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Sendung vom 8. November 2016: Alpintourismus

Ich begrüße euch, liebe Hörerinnen von FREIRAD! Am Mikrofon ist wieder Ewald Strohmar-Mauler mit einer neuen Ausgabe von „hinterfragt.“, dem kulturwissenschaftlichen Magazin.

Die heutige Sendung trägt den Titel:

Alpintourismus

Ich habe ja bereits vor einem Jahr eine Sendung über Tourismus in Tirol gemacht, doch ich besuchte in den letzten Wochen zwei Veranstaltungen, die mich bewogen haben, das Thema Tourismus nochmals aufzugreifen, und zwar eben mit dem Schwerpunkt »alpin«.

Die beiden Veranstaltungen waren zum einen die Ausstellung »Hoch hinaus! Wegen und Hütten in den Alpen«, des Alpenvereins-Museums im Kooperation mit dem Archiv für Baukunst, zum anderen die Alpinmesse.

Ich werde somit einige Impressionen dieser beiden Veranstaltungen geben, eingebettet wie immer in theoretisch-kulturwissenschaftliche Gedanken zum Thema Alpintourismus.

Doch zunächst ein Stückchen Musik, und zwar:

Musik:

Axis Mundi Actum: Montani Semper Liberi 4:25

Teil 1: Überblick

Der Begriff Alpintourismus setzt sich zusammen aus den Worten Alpin und Tourismus, so weit, so gut.

Die Schwierigkeit, eine Definition für »Tourismus« zu finden, habe ich ja bereits in der November-Sendung 2015 eingehend besprochen. Darum will ich hier nicht näher darauf eingehen, ich nenne nur die Stichworte: Distanz, Aufenthaltsdauer und Aufenthaltsgrund.

Kurz gesagt, sind Touristinnen – nach meiner Definition – Menschen, die sich länger als 24 Stunden, aber nicht zu gewerbsmäßigen Zwecken oder aus politischen Gründen, an einem anderen Ort als ihrem Heimatort aufhalten, zu dem sie freiwillig und mit der Absicht der Rückkehr nach Hause gereist sind.

»Alpin« ist aber ein ähnlich schwieriger Begriffe, den obwohl er ursprünglich rein auf den Gebirgszug der Alpen beschränkt war, hat sich die Bedeutung erweitert.

So bedeutet er etwa mit dem derivativen Suffix -ismus – also Alpinismus – laut Wikipedia1 schlichtweg das Bergsteigen, und hier ist es egal, ob in den Zillertaler Alpen oder am Nanga Parbat geklettert wird.

Zitat: »Im erweiterten Sinn wird Bergsteigen auch als Alpinismus bezeichnet und umfasst Tätigkeiten wie Bergwandern, Alpinwandern und Trekking, die Erforschung bzw. Kartografie unbekannter Berggebiete, sowie Naturschutz und Bergführerwesen.«

Alpinsport ist jeglichen »Bergsport, sommers wie winters«2, wobei Alpines Schilaufen dann wieder nur die Schisportarten mit fester Bindung bedeutet.3

Ach ja, außerdem ist Alpin noch ein begehrter Vorname piktischer Könige.

Doch zurück zum Thema: ich weiß ja nicht, wiel viele Hotels sich Alpin-Hotel nennen, oder wie oft der Begriff noch in Namen für touristische Einrichtungen Verwendung findet, aber einige Zehntausend dürfen es im Bereich der Alpen schon sein. Dieser umfasst ja 1200 Kilometer Länge und bis zu 250 Kilometer Breite zwischen dem ligurischen Meer in Frankreich / Italien und dem Pannonischen Becken vor Ungarn. Anteil an den Alpen haben die Länder Frankreich, Monaco, Italien, Schweiz, Liechtenstein, Deutschland, Österreich und Slowenien.

Und wenn wir vom Adjektiv »alpin« kurz zum Substantiv »Alpen« abschweifen, finden wir auf der betreffenden Wikipedia-Seite sogar nicht mehr, und nicht nur die Erkenntnis, dass die Wikipedia-Autorinnen ruhig mal mehr über den Tellerrand ihrer zu bearbeitenden Seite hinausblicken können, da steht nämlich (Zitat):

»Die heutige Wortfamilie ist vielfältig:

  • Die ursprüngliche Bedeutung von Alpe ist heute noch im alemannischen Sprachraum lebendig: in Vorarlberg und Tirol als Alpe, in der Schweiz seit dem Mittelalter zu Alp verkürzt, im Schwäbisch als Alb; im Bairischen mit der Bedeutung „Bergweide“ zu Alm verschliffen.

