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Sendung vom 14.6.2016: Das Phänomen „The Sound of Music“

[Spezial – Intro 3:10]

Ich begrüße euch, liebe Hörerinnen von FREIRAD! Am Mikrofon ist wieder Ewald Strohmar-Mauler mit einer neuen Ausgabe von „hinterfragt.“, dem kulturwissenschaftlichen Magazin.

Wie ihr vielleicht schon vermutet habt, ist der Titel der heutigen Sendung:

Das Phänomen »The Sound of Music«

Ich bin auf die Signifikanz des Themas bei meinen Recherchen für ein Referat für eine Salzburg-Exkursion m Zuge meiner Fremdenführer-Ausbildung gestoßen.

Bei vielen, vor allem US-amerikanischen, Touristinnen wurde ihr Bild von Österreich wesentlich vor allem durch das Medienphänomen The Sound of Music geprägt. Hierbei sprechen wir vor allem von unzähligen Musicalproduktionen und mehreren Spielfilmen, deren Handlung auf dem Leben der Sängerfamilie Trapp aufgebaut ist, welche 1938 aus Salzburg in die USA emigrierte und dort mit ihren Konzerten große Erfolge feierte.

Hierzulande ist das Phänomen Sound of Music jedoch eher unbekannt. Und so kann es uns als Österreicherinnen passieren, dass wir auf ein Lied oder eine Begebenheit aus dem Film oder auch auf die Trapp-Familie angesprochen werden und nichts damit anfangen können. Diese Ausführungen sollen hier einerseits Abhilfe schaffen und ein paar Basis-Informationen über „world’s most beloved musical“1 geben, andererseits möchte ich ich auch einige vom kulturwissenschaftlichen Standpunkt her interessante Faktoren eingehen.

Was ihr vor meiner Signation gehört habt, war der Beginn des Spielfilms »The Sound of Music« aus dem Jahre 1965. Da die Musik klarerweise ein tragender Bestandteil der Sendung sein wird, werde ich also auch heute wieder meinem Creative-Commons-Grundsatz untreu und spiele unter anderem einige der bekannteren Stücke aus dem Soundtrack des Films.

[alleluja]

Danke, Schwester.

Doch nun zum ersten Stück, bevor es losgeht. Damit ihr so gleich I die richtige Stimmung kommt: The Lonely Goatherd

Musik:

The Lonely Goatherd Julie Andrews & kids 03:11

Teil 1: Überblick

Ich habe The Sound of Music zu Beginn als Medienphänomen bezeichnet. Daher möchte ich zunächst auf die Mediengeschichte des Phänomens eingehen, auch wenn die Phänomenologie eine weit umfassendere ist, wie ihr später hören werdet..

Am bekanntesten ist wohl der US-Spielfilm aus dem Jahr 1965 mit Julie Andrews, doch begonnen hat alles mit zwei deutschsprachigen Produktionen, aufbauend auf den Lebenserinnerungen von Maria Trapp, welche sie 1948 in Buchform unter dem Titel „The Trapp Family Singers“, dt. „Die Trapp-Familie: Vom Kloster zum Welterfolg“ veröffentlichte.

1956 erschien der Spielfilm „Die Trapp-Familie“ und 1958 die Fortsetzung „Die Trapp Familie in Amerika“ unter der Regie von Wolfgang Liebeneiner, Darstellerinnen waren u.a.Ruth Leuwerik, Hans Holt und Josef Meinrad. Gesungen wurden traditionelle österreichische Volkslieder.

1956 kaufte Paramount Pictures die englischsprachigen Rechte und wollte einen Film mit Audrey Hepburn produzieren, woraus jedoch nichts wurde. Die Produzenten Richard Halliday und Leland Heyward sicherten sich daraufhin die Rechte und beauftragten die bekannten Musical-Experten Richard Rodgers und Oscar Hammerstein II, ein Lied für einen Film zu schreiben, diese fanden aber die Diskrepanz zwischen ihrem Stil und der Volksmusik zu groß und boten an, komplett neue Lieder zu schreiben. So entstand zunächst das Bühnen-Musical The Sound of Music, welches am 16. November 1959 am Broadway uraufgeführt wurde und sechs Tony Awards erhielt.

Das Musical ist übrigens dasjenige, welches am zweithäufigsten jedes Jahr in amerikanischen Schulproduktionen aufgeführt wird, gab zumindest der jüngste.Sohn der originalen Trapp Family Singers, Johannes, in einem Interview2 an.

20th Century Fox erwarb daraufhin 1960 die Filmrechte, und am 2. März 1965 wurde der Spielfilm „The Sound of Music“ erstmals ausgestrahlt, er wurde zu einem der größten jemals erzielten Kassenerfolge. Er wurde 1966 für 10 Oscars nominiert und gewann fünf davon3. Die deutsche Fassung trägt den Titel „Meine Lieder, meine Träume“.

