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Sendung vom 8.3.2016: Fast keine Zeit

Ich begrüße euch, liebe Hörerinnen von FREIRAD! Am Mikrofon ist wieder Ewald Strohmar-Mauler mit einer neuen Ausgabe von „hinterfragt.“, dem kulturwissenschaftlichen Magazin.

Die heutige Sendung trägt den Titel …

Fast keine Zeit

und ich beschäftige mich heute mit der allseits beliebten Fastenzeit und den Dingen, die mensch da üblicher Weise so treibt. Also primär fasten und verzichten. Oder macht ihr etwa etwas anderes?

Trotzdem werden wir nicht auf Musik verzichten, die wie immer unter einer Creative Commons Lizenz steht, und so beginne ich gleich mit

Musik

Triplexity: Three 4 Ten 05:06

Teil 1: Überblick

Fast keine Zeit, lautet also der Titel der heutigen Sendung. Und das aus zweierlei Gründen.

Erstens habe ich derzeit tatsächlich fast keine Zeit zur Vorbereitung meiner Sendungen, da ich noch immer mitten in der Ausbildung zum Fremdenführer bin, was vor allem bedeutet, dass ich jetzt fast jeden Samstag an einer Exkursion teilnehme… und üblicherweise schreibe ich meine Sendungen am liebsten am Samstag vor der Erstausstrahlung.

Doch davon unberührt ist der zweite Grund für diese Titelgebung: ich nehme an, außer ein paar eingefleischten Christinnen beschäftigen sich vermutlich die wenigsten Menschen wirklich mit dem Fasten zur Fastenzeit. Wir nehmen uns also fast keine Zeit für die Fastenzeit.

Ist das nun gut, schlecht oder gar bedenklich?

Was bedeutet Fasten? Warum die Fastenzeit? Was geschieht hier, was nicht?

Wie meist am Beginn der Sendung also einige Überlegungen allgemeiner Natur. Die Quellenhinweise zu dem, was jetzt kommt, findet ihr wie immer auf meiner begleitenden Website hinterfragt.at, wo dann ab morgen der Text zur Sendung zu lesen sein wird. Ich verzichte also auch trotz Fastenzeit nicht auf die Fußnoten.

Fasten bedeutet laut Duden,1 »sich für eine bestimmte Zeit ganz oder teilweise der Nahrung enthalten oder auf den Genuss bestimmter Speisen verzichten«.

Auch wenn etwa zuhörende Germanistinnen jetzt aufschreien werden:

Es handelt sich bei »fasten« übrigens um ein schwaches Verb, und zwar vermutlich deshalb, weil zwar der Geist willig, aber das Fleisch schwach ist.

Doch genug gescherzt, bei den Synonymen, die der Duden so anbietet, gört sich nämlich echt jeder Spass auf: »abhungern, Diät halten, eine Abmagerungskur/Diät/Fastenkur/Schlankheitskur machen, hungern, sich kasteien, Kilos/Pfunde loswerden, nichts essen; (gehoben) darben, sich der Nahrung enthalten; (salopp) abspecken« (Zitat Ende) bezieht sich ja wohl primär auf den Effekt des Gewicht verlierens. Damit swird schön dargestellt, dass dieser Gesundheitsaspekt wohl heutzutage im Vordergrund steht und der ursprüngliche religiöse Aspekt in den Hintergrund getreten ist. Der Duden hat in seinem etymologischen Hinweis, dar Ableitung des Wortes fasten von »fest, wahrscheinlich ursprünglich = an den (Fasten)geboten festhalten« jedoch wenigstens noch einen Gedanken daran verwendet.

Jetzt sollte mensch meinen, dass damit schon genug der Theorie wäre und alles erklärt. Leider weiß die schlaue Wikipedia2 mehr, nämlich (Zitat): »Fasten ist die völlige oder teilweise Enthaltung von Speisen, Getränken und Genussmitteln über einen bestimmten Zeitraum hinweg, üblicherweise für einen oder mehrere Tage. […] Wird nur eine bestimmte Art der Nahrung – beispielsweise Fleisch – oder ein Genussmittel weggelassen oder eingeschränkt, spricht man von Enthaltung oder Abstinenz.« (Zitat Ende). Siehe da, hier sind sie wieder, die Widersprüche, die aus Kollaboration ohne Redaktion entstehen. Fasten ist also die Enthaltung von irgendwas, wenn sie nur teilweise geschieht, nennt man die Enthaltung aber Enthaltung. Na, da enthalte ich mich aber der Stimme.