  • Reste der Bedeutung „Weide“ finden sich noch vielerorts (und nicht auf die Alpen beschränkt) auch in Flurnamen wie Alpe, Alpe oder Aelpli.

  • Als übertragener Name taucht Alpen in den Namen weiterer Gebirge auf, z. B. Apuanische Alpen, Australische Alpen, Japanische Alpen, Neuseeländische Alpen.

  • Alpin bedeutet auch allgemein „gebirgig“, z. B. alpine Stufe (eine Hochgebirgsstufe), oder steht synonym für „Berg-“, z. B. alpines Klettern, Ski alpin.

  • Alpid bezeichnet eine erdgeschichtliche Gebirgsbildungsphase. Der alpidische Gebirgsgürtel erstreckt sich von Europa bis Ostasien.4« (Zitat Ende)

So, nun aber genug Haare gespalten, es liegt der Schluss nahe, dass es sich um Alpintourismus handelt, wenn sich eine Person länger als 24 Stunden in einer Gebirgsregion aufhält, zu welcher sie (freiwillig und mit Rückkehrabsicht) gereist ist.

Wozu macht mensch aber »Urlaub in den Bergen«? Googelt mal danach! Ich habe das gemacht, und einiges Interessante festgestellt.

Zunächst mal, dass Menschen des Internet-Zeitalters gerne Listen schreiben:

»5 Gründe für einen Urlaub in den Bergen« bietet etwa der Blog der Alpenregion Tegernsee-Schliersee an, gar »20 Gründe, (k)einen Urlaub in den Bergen zu machen« findet mensch auf snowplaza.de, dann gibt es »6 gute Gründe für Urlaub auf der Alm« kann der Blog »Urlaub auf der Alm«5 nennen, die Dammer Berge zwischen Bremen und Osnabrück würden zwar wir Tirolerinnen nicht so nennen, ist dorch deren höchster Gipfel bloß 148 m hoch, jedoch haben sie »10 Gründe für Ihren Urlaub« dort anzubieten. Und die »Welt« hält ein »Plädoyer: Die zehn besten Gründe für den Süden Deutschlands« mit Schwerpunkt auf »Berge und Wasser, Wein und Dirndl«.6

Doch konkret zu den Gründen, die da so genannt werden:

  • die »unberührte« Natur, die »schöne Aussicht« aber auch Kultur und Brauchtum

  • Vermeidung langer Anreisen7

  • Aktiv statt »All inklusive« / Abenteuer Bergsteigen, auch wird immer wieder auf Bademöglichkeiten verwiesen – auf Berge kraxeln ist ja doch nicht alles

  • Gastfreundlichkeit und gutes Essen bis hin zu Hüttengaudi und Apres ski

  • Vielfältige Möglichkeiten für Kinder

Interessant auch, dass eigentlich zumeist betreffend den Urlaub die Entscheidung »Berge oder Meer« die Beiträge in den Blogs einleitet, also nicht »Berge oder USA-Rundreise«, »Berge oder Ausgrabungen«, »Berge oder Balkon«.

Meist gilt auch die Formel Berge = Ruhe und Erholung.

Allein für die Tirol Werbung sind Berge hauptsächlich gekennzeichnet durch Bewegung und Aktion. Wenn wir schon dabei sind, präsentier ich euch abschließend die Gründe, die die Tirol Werbung so angibt:

Gründe für Tirol im Winter

Tirol punktet mit dem Wintersportangebot und den Bergen

Hohe Wintersportkompetenz: attraktive Skigebiete und Schneesicherheit

Ruhe, Landschaft, Natur

Gute Erfahrungen in der Vergangenheit

Freundlichkeit der Bevölkerung, Gastlichkeit

Gute Erreichbarkeit

Top-Unterkünfte

Gründe für Tirol im Sommer

Sportangebot, Angebot an Wander-/Radwegen und MTB-Strecken

Ruhe

Gastfreundschaft

Gute Erfahrungen in der Vergangenheit

Qualität der Unterkünfte

Gute Luft, gesundes Klima

Musik:

Cyril Pereira: Margueritte 3:19

Teil 2: Einblick

Nun komme ich zu einigen kulturwissenschaftlich interessanteren Themen im Bereich des Alpintourismus. Zunächst aber zur wirtschaftlichen Bedeutung des Tourismus im Alpenraum. Ich zitiere hier aus dem »Infoblatt Alpentourismus« aus dem Klett-Verlag8, welches eine schöne und leicht verständliche Zusammenfassung bietet:

»Der Fremdenverkehr und die damit verbundene Freizeitwirtschaft haben für viele Alpenregionen eine zentrale Bedeutung für Einkommen und Beschäftigung. In den ländlichen und hochalpinen Gebieten ist der Tourismus gar existenziell geworden. Wo einst die Landwirtschaft die einzige Einkommensquelle war und ganze Landstriche von Abwanderungen geprägt waren, hat der Tourismus die Arbeits- und Lebensbedingungen nachhaltig gew andelt. In einer Vielzahl von Berggemeinden hat der Fremdenverkehr Wohlstand gebracht und ist gegenwärtig der wichtigste Wirtschaftszweig. Diese monotouristische Entwicklung hat jedoch zur ökonomischen Abhängigkeit geführt, wobei alternative Entwicklungsmöglichkeiten kaum Potenzial besitzen. Ergänzt von Landwirtschaft, der Nutzung als Wasserreservoir und Transitkorridor, sind die Alpen, ökonomisch betrachtet, als Freizeitraum umfunktioniert worden. In vielen Alpen-Gemeinden liegt der Anteil des Fremdenverkehrs an der wirtschaftlichen Gesamtwertschöpfung bei über 80 %. Einige Regionen sind dadurch von einer verstärkten Verstädterung gekennzeichnet, während andere Gebiete gar veröden und sich entleeren.«

(Zitat Ende)

Aus wirtschaftlicher Sicht könnte hier fortgesetzt werden mit dem Strukturwandel im Alpintourismus, welcher ca. seit den 1980er Jahren stattfindet, auch könnte über die Schäden für die Landschaft, welche als direkte oder indirekte Folge des Tourismus erkannt wurden, berichtet werden.

Sinngemäß kann manches von diesen Problemfeldern übrigens sicherlich auch für den Tourismus in andere Regionen umgelegt werden, wenn anstatt Bergen etwa Korallenriffe durch touristische Aktivitäten in Mitleidenschaft gezogen werden.

Kulturwissenschaftlich interessanter ist natürlich, was der Tourismus aus den Menschen gemacht hat. Hier gilt es ja eigentlich drei Gruppen von Menschen zu betrachten, denn Torismus findet ja in drei »Räumen« statt: dem Heimatraum, dem Transportraum und dem Destinationsraum, und hier haben wir es immer mit Menschen und ihren jeweiligen Kulturen zu tun.

Im Heimatraum befinden sich die Touristinnen, wenn sie ihren Urlaub oder ihre Geschäftsreise planen, buchen, sich darauf vorbereiten. Hier befinden sich aber auch die Reisebüros und Transportunternehmen, bei denen die Reise gebucht wird, die Buchhandlungen, welche Karten und Reiseführer verkaufen, die Läden, in welchen die Ausrüstung erstanden wird, usw. Oder der Computer, über den das alles per Internet abgehandelt wird. Und der Heimatraum ist auch das letztliche Ziel der Reise, denn dorthin kehren die Touristinnen wieder zurück, um Freunden und Bakennten von ihrer Reise zu berichten – wobei auch das heute oftmals über das Internet durchgeführt wird.

Der Transportraum ist dann jener des Reisens. Früher war dieser oft auch Sinn der ganzen Angelegenheit, die Tour, das Entdecken war Hauptinteresse – darum heißt es ja Tour-ismus. Heute ist die Reise oft nur das notwendige Übel, damit mensch zu ihrem Zielort kommt, wo dann eigentlich erst der Urlaub beginnt – bei Geschäftsreisenden ist dies sowieso klar. Doch bei Kindern, die auf der Reise noch viel entdecken können, bei Urlaubsangeboten wie Radtouren, Pilgerwege, Planwagentrips, Segeltörns oder einer USA-Rundreise per Wohnmobil ist der Gedanke der Tour wieder da, und »der Weg ist das Ziel«.

Für alle anderen ist der Destinationsraum das wahre Ziel der Reise, und der heutige Tourismus ist weitgehend auf diese Tatsache ausgerichtet. Ankommen bedeutet Urlaub. Alle Aktivitäten sind daraus aufgebaut, dass mensch sie von der gebuchten Unterkunft aus durchführen kann: da wird mit Schipisten oder Mountainbikestrecken bis vor die Hoteltür geworben.