Spätere Medienproduktionen sind die japanische Anime-Serie „Trapp Family Story“ (1991) sowie der 2015 erschienene Spielfilm „The von Trapp Family: A Life of Music“ mit Yvonne Catterfeld als Maria von Trapp, welcher die Tochter Agathe in den Vordergrund stellt.

Die Handlung der Erzählung ist in Musical und Film ähnlich, Abweichungen sind jedoch zu den tatsächlichen historischen Abläufen im Leben der Familie Trapp sowie zum Liebeneiner-Film aus 1956 zu erkennen.

Hier zunächst die Handlung im Film, im nächsten Abschnitt der Sendung werden ich dann den Vergleich mit dem wahren Leben der Trapp-Familie anstellen.

Salzburg, 1938. Maria ist eine Novizin in Stift Nonnberg, die ihre Probleme mit Disziplin hat. Daher schickt die Mutter Äbtissin sie in die Villa von Kapitän Georg von Trapp, als Gouvernante für seine sieben Kinder – Liesl, Friedrich, Louisa, Kurt, Brigitta, Marta und Gretl.

Der Kapitän, ein pensionierter Kriegsheld, hat seine Frau verloren und versucht nun, die Kinder mit militärischer Disziplin selbst zu erziehen. Keine frühere Gouvernante wollte bleiben, weil die Kinder ihnen laufend Streiche gespielt hatten. Aber Maria war sofort begeistert von den Kindern und gegegnete ihnen mit Liebe und Güte und wird daher auch bald von den Kindern akzeptiert.

Während der Kapitän einige Tage verreist ist, bringt Maria den Kinder das Singen bei, und nimmt sie mit in die Stadt Salzburg, auf die umliegenden Berge und sogar auf eine Bootsfahrt.

Der Kapitän kehrt in die Villa zurück mit Baronin Elsa Schräder (die ein Auge auf den Kapitän hat) und seinem Freund Max Detweiler. Er mag die neuen Aktivitäten der Kinder nicht und will Maria zurück in die Abtei schicken. Aber dann ändert er seine Meinung, als er seine Kinder für die Baronin singen hört. Später kommt Max mit dem Vorschlag, die Kinder in den Volkssänger-Wettbewerb der Salzburger Festspiele einschreiben, aber der Kapitän lehnt diese Idee ab.

Auf einem Ball in der Villa, als der Kapitän und Maria miteinander tanzen, entdecken sie in einer engen Umarmung ihre Gefühle zueinander. Maria ist so verwirrt, dass sie sich von der eifersüchtigen Baronin dazu überreden lässt, in die Abtei zurückzukehren. Die Kinder sind tief deprimiert über ihre Abwesenheit, und noch mehr, als sie erfahren, dass ihr Vater die Baronin heiraten möchte.

Die Mutter Äbtissin überzeugt Maria, sich nicht vor ihren Gefühlen zu verstecken, sondern in die Villa und ihr Leben zurückzukehren. Als Maria von der Verlobung des Kapitäns mit der Baronin erfährt, beschließt sie, zu bleiben, bis eine neue Gouvernante gefunden wurde. Aber als der Kapitän erkennt, dass Maria seine wahre Liebe ist, bricht er seine Verlobung und bittet Maria um ihre Hand. Sie akzeptiert und bald danach heiraten die beiden. Während sie auf Hochzeitsreise sind, meldet Max schließlich doch die Kinder bei den Salzburger Festspielen an.

Inzwischen ist Österreich an das Dritte Reich angeschlossen worden, und als das Brautpaar zurückkehrt, weht eine Nazi-Fahne über dem Haustor. Der Kapitän verachtet die Nazi-Ideologie, und vor allem Gauleiter Zeller, und reißt die Fahne herunter. Als er ein Telegramm erhält, dass er zu einem Marine-Kommando einrücken muss, entscheidet er, dass die Familie Österreich so schnell wie möglich verlassen muss. Als sie im Begriff sind, zu fliehen, werden sie vom Gauleiter und seinen Männern angehalten, die sie zum Musikfestival eskortieren. Nach ihrem letzten Auftritt können sie ihre Flucht endlich antreten, und eilen in Richtung der Abtei. Obwohl die Nazi-Soldaten gründlich nach ihnen suchen, können die Trapps mit einem Auto bis zur Grenze entkommen, und gelangen dann zu Fuß über die Berge in die Schweiz.