Apropos, ich habe mir überlegt, das Weißwählertum ab jetzt als Wahlfasten zu bezeichnen, nur so als kleine Randbemerkung zur kürzlich gewesenen Gemeinderatswahl in Tirol, wo ja in vielen Gemeinden eigentlich gar keine Wahl stattfand, weil entweder überhaupt niemand oder nur eine Gruppe antrat. Oder, vermutlich in der Mehrzahl der Gemeinden, die Devise galt: »Welche Schattierung von Schwarz wähle ich bloß?«

Gar keine. Hingehen und nichts ankreuzeln. Oder linke Parolen auf den Wahlzettel schreiben. Wahlfasten halt. Doch dies nur am Rande.

Schnell weitergegoogelt. Ach ja, mein Browser ist ja englisch, und meine Suchanfragen meist auch, wenn ich nicht gerade eine Sendung vorbereite. Und das Wort »fasten« gibts ja auch auf Englisch. Fasten set belt, zum Beispiel. Funktioniert auch wunderbar, denn wenn der Sitzgurt eng genug ist, passt auch die Jause nicht mehr in dich rein. Oder, wie Drahdiwaberl3 vor vielen Jahren mal sang: »Schnallts den Gürtel enger, dann halt das Schnitzel länger.«

Doch wieder zurück zur Wikipedia, ich zitiere: »Fasten als Gestaltungselement des Lebens ist historisch in zahlreichen Religionen belegt und kommt in vielfältigen Formen sowie in teilweise festgelegten Ritualen vor: für bestimmte Jahreszeiten oder Zeitabschnitte, kollektiv oder individuell, als völliger oder teilweiser Verzicht auf Nahrungsmittel sowie auf Genussmittel, Fleisch, Alkohol, Sexualität u. a. Kulturhistorisch überwiegen Fastenzeiten im Frühling, wo sie neben religiösen Aspekten besonders auch der Darmreinigung nützlich sind.«

Hier finde ich ja besonders die Bezeichnung »Gestaltungselement des Lebens« sehr gelungen, auch wenn dieses offenbar hier nur auf die religiöse Komponente abgestellt wird, wenn man vom Satz mit der Darmreinigung mal absieht. Aber dies – also nicht der Darm und dessen Inhalt, sondern der Hinweis auf die Religion – bietet mir ein gelungenes Stichwort für den nächsten Abschnitt. Ich werde also nach ein wenig Musik auf die religiösen Fastenzeiten zu sprechen kommen.

Musik

Spiky: Church Of Fantasy 04:24

Teil 2: Einblick

Die Fastenzeit also. Es scheint in vielen Religionen solche Zeiten der Enthaltsamkeit zu geben. Heute werden gerne Gründe angegeben wie das »[…] Ziel der leiblichen, aber auch geistigen und seelischen Reinigung, um aus dem Verzicht eine Steigerung der inneren Freiheit, der Präsenz und Klarheit zu erfahren.« ich zitiere 4von »katholisch.at«, dem Portal der katholischen Kirche in Östereich, erstellt vom Medienreferat der Österreichischen Bischofskonferenz.

