hinterfragt on demand
übersetzen
Juli 2017
S M D M D F S
« Dez    
 1
2345678
9101112131415
16171819202122
23242526272829
3031  
social media

Sendung vom 9. August 2016: Paul Flora

Ich begrüße euch, liebe Hörerinnen von FREIRAD, dem freien Radio Innsbruck! Am Mikrofon ist wieder Ewald Strohmar-Mauler mit einer neuen Ausgabe von „hinterfragt.“, dem kulturwissenschaftlichen Magazin.

Die heutige Sendung trägt den Titel:

Paul Flora

Da mich der tiroler Zeichner Flora schon viele Jahre lang fasziniert, und aus vier anderen Gründen, von denen ich euch bald erzählen werde, habe ich mir überlegt, auch einmal eine Sendung über ihn zu machen. Natürlich ist es weitaus schwieriger, eine Radiosendung über einen bildnerischen Künstler zu machen, denn ich kann ja im Radio keines seiner Werke zeigen, und über sie zu erzählen, ist auch nur bedingt spannend.

Doch alleine die Tatsache, dass es im Internet kaum etwas Verwertbares und offenbar auch noch keine wissenschaftliche Arbeit über Paul Flora gibt, gab mir zu denken und war eine große Herausforderung. Ihr werdet ja hören, was dabei heraus gekommen ist.

Und zwischen den Beiträgen kommt wie immer Musik, die diesmal wieder unter einer Creative Commons Lizenz steht. Die Auswahl war auch irgendwie eine Herausforderung, denn was sollte ich thematisch dazu Passendes nehmen? Also war meine Entscheidung, nach Titeln zu suchen, die Paul oder Flora im Titel hatten, oder mit Paul Floras bekannteren Motiven, wie Raben oder Venedig zu tun hatten.

Und ich beginne mit

Musik:

Flora von Mark Zackie

Teil 1: Überblick

Ich gebe am Beginn der Sendung immer einen Überblick über das Thema. Das will ich auch heute wieder machen, doch zuvor noch kurz die vier Gründe, diese Sendung überhaupt zu machen. Denn weder steht ein Jubiläum an, noch ein anderer besonderer Anlass im Zusammenhang mit Paul Flora.

Doch ich war vor einiger Zeit in Glurns, der Geburtsstadt Floras, welche ihm im Jahre 2011, also zwei Jahre nach dem Tod des Künstlers, sogar eine Dauerausstellung im Tauferer Turm gewidmet hat. Und diese habe ich eben auch besucht. Und dabei wurde mir wieder bewusst, wie sehr mich Paul Floras Zeichnungen seit jeher begeistert haben. Vor allem jene, die Ansichten von Venedig und besonders des dortselbigen Karnevals zeigen. Und auch seine Karikaturen und anderen satirischen Zeichnungen finde ich bemerkenswert, vor allem deshalb, weil er oft mit ein paar Strichen etwas in einer Leichtigkeit aussagt, wofür ich mir mühsam Worte abringen müsste.

Apropos Karikaturen: Ende September beginnt im Tiroler Landesmuseum eine Ausstellung mit Paul Floras Karikaturen, und das war auch der dritte Grund, warum ich diese Sendung, quasi als Entscheidungshilfe, gestaltet habe.

Wer gut aufgepasst hat, wird vielleicht festgestellt haben, dass ich keinen Grund als zweiten betitelt habe. Nun ja, der zweite ist Venedig. Ich denke, Venedig ist immer ein Grund.

Und der vierte ist schlicht der, dass ich versuche, mich in diesem Sommer ein wenig zu erholen und nur wenige komplizierte kulturelle Themen an mich heran lasse. Und so hat mich auch kein anderes Thema in letzter Zeit wirklich beschäftigt, als dahinter zu kommen, warum Paul Flora so faszinierend für mich ist.

Gut, genug der Gründe, nun zur Sache.

Ich werde zunächst kurz einen Abriss zur Biographie Paul Floras geben, allerdings wirklich nur kurz, denn ich werde im zweiten Teil dieser Sendung einen ziemlich ausführlichen Text vorlesen, den Paul Flora selbst über sich verfasst hat, da kommen dann viele Details seines Lebens zur Sprache.