Meist jedoch werden nur die »Bereisten« untersucht, doch ist auch dieses Forschungsfeld äußerst ergiebig. Ich zitiere im Folgenden Reinhard Bachleitner9:

»Soziale Bewertungsdimension

Neben der ökologischen und ökonomischen Einschätzung des Tourismus setzte auch eine sozialkritische Beurteilung des Massentourismus in den Alpen ein, da die „Bereisten“ durch den Tourismus mit starken Veränderungen im alltäglichen Lebensvollzug konfrontiert waren. Schlagzeilen in den Medien wie etwa „Aufstand der Bereisten“ oder „Schützt uns vor Massentourismus“ waren im Alpenraum keine Seltenheit, und selbst die These eines den Suizid fördernden Tourismus findet sich in der Literatur.10

Die „klassische“ Sozialkritik am Tourismus geht in drei Richtungen:

Erstens: Tourismus führe zur Auflösung sozialer Bindungen und zum Schwund des lokalen Sozialgefüges, da er mit seiner Dominanz des Kommerzdenkens wenig Raum für Sozialität lasse (sozialstrukturelle Bewertungsdimension).

Zweitens: Tourismus verändere die Identität und Mentalität der Bereisten, da es durch die Fremden zur Ûberfremdung des Selbst und der Region komme.

Drittens: Zu Negativeffekten durch den Tourismus komme es vor allem bei jenen, die im touristischen Dienstleistungsbereich tätig sind, da hier aufgrund der zeitlichen/saisonalen Beanspruchungen gesundheitsbezogene Beeinträchtigungen auftreten könnten.11

Kurz: Die Konfrontation mit dem Fremden und Andersartigen forciert bei so manchem das Gefühl von Ablehnung und Unsicherheit für das Selbst und Ich, das dann als Bedrohung durch den Tourismus empfunden werden kann, wenngleich nicht muss.12

Auf der positiven Bewertungsseite wird in diesem Zusammenhang von sozialer Bereicherung und der Möglichkeit eines Sozialisationsfelds für Aufgeschlossenheit gegenüber dem Fremden und kulturell Andersartigen gesprochen. Tourismus biete sich als Chance für vielfältige Sozialisationsmöglichkeiten im soziokulturellen Bereich an oder, wie es Wolfgang Lipp13 formuliert: Fremdenverkehr und Alpen sind „kulturelle Curricula“, gleichsam eine „Schule Europas“ für gegenseitige Lernprozesse.

Kulturelle Bewertungsdimension

Die jüngste Facette der Bewertungsdimension stellt im Zuge des zunehmenden Kulturalismus in postmodernen Gesellschaften der vom und über Tourismus ausgelöste Kulturwandel dar. Das Spektrum der Einstellungen reicht auch hier vom angeblichen Kulturverlust bis zur Wiederbelebung und Verdichtung von kulturellen Aspekten. Drei Positionen seien hier aufgeführt:

  • Durch Tourismus drohe generell ein Kulturverlust, da jeder Tourismus die über lange Zeiträume hinweg gewachsenen Traditionen und Strukturen der Zielregion verändere.

  • Durch Tourismus verkomme das regionale Brauchtum; Folklore werde zum Folklorismus, da die sinnstiftenden Funktionen durch die Inszenierung für den Tourismus verloren gehen, ein artifizieller Charakter werde erkennbar (Verlust des „Authentischen“).

  • Umgekehrt trage der Tourismus zur Stärkung, Wiederbelebung und Pflege regionaler Kultur – insbesondere des Brauchtums – bei. Er belebe auch alte Handwerkstraditionen und stärke die kulturelle Identität der Region.

Ausgehend von dieser Polarisierung wird u. a. ein „Kultur-/Sozialschutz“ analog dem „Naturschutz“ für Regionen mit überforciertem Tourismus gefordert.« (Zitat Ende)

Ich denke, damit sind wohl viele der Knackpunkte angesprochen – für eine ausführliche Behandlung derselben reicht allerdings diese Sendung bei weitem nicht aus, diskutieren doch Expertinnen seit Jahrzehnten immer wieder darüber, und vermutlich wird die einzige wahre Lösung nie gefunden werden, denn die Entwicklung der Freizeitindustrie und somit des Tourismus geht rasant weiter, die Wissenschaftlerinnen hinken da immer ziemlich hinterher.

Musik:

Electric Zoom: My Dream 4:28

Zwischenmoderation

Für alle, die sich erst später zugeschaltet haben:

Hier ist „hinterfragt„, das kulturwissenschaftliche Magazin live auf FREIRAD, dem freien Radio in Tirol! Mein Name ist Ewald Strohmar-Mauler.

Das heutige Thema ist Alpintourismus, und ich habe nach einer begriffsklärenden Einleitung auf einige der Problemfelder im Tourismus aufmerksam gemacht.