Musik:

Sixteen Going On Seventeen 3:18

Teil 2: Einblick

Nach dieser Hinführung zum Thema über die Mediengeschichte und die Handlung des in den USA wohl bekannten Musical-Spielfilms möchte ich nun ein wenig Historisches zur Familie Trapp4 erzählen.

In Marias Autobiografie, die sie 1948 veröffentlichte,5 beschreibt sie aus ihrer Sicht die Ereignisse. Und das ist die Sicht einer tiefgläubigen Katholikin, die für ihre Entscheidungen nicht ihren Hausverstand bemüht, sondern immer nach dem Willen Gottes forscht. Und so wirkt auch ihre Geschichte. Vieles, was für uns heute vielleicht aus Augenzeugensicht interessant wäre, wie etwa die Ansichten zum Nationalsozialismus, wird fast völlig ausgelassen. Man hat den Eindruck, dass trotz der späteren Armut der Familie alles wie selbstverständlich zugefallen ist – so wie auch das Sprichwort sagt, das nicht nur im Film, sondern tatsächlich in der Familie verwendet wurde: Wenn Gott eine Tür schließt, öffnet er ein Fenster. Doch dazu später mehr.

Anders als in Musical und Film wurde Maria nicht als Erzieherin für alle Kinder eingestellt, sondern nur als Hauslehrein für die Tochter Maria, welche aus Krankheitsgründen längere Zeit die Schule nicht hatte besuchen können. Dies war auch bereits 1926, nicht erst 1938.

Die Namen der Kinder (Rupert, Agathe, Maria, Werner, Hedwig, Johanna und Martina) wurden sämtlich für den Film geändert. Sie erhielten Namen, die den Produzenten wohl österreichischer klangen, wie erwähnt eben Liesl, Friedrich, Louisa, Kurt, Brigitta, Marta und Gretl. Vor allem war es unmöglich, dass (Stief-)Mutter und Tochter beide Maria hießen. Im wahren Leben wurde dies dadurch gelöst, dass die ältere Maria einfach Gustl gerufen wurde, nach ihrem zweiten Vornamen Augusta, und die jüngere Franzi(ska). Diese war, trotz ihrer ursprünglich vom Scharlach angegriffenen Gesundheit, die letzte Überlebende der Trapp-Kinder – sie starb 2014.

Produzent Max Detweiler ist eine vollkommen fiktive Gestalt, der Name des wirklichen Chorleiters ist Pfarrer Franz Wasner, der die Kinder entdeckt hatte und den Chor seit Anbeginn ca. 20 Jahre lang, auch in den USA, begleitete. In Musical und Film hätte sein Auftreten aber Marias Rolle zu sehr geschmälert.6 Und Monsignore Wasner war auch offenbar ein völlig anderer Menschentyp als der g’schaftige Max Detweiler.

Georg und Maria heirateten 1927, quasi en passant, als Zweckheirat, weil es gut passte. Maria scheint den Baron nie wirklich geliebt zu haben, sie war nur in die Kinder verliebt, wie sie angab.

1936 wurde der Chor gegründet und gewann tatsächlich den ersten Preis beim Volksmusik-Bewerb der Salzburger Festspiele. Dass die Operndiva Lotte Lehmann hier geholfen hat, wird sogar im Spielfilm von 2015 dargestellt.

Die Flucht 1938 erfolgte nicht zu Fuß in die Schweiz, sondern per Bahn nach Italien. Von dort reisten sie in die USA, wo sie sich schließlich in Stowe, Vermont niederließen, das sie an ihre österreichische Heimat erinnerte. Die Trapp Family Lodge existiert dort noch heute und vermietet seit 1950 Gästehäuser. Maria und die Kinder suchten bald um die US-Staatsbürgerschaft an, Georg jedoch nie. Die Trapp Family Singers tourten durch die USA, reisten aber auch z.B. nach Südamerika und Australien.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gründeten die Trapps eine Hilfsaktion unter dem Namen Trapp Family Austrian Relief Inc. und sammelten Unmengen von Kleidungsstücken, Nahrungsmitteln und Geld für Hilfsbedürftige in Österreich. Dafür wurden sie auch mit einigen österreichischen und kirchlichen Auszeichnungen bedacht.

Nach dem Tod Georg Ludwig Trapps im Jahr 1947 begannen die Kinder langsam, eigene Familien zu gründen und eigene Wege zu gehen, und 1956 wurde der Chor, der ungefähr 2000 Konzerte in der ganzen Welt gegeben hatte, schließlich ganz aufgelöst. Die Trapps wollten einzeln, trotz diverser Angebote, auch bei keinen anderen Musikgruppen mitmachen, und gaben höchstens hie und da einen kleinen Fernsehauftritt, wenn irgendein Jubiläum anstand.