Geboren wurde der Künstler am 29. 6. 1922 in Glurns im Vinschgau. Seine Eltern übersiedelten mit den Kindern 1927 nach Innsbruck, wo er bereits während seiner Gymnasialzeit mit seinen Zeichnungen Aufmerksamkeit erregte. Daher ging er nach seiner Matura 1942 nach München, wo er sich in die Kunstakademie einschrieb, die er besuchte, bis er 1944 zum Militärdienst einberufen wurde. Die letzten beiden Kriegsjahre überlebte er ohne größere Schwierigkeiten, und nach Kriegsende ging er wieder nach Innsbruck zurück, wo er sich als freischaffender Künstler nach und nach einen Namen machte – auch weit über Tirols Grenzen hinaus. Er wurde zum gesuchten Zeichner und Karikaturisten, so zeichnete er von 1957 bis 1971 ungefähr 3000 Karikaturen für die Wochenzeitung »Die Zeit«.

Zu seinem Werk zitiere ich von AEIOU Austria Forum:1 »Das Frühwerk war anfangs stark von Kubin geprägt, aber noch vor 1950 brach er radikal mit der dichten Schraffur und wandte sich der feinnervigen, dünnlinigen, zarten Umrisszeichnung zu. Konsequent entwickelte er eine unverkennbare Strichtechnik mit Tuschfeder – diese ironisch-sarkastischen Zeichnungen in seinem ausgeprägten individuellen Stil fanden internationale Anerkennung«. (Zitat Ende)

Er illustrierte über 170 Bücher,2 er gab 15 Mappenwerke heraus, von 1895 bis 1992 entstanden auch Briefmarken mit seinen Zeichnungen, für Österreich, Liechtenstein und die Vereinten Nationen, und er gestaltete sogar Bühnenbilder für einige große Bühnen.

Flora führte viele Ausstellungen in renommierten Galerien und Museen durch, von unserem Tiroler Landesmuseum angefangen, über die Secession in Wien, das Folkwang Museum in Essen, das Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg, das Museion in Bozen, das Essl Museum in Klosterneuburg, bis hin zur Biennale in Venedig. Und die Dauerausstellung in Glurns habe ich ja schon erwähnt.

Und natürlich hat der Zeichner auch jede Menge Preise eingeheimst, 2010 wurde ihm zu Ehren der Paul-Flora-Kunstpreis für junge Gesamt-Tiroler Künstlerinnen begründet und sogar ein Asteroid wurde nach ihm benannt. Sogar einige Dokumentarfilme von und über Flora wurden gedreht.

Im Gegensatz zu vielen anderen Künstlern finden sich seine Werke auch in den Wohnungen des »kleinen Mannes«, was ihn selbst besonders freute.

Figuren, die immer wieder in seinen Werken auftauchen, sind etwa Raben, auch in Gestalt eines anthropomorphen Raben mit dem Namen Monsieur Corbeau, französisch für »Herr Rabe, dann Harlekine und andere Figuren aus dem venezianischen Karneval. Tiroler in verschiedenen Erscheinungen, etwa als »verwurzelte«, knorrige Gestalten, oder in typischer Tracht, verschiedene typische Tiroler Tätigkeiten durchführend, aber auch die geometrische Figur der Kugel taucht gerne in seinen Zeichnungen auf.

Paul Flora verstarb am 15. 5. 2009 in Innsbruck im Alter von 87 Jahren..

Musik:

Monsieur Corbeau – Regarde un peu 03:06

Teil 2: Einblick

Im Buch »Dies und das«3 berichtet Paul Flora selbst über sich und sein Leben, und ich werde jetzt ein wenig daraus vorlesen:

»Ich wurde in Glurns, einer ganz abgestorbenen, winzig kleinen Stadt im süd­tirolischen Vinschgau geboren. Die Welt meiner Kindheit war patriarchalisch und altmodisch.Unser Wohnhaus war sehr alt und das Stammhaus der Familie im nahen Mals am Hauptplatz noch viel älter. Darin wohnten inmitten von Spitzenvorhängen, grünen Plüschsesseln, Sarntportieren, abgenützten Teppichen und Makartbuketts launische Greise und Greisinnen, Großonkel, Großtanten, alle ledig, nun alle dahin. Außer einem Defraudanten, der unter Mitnahme bedeutender Gelder und Hinterlassung einer enttäuschten Braut nach Amerika entfloh und als Söldner Maximilians in Mexiko zugrunde ging, hat kein weiterer meiner Ahnen jemals die Lust verspürt, das abgelegene, landschaftlich, kultur- und kunsthistorisch so überaus bemerkenswerte Vinschgau zu verlassen.