Was aber steckt dahinter? Ich zitiere aus dem Artikel »Fastenzeit – früher und heute« des Bistums Augsburg5: »Nach dem Vorbild Jesu Christi, der vierzig Tage lang in der Wüste gefastet hat, bevor er sein öffentliches Leben begann, haben auch die Christen von Anfang an Zeiten des Fastens eingehalten, getreu dem Worte Jesu: ›Können denn die Hochzeitsgäste trauern, solange der Bräutigam bei ihnen ist? Es werden aber Tage kommen, da wird ihnen der Bräutigam genommen sein; dann werden sie fasten‹ (Mt 9,15).«

Gut, die Begründung hinkt etwas, denn es wird ja nicht zwischen Karfreitag und Auferstehung gefastet, sondern diese vierzig Tage von Ostern zurück gerechnet. Und das sind nicht die vierzig Tage, die Jesus in der Wüste verbracht hat, denn da war er ja, bevor er überhaupt als Prediger und Heiler in Erscheinung getreten ist. Und da war er auch zuerst Menschenfischen, sprich Apostel-Sammeln und Wunder wirken, und noch lange nicht in Jerusalem die Obrigkeiten verärgern. Aber gut, ich bin kein Theologe, vielleicht habe ich es nur nicht richtig verstanden.

Es wird überhaupt in den diversen Artikeln nicht wirklich erklärt, warum gefastet werden soll. Am aufschlussreichsten ist da noch (wider Erwarten) der Wikipedia-Artikel zur Fastenzeit6. Hier wird nämlich berichtet, dass zunächst, also im zweiten und dritten Jahrhundert tatsächlich nur die Kar-Tage gefastet wurde, quasi aus Gründen der Trauer. Und dies wurde dann immer mehr ausgeweitet – offenbar mit fortschreitender Ausbreitung des Christentums und der Notwendigkeit der Kirche, ihre Herrschaftsansprüche durch immer mehr Vorschriften zu untermauern. Also steckt nach meiner Meinung eigentlich hinter der Fastenzeit, dass die Gläubigen gefälligst ordentlich leiden sollen, denn sie sind ja nach christlicher Lehre allesamt Sünderinnen, auch wenn dies heute nicht mehr so gerne gesagt wird. Vor Einführung der Ohrenbeichte wurden dann auch Sünder bei gröberen Vergehen gegen die Gemeinschaft in dieser vorösterlichen Bußzeit öffentlich bestraft, aus der Kirche ausgeschlossen und erst nach Verrichtung gottesgefälliger Werke wieder aufgenommen. Auch die Katechumenen, also jene Menschen, die sich taufen lassen wollten, durften sich in dieser Zeit auf ihre Taufe vorbereiten.

Also – kurz gesagt – die vierzigtägige Fastenzeit ist primär eine Entwicklung der katholischen Tradition und dient primär zur Buße.

Das würde sich übrigens auch mit den Vorstellungen des Islam decken. So heißt es etwa im Koran:7 »Euch ist vorgeschrieben zu fasten, so wie es auch denjenigen vorgeschrieben war, die vor euch lebten. Vielleicht werdet ihr gottesfürchtig sein.«

Die Protestantischen Kirchen sehen das etwas anders, denn Martin Luther war der Ansicht, dass die »Werke«, also auch das Fasten, sowieso zwecklos wären, es käme ja ohnedies nur auf die Gnade und den Glauben an.

Das Judentum ist auch nicht besonders fastenfreundlich, lediglich an einem einzigen Tag, dem Jom Kippur, ist es dort vorgesehen.

Nun, wir befinden uns im heiligen Land Tirol, da sind ja doch noch viele Menschen, zumindest auf dem Papier, katholisch, und diese Sendung ist ja primär kulturwissenschaftlich – also vielleicht doch noch einige Worte zu Fastenvorschriften vom Anfang des vorigen Jahrhunderts und wie die Menschen in Tirol damit umgegangen sind:

Grundsätzlich gab es bis zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts sehr strenge Fastenvorschriften. So wurde unterschieden zwischen Tagen, die bloße Fasttage waren, an welchen man sich nur einmal am Tag zu Mittag sättigen durfte, sonst waren nur kleine Stärkungen erlaubt. Dies betraf vor allem die Tage der österlichen Fastenzeit, aber auch einige andere Tage. Dazu kamen die Abstinenztage, wo Fleischspeisen verboten waren, allerdings waren Eier, Milch, Schmalz und Butter erlaubt. Zu den letzteren gehörten der Aschermittwoch, die Freitage in der Fastenzeit, der Karsamstag bis Mittag. Kirchliche Feiertage und Sonntage waren aber sowieso immer ausgenommen. Auch waren Kinder; Alte und Kranke vom Fasten ausgenommen. Übrigens waren öffentliche Lustbarkeiten und Tanzveranstaltungen in der Fastenzeit untersagt. Nicht mal Hochzeitsfeierlichkeiten waren erlaubt. Wenn sich allerdings der Bauch der Braut schon so merklich wölbte und sie heiraten »musste«, durfte schon ausnahmsweise eine »stille Trauung« vollzogen werden. Also, der Ausnahmen waren viele, und so auch die bekannte Geschichte, dass Fische eigentlich kein Fleisch sind und daher durchaus gegessen werden durften, was zu den üppigen »Heringsschmäusen« am Aschermittwoch geführt hat und dazu, dass es anscheinend in jeder Kantine oder Mensa und in den meisten Gasthäusern am Freitag Fisch als »Einser-Menü« gibt.

Zu diesen allgemeinen Bemerkungen vielleicht noch einige Besonderheiten aus Tirol. Denn die findige Tiroler Bäuerin hatte durchaus ihre Mittel, um Fastengebote zu umgehen und auch in der Fastenzeit den schwer arbeitenden Landleuten eine kräftige Mahlzeit servieren zu können. So wurde halt viel Schmalzgebackenes serviert, denn Schmalz war ja erlaubt. So gab es zum Beispiel anstatt der Speckknödel jetzt Fastenknödel – da war kein Speck innen, dafür wurden sie halt in Schmalz heraus gebacken. Das bereits verwendete Schmalz konnte dann auch gleich wunderbar zum Einfetten der ledernen Geschirre für die Zugtiere verwendet werden.

Der erste Samstag der Fastenzeit wird Kassamstag genannt, weil hier die Händler mit ihren Käselaiben auf den Markt kamen, und mensch konnte sich für die Fastenzeit mit dem, ja ebenfalls zum Verzehr gestatteten, Käse eindecken.

Auch gab oder gibt es Bräuche, bei denen sich irgendwie der Eindruck einstellt, dass die Menschen sich noch nicht so recht von der Fasnacht trennen möchten, auch wenn die Kirche mit Punkt Mitternacht am Aschermittwoch »Schluss, Aus!« ruft. Der Bruach des Fasnacht-Eingrabens zum Beispiel. Das geschieht natürlich am Aschermittwoch, gehört aber technisch noch zum Fasnachtsbrauchtum. Oder die Bräuche am ersten Sonntag in der Fastenzeit, wie Holepfann, Scheibenschlagen oder Funkensonntag. Na, aber dann ist wirklich Schluss, und damit pausiert das Brauchtum bis zur Karwoche.

Da gibt es dann die Palmlatten am Palmsonntag, bei denen offenbar wirklich wichtig ist, wer die größte Latte hat. Das sind ewig lange Stangen mit bunten Papierstreifen am oberen Ende, die von der männlichen Jugend in der Palmprozessio herum getragen werden. Je nach Region gibt es auch die weniger auffälligen Palmbuschen. Und natürlich die Zweige mit Haselblüten, vulgo Palmkatzerln, die in der Messe geweiht und dann später in der Stube hinters Kruzifix gesteckt werden.

Aber, das hat eigentlich alles nichts mehr mit Fasten zu tun, darum verschiebe ich die Osterbräuche auf unbestimmte Zeit und spiele jetzt wieder etwas Musik:

Musik

Thierry Link: Try Again 03:54

Zwischenmoderation

Für alle, die sich erst später zugeschaltet haben:

Hier ist „hinterfragt„, das kulturwissenschaftliche Magazin live auf FREIRAD, dem freien Radio Innsbruck! Mein Name ist Ewald Strohmar-Mauler.

Das heutige Thema ist

Fast keine Zeit – Betrachtungen zur Fastenzeit

Bisher habe ich Grundsätzliches zur Fasten und Fasetenzeit erklärt und die kirchliche Seite näher erläutert. Ausserdem habe ich einiges über das zugehörige Brauchtum erzählt.