Heute findet man im Musikbereich nur mehr die Enkel von Marias Stiefsohn Werner: nämlich Sofia, Melanie, Amanda und August von Trapp, die als »The Von Trapps« als »next generation« versuchen (ich zitiere) »reinventing the legacy of their birthright for the modern age.7« Ursprünglich primär mit coversongs, zB mit dem Poporchester Pink Martini, unterwegs, haben sie mittlerweile auch eine EP »Dancing in Gold« mit eigenem Material herausgebracht. Ich werde gegen Ende der Sendung etwas von ihnen spielen.

Doch so viele Fans von Sound of Music es gibt, so viel Verwirrung scheint es zu geben, was die Identität der Trapps betrifft. Manche Fans meinen, die Film-Trapps wären die echten Trapp Family Singers, andere verwechseln die Lieder des Musicals mit dem Original-Repertoire der Familie. Die ursprünglichen Trapp Family Singers sangen einerseits österreichische Volkslieder, aber noch viel mehr anspruchsvolle Chorwerke von Bach aufwärts. Sie spielten dazu auch immer wieder auf klassischen Instrumenten, aber auch Instrumenten der Alten Musik. Und das alles ursprünglich in deutscher Sprache, erst später, nachdem sich der große Erfolg in den USA eingesetzt hatte, wurden auch die Chorgesänge übersetzt und amerikanische Volksweisen ins Repertoire aufgenommen. Aber die Lieder des Musicals konnten sie schon alleine deshalb mich singen, weil der Chor ja 1956 aufgelöst, das Musical aber erst 1959 uraufgeführt wurde.

Der große Vorteil der Trapp Family Singers, quasi das Alleinstellungsmerkmal, war ja, dass sie als Familie alle Stimmlagen eines Chors aufweisen konnten. Und ihr Chorleiter Wasner bewies großes Geschick im Auffinden und Setzen aller möglicher Stücke für die Familie.

Nun spiele ich euch zunächst eines der wenigen im Internet zu findenden Stücke der Trapp family singers, und danach als Kontrast das Stück Do-Re-Mi aus dem Musicalfilm, wo Maria den Kindern das Singen beibringt.

Musik:

Trapp family singers Es wollt ein Jägerlein jagen 1:07

Do-Re-Mi Julie Andrews, & kids 05:33 max

Zwischenmoderation

Für alle, die sich erst später zugeschaltet haben:

Hier ist „hinterfragt„, das kulturwissenschaftliche Magazin live auf FREIRAD, dem freien Radio in Tirol! Mein Name ist Ewald Strohmar-Mauler.

Das heutige Thema ist:

Das Phänomen »The Sound of Music«

Ich habe bisher grundsätzliches über das Medienphänomen und die Handlung aus Musical und Film erzählt, danach einiges Historisches zur echten Trapp-Familie.

Nun geht es weiter mit der Rezeption von The Sound of Music, vor allem im Tourismus, und abschließend einige allgemeine kritische Gedanken.

Nun spiele ich euch das Titellied: The Sound of Music.

Musik:

The Sound of Music – Charmian Carr, etc

Teil 3: Seitenblick

Bei meinen Recherchen stieß ich auf ein Buch mit dem viel versprechenden Titel »The Sound of Music zwischen Mythos und Marketing«8. Es wurde im Jahr 2000 in der Reihe »Salzburger Beiträge zur Volkskunde« veröffentlicht und so wird auch im Vorwort die Frage gestellt, wieso »The Sound of Music« ein Thema für die Kulturwissenschaften wäre, nicht nur für Filmexpertinnen oder Touristikerinnen.

Ich denke, die Antwort auf diese Frage sollte in ihrer Bedeutung nicht unterschätzt werden, denn nicht nur steht hier das Spannungsfeld zwischen Vermittlung von Kultur und Geschichte auf der einen und Kommerz und Kitsch auf der anderen Seite zweifellos im Mittelpunkt vieler Diskussionen, nicht nur konkret bei diesem, aber auch bei vielen ähnlich gelagerten Erscheinungen aus Kunst und Kultur.

Hier kommen wir gleich zum nächsten Feld, dem der kulturellen Grenzziehungen in all ihrer Tragweite – mit politischen Hintergründen, unterschiedlichen Herangehensweisen an und Sichtweisen von Kultur.

Ein weiteres Spannungsfeld ist jenes des Tourismus ganz allgemein, welcher ja in Österreich ein nicht zu unterschätzender Wirtschaftsfaktor ist. Wie weit darf er gehen, ohne dass irgend jemand in mediale Schimpftiraden ausbricht und versucht, mit angenommenen Problemen politisches Kleingeld zu machen? Und sei es nur, weil sich jemand über den Pferdemist auf den Straßen oder den Busparkplatz hinter der Spekulatius-Kirche ärgert.