Mein Vater, Gemeindearzt in Glurns, hatte glücklicherweise die Idee, sich wenigstens bis Innsbruck zu entfernen, wo ich von meinem sechsten Lebens­jahr inmitten von sechs Geschwistern aufwuchs, eher hastig und beiläufig er­zogen wurde, ein schwieriges Kind war und mehrere interessante Komplexe be­kam, welche seither meine Geschäftsgrundlage bilden.

[…]

Ein General oder eigentlich das Begräbnis desselben zählt zu meinen stärksten Kindheitseindrücken. An einem Winternachmittag des Jahres 1932 geriet ich am Stadtrand von Innsbruck in das Leichenbegängnis eines berühmten Kaiserjäger­-Generals und sah die Überreste von Alt-Österreich durch eine kahle Kastanien­-Allee, von Raben umkrächzt, unter einem düsteren Himmel dem Friedhof entgegenwanken.

Am Innsbrucker Gymnasium war Erich Lechleitner mein Zeichenlehrer. Dieser gescheite, schwermütige und introvertierte Künstler, ein Freund Ludwig von Fickers, brachte mich zu Max von Esterle, der einen Aktzeichenkurs an der Uni­versität leitete. Diesen beiden Männern verdanke ich viel für meine künstle­rische Entwicklung.

Es war damals eine Affäre, als sechzehnjähriger Gymnasiast zu einem Akt­zeichenkurs zugelassen zu werden. Eine Bewilligung der Eltern war nötig, und man wurde ermahnt, dem Modell – einem eher hageren Wesen mit Halbmaske, einer Dame aus der Innsbrucker Gesellschaft, die aus Idealismus derart entblösst der Kunst diente – nicht nahezutreten. Zu dieser Zeit verdiente ich auch mein erstes Geld durch Beiträge in der Zeitschrift Das Lebens ABC, die Fritz Würthle in Innsbruck herausgab.

Sommergäste aus Bremen sahen in der Pension meines Großvaters einige Zeichnungen von mir. Sie waren mit Otto Modersolm befreundet, zeigten sie ihm und er schrieb mir ein wortkarges Zeugnis: ›Die Zeichnungen Paul Floras zeugen von Begabung und wäre ihm der Besuch einer Kunstgewerbeschule an­zuraten.‹

[…]

An künstlerischen Anregungen bot Innsbruck damals sonst gar nichts. Die Stadt genügte sich selbst, Ausstellungen auswärtiger Künstler waren ganz un­bekannt. Ich erinnere mich an nichts, was mir einen tieferen Eindruck gemacht hätte.

Mein Desinteresse an der Schule war kaum zu übertreffen, aber immerhin habe ich die Matura gemacht. Die politischen Zustände waren unerfreulich, die Klas­se in ein vaterländisches und ein nationalsozialistisches Lager gespalten, da­zwischen einige Opportunisten.

[…]

1942 maturierte ich und ging nach München. Damals mußte ich irgendeine Be­schäftigung nachweisen – vom Militär konnte ich mich mit Hilfe komplizierter Unternehmungen bis 1944 fernhalten -, und so schrieb ich mich an der Münchner Akademie ein, ohne Absicht, das Institut zu frequentieren.

Adolf Schinnerer erließ mir nach Vorlage einiger Zeichnungen die Aufnahms­prüfung. Da er gerade in der Ruhestand trat, kam ich aber in die Klasse Olaf Gunbranssons. Leider schaute weder der Meister noch ich je in sie hinein, so daß wir uns erst im Jahre 1957 in Innsbruck kennenlernten.

Ich fand in Schwabing übrigens binnen eines Vormittags ein Zimmer, damals fast ein Wunder. Als ich es betrat, lag auf dem Tisch Die andere Seite, der Roman Kubins, und meine Hausfrau stellte sich als seine Kusine heraus. Es war »eine sehr ans Mystische streifende Angelegenheit«, wie Kubin später fand.