Ich spiele euch aber, bevor es weitergeht, doch noch ein kurzes Stück Musik:

Musik

Jazzymuté: La toupie 3:06

Teil 3: Seitenblick

Nun kommen wir zur profanen Seite des Fastens. Diese steht ja im Gegensatz zur religiösen Variante, wo im Vordergrund die Kasteiung steht, mitunter auch »Abtötung des Fleisches« genannt, als Zeichen der Unterordnung unter die jeweilige Göttlichkeit.

Beim nichtreligiösen Fasten geht es jedoch meist um die Kasteiung im Sinne des Sieges über den sogenannten »inneren Schweinehund«. Schmeichelhafter gesagt steht die Komponente des Abnehmens und Entschlackens im Vordergrund, die zu gesteigertem körperlichen Wohlbefinden führen und noch weitere medizinisch relevante Vorteile bringen soll. Hierbei ordent mensch sich also nicht einer Gottheit, sondern einem Diätplan unter.

Und derer gibt es viele. Wobei ja viele dann nicht nur auf zeitlich beschränktes Fasten, sondern als allgemeine Ernährungvorgaben ausgelegt sind, ja sogar teilweise schon fast als Lebensphilosophie, Weltanschauung oder sogar als Lebensform betrachtet werden können. Spontan fällt vermutlich vielen von euch der Veganismus ein, dessen Anhängerinnen nicht nur bei der Nahrungsaufnahme, sondern ganz generell auf tierische Produkte verzichten.

Es würde natürlich den Rahmen dieser Sendung sprengen, wollte ich auch nur auf alle Diäten und Ernährungs-Tipps eingehen, die in den letzten zehn Jahren publiziert wurden, von den vielen Klassikern ganz zu schweigen. Ich möchte daher nur zwei heraus greifen, die unterschiedlicher nicht sein können: den bereits erwähnten Veganismus und die Steinzeit-Diät.

Wo die Veganerinnen nämlich alles Tierische ablehnen, gehen die Anhängerinnen der Steinzeit-Diät davon aus, dass der Metabolismus der Menschen gar nicht in der Lage wäre, etwas anderes sinnvoll zu verwerten als das, was man jagen oder sammeln kann. Aus dieser Unverträglichkeit würden zum Beispiel unsere vielen Krankheiten resultieren. So sind alle kultivierten Pflanzensorten unverträglich, da wir diese erst seit der Sesshaftwerdung von etwa 10000 Jahren hätten. Also weder das Marmeladebrot zum Frühstück noch die Spaghetti mit Tomatensauce wären gestattet. Auch Milch würden wir erst trinken, seit wir Viehzucht betreiben, und unser Körper ist eigentlich auch gar nicht in der Lage, Milch zu verdauen, meinen die Vertreterinnen der Steinzeit-Diät.

Nun muss ich hierzu allerdings schon feststellen, dass es für beide Unverträglichkeitstheorien Forschungsergebnisse gibt, die dies widerlegen8.

Was also essen Steinzeit-Diätlerinnen? Fleisch natürlich. Und Fisch, Obst, Gemüse, Nüsse, Samen und »gesunde Fette«9. Bei Hülsenfrüchten allerdings wird davon ausgegangen, dass diese »Antinährstoffe« enthalten, auch Kartoffeln und andere Nachtschattengewächse werden von manchen Steinzeit-Fans abgelehnt.

So weit, so interessant. Mir waren dann bei der Erwähnung der Hülsenfrüchte die antiken Pythagoreer eingefallen, die den Genuss von Bohnen ablehnten, aus welchen konkreten Gründen, ist der Wissenschaft unbekannt, soweit ich weiß. Meine Theorie dazu ist ja, dass die Pythagoreer ja gerne in einer Art Kommunen zusammen lebten. Und da ist es des Nächtens halt eher unangenehm, wenn alle am Abend Bohneneintopf hatten und dann im Schlaf entsprechende Darmgase produzieren.

Was wir aber wissen: auch die Pythagoreer lehnten den Genuss von Fleisch aus moralischen Gründen ab, wie viele rezente Vegetarierinnen.

