerhexe, wie man so schön sagt, ein Lercherlschas dagegen.

Über die Geschlechtsakte in den »richtigen« Märchen habe ich ja schon erzählt. Übrigens kommen die Damen vorzugsweise mit Zwillingen nieder, also Dornröschen und Rapunzel im Speziellen.

Rapunzel. Neu verfönt im deutschen Titel, Tangled, also verwurschtelt, im Disneyschen Original. Beide Titel sind ja sehr zutreffend, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Neu verfönt soll natürlich eine Anspielung einerseits auf die Rapunzelige Haarpracht sein, die offenbar eines Gerätes bedarf, das es aber zu Rapunzels Zeiten noch gar nicht gab. Oder vielleicht doch, wir befinden uns ja in einem Nicht-Land außerhalb von Raum und Zeit. Wie dem auch sei, Fön kommt in der Geschichte keiner vor, statt dessen viele andere nette Einfälle und lustige Gestalten, bis hin zu einem Pferd, welches sich wie ein Polizeihund benimmt. Also, der zweite Teil der Anspielung ist jene auf »neu verfilmt«, sprich, es ist sowieso alles anders als bei den Grimms. Cooler, 2010iger. Und tangled, also verwurschtelt ist es auch. Die Handlung ist so rasant, dass mensch gar nicht bemerkt, wie weit wir vom Grimmschen Text weg sind.

Hier wurde also die freie Interpretation auf die Spitze getrieben, wobei Disney es noch einen Tick freier kann: der König der Löwen ist eine Version von Shakespeares Hamlet, aber das habe ich nur offtopic erwähnt, diese Geschichte ist ja kein Märchen. Auch der Froschkönig ist sehr frei neu aufgelegt als The Princess and the Frog, zu deutsch Küss den Frosch, welches in New Orleans der 1920er Jahre spielt und mit Tiana die erste schwarze »Disney-Prinzessin« aufweist.

Und dann gibt es noch Frozen, die Eiskönigin. Ein Andersen-Märchen, bekannt unter dem Titel Die Schneekönigin. Diese ist allerdings die Böse, die den Bruder entführt, welcher von der Schwester gesucht und befreit wird. Bei Disney heißt sie Elsa und ist bloß wieder eine von diesen Prinzessinnen, die singend ihren Entwicklungsroman durchlebt. Sie hat halt diese blöde magische Kraft, die alles vereist und schmeisst deshalb alles hin, um sich lieber einsam in einen Schneepalast zurückzuziehen, und sich selbst zu finden, wo sie dann aber von ihrer Schwester gefunden und wieder zurück geholt wird. Aber sie entführt keine Jugendlichen und vereist keine Herzen. Aber gut, Andersens Geschichten sind ja wirklich ziemlich heftig und auch gespickt mit evangelischem Moralisieren. Das würde vielleicht hartgesottene Teaparty-Anhängerinnen interessieren, aber nicht großflächig das internationale zahlende Kino- und Merchandise-Publikum.

Was seit jeher im Raum steht, wenn von Disneys Märchenfilmen gesprochen wird, ist das starre Geschlechterbild, das nie besonders an modernere Sichtweisen angepasst wurde. Mädchen können noch so arm und unbedeutend sein, wenn sie brav, nett und hübsch sind, kriegen sie ihren Prinzen ab. Diese Weisheit aus der Bürgerlichkeit des 19. Jahrhunderts haben sie bei Disney offenbar nicht der Mühe wert gefunden, an das 20. Jahrhundert anzupassen. Auch wenn Tiana versucht, ihr Cajun Restaurant aus eigener Kraft aufzubauen, auch wenn Rapunzel in Selbstverteidigung ihre Bratpfanne schwingt, letztlich streben sie ja doch prinzwärts. Und nehmen Millionen von Mädchen im Volksschulalter mit.

Burschen, schauts dazu, dass ihr Prinzen werdet! Allerdings auch wenn nicht, die Mädels haben ja bei Disneys Arielle gelernt, dass sie sich für jemanden, in den sie verliebt sind, ändern müssen, anstatt davon auszugehen, dass du sie gefälligst so nehmen sollst, wie sie ist.

Schnewittchen hat ihnen beigebracht, dass Männer (vor allem die Kleinen mit Zipfelmütze) hoffnungslose Fälle sind, denen sie den Haushalt führen müssen.