[…]

Anfang 1944 mußte ich doch zum Militär. Nach meiner Rekrutenzeit in Rum bei Innsbruck und Uggowitz bei Tarvis hate ich einen eigentlich sehr schönen und geruhsamen Sommer im weltabgeschiedenen Karfreit in den Julisehen Alpen, bevor ich im Herbst wieder nach Innsbruck zurückkam.

[…]

Alles ließ sich gut an, als mir mein Phlegma einen üblen Streich spielte. Statt die Kaserne an einem dienstfreien Tag zu verlassen, gab ich mich einem Mittagsschlaf hin, aus dem ich unsanft geweckt, in eine Alarmkompanie eingereiht und in einen Viehwagon verfrachtet wurde. Gegen Abend fuhr ich bereits nach Osten und blickte düster auf die entschwindende Stadt zurück. Wir kamen nach Ungarn, wurden alle paar Tage einer anderen Division zugeteilt, bekamen keine Post, sollten Budapest zurückerobern, Komorn, Neutra und Altsohl in der Slowakei verteidigen und gar noch den russischen Brückenschlag über die March verhindern. Zum Schluß agierte ich im niederösterreichischen Weinviertel, und ich dürfte der einzige österreichische Künstler sein, der dieses schöne Land zur Gänze ängstlich im Laufschritt durcheilt hat.

[…]

Die ersten Nachkriegsjahre in Innsbruck waren trotz der schweren Zeiten eigentlich schön. Jedermann begann irgend etwas, niemand hatte Geld, niemand hatte Erfolg, also gab es keinen Neid unter den Künstlern, man hatte unbe­schränkt Zeit, das Kulturleben war euphorisch, die französische Besatzung, be­sonders Maurice Besset, gaben Hilfe und vielfältige Impulse.

[…]

Meine erste österreichische Einzelausstellung hatte ich 1947 in Wien, in der jetzigen Galerie nächst St.Stephan. Sie hatte einen ganz guten Erfolg, und man ließ mich beim Art.Club zu. Diese Vereinigung war einige Nachkriegsjahre lang sehr wichtig für das österreichische Kunstleben, und in ihm waren alle »dark horses‹ der damaligen Zeit versammelt. Aus den meisten ist auch etwas geworden, oder sie sind wenigstens reich geworden. Ich war ein einsamer Westmann in diesem Verein, fast das einzige Mitglied westlich von Salzburg.

Im Jahre 1949 hatte ich meine erste Ausstellung in Deutschland, in München. Ich konnte von da ab im Feuilleton Bruno E.Wemers in der amerikanischen Neuen Zeitung mitarbeiten. Diese Zeitung wurde von allen maßgebenden Leuten in Deutschland und in der Schweiz gelesen, und meine dortigen Publikationen waren der Grund, daß ich 1953 mit Daniel Keel, der gerade den Diogenes Verlag gegründet hatte, in Zürich zusammentraf. Er wohnte in Hottingen in einem altmodischen Haus in einem altmodischen Zimmer, darin war ein altmodisches Bett, darunter war ein alter Persilkarton, und in diesem war der Diogenes Verlag, wie mir sein jugendlicher Gründer, ein schlau blickender Mensch mit dem Habitus eines Theologiestudenten, versicherte.

[…]

1957 fragte mich Gräfin Dönhoff, ob ich für ›Die Zeit‹ politische Karikaturen machen wolle, und ich habe dann vierzehn Jahre lang über dreitausend Zeiclmungen dort veröffentlicht. Da ich diese Tätigkeit nicht als meine Haupt­arbeit betrachtete und sie eher auf eine spielerische Weise betrieb, brachte sie vielleicht ein neues Element in die politische Karikatur in Deutschland, die oft von ernsten Menschen eher humorlos betrieben wurde. Die Zeichnungen wur­den häufig nachgedruckt im Observer, Dagens Nyheter, Het Parool, Zürcher Tages-Anzeiger, in der New York Times, Canberra Times, Nigeria Times und diversen anderen Times.«

Soweit also Paul Flora selbst über sich.