Beim Fleisch ist es klar: entweder, mensch ist dafür, oder dagegen. Bei den Nüssen hingegen gibt es so viele kontroverse Meinungen wie Nussarten. Vollwert-Fans und Low-Carb-Anhängerinnen stehen sich’s drauf, und man sollte meinen, auch die Steinzeit-Jüngerinnen wären der Ansicht, dass auch in der Steinzeit Nüsse gesammelt würden, also sind diese in Ordnung. Weit gefehlt! Angeblich enthalten sie eine ungünstige Kombination von Fettsäuren. Klar, das wussten die Leute vor 30000 Jahren noch nicht.

Die moderne Wissenschaft hat jedenfalls festgestellt, dass Nüsse durchaus gesund sind: 20-30 Gramm Nüsse am Tag senken nämlich das »schlechte« LDL-Cholesterin um sieben Prozent10. Auch scheint sich das Risiko, n Diabetes Typ 2 zu erkrankenm zu verringern, der Blutdruck wird gesenkt, usw. Da offenbar aber noch nicht klar ist, welche Nussart wofür gut ist, empfiehlt sich eine Mischung.

Vielleicht, weil es so schön passt, eine kleine Kulturgeschichte der Nuss: diese scheint in alter Zeit, also wirklich alter Zeit, durchaus eine übliche Diät gewesen zu sein: in der Siedlung Tell Abu Hureyra im heutigen Syrien wurden in den Schichten, die aus der Jungsteinzeit stammten, reichlich Reste von Nüssen und Beeren gefunden, in den oberen Schichten verringerten sich diese jedoch zunehmend, bis am Ende ein Diät aus Linsen, Kichererbsen und Getreide übrig blieb. Die Gründe für den Umstieg von der Nuss-und-Frucht-Diät zum Ackerbau sind zwar vermutlich klimatischer Natur, denn eine Kalt- und Trockenperiode zwang die Menschen offenbar zum Umstieg, aber ich vermute, so schlecht gegangen kann es den Jägerinnen und Sammlerinnen nicht gegangen sein, sonst wären wir Menschen ja schon ausgestorben.

Zum Abschluss dieser Teils der Sendung eine Theorie, die mir während der Arbeit an der Sendung im Traum erschienen ist und daher vermutlich der Wahrheit entspricht:

im Alten Testament der Bibel und ähnlichen alten Schriften steht ja, dass die ersten Menschen ziemlich alt geworden sind, so 700 bis 900 Jahre waren da keine Seltenheit. Das war offenbar noch zur Zeit des Nussverzehrs. Allerdings bemerkten da die Außerirdischen, die uns seit jeher beobachten, dass die Menschen einen wesentlichen Fehler haben: sie können sich, im Gegensatz zu Tieren mit ihren Fruchtbarkeitszyklen, fast immer vermehren.Und das taten sie auch, und bald würde die Erde zu klein sein für die vielen Menschen. Also musste ein Handicap gefunden und das Leben härter gemacht werden. Ein paar Kälteperioden und schon war die Nahrung gleich weniger leicht einzusammeln.Schluss mit Schlaraffenland, vulgo Paradies. Im Schweiße deines Angesichts sollst du gefälligst der kargen Scholle dein täglich Brot entreißen. Und so erfanden und erzüchteten die Menschen die ganzen schlechten Sachen: kohlehydrathaltige Speisen, krebserregendes Grillgut, fette Schweinshaxen, und so weiter.

Dazu kam auch noch, dass sie uns die Sache mit den Metallen zeigten, also wie Erz aus Stein geholt, geschmolzen und verarbeitet wird, auf dass wir nicht nur die nötigen Werkzeuge zum Ackerbau und zur Sesshaftwerdung und Arschverfettung erhilten, sondern auch, um und damit die Schädel einzuschlagen. Das Rad haben wir dann allerdings ohne fremde Hilfe erfunden, und das Internet auch.