Außerdem zählt nur äußere Schönheit. Und sie wollen von euch gerettet werden, egal woraus. Und wenn es die Mathestunde ist. Also, werdet Helden oder Prinzen!

Ach so, das ist ja doch für beide Seiten etwas zuviel verlangt: die Mädels sollen schön und brav sein, die Burschen stark und mutig. Und kernig noch dazu. Disney, was hast du uns angetan!

Sind wir froh, dass das nur Märchen sind und mit der Realität nichts zu tun haben.

So, jetzt wird es aber Zeit für etwas Musik:

Musik:

Tweed: Girls and Fairy Tales 3:41

Teil 4: Ausblick

Andere Kulturbereiche außer dem Buch und dem Zeichentrickfilm haben das Märchen ebenfalls aufgegriffen. So gibt es etwa Musical-, Ballett- und Theateradaptionen von Märchen, und jede Menge Märchenverfilmungen.

In jüngster Zeit, also seit Fantasy- und Mystery-Stoffe auch in Genremixes etwa mit Polizeiserien immer populärer werden, finden auch auch US-amerikanische TV-Serien wie »Once Upon a Time« oder »Grimm«, welche mit den Elementen der Grimmschen Charaktere spielen: In »Once Upon a Time« finden sich die Märchengestalten in einer amerikanischen Kleinstadt als mehr oder weniger »normale« Bürgerinnen wieder, und in »Grimm« wird überhaupt davon ausgegangen, dass es so genannte »Wesen« gibt, welche meist in normaler Menschengestalt auftreten, manchmal jedoch animalische Gestalt annehmen können, wie Wölfe, Füchse oder Biber. Die Hauptfigur ist ein sogenannter »Grimm«, der diese Verwandlung erkennen kann und dies in seiner eigentlichen Tätigkeit als Polizeidetektiv auch gut gebrauchen kann, da viele dieser Wesen auch kriminell aktiv sind. Hier wird also aus dem Familiennamen der Brüder Grimm gleich eine Bezeichnung für eine Aert Superheldensippe.

In die Rubrik der ausgefallenen Ideen gehören wohl auch die diversen Märchenparodien, wie etwa der Animationsfilm Shrek, oder auch die deutschen Produktionen, der Mehrteiler Pro7 Märchenstunde, oder »7 Zwerge – Männer allein im Wald« bzw. »Der Wald ist nicht genug«.

Ein Klassiker, bei dem ich nicht recht weiß, ob ich ihn als Parodie oder als Interpretation einstufen soll, stammt vom genialen Jerry Lewis und nennt sich »Cinderfella«. Das Aschenbrödelmärchen wird hier umgekehrt, ein junger, etwas unbedarfter Mann mit dem eigenartigen Namen Fella, also US-englisch für »Kerl«, muss seine Stifmutter und deren Söhne im Schloss seines verstorbenen Vaters bedienen. Diese warten nur darauf, dass er den versteckten Schatz seines Vaters findet, und erdulden ihn einstweilen. Es erscheint eine ausländische Prinzessin, die für die Stiefmutter eine gute Partie für ihre Söhne zu sein scheint, als Plan B, falls der Schatz nicht auftaucht. Keiner ahnt jedoch, dass die Prinzessin aber gar nicht reich ist. Dies ist der Rahmen, damit die Geschichte in die Moderne passt, der Rest läuft dann wie im Original, nur mit umgedrehten Geschlechterrollen: ein Ball, ein plötzlich auftauchender gutaussehender Kerl, die Prinzessin verliebt sich, er flieht um Mitternacht, usw. Und am Schluss kriegt er die Prinzessin und findet auch noch den Schatz. Der Parodiecharakter wird dadurch gewahrt, dass statt der guten Fee, der Fairy Godmother, ein Fairy Godfather auftaucht, der dann auch noch das echte Aschenbrödel herbeihext, damit diese dem Fella erklärt, wie die Geschichte eigentlich abgelaufen ist. Ein typischer Jerry Lewis mit genialen Clownselementen, etwa der Szene, wo er in der Küche ein Benny Goodman-Stück aus dem Radio mit diversen Küchenutensilien synchron mitspielt.

So, nun möchte ich aber abschließend noch einiges erwähnen, was bisher auf der Strecke geblieben ist, etwa andere Märchensammlungen neben den übermächtigen Grimms:

Neben der erwähnten Giambattista Basile, Charles Perrault und den Brüdern Grimm haben auch folgende Menschen Märchensammlungen herausgegeben: im 18. Jahrhundert Johann Karl August Musäus, Ernst Moritz Arndt, im 19. Jahrhundert Ludwig Bechstein («Deutsches Märchenbuch«), in Norwegen Peter Christen Asbjørnsen, in Russland Aleksandr Nikolajewitsch Afanassjew. Einer der für mich wichtigsten Sammler im 20. Jahhundert war Frederik Hetmann, denn in den 1980ern gab es im Fischer Taschenbuch Verlag eine Reihe mit Volksmärchen aus diversen Kulturen, die er herausgegeben hat, also etwa französische, keltische, jüdische Märchen, nord- und südamerikanische Indianermärchen, afrikanische Märichen, usw. Von diesen hatte ich damals über ein Dutzend gekauft und verschlungen. Es war mal was anderes neben den für einen Jugendlichen ziemlich faden, abgelutschten »Grimmsmärchen« mal etwas zu lesen von Schildkröten, fliegenden Penissen und chassidischen Rabbinern. Vermutlich stammt daher auch meine Faszination vom Erzählkomplex Märchen

Bei den Geschichten der diversen Ureinwohnerinnen sind die religiösen Bezüge und die Mythen noch greifbar, bei den frühen europäischen Geschichten schmeckt mensch die keltischen und germanischen Ahnen und ihre Denkweise weitaus mehr heraus als bei den geschönten Editionen von Grimms und Konsorten.

Interessant ist jedenfalls, dass Märchenstoffe und märchenhafte Elemente sich nach wie vor in unserem Erzählrepertoire befinden und ihre Faszination nicht verloren haben, wenn sie auch den Sprung von der mündlichen Weitergabe über das gedruckte Buch in andere Medien machen mussten und dies vermutlich auch noch in den nächsten Jahrhunderten mit den dann zur Verfügung stehenden Medien tun werden.

Musik:

Daniel H: Fairy Queen 2:51

Abmoderation

So, aber nun genug hinterfragt für heute. Ich danke euch herzlich fürs Zuhören und hoffe, die Sendung hat euch wieder gefallen.

Und wie immer noch der Hinweis auf die Internet-Seiten zur Sendung:

Kritik, sowohl negative als auch positive, Wünsche und Anregungen könnt ihr gerne an mich per eMail senden: radio@hinterfragt.at.

Und wer die Sendung nachlesen möchte: die begleitende Website ist zu finden unter hinterfragt.at, dort findet ihr auch alle Links, oder könnt Kommentare zur Sendung abgeben. Ich spiele sowohl das Skript als auch den Mitschnitt so rasch wie möglich, meist noch am Tag nach der Sendung, auf die Website, und den Mitschnitt auch auf cas Cultural Broadcast Archive, cba.fro.at.

Außerdem könnt ihr mir auch auf Twitter folgen @hinterfragtAT oder auf Facebook unter hinterfragt.

Das war Ewald Strohmar-Mauler mit der Sendung hinterfragt. Das kulturwissenschaftliche Magazin.

immer am zweiten Dienstag im Monat um 20 Uhr auf FREIRAD, dem Freien Radio Innsbruck, und die Wiederholung am 4. Donnerstag um 9 Uhr Vormittag.

Und nun verabschiede ich mich und wünsche euch noch eine gute Zeit.

 

Abspannmusik

Still playing Guitar: Sidhe 05:38

Sendung anhören

1 Vgl.Nünning, Ansgar. Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie: Ansätze– Personen Grundbegriffe. Weimar: J.B. Metzler, 2008. Print., 600

2 Vgl. Heinz Rölleke: Entstehungs- und Veröffentlichungsgeschichte der Grimmschen Märchen. In: Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen. 19. Auflage. Artemis & Winkler, Düsseldorf und Zürich 1999, 856

3 Vgl. http://www.kinderundjugendmedien.de/index.php/begriffe-und-termini/238-maerchen

4 Vgl Hans-Jörg Uther: Handbuch zu den Kinder- und Hausmär-

chen der Brüder Grimm. de Gruyter, Berlin 2008, 335

5 http://de.wikipedia.org/wiki/Grimms_M%C3%A4rchen

6 Wardetzky, Kristin: Märchen in Erziehung und Unterricht. In: Märchenspiegel 25 (2014), S. 7 – 9

7 http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_Disney_animated_films_based_on_fairy_tales

8 http://www.huffingtonpost.com/2013/11/12/the-real-story-behind-eve_n_4239730.html