Weiter geht es mit etwas Musik

Musik:

Hasenchat – Flora 05:21 [evtl. kürzen]

Zwischenmoderation

Für alle, die sich erst später zugeschaltet haben:

Hier ist „hinterfragt„, das kulturwissenschaftliche Magazin live auf FREIRAD, dem freien Radio Innsbruck! Mein Name ist Ewald Strohmar-Mauler.

Das heutige Thema ist

Paul Flora

Ich habe bisher einen kurzen Abriss über sein Leben und sein Werk gegeben, und dann einiges aus seiner Selbstbeschreibung vorgelesen.

In der zweiten Hälfte der Sendung lasse ich dann andere über ihn erzählen und mache mir einige Gedanken über seine Bedeutung.

Musik:

Jim Obzina – Flying Ravens 2:04

Teil 3: Seitenblick

Bei meinen Recherchen über Paul Flora musste ich ja leider feststellen, dass nicht viel Material über ihn gibt. So konnte ich nicht einmal in der Galerie Thomas Flora in der Innsbrucker Herzog-Friedrich-Straße sehr viel darüber in Erfahrung bringen, welch ein Mensch Paul Flora eigentlich war, welche weltanschaulich-religiösen oder politischen Ansichten er gehabt hatte, oder dergleichen mehr. Er wollte offenbar nicht gerne über sich selbst sprechen.

Aber diesen Eindruck hatten auch schon Andere, so lese ich etwa am Anfang des Essays »Paul Flora. Ein launischer Rabe mit der Tuschfeder« von Godele von der Decken:4 »Nichts ist so unergiebig wie ein Gespräch mit Paul Flora über Paul Flora. Der Künstler, der zielsicher „disparate Musensöhne“ verspottet und mit großem Einfühlungsvermögen ungewöhnlichen Randerscheinungen der Kunst liebenswürdige Schriftdenkmäler setzt, ist, wenn es um ihn selber geht, fast sprachlos.«

Auch eine Interpretation seines Werkes hat er wohl immer abgelehnt. Sooft er gefragt wurde, ob er dieses oder jenes Werk erklären könne, hat er die Fragerinnen mit einem knappen »Nein, kann ich nicht!« abgewiesen.5 Daher ist es auch nicht weiter verwunderlich, und ich zitiere hier wieder von der Decken, »daß sich die meisten Kunstkritiker und -interpreten lieber mit den Anekdoten in seinen Zeichnungen und in seinem Leben befaßt haben als mit den formalästhetischen Aspekten seiner Arbeit und seiner künstlerischen Entwickung.«.

Zu seinem Stil möchte ich wieder von der Decken zitieren, sie schreibt etwa über: »feine, parallel geführte Linien mit der Tuschfeder, die Schatten andeuten oder sich zu Körpern verdichten. In einer Zeichnung wie „Abreise vom Turm“ von 1950 sind alle für ihn charakteristischen Elemente schon vorhanden: Vier beamtete Gespenster verlassen, mit Schirm, Aktenkoffer und Melone bewaffnet, einen alten, zerbröckelnden Turm.

Da ist die graphische Flächigkeit, die Beschränkung auf wenige charakteristische Linien, das Spiel mit letztlich abstrakten geometrischen Grundformen auch da, wo Gegenständliches dargestellt ist. Da sind ein geheimnisvolles Thema und eine kurze, trockene Bemerkung am Fuß der Zeichnung.

Da sind auch schon die Floraschen Knopfaugen, die selbst den boshaftesten und erbärmlichsten Kindern seiner Feder diese eigentümliche, rührende Liebenswürdigkeit schenken.

Und da ist die für Floras Zeichnungen so typische schwungvolle Bewegung in der Gesamtkomposition, die hier vom statisch vertikalen Turm in die Flugrichtung der vier Gespenster weist. Die Bewegung der Gespenster wird in der dezenten Linienführung ihrer Umgebung so markant wiederaufgenommen, daß eine eigene Spannung zwischen der starren, graphisch vereinfachten Momentaufnahme und dem bewegten Inhalt, dem erzählenden Teil der Zeichnung, entsteht.« (Zitat Ende).

Bekannt ist auch, dass seine frühen Arbeiten von Alfred Kubin beeinflusst waren, doch Anfang der 1950er Jahre wandte er sich von dessen Stil ab, doch die beiden Künstler blieben durch eine lange Brieffreundschaft miteinander verbunden.