Und die Musik, daher wieder ein Stück davon:

Musik:

Fortadelis: Groove Machina 04:39

Teil 4: Ausblick

Der Titel der Sendung ist ja: Fast keine Zeit, und so steht es auch mit unserer heutigen Sendung.

Bleibt mir nur noch, einige nette Fastereien zu erwähnen, wie das Handyfasten oder das Autofasten, bei welchem auf die genannten Dinge verzichtet wird. Beliebt sind dann neben Maßnahmen zur Entschlackung auch solche zur Entschleunigung, wie zum Beispiel alle möglichen »Retreats« also Rückzüge, zum Beispiel in eines der Klöster, die aus Mangel an Bewerberinnen mehrere Zimmer frei haben, in welchen dann Managerinnen »retreaten« und zum Beispiel ohne App Körbe flechten und das dann »digital detox« nennen.

Schlagworte sind ja Worte, die mensch anderen Menschen um die Ohren hauen kann, damit diese sprachlos würden. Zum heutigen Thema gäbe es da dann sowas wie »Slow Food«, und es gibt sogar schon »Slow fast food«. Dann hätte ich da noch das Wörtchen »simplify«. Ach, was kann man nicht alles simplifizieren, »simplify your life«, »simplify your home«, »simplify your wardobe«, »simplify your finances«, und vieles mehr.

Und, ein weiteres ganz besonders beliebtes Schlagwort: »Superfoods«. Das ist quasi Vogelfutter, dem ein neuer Aufgabenbereich zuteil wird. Irgend welche Körner, die nicht gesünder sind als andere Körner, werden mit diesem Titel verziert, um sie teuer verkaufen zu können. Ist so ähnlich wie das Prädikat »bio« in den 1990ern, oder halt der Titel Erzherzog, den Rudolf IV. erfunden hat, um sich den Kurfürsten gleichzustellen11.

All diese modernen diätologischen Errungenschaften sind nichts anderes als die Ökonomisierung des guten alten Fastens. Wo mensch früher beim Fasten gelitten hat, leidet heute höchstens die Brieftasche. Wobei es vermutlich für manche Managerin schon hart genug, eine Woche ohne Mobiltelefon und Internet im Kloster zu verbringen. Möglich, dass dies sogar vergleichbar ist mit dem einstigen Kirchenbann der Sünderinnen. Nur dass diese erst gute Werke verrichten mussten, bis sie wieder in die Gemeinschaft zurück durften, und heute wartest du halt leidend ab, bis die Woche vorbei ist.

Der vormoderne Mensch sah aber auch im Fasten ein Heilmittel für Körper und Geist, und was mir persönlich am besten gefällt:

Askese konnte auch Gesellschaftskritik sein, wie man etwa bei Franziskus von Assisi sieht, welcher als reicher Kaufmannssohn auf alles verzichtete und sich einem Leben in Armut hingab. Übrigens hat der derzeitige Papst seinen Papstnamen Franziskus gewählt, weil ihm ein befreundeter Kardinal, ein Franziskaner übrigens, nach seiner Wahl ins Ohr geflüstert hatte, er möge die Armen nicht vergessen. Er ist jedenfalls ein Papst, den auch viele Linke akzeptieren, die sonst mit Kirche nicht viel am Hut haben.

Viele der bedeutenderen Heiligen der katholischen Kirche sind ja Menschen, die etwas aufgegeben, auf etwas verzichtet haben, vielfach ein behütetes Leben in Wohlstand.

Wohlstand ist es ja auch, der uns überhaupt daran denken lässt, fasten zu müssen / sollen / wollen, denn wer nichts hat, braucht auch auf nichts zu verzichten. Wir besitzen so viele Dinge, die wir »unbedingt« brauchen, wir müssen »always on«, immer erreichbar, immer einsatzbereit, arbeitsfähig, arbeitswillig sein, rund um die Uhr, sogar im Urlaub, der längst kein Erholungsurlaub mehr ist, denn auch er bedeutet Arbeit: die Schnäppchenjagd bei der Buchung, die anstrengende Reise, das fürchterliche Hotel, das olivenhaltige Essen, das viel zu salzige Meerwasser, die vielen Fremden am Buffet, die unverständliche Sprache, und dann schon wieder zurück, und wo war jetzt der Urlaub? Die Arbeit ist auch keine Erholung, denn mit dem jetzt so modernen All-in-Vertrag muss mensch ja mit sechzig Wochenstunden rechnen, egal, was die Gewerkschaft gerne hätte.