Das Spannungsfeld zwischen Klischee und Alltagskultur9, zwischen Mythos und Realität, oder auch, wie der Untertitel des oben angeführten Buches »zwischen Mythos und Marketing« wird aber jenes sein, dem ich nun das größte Augenmerk schenken möchte. Denn gleichgültig, welche künstlerische Qualität mensch dem Spielfilm The Sound of Music zubilligt, er hat in seiner Rezeption in den USA auf jeden Fall zu hierzulande unerwarteten Auswirkungen geführt. Zunächst kommen viele US-Touristinnen tatsächlich wegen des Films nach Österreich. Genauer gesagt, wegen der schönen Landschaft,10 was ja generell im Tourismus des Alpenraums keine Unbekannte ist, aber auch – und das ist tatsächlich in dieser Größenordnung eine bisher unerreichte Qualität im Tourismus – wegen der unbeschwerten Lebensart, die im Film dargestellt wird (und die, wie ich ja bereits sagte, gar nicht so sehr von der Mentalität der Maria Augusta von Trapp abweicht). Die Hauptbotschaft ist jedoch fast disneyesk – die Bedeutung der Familie bzw. der Harmonie in der Familie ist in der »Neuen Welt« offenbar ein stark nachgefragtes Gut, die Familienidylle der Film-Trapps spricht auch 50 Jahre nach der Premiere noch die amerikanischen Familien an, der Film wird jährlich auf vielen US- und anderen Fernsehsendern wiederholt, und zwar mindestens zu Weihnachten und oft auch (warum auch immer) am Unabhängigkeitstag, 4. Juli. Hierzu kann ich nur vermuten, dass auch die Trapps so eine Art Repräsentation des American Dream darstellen, noch dazu mit dem Zusatz-Bonus als Nazi-Gegner.

Sowohl die Frage der Landschaft als auch der Kultur, Music und Tradition werden von Touristinnen noch weit vor dem Wintersport, der Kunst und anderen Faktoren als typisch österreichisch gesehen11 – auch hier wieder also stehen jene Dinge im Vordergrund, für die Sound of Music steht.

Natürlich steht immer von österreichischer Seite der Vorwurf im Raum, dass es sich um bloße Klischees handelt, die hier bedient werden, bestes Beispiel aus dem Film ist folgende Sequenz aus dem Lied »my favourite things«, gesungen von Julie Andrews:

[einspielung clip]

Und auch wenn das typische »Schnitzel nach Wiener Art« bei uns ja gar nicht mit Nudeln serviert wird, im Gegensatz zum etwas weiter südlich zu verortenden Scaloppe Milanese, scheint gerade das hier bediente Klischee einer der Gründe zu sein, warum Österreicherinnen bei The Sound of Music eher laut loslachen, während Amerikanerinnen die Tränen nicht unterdrücken können.

Von meinem eigenen ersten Eindruck kann ich jedenfalls berichten, dass ich den Film zunächst in die Schublade 60er-Jahre Musicalfilm gesteckt habe, mit allem, was dazu gehört – ich bin ja im Jahr 1965 geboren, ungefähr ein halbes Jahr nach dem Filmstart. Ich kann mich zwar nicht erinnern, dass ich im ORF jemals The Sound of Music gesehen hätte, aber die Ähnlichkeit mit dem etwa zeitgleich erschienenen Musicalfilm Mary Poppins mit der gleichen Hauptdarstellerin Julie Andrews waren für mich nicht zu übersehen. Dazu etwas später mehr. Ich persönlich habe mich nicht an den Klischees gestoßen, eher an dieser übertriebenen Sorglosigkeit in allen Dingen, die von Maria an den Tag gelegt wird, und der einzige Mensch mit Realitätsbezug im Film schien mir der Baron zu sein. Nach dem Lesen der Autobiografie von Maria Trapp hat sich mir jedenfalls gezeigt, dass das im wahren Leben nicht sehr viel anders war.

Und was sagen andere? Hand Magnus Enzensbergers Tourismustheorie »Vergebliche Brandung der Ferne« aus dem Jahr 1958 wird bemüht,12 der viel kritisierte Versuch eines Schriftstellers, nicht eines Tourismusforschers, Geschichte und Beweggründe des Tourismus zu beschreiben. Interessant ist ja, dass Enzensberger seinen Essay in etwa zur selben Zeit schrieb, als das Musical herauskam, somit somit sind die von ihm beschriebenen Objekte touristischer Sehnsucht, nämlich Geschichte, Natur und vor allem die Freiheit tatsächlich zeitgenössische Elemente, welche in Sound of Music zu finden sind. Und auch wenn der Essay sehr stark aus seiner Verortung, nämlich dem Bürgertum des Nachkriegsdeutschland, heraus gelsen werden muss, gelten diese genannten Elemente heute auch noch, vielleicht sogar noch stärker. Generell kann mensch von einer Geschichte sprechen, welche in der »alten Welt« spielt, aber mit mit neuweltlichen Handlungsregeln.13 Und so wie die Freiheit im Tourismus nach Enzensberger auch nur eine Schein-Freiheit ist, denn sonst würden wir auch keine Rückfahrkarte buchen,14 so befindet sich auch The Sound of Music eigentlich außerhalb von Zeit und Raum,15 trotz der Datums- und Ortsangaben. Selbst die Einblendung nach dem Vorspann: »Salzburg, Austria, in the last Golden Days of the Thirties« ist ja die reine poetische Überhöhung, denn din den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts war gar nichts »golden«, weder wirtschaftlich, noch politisch, noch künstlerisch, noch sonstwie. Natürlich sehen wir Maria, behütet im Kloster, also ebenfalls entrückt in der Raum- und Zeitlosigkeit der katholischen Kirche. Doch auch, als sie »in die Welt« geschickt wird, zu den Trappschen Kindern, bleibt die Szenerie entrückt: sie tanzt mit ihnen singend durch ebenjenes Salzburg, welche die Touristinnen heute aufsuchen: das des Mirabellgartens und des Residenzplatzes, der Fiaker und der Barockbauten. Austrofaschismus, Wirtschaftskrise? Nicht bei uns!

Und selbst mit Maria Trapps Autobiografie als Hilfestellung zur Standortbestimmung16 in der Hand kommen wir nicht recht aus diesem Heilewelt-Wunschdenken heraus. Natürlich befriedigt dieses ebenso wie der Tourismus ein immanentes Bedürfnis nach Freiheit von der Welt des Alltags – oder vielleicht gehen diese beiden ja ohnedies Hand in Hand und bedingen und befruchten sich ja gegenseitig?

Vielleicht waren es ja auch deshalb die 50er und 60er Jahre, in welchen siese Sorglos-Musicalfilme so erfolgreich waren – heute findet mensch ja so etwas ja eigentlich nur mehr sehr selten, und wenn, dann höchstens im Spartenkino.

Die Trapp-Geschichte bedient zudem noch den Typus der amerikanischen Gründungslegende, die einen Handlungsrahmen17 vorgibt für eine (a) Großfamilie, die (b) einer Minderheit und zudem noch (c ) einer feindlichen Macht angehört und (d) es trotzdem schafft. American Dream in Reinkultur.

Und daraus ist schließlich im Lauf der Jahrzehnte eine zelebrierte Memorial Culture18 geworden, mit Internetseiten, wo die »normativen Lebensläufe«19 der Trapps gelesen oder die Grabstätten virtuell besucht werden können, bis hin zu den diversen Aktivitäten auf der Trapp Lodge, die seit neuestem sogar ein eigenes Trapp Bier braut (und auch hier durch Lager Beer dem Craft Beer Trend trotzt). Und natürlich wird die Biografie immer wieder neu aufgelegt, und es finden sich mit schöner Regelmäßigkeit immer wieder Interviews der noch lebenden Kinder und Bekannten in den Medien, um dem Mythos Trapp ja nicht untergehen zu lassen.

Nun wieder etwas Musik, dazu muss ich noch eine kleine Einleitung anbringen, und zwar zitiert aus der englischen Wikipedia:.

Edelweiss

»In the musical Captain von Trapp and his family sing this song during the concert near the end of Act II as a statement of Austrian patriotism in the face of the pressure put upon him to join the navy of Nazi Germany following the Anschluss. It is also Captain von Trapp’s subliminal goodbye to his beloved homeland, using the flower as a symbol of his loyalty to Austria. The great popularity of the song in the Anglophone world has led many of its audience to believe that it is an Austrian folk song or even the official national anthem.20«

cf. Ol‘ Man River (Porgy and Bess) mistaken for a spiritual

Edelweiss war außerdem das letzte Lied, das Rodgers und Hammerstein gemeinsam geschrieben haben, da Oscar Hammerstein kurz danach an Krebs verstarb.

Musik:

Edelweiss Charmian Carr & Bill Lee 02:55

Teil 4: Ausblick

Nun komme ich zu einem Kapitel, das mir aus Fremdenführer-Sicht besonders wichtig ist:

Der Sound of Music-Tourismus.

Fremdenführer, die ja frei nach Enzensberger21 primär ihre Gruppen wie Feldwebel durch die Stadt kommandieren und ihnen anschaffen, was sie zu bewundern haben, leben ja in diesem heute schon oft erwähnte Spannungsfeld zwischen Mythos und Realität wie keine zweite Berufsgruppe im Tourismus. Wir sollten den Gästen keine Lügen erzählen, allerdings ist die nüchterne Realität oft allzu langweilig. Hier ist natürlich eine bereits vorgefertigte Geschichte aus einem Film geradezu die sprichwörtliche »g’mahte Wiesn«. Höchstens noch einige G`schichtln dazu zur Auflockerung.

Euch, liebe Hörerinnen aus Tirol, würde ich zum Beispiel erzählen, dass die Trapps nicht mit den Trapps aus altem Tiroler Adel verwandt sind22 (zum Ritter wurde erst Georg von Trapps Vater im Jahre 1876). Und dass Maria Trapp, die bei der Bildung der Corporate Identity der Trapps federführen war23, gestaltete als Mythos im Mythos – zu Recht oder nicht – eine geneaologische Verbindung zu den Rainer-Sängern aus dem Zillertal, welche Mitte des 19. Jahrhunderts das Lied »Stille Nacht« und wohl auch Tirol weltbekannt gemacht hatten -.und ebenso als singende Familie in Tracht durch die Lande tourten.

Marias lediger Name war eigentlich Kutschera, und ihre Eltern stammten wie die Rainers aus dem Zillertal. Aber natürlich war der Nachname Kutschera ein Zumutung für amerikanische Zungen, und so wurde sie im Film tatsächlich in Rainer umbenannt!

Doch zurück zum Sound of Music Tourismus. Eigentlich ist es ja, wie bereits erwähnt, so, dass der Film bei Österreicherinnen, oder überhaupt im deutschsprachigen Raum überhaupt nicht bekannt ist, auch in Salzburg findet mensch auf den ersten Blick wenig, was augenfällig daran erinnert, dass hier eine Filmproduktion stattgefunden hat, die in Übersee viele Tausende Menschen zu Tränen rührt.

Das Musical gewinnt auch erst in den letzten Jahren so langsam an Bekanntheit. In Salzburg selbst wurde es erst im Oktober 2011 erstmals aufgeführt,24 allerdings in deutscher Sprache. Seither läuft es jährlich, und auch zum Beispiel in Kufstein wird es in diesem Jahr gegeben.

Und trotzdem zieht es jährlich rund 300.000 Menschen wegen Sound of Music nach Salzburg. Klassischer Filmtourismus also. Sie suchen unter anderem den Pavillon,den »gazebo«, welcher in zwei Schlüsselszenen, die beide mit der Liebe zu tun haben, eine wichtige Rolle spielt. Daher wird er auch gerne von Liebenden aufgesucht, und sie finden ihn im Schlosspark von Hellbrunn, wohin er nach langem hin und her verfrachtet wurde. Er ist ein typisches Beispiel für die Ratlosigkeit bis Ignoranz, die seitens der Stadt lange Zeit hinsichtlich der touristischen Vermarktung des Sujets Sound of Music geherrscht hat. Erst der aktuelle Bürgermeister, welcher selbst in seiner Studienzeit als Fremdenführer tätig war, bringt dem Thema Verständnis entgegen, und der Salzburger Landeshauptmann hat sogar den Film gesehen.25 Und auch ein eigens Sound of Music Museum wird mittlerweile ernsthaft diskutiert – im Sammelband von Kammerhofer-Aggermann findet sich im Jahre 2000 hingegen nur ein Artikel, der die grundsätzliche Idee aufwirft.

Zu den wenigen, die sich seit Anbeginn des Themas touristisch angenommen haben, gehört die Firma Panorama Tours Salzburg, die ursprünglich als Mietwagenunternehmen die Filmleute herumkutschieren durfte und somit aus erster Hand auch alle möglichen G’schichtln kannte. Als die ersten Gäste wegen Sound of Music kamen, waren sie dann zur Stelle, und bald entstand eine spezielle Sound of Music Tour, natürlich in englischer Sprache, die sich bis heute ungebrochener Beliebtheit erfreut. Natürlich vor allem bei US-Touristinnen, etwa 40.000 Menschen buchen die Tour jedes Jahr, das Durchschnittsalter ist interessanter Weise 25-30 Jahre, davon ⅔ weiblich. Es entschließen sich aber in den letzten Jahren auch immer mehr deutschsprachige Menschen, diese Tour zu buchen. Und trotzdem sich die Bedingungen hinsichtlich Busverkehr in der Stadt Salzburg immer mehr verschärft haben und die Route mehrmals angepasst werden musste, kommen doch alle Fans auf ihre Kosten. Für die konkreten Angaben aus Sicht des Touristikers möchte ich ganz herzlich Herrn Stefan Herzl von Panorama Tours Salzburg danken.26

Leider ist die Sendezeit fast aufbgebraucht, daher kann ich nicht auf weitere spannende Aspekte des Pänomens Sound of Music eingehen.