Eine weitere Verbundenheit war jene mit dem Begründer des Diogenes-Verlags, Daniel Keel, bei dem er die meisten seiner Bücher verlegte.

Oder Friedrich Dürrenmatt, der für zwei von Floras Büchern das Vorwort schrieb, nannte Flora „den Denker und Grübler unter den Karikaturisten“. Im »Lexikon der phantastischen Künstlerinnen« steht bei Paul Flora Eintrag ein weiteres Zitat von Dürrenmatt: »In seinem Werk sind Welten untergegangen und wir ahnen, dass auch wir untergehen.Die Gegenwert scheint von der Vergangenheit umklammert, kommt von ihr nicht los,, wird selbst zur Vergangenheit, wird von ihr verschluckt. Flora schreitet rückwärts in die Zukunft.6«

Übrigens war Dürrenmatt selbst, was vielleicht weniger bekannt ist, nicht nur Dramatiker, sondern auch bildender Künstler.

Erich Kästner bezeichnete Paul Flora als „Bilderschriftsteller“. Im »Handbuch der Kunstzitate«7 ist bei Kästner zu lesen, dass er Floras Kunst folgendermaßen charakterisiert: »Er schreibt seine Linien so zart und zärtlich aufs Papier, als habe er Angst, ihm weh zu tun. Und wo er nur irgend kann, läßt er das unbeschriebene, unverletzte Weiß aufs effektvollste mitwirken. Das Äußerste, was er dem Blatt zumutet, sind haarfeine, haargenaue Linien. Seine Feder haucht und flüstert. Sie streichelt, wenn sie strichelt. Das kompakte Schwarz, neben dem unbefleckten Weiß die einzige laute „Farbe“ des Zeichners, meidet er wie die Sünde. […] Wenn dann allerdings in einem Raubtierkäfig der Dompteur, dieser Herr und Meister der Löwen und Tiger, einen wirklich schwarzen Zylinder trägt, so werden davor die wilden Bestien zahm wie die Linien, woraus sie gemacht sind.«8

Und Karl-Markus Gauß »widmet sich [wiederholt] dem Werk Paul Floras, das er in dem Prosatext Ein nächtlicher Besuch (2002) folgendermaßen charakterisiert: ›Daß die kunstvoll gestrichelte und raffiniert komponierte Ödnis nie zur selbstgefälligen Verzweiflungskunst wird, hat mit dem philosophischen Blitz zu tun, der oft über Floras Landschaften hinzuckt und seine Zeichnungen erhellt.9«

Soweit einige Schriftsteller über Paul Flora.

Nun wieder ein Stück Musik…

Musik:

conFusion Carnavil 04:14

Teil 4: Ausblick

Zum Abschluss der Sendung möchte ich noch einige abschließende Überlegungen über die Bedeutung Paul Floras anstellen.

Zunächst, die tirolerische Sicht. Von der Decken zitiert Paul Flora selbst: »“Mein patriotisches Opus magnum ‚Die verwurzelten Tiroler und ihre bösen Feinde‘ entstand darum, weil ich beim Thaurer Mullerlaufen maskierte Figuren mit Wurzelstöcken am Kopf sah. Ich dachte mir schon, einen gänzlich verwurzelten Menschen zu zeichnen, und dabei kam mir dann die Idee, die heldischen Ereignisse von 1809 derart darzustellen und so auch einen kleinen Beitrag zur Entkrampfung der allzu ernst-heroischen Betrachtungsweise der tirolerischen Geschichte zu leisten.“«

Und sie setzt fort: »Welche Schützenaufmärsche auch immer ihn zu seinem zweiten Tiroler Zyklus, den Variationen zum Thema „Alpinosaurus Tyrolensis“, angeregt haben mögen: […] Wer nach dem Genuß von Floras „Vom frühen Leben in den Alpen“ je wieder mit Tirolern aus dem Süden, Norden oder Osten des Landes zu tun hat, bemerkt mit einem Lächeln: Der Zeichner von der Hungerburg hat seine treuherzigen, tollpatschigen, hoffnungslos antiquierten, aber auch überzeugt und unerschütterlich individualistischen Landsleute gut getroffen.« (Zitat Ende)

Dem kann ich mich nach dem Betrachten einer Dutzend Tiroler-Zeichnungen nur anschließen. Und ich füge hinzu: wer sich im oben genannten Buch die Unterschiede zwischen den »verwurzelten« Gestalten der Tiroler Freiheitskämpfer und den feisten, glattrasierten, geschniegelten bayrischen Eindringlingen ansieht, kann sich gut vorstellen, warum die Tiroler gewonnen haben. Am besten gefällt mir ja das Bild »der verblüffte Korse«, welches einen winzigen, ratlosen Napoleon zwischen den Beinen der Pferde der tirolischen Reiterei zeigt. Fast ein Suchbild. Aber ja, Napoleon war ja auch nicht wirklich anwesend, damals. 1809 am Bergisel.

Paul Floras Bedeutung für die österreichische Kunst ost nicht wirklich ermittelbar. Wohl hatte er immer wieder Ausstellungen in diversen Galerien und Museen, und er steht auch auf Wikipedias »Liste österreichischer bildender Künstler«10, doch würde er wohl bei einer Straßenbefragung kaum in einem Atemzug mit Klimt, Schiele oder Hundertwasser genannt werden.

International, vor allem in Deutschland, kennt mensch ihn hauptsächlich durch seine Karikaturen und vielleicht auch Buchillustrationen.

Ein Vorteil dieser relativen Unbekanntheit ist es natürlich für uns, dass seine Bilder relativ erschwinglich sind, ab € 200 für eine kleine Radierung ist mensch dabei. Vorsicht übrigens, im Internet werden oft Kunstdrucke zu deutlich überhöhten Preisen und sogar oft falsch als Radierung oder Lithographie deklariert angeboten. Die sind zwar meist gerahmt, aber trotzdem mag ich keine € 200 für einen Druck zahlen.

Paul Flora hat übrigens von diesem ganzen Kunstmarkt nicht viel gehalten, und sogar einmal in einer Galerie in London, die wollte, dass er den dreifachen Preis verlangen möge, wieder alles zusammen gepackt – er wollte da nicht mitspielen. Und er hat auch immer wieder seine Bilder zurück gekauft, wenn er der Meinung war, der neue Besitzer wäre nicht in Ordnung.11

Und, wie bereits gesagt, es hat ihn sehr gefreut, dass seine Bilder auch in gewöhnlichen Haushalten zu finden sind, nicht nur in denen der reichen Leute. Trotzdem, irgendwie war er politisch nicht festzumachen. Er machte das, was er gern machte und was er konnte, nämlich zeichnen. Und außer, dass er seine Meinung zu Gesellschaft, Geschichte, Politik oder Kultur zeichnete, hielt er sich raus.

Abschließend werde ich wieder Paul Flora selbst zu Wort kommen lassen, ich zitiere aus dem oben erwähnten Beitrag aus »Dies und Das«.12 Dort schreibt er also:

»Ich habe immer Verg­nügen am Erfolg gehabt, und es war mir recht, von möglichst vielen Leuten akzeptiert zu werden. Ich glaube, das ist der natürliche Sinn jedes Berufes. Wer immer das Gegenteil behauptet, sagt nicht die Wahrheit und verhüllt edel eine Enttäuschung.

[…]

Ich glaube nicht, daß Künstler die richtigen Leute sind, ihre Hervor­bringungen zu interpretieren. Sie erzeugen sie im Zustande einer gewissen psy­chischen Wallung und sind also kaum imstande, sie objektiv zu beurteilen.

[…]

Ein besonders engagierter Mensch bin ich nicht. Mir kommt es hauptsächlich darauf an, möglichst gute Zeichnungen zu machen, mich bei der Arbeit an diesen zu amüsieren und womöglich noch bezahlt zu werden. Ich bin ein ge­wöhnlicher Egoist, was die anderen und besonders die engagierten Leute ja auch sind. Fortschrittlich bin ich leider nicht. Das fallt mir umso leichter, als nicht einmal die fortschrittlichen Menschen fortschrittlich sind, dies aber sorg­fältig verbergen. Ich bin verheiratet, habe drei Kinder und reise nicht sehr viel.

Ferne Länder kann ich mir auch vorstellen. Es ist mir sehr lieb, wenn Gesell­schaften aus nicht mehr als sechs Personen bestehen, und ich gehe gerne im Wald und im Gebirge spazieren. Aufregende Liebhabereien, außer dem Sammeln von Bildern, pflege ich nicht. Ich lese gerne, besonders Selbstzeugnisse, Biographien und historische Werke.

Je mehr ich mir historische Kenntnisse aneigne, desto sicherer bin ich, daß es keinen Fortschritt auf der Welt gibt und daß sich lediglich in Intervallen die Dummheiten und die Gescheitheiten, letztere leider viel seltener, wiederholen.«

(Zitat Ende)

Ich bin zwar sicher, dass ich als Kulturwissenschaftler hier noch etwas dazu sagen sollte, aber erstens neigt sich die Sendezeit schon wieder dem Ende zu, und zweitens ist das ja eine Sendung über Paul Flora, und so soll dieser großartige tiroler Künstler auch das letzte Wort haben.

Musik:

Monsieur Corbeau Au coeur du vide 5:09

Abmoderation

So, aber nun genug hinterfragt für heute. Ich danke euch herzlich fürs Zuhören und hoffe, die Sendung hat euch wieder gefallen.

Und wie immer noch der Hinweis auf die Internet-Seiten zur Sendung:

Kritik, sowohl negative als auch positive, Wünsche und Anregungen könnt ihr gerne an mich per eMail senden: radio@hinterfragt.at.

Und wer die Sendung nachlesen möchte: die begleitende Website ist zu finden unter hinterfragt.at, dort findet ihr auch alle Links, oder könnt Kommentare zur Sendung abgeben. Ich spiele sowohl das Skript als auch den Mitschnitt so rasch wie möglich, meist noch am Tag nach der Sendung, auf die Website, und den Mitschnitt auch auf das Cultural Broadcast Archive, cba.fro.at.

Außerdem könnt ihr mir auch auf Twitter folgen @hinterfragtAT oder auf Facebook unter hinterfragt.

Das war Ewald Strohmar-Mauler mit der Sendung hinterfragt. Das kulturwissenschaftliche Magazin.

immer am zweiten Dienstag im Monat um 20 Uhr auf FREIRAD, dem Freien Radio Innsbruck, und die Wiederholung am 4. Donnerstag um 9 Uhr Vormittag.

Und nun verabschiede ich mich und wünsche euch noch eine gute Zeit.

Abspannmusik

xxx

1 http://austria-forum.org/af/AEIOU/Flora,_Paul

2 Vgl Flora, Paul, and Marion Aichberger. Gedrucktes Von Paul Flora. , 2012. Print.

3 Flora, Paul, and Daniel Keel. Dies Und Das: Nachrichten Und Geschichten. Zürich: Diogenes, 1997. Print.

4 Godele von der Decken, Paul Flora. Ein launischer Rabe mit der Tuschfeder, in: Zeitschrift TIROL (Kultur- und Tourismuszeitschrift) Nr. 40, 1992

5 Auskunft des netten Angestellten in der Galerie Thomas Flora, Gespräch am 3.8.2016

6 Habarta, Gerhard. Lexikon Der Phantastischen Künstlerinnen Et Künstler: Surrealisten, Phantasten, Symbolisten, Visionäre. Norderstedt: Books on Demand, 2013. Print.

7 Fliedl, Konstanze, Marina Rauchenbacher, and Joanna Wolf. Handbuch Der Kunstzitate: Malerei, Skulptur, Fotografie in Der Deutschsprachigen Literatur Der Moderne. Berlin: De Gruyter, 2011. Internet resource.

8 AaO 405

9 AaO 216

10 https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_%C3%B6sterreichischer_bildender_K%C3%BCnstler#F

11 Auskunft des netten Angestellten in der Galerie Thomas Flora am 3.8.2016

12 Flora, Paul, and Daniel Keel. Dies Und Das: Nachrichten Und Geschichten. Zürich: Diogenes, 1997. Print.

Kommentieren ist momentan nicht möglich.

Tags
Radiosender

Yeezy boost 350 V2 Yeezy boost 350 V2 for sale Yeezy 350 V2 for sale Yeezy 350 V2