Die vormodernen Menschen hatten zwar keine All-in-Verträge, waren aber doch täglich bis zu vierzehn Stunden am Schuften, bis halt die Sonne unterging, aber wenigstens hatten sie unzählige Feiertage.

Und die Fastenzeit, die praktischerweise in einer Zeit liegt, wo am Hof eh noch nicht so viel los ist. Der Winter, wo die Tage so kurz sind, dass in der Landwirtschaft nicht getan werden kann, aber was denn auch, es wächst eh nichts. Mensch muss sich halt ums Vieh kümmern und die Geräte und Werkzeuge für den Frühling richten. Eine Zeit zum Erholen und Kräfte sammeln, zum drinnen in der warmen Stube bleiben – der Kälte zu trotzen benötigt ja auch viel Energie, und das bedeutet kräftige Nahrungsmittel, die jetzt rar sind.

Und wir ach so modernen Menschen? Wir haben alle Annehmlichkeiten, aber fast keine Zeit, um uns zu erholen. Und dagegen hilft die beste Diät nichts.

Musik:

Grace Valhalla DreamCatchers 03:39

Abmoderation

So, aber nun genug hinterfragt für heute. Ich danke euch herzlich fürs Zuhören und hoffe, die Sendung hat euch wieder gefallen.

Und wie immer noch der Hinweis auf die Internet-Seiten zur Sendung:

Kritik, sowohl negative als auch positive, Wünsche und Anregungen könnt ihr gerne an mich per eMail senden: radio@hinterfragt.at.

Und wer die Sendung nachlesen möchte: die begleitende Website ist zu finden unter hinterfragt.at, dort findet ihr auch alle Links, oder könnt Kommentare zur Sendung abgeben. Ich spiele sowohl das Skript als auch den Mitschnitt so rasch wie möglich, meist noch am Tag nach der Sendung, auf die Website, und den Mitschnitt auch auf das Cultural Broadcast Archive, cba.fro.at.

Außerdem könnt ihr mir auch auf Twitter folgen @hinterfragtAT oder auf Facebook unter hinterfragt.

Das war Ewald Strohmar-Mauler mit der Sendung hinterfragt. Das kulturwissenschaftliche Magazin.

immer am zweiten Dienstag im Monat um 20 Uhr auf FREIRAD, dem Freien Radio Innsbruck, und die Wiederholung am 4. Donnerstag um 9 Uhr Vormittag.

Und nun verabschiede ich mich und wünsche euch noch eine gute Zeit.

Abspannmusik

Philippe Mangold Jam in jazz-guitar for my friends 5:27

1 http://www.duden.de/rechtschreibung/fasten

2 https://de.wikipedia.org/wiki/Fasten

3 Drahdiwaberl, Die Galeere, in: Werwolfromantik ℗ 1983 GIG Records, Markus Spiegel Ges.m.b.H.,Vienna, Austria

4 http://www.katholisch.at/glaubenfeiern/fastenzeit

5 http://www.bistum-augsburg.de/index.php/bistum/Hauptabteilung-VI/Glaube-und-Lehre/Glaubenslehre/Glaubensfragen/Fastenzeit-frueher-und-heute

6 https://de.wikipedia.org/wiki/Fastenzeit

7 Sûra 2:183

8 Näheres hierzu z.B. in der ZEIT vom 5.11.2015, S.42

9 https://www.paleo360.de/lifestyle/paleo-diaet-steinzeitdiaet-fuer-anfaenger/

10 Vgl. »Neues aus der Kernforschung«, in der ZEIT vom 23. Dezember 2015, S.41

11 Siehe meine Sendung vom Januar 2016: http://hinterfragt.at/1063/skandal-um-habsburg/

Kommentieren ist momentan nicht möglich.

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