Und natürlich werden wir die Dichotomie zwischen Mythos und Realität, wie er sich gerade in der Rezeption dieses Filmstoffes zeigt, nie überwinden, doch für mich ist die Frage:

Wollen wir das überhaupt?

Ist ein wenig Übertriebenes, Ver-rücktes, Weltfremdes nicht gerade das, was unsere Alltags-Realität erst begreiflich macht?

So habe ich zum Schluss noch zwei Dinge, und zwar wie versprochen das Stück Dancing in Gold von Marias Urenkeln, den von Trapps, gleich im Anschluss.

Und außerdem ein Zitat aus dem Lied »Climb every mountain«, das sicherlich als Motto für die Trapp-Familie gelten kann. Aber auch für die vielen Anderen, die in fremde Länder emigrieren, was ja meist nicht einfach so, aus freien Stücken geschieht. Und wenn wir es wollen, auch für uns:

»Climb every mountain, ford every stream, follow every rainbow, till you find your dream.«

Musik:

The von Trapps: Dancing in Gold

Abmoderation

So, aber nun genug hinterfragt für heute. Ich danke euch herzlich fürs Zuhören und hoffe, die Sendung hat euch wieder gefallen.

Und wie immer noch der Hinweis auf die Internet-Seiten zur Sendung:

Kritik, sowohl negative als auch positive, Wünsche und Anregungen könnt ihr gerne an mich per eMail senden: radio@hinterfragt.at.

Und wer die Sendung nachlesen möchte: die begleitende Website ist zu finden unter hinterfragt.at, dort findet ihr auch alle Links, oder könnt Kommentare zur Sendung abgeben. Ich spiele sowohl das Skript als auch den Mitschnitt so rasch wie möglich, meist noch am Tag nach der Sendung, auf die Website, und den Mitschnitt auch auf das Cultural Broadcast Archive, cba.fro.at.

Außerdem könnt ihr mir auch auf Twitter folgen @hinterfragtAT oder auf Facebook unter hinterfragt.

Das war Ewald Strohmar-Mauler mit der Sendung hinterfragt. Das kulturwissenschaftliche Magazin.

immer am zweiten Dienstag im Monat um 20 Uhr auf FREIRAD, dem Freien Radio Innsbruck, und die Wiederholung am 4. Donnerstag um 9 Uhr Vormittag.

Und nun verabschiede ich mich und wünsche euch noch eine gute Zeit.

Abspannmusik

So long, farewell + Entr’acte = 5:03

1 http://www.rnh.com/show/95/The-Sound-of-Music

2 Von Trapp Family: Harmony and Discord. New York, NY: A & E Home Video, 1998.

3 http://www.imdb.com/event/ev0000003/1966

4 http://www.archives.gov/publications/prologue/2005/winter/von-trapps.html

5 Trapp, Maria A. The Story of the Trapp Family Singers. Philadelphia: Lippincott, 1949. Print.

6 http://www.history.com/news/the-real-history-behind-the-sound-of-music

7 http://vontrapps.net/vontrapps

8 Kammerhofer-Aggermann, Ulrike, Alexander G. Keul. „The Sound of Music“: Zwischen Mythos und Marketing. Salzburg: Salzburger Landesinstitut für Volkskunde, 2000. Print.

9 Vgl. U.Kammerhofer-Aggermann in Kammerhofer-Aggermann (Hg), 2000, 7

10 Vgl. Bachleitner/Weichbold in Kammerhofer-Aggermann (Hg) 2000, 331 (Abb.)

11 Ebd. 332

12 Z.B. Keul in Kammerhofer-Aggermann (Hg) 2000, 318

13 Keul in Kammerhofer-Aggermann (Hg) 2000, 17

14 Enzensberger 1959, 720

15 Vgl. Vansant in Kammerhofer-Aggermann 2000, 25

16 Vgl. Kammerhofer-Aggermann in dies. 2000, 173

17 ebd. 176

18 Ebd. 180

19 Ebd.

20 https://en.wikipedia.org/wiki/Edelweiss_%28song%29

21 Enzensberger 1959, 715

22 https://de.wikipedia.org/wiki/Trapp_%28Adelsgeschlecht%29

23 Kammerhofer-Aggermann in dies. 2000, 177,178

24 http://www.salzburg.info/en/art_culture/music/tips/musical_sound_of_music

25 Tel. Auskunft von Herrn Stefan Herzl, Geschäftsführer von Panorama Tours Salzburg am 31.5.2016

26 Siehe auch Herzl in Kammerhofer-Aggermann 2000, 307ff

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