Weiter geht es nach etwas Musik dann mit einem Blick auf Innsbruck als Hauptstadt der Alpen und zum Schluss noch ein Blick auf die Ausstellung »Hoch hinaus« des Alpenvereins-Museums und ein Rückblick auf die Alpinmesse vom 29./30. Oktober 2016.

Musik:

Coucou: Bass choir 2:22

Teil 3: Seitenblick

»Die 7 Erfolgsmuster der Stadt Innsbruck:14

  • Faszination alpine Bergwelt

  • Kompetenzfeld Sport

  • Pulsierender urbaner Raum

  • Avantgardistische alpine Ästhetik

  • Jung, intelligent, weltoffen

  • Gesundes Leben

  • Ökologische Exzellenz«

Das war die Kurzfassung von Innsbrucks Programm, dem Anspruch »alpin-urban« zu sein, gerecht zu werden.

Bevor Innsruck aber alpin-urban wurde, sah es sich gern als »Hauptstadt der Alpen«15. So war der Slogan auch dem alten Logo der Stadt beigefügt. Interessanterweise wird diesem Prädikat auch nirgendwo widersprochen, zumindest konnte ich im Internet keine Information darüber finden, dass sich eine andere Stadt, welche in den Alpen liegt, darüber beschwert hätte.

Das neue Logo, das mit dem berühmten Apostroph zwischen Inns und Bruck, ein bekannter Stein des Anstoßes vieler heißer Diskussionen, wurde damals (2010) jedenfalls laut offizieller Presseerklärung so erläutert:

»Der durch ein Apostroph getrennte und über zwei Zeilen gehende rote Innsbruck-Schriftzug soll in erster Linie einen „Dialog der Kontraste – alpin und urban“ widerspiegeln, wobei der obere Teil die Berge und der untere Teil die Stadt symbolisiert.16«

Ein Dialog der Kontraste also. Uns, die wir im Großraum Innsbruck leben und den größten Teil unseres Berufs- und/oder Freizeitlebens dort verbringen, fallen die Berge vielleicht gar nicht so auf. Die Nordkette ist erstens praktisch zum Auffinden von Objekten – wir wissen immer, wo Norden ist.

Zweitens sind die Berge um Innsbruck einfach zu erreichende Naherholungsgebiete und für viele Menschen der Hauptgrund, sich für Studium oder Arbeit für Innsbruck zu entscheiden statt für, sagen wir, Bielefeld.

Drittens kommt gutes Wasser aus den Bergen, und muss nicht so weit geleitet werden wie etwa in Wien.

Doch zu den Kontrasten, da möchte ich doch zwei der ausgefeilten »Erfolgsmuster« von der offiziellen Seite zitieren:17

»Faszination alpine Bergwelt

Die Bergwelt um Innsbruck ist nicht nur eine atemberaubende Bergkulisse, sondern bietet auch unzählige Sport- und Freizeitmöglichkeiten wie Skifahren, Snowboarden, Downhill-Racing, Bergsteigen und Wandern. Diese Faszination soll zukünftig verstärkt kommuniziert und auch den Gästen der Stadt aktiv nähergebracht werden.«

Und dem gegenüber:

»Pulsierender urbaner Raum

Städtebaulich interessante Maßnahmen wie z. B. die FußgängerInnenzone in der Maria-Theresien-Straße, die Neueröffnung des Kaufhaus Tyrol sowie der weltweit größte Swarovski-Shop in der Innsbrucker Altstadt bieten einen faszinierenden Mix aus spezialisierten EinzelhändlerInnen und Shoppingcenter und wirken so als Magnet für Bürgerinnen und Gäste gleichermaßen. Innsbruck wird zukünftig weitere Akzente setzen, um als pulsierend urban wahrgenommen zu werden.«

Also, kurz gesagt: Berge für den Sport und die Stadt fürs Einkaufen. Nun ja. Da hilft auch die »Avantgardistische alpine Ästhetik« nicht mehr viel, obwohl

»Hier punktet Innsbruck vor allem durch herausragende und international anerkannte architektonische Bauten wie zum Beispiel die Hungerburgbahn, die Rathausgalerien, die Bergisel-Schanze, das Kaufhaus Tyrol etc. Diese Designlinie soll weiterverfolgt werden: in der Architektur, in der Kommunikation und in diversen Produktentwicklungen.«

Ich kann mich zwar erinnern, gerade gestern noch gotische und barocke Bauten in Innsbruck gesehen zu haben, aber vