Sendung vom 9.2.2016: Verdächtiges

Ich begrüße euch, liebe Hörerinnen von FREIRAD! Am Mikrofon ist wieder Ewald Strohmar-Mauler mit einer neuen Ausgabe von „hinterfragt.“, dem kulturwissenschaftlichen Magazin.

Die heutige Sendung trägt den Titel:

Verdächtiges.

Zunächst geht es um eine verdächtige Chemikalie, und im Anschluss um verdächtige Gestalten.

Und zum Abschluss erzähle ich euch etwas über einieg andere verdächtige Dinge, die mir in den letzten Tagen aufgefallen waren.

Dazwischen gibt es ausreichend Musik, die wie immer unter einer Creative Commons Lizenz steht. Und das beginnt gleich mit

Musik:

Pepe Frías Noches de arriate 03:51

Teil 1: Überblick

Im ersten Teil dieser Sendung möchte ich euch vor einer Gefahr warnen, die von den verantwortlichen Stellen bisher aus guten Gründen weitgehend verschwiegen wurde. Es handelt sich um eine Chemikalie, die so verbreitet ist, dass schon längst eine landesweite Aufklärung hätte stattfinden müssen, was aber nicht geschehen ist.

Es handelt sich um Dihydrogen-Monoxid, eine farblose, geruch- und geschmacklose Substanz, die bisher nachweislich für den Tod von Tausenden Menschen verantwortlich zeichnet. In den meisten Fällen ist die Todesursache versehentliches Einatmen des Stoffes in flüssigem Aggregatzustand, aber es existieren noch einige weitere Möglichkeiten, wie Menschen dadurch zu Schaden kommen können. So bewirkt etwa der längerfristige Kontakt mit der festen Form von DHMO schwere Gewebeschädigungen, ebenso wie der Kontakt mit der erhitzten Gasform. Letzteres wird erleichtert durch den relativ niederen Siedepunkt von DHMO. Der längere Kontakt mit der flüssigen Form kann zu zeitweilig verschrumpelter Haut führen, auch kurzfristiger Hautkontakt kann temperaturabhängig unangenehm sein.

Nicht zu unterschätzen ist weiterhin der Suchtfaktor: für Menschen, die sich an die regelmäßige Einnahme der Substanz gewöhnt haben, bedeutet der dauerhafte Entzug den sicheren Tod. Symptome, die bei übermäßiger Einnahme der Substanz anzutreffen sind: starkes Schwitzen und Harndrang, meist begleitet von einem Völlegefühl, Brechreiz, sowie eine Schwächung des Elektrolythaushalts. Auch wurden im Körper von Krebspatientinnen hohe Konzentrationen von Dihydrogen-Monoxid festgestellt.

Doch nicht nur für den Menschen ist die Substanz problematisch, auch die Umwelt hat mit ihr zu kämpfen. So ist DHMO Hauptbestandteil des sauren Regens und auch ein wesentlicher Faktor beim Zustandekommen des Treibhauseffekts und der globalen Erwärmung. Auch bei der Zerstörung der Landschaft, vor allem Bodenerosion, ist DHMO wesentlich mitbeteiligt.

Des weiteren führt der langfristige Kontakt mit der Substanz bei vielen Metallen zu Korrosion sowie zur Zerstörung von Beton und Asphalt. Auch der Ausfall elektrischer Anlagen kann durch DHMO bedingt sein. Das Lenken von Automobilen ist nachweislich in vielen Fällen erschwert, wenn nennenswerte Mengen der flüssigen, vor allem aber der festen Form von Dihydrogen-Monoxid auf der Fahrbahn zu finden sind.

Trotz dieser Gefahren wird die Chemikale wegen ihrer problemlosen Gewinnung in fast allen Industriezweigen und Forschungseinrichtungen als Lösungs- oder Kühlmittel eingesetzt, zur Herstellung vieler Kunststoffe, zur Brandbekämpfung, als Lebensmittelzusatz oder auch als Komponente bei Tierversuchen. Und in der Landwirtschaft wird die Substanz bedenkenlos für das Ausbringen von Düngemitteln und Pestiziden verwendet. Auch ist diese gefährliche Substanz beispielweise eine wichtige Komponente beim Betrieb von Atomkraftwerken.

Millionen von Litern finden sich dann auch jährlich in unseren Abwassersystemen wieder, ohne Möglichkeit, es herausfiltern zu können, denn bisher wurde noch keine geeignete Klärmöglichkeit erfunden. Allerdings werden hier auch keine Anstrengungen unternommen, denn das Einbringen von DHMO ins Abwassersystem wurde noch von keinem Land der Welt unter Strafe gestellt. Mittlerweile ist die Substanz sogar so verbreitet, dass sie vom kleinsten Gebirgsbach bis zum ewigen Eis der Antarktis überall nachgewiesen werden kann.

Leider wurden bisher alle Organisationen und Initiativen, die sich mit der Bekämpfung des Problems beschäftigt haben, mundtot gemacht. Die Behörden weigern sich, die Gefahren zu erkennen, geschweige denn, darauf aufmerksam zu machen. Offenbar steckt dahinter eine weltweite Lobby von Industrieunternehmen, die gut daran verdient und daher versucht, alle Gefahren, die von DHMO ausgehen, so weit als möglich herunterzuspielen und uns weismachen will, es wäre ja eh alles in Ordnung. Daher ist mir es auch unmöglich, euch eine Anlaufstelle zu nennen, bei der ihr euch näher über die Auswirkungen informieren könnt, die Dihydrogen-Monoxid für euch haben könnte.

Den einzigen Ratschlag, den ich euch hierzu geben kann, hört ihr nach dem folgenden Musikstück.

Musik:

Triplexity Honky Fonky 05:01

Teil 2: Einblick

Wie angekündigt, hier also mein Ratschlag zum Umgang mit Dihydrogen-Monoxid:

Fürchtet euch nicht.

Denn der vorherige Beitrag war natürlich ein Faschingsscherz.

Dihydrogen-Monoxid kennt ihr alle unter seinem gebräuchlichen Namen Wasser.

Dieser Scherz, englisch Hoax, existiert ja eigentlich bereits seit den 1990er Jahren, soweit ich herausfinden konnte. Ursprünglich wurde er als Aprilscherz von zwei Radio-DJs ausgestrahlt, die dann auch suspendiert wurden, weil die Leute den Scherz zu ernst genommen hatten.

Um das zu vermeiden, musste ich euch gleich die Auflösung liefern.

So, nun aber zum nächsten Thema. Nach der Verdächtigen Substanz kommen wir also zu den verdächtigen Gestalten.

»Imster Schemenlaufen: Mystik siegte über die Naturgewalt« titelte die TT am Montag, und der ORF meinte: »Scheller und Roller trotzten Schlechtwetter«.

Schemen? Fragen sich Nicht-Tirolerinnen und Menschen, die Brauchtumsveranstaltungen nichts abgewinnen können. Schemen, das sind doch Phantome, oder. So was wie Fantomas vielleicht, so ein Einbrecher möglicherweise, der die Polizei an der Nase herum führt? Was hat der aber mit Mystik zu tun? Oder handelt es sich bei Schemen gar um den neuerdings so beliebten Sport des Fremdschämens? I sogs glei, I wors ned… aber ich kann mich ja sicherheitshalber für die Person, die es war, fremdschämen. Aber seit wann muss man beim sich-schämen laufen?

Und dann: Scheller? Roller? Was soll das sein? Oida, wüst mi roin?, fragen da vielleicht die sich gerade in den Semesterferien befindlichen und hier zu Gast seienden Ostösterreicherinnen.

Nein, keineswegs. Wir sprechen von Fasnachtsbräuchen, und hurra!, nun darf ich endlich wieder kulturwissenschaftlich werden und euch mit Fachliteratur bewerfen, denn ich hatte in dieser Sendung bisher noch keine Fußnoten!

Ich denke, ich beginne mit einigen Zitaten aus dem Tiroler Volksleben von Ludwig Hörmann, den alle, die meine Weihnachtssendung gehört haben, schon kennen. Für alle anderen, ganz kurz: Ludwig von Hörmann lebte von 1837 bis 1924, er war einer der ersten österreichischen Volkskundler, der diese Wissenschaft als »eine Gesamtheit von Phänomenen des ,emschlichen Lebens« erfasste, wie es im Vorwort zur mir vorliegenden Faksimile-Ausgabe seines Hauptwerks über die Tiroler Bräuche heißt.1

Was sagt er nun zu den Fasnachts-Bräuchen? Zunächst, Hörmann nennt die Fasnacht »Fasching«, was ihm zum Beispiel von einem anderen Volkskundler, Friedrich Haider2, angekreidet wird, welcher meint, das nur diese Schreibweise korrekt wäre. Um die Verwirrung noch zu vergrößern, denn schließlich lebt diese sogenannte fünfte Jahreszeit ja auch von Verwirrung, wird von Streng/Bakay3 Fas-t-nacht genannt.

Ja, wenig spaßig, oder? Wir wissen also nicht einmal, wie das Ding nun heißt. Und dann noch diese ungewisse Länge: der Beginn kann jetzt spaßeshalber am 11. November um 11 Uhr 11 angesetzt werden. Das ist besonders hetzig, wenn du gerade in einer Schulung sitzt, der Vortragende redet gerade besonders gescheit daher, und plötzlich springen die Teilnehmerinnen auf, rufen »Faaasching!«, werfen mit Papierschlangen, teilen Pappbecher aus und öffnen knallend eine Flasche Sekt. Ist auch schon wieder zwanzig Jahre her, ach ja.

Jedenfalls gibt es die etwas stärker mit dem Brauchtumsjahr verquickte Variante des Fasnachtsbeginns zu Lichtmess. Also erst am 2. Februar. Ui, is des aba kurz. Also zumindest in diesem Jahr. Denn das Ende, und jetzt kommt’s, das Ende der Fasnacht ist ja von Ostern zurückgerechnet. Ostern, Frühlingsvollmond und so.

Da gibt es sogar eine Formel. Zitat aus Wikipedia: »Die Gaußsche Osterformel von Carl Friedrich Gauß erlaubt die Berechnung des Osterdatums für ein gegebenes Jahr. In dieser ist der komplette Algorithmus der Osterrechnung formuliert. Aus Gründen der Übersichtlichkeit wird die Formel jedoch als Satz von Gleichungen notiert, die nacheinander zu berechnen sind. Dieser Gleichungssatz gilt allgemein für den Gregorianischen Kalender, liefert nach Ersatz zweier variabler Zwischengrößen durch konstante Werte auch das Osterdatum im Julianischen Kalender.4« (Zitat Ende)

Seid ihr noch da? Gut. Es sind 10 Rechenschritte zu machen, die eine ominöse Säkularzahl, Sonnen- und Mondparameter und -schaltungen, den »Keim für den ersten Vollmond im Frühling«, eine kalendarische Korrekturgröße, eine Ostergrenze und sogar die Entfernung des Ostersonntags von der Ostergrenze berücksichtigen, lauter Dinge also, die ihr vermutlich genauso wenig wie ich bisher jemals gehört habt.

Kurz, jedenfalls ist Ostern, mit oder ohen Formel, immer zu einem anderen Zeitpunkt. Davor sind 40 Tage Fastenzeit, und die fängt mit dem Aschermittwoch an.

Sprich, ab da ist die Fasnacht aus. Ab da heisst es: pfiati Schnitzl, zu italienisch: carne vale! Aber auf den Karneval in der italienischen Karnevals-Hochburg komme ich später ohnedies noch ausführlicher zu sprechen.

Bei uns heissts dann eben Fasnacht, die Nacht vor dem Fasten, weil ja im katholischen Mittelalter alles mit dem Vorabend beginnt.

Beginnen werde ich also nun wie angekündigt, mit einer Einleitung aus dem Tiroler Volksleben von Ludwig von Hörmann5

[Hörmann S.9/10 = 1,5 min]

Musik:

Grace Valhalla Voodoo Lounge 04:47

Zwischenmoderation

Für alle, die sich erst später zugeschaltet haben:

Hier ist „hinterfragt„, das kulturwissenschaftliche Magazin live auf FREIRAD, dem freien Radio in Tirol! Mein Name ist Ewald Strohmar-Mauler.

Das heutige Thema ist Verdächtiges.

Aber das ist nur der Titel für die Ankündigungen, um nicht schon alles zu verraten. In Wirklichkeit handelt es sich um eine Faschingssendung, die aber trotzdem kulturwissenschaftlich ist. Also Fasnachtsbrauchtum uns sowas halt. Laufende Schemen, Muller, Wampeler und all diese Gestalten halt. Und am Schluss zeige ich euch einige Bilder vom Karneval in Venedig.

Musik:

Arnaud Delereux Karnaval 03:15

Teil 3: Seitenblick

[Hörmann ca 5 Min.]

Was ich hier feststellen konnte, ist, dass Hörmann sich bezüglich Interpretation des Brauchtums oder dessen Ursprungs kaum auf Spekulationen einläßt. Er ist eben mehr ein beschreibender als ein interpretierenden Forscher.

Weitaus mehr Interpretation finden wir etwa bei Friedrich Haider, der ausgehend von einigen ländlichen Sprichwörtern zur Fasnachtszeit folgendes konstatiert:

[3 min]

Musik:

Coucou Beaucoup de monde 04:29

Teil 4: Ausblick

Bevor ich euch nun wie angekündigt zum Ausklang noch einige Bilder von meinem Beusch am Karneval von Venedig am vergangenen Samstag zeige, kommen wir aber doch noch kurz auf die Mystik zurück, die ich in der Schlagzeile der TT zitiert hatte. Ihr erinnert euch: »Mystik siegt über Naturgewalt.« Ich wüsste ja gern, wem dieser Titel eingefallen ist, denn üblicherweise sind nur die Redakteurinnen von Sport und Wirtschaft leicht mit solchen Titel zur Hand.

Spannend finde ich es nämlich immer, wenn dem Tiroler Brauchtum eine uralte Geschichte zugeschrieben wird, üblicherweise wird ja, wenn es um Mystik geht, in Mitteleuropa immer auf die Kelten verwiesen. Nicht, dass es in Tirol keine Kälten gibt, aber diese schreibt man mit Umlaut-ä. Die Räter ließe ich mir ja schon eher einreden, aber von denen weiß mensch ja so gut wie garnichts.

Ich bin also, wie ihr vielleicht gemerkt habt, etwas skeptisch gegenüber den Theorien von wegen altem Fruchtbarkeitskult in christlichem Gewand. Nämlich, um es genauer zu sagen, skeptisch gegenüber Versuchen, hierin eine kontinuierliche Tradition erkennen zu wollen.

Ich denke, dass viele der ursprünglichen Bräuche irgendwann wirklich ausgestorben sind, eingestellt wurden. Gerade die Missionare in den ersten Jahrhunderten der Christianisierung Mittel- und Nordeuropas haben alles, was nur annähernd heidnisch war, brutal ausgerottet. Tempel wurden zerstört, Kultbilder sowieso. Wie hätten da Fruchtbarkeitsbräuche überleben können? Gerade solche Aufführungen können ja nicht heimlich, im Keller etwa, stattfinden. Irgendwie hätten Pfarrer und Obrigkeit sicherlich Wind davon bekommen.

Ich vermute viel eher, dass in gemäßigteren Zeiten, in Zeiten religiöser Unsicherheit oder Neuformierung von Weltbildern, sich fast automatisch Raum bildete für die Rekonstruktion alter Bräuche. Also keine Kontinuität, sondern kreative Wiederbelebung, ist meine Theorie.

Gerade die Barockzeit könnte hier beispielhaft sein, denn diese beginnt just nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges, der ja primär ein Religionskrieg war. Und danach konnte sich vermutlich leicht ein neutraleres Vergnügen wie Fasnachtsumzüge heraus bilden, bei dem endlich Religion, respektive die Frage nach katholisch oder protestantisch, keine Rolle mehr spielte.

Auch das neunzehnte Jahrhundert war so eine Zeit der Brauchtums-Rekonstruktion, wenna uch aus anderen Vorzeichen heraus, nämlich dem Bestreben, ein Nationalbewusstesein zu entwickeln, was ja dann auch in der Zeit des Nationalsozialismus wieder hervorgekramt wurde.

So, genug Theorie.

Il Carnevale di Venezia. Natürlich ist es schwierig, bei diesen Menschenmassen die Mystik zu erspüren, vor allem an einem 10°C milden, sonnigen Quasi-Vorfrühlingstag. Mystik, das wird ja doch eher mit einsam und dunkel verbunden, oder?

Na, wir werden sehen.

Dieser Karneval zelebriert eigentlich vornehmlich die Maske. Sonst gibt es kaum etwas: keine Musik, keine Speisen und Getränke auf den Plätzen und in den Gassen. Ich meine, das kennen wir ja von hiesigen Veranstaltungen, auch außerhalb der Fasnacht, sei es ein Volksfest, Kirtag, oder auch ein Mittelaltermarkt: überall Fressbuden, dazwischen Müllkübel und Dixiklos. An jeder Ecke, oder vorzugsweise auf defür vorgesehenen Bühnen wird Musik gespielt. Es gibt farbenprächtige, laute Umzüge.

Nicht so in Venedig. Zumindest nicht am Tag, vielleicht kommen die ja erst am Abend in Schwung, wenn die Touristenbusse schon weg sind. Aber: hebe ich nicht gesehen, kann daher auch nicht darüber berichten.

Also, die Masken. Wobei, nur damit das klar ist: eine Maske ist nicht nur jenes das Gesicht verdeckende Teil, sondern die Gesamtkomposition. Und diese kann auch mehr als eine Person umfassen.

Grundsätzlich stammen diese ja nicht aus grauer Vorzeit und haben überhaupt nichts mit archaischen Fruchtbarkeitszaubern zu tun, denn es wird beim Betrachten sofort klar, dass sie ihren Ursprung im Barock haben. Vieles ist an barocke Kleidung angelehnt, auch das Maskieren war damals sehr beliebt, die meisten Bälle waren wohl Maskenbälle. Nicht, weil die Leute so häßlich gewesen wären, dass sie sich mit einer ebenmäßigen Maske hätten verschönern müssen. Nein, unerkannt kann man leichter Blödsinn machen, das wissen nicht nur unsere Krampus‘ und jede Bankräuberin. Auch Casanova liebte die Maskerade, um sich an Frauen heran zu machen.

In Venedig vekleidet man sich vorwiegend traditionell. Also mit barocken Kostümen, je aufgebrezelter, desto besser. Nur ganz vereinzelt liefen Menschen herum, die Bösewichten aus Star Wars huldigten, oder Juxkostüme. Ja, so juxig, so hetzig war es auch gar nicht. Ich habe sogar einen Blogbeitrag gefunden von jemandem, der meinte, »Carnival in Venice is lame«, vor allem wegen der von mir oben bereits erwähnten fehlenden Musik und Verpflegung. Dadurch, muss man aber auch sagen, liefen keine Betrunkenen herum, die herumpöbelten. Oder, stell dir vor, du hast das ganze Jahr an einem Kostüm getüftelt, gebastelt und geklöppelt, und dann speibt dir so einer drauf oder latscht dir auf den Saum, und du stehst plötzlich im Freien!

Also keine Faschingskostüme wie in Österreich oder Deutschland, keine Schlümpfe, Wickies und Biene Majas, Nonnen und Mönche , Wonderwomen und Supermänner.

Also, klassische Kostüme. Samt und Seide, Perlen und sonstige Stickereien. Und die Farben: viel weiß und schwarz, aber auch knallig rot, blau oder gelb.

Masken, die Menschen aus Barock und Rokoko darstellen, und von vielen hatte ich den Eindruck, diese hätten überhaupt keine Probleme, würden sie plötzlich auf eine Temporalspalte treten und sich vor 300 Jahren wiederfinden. Sie könnten ganz ohne Probleme beim nächsten Ball reinspazieren.

Die Masken sind aber nicht richtig vergleichbar mit unseren Schellern und Rollern, Mullern und so weiter, die sich zwar auch an barocke Kostüme anlehnen, aber weniger an jene der Oberschicht, sondern eher die verzerrte Darstellung der Commedia dell’Arte nachahmen, also wieder die karikierte, überzeichnete Form des fahrenden Theatervolkes. Wobei, knallige Farben waren damals wohl kein Problem, nicht so wie heute, wo selbst die aufgebrezelten Menschen auf Bällen eher langweilig wirken – viel zu wenig Glitter und Tand, laue Farben, keine Streifen oder Karos in grellem Kontrast. Keine aufregenden Frisuren.

Apropos Commedia dell’Arte: ich konnte sogar eine Vorstellung von einer Theatertruppe auf dem Markusplatz miterleben, ein Stück mit einer wohl klassischen Handlung für die derb bespaßten Stücke jener Zeit wurde aufgeführt, nachdem die tägliche Kostünprämierungs-Show vorbei war. Also, der Capitano liebt eine Frau, deren Namen ich vergessen haben, und der Arlecchino die Romanella, aber der Capitano glaubt, seine Geliebte heißt Romanella, und die Richtige ist sauer, oder so ähnlich. Ich gebe zu, mein Italienisch ist nicht so toll, und die haben noch dazu noch schneller geredet als Italienerinnen es üblicherweise tun, und der Arlecchino hat auch noch alles durcheinander gebracht, aber am Schluß gibts jedenfalls ein Happy End.

Was ich auch unbedingt noch herzeigen will, sind die Masken, die sich aus der Natur oder eigentlich der klassischen Mythologie bedienen: Hörner, halbe Bäume, Schuppen und Fell kamen ebenfalls zum Einsatz: von Dryaden mit Cernunnos, Nymphen, Nereiden, Poseidon und so weiter, und jene, die Anleihen aus der Geschichte nahmen: alle möglichen fiktiven Herrschergeschlechter, also Königinnenfamilien, Pharaoninnen, Kriegerinnen aus allen möglichen Epochen, usw. waren auch zu sehen.

Also, der Phantasie in der Kreation eigener Figuren, aber auch und vor allem bei der Interpretation der klassischen Masken ist eigentlich keine Grenze gesetzt.

Ich werde versuchen, wenigstens einige der über 800 Bilder die ich machen konnte, auf die Website zu stellen.

Musik:

Shabakano Carnaval 05:04

Abmoderation

So, aber nun genug hinterfragt für heute. Ich danke euch herzlich fürs Zuhören und hoffe, die Sendung hat euch wieder gefallen.

Und wie immer noch der Hinweis auf die Internet-Seiten zur Sendung:

Kritik, sowohl negative als auch positive, Wünsche und Anregungen könnt ihr gerne an mich per eMail senden: radio@hinterfragt.at.

Und wer die Sendung nachlesen möchte: die begleitende Website ist zu finden unter hinterfragt.at, dort findet ihr auch alle Links, oder könnt Kommentare zur Sendung abgeben. Ich spiele sowohl das Skript als auch den Mitschnitt so rasch wie möglich, meist noch am Tag nach der Sendung, auf die Website, und den Mitschnitt auch auf das Cultural Broadcast Archive, cba.fro.at.

Außerdem könnt ihr mir auch auf Twitter folgen @hinterfragtAT oder auf Facebook unter hinterfragt.

Das war Ewald Strohmar-Mauler mit der Sendung hinterfragt. Das kulturwissenschaftliche Magazin.

immer am zweiten Dienstag im Monat um 20 Uhr auf FREIRAD, dem Freien Radio Innsbruck, und die Wiederholung am 4. Donnerstag um 9 Uhr Vormittag.

Und nun verabschiede ich mich und wünsche euch noch eine gute Zeit.

Abspannmusik

Jazzia ochie tchornye – jazzia – live 05:56

1 Hörmann, Ludwig . Tiroler Volksleben: Ein Beitrag Zur Deutschen Volks Und Sittenkunde. Bozen: Athesia, 1996. Print.

2 Haider, Friedrich. Tiroler Brauch Im Jahreslauf. Innsbruck: Tyrolia, 1985. Print., p. 42

3 Streng, Petra, and Gunter Bakay. Wilde, Hexen, Heilige: Lebendige Tiroler Bräuche Im Jahreslauf. Innsbruck: Loewenzahn, 2005. Print., p.36

4 https://de.wikipedia.org/wiki/Gau%C3%9Fsche_Osterformel

5 AaO, S. 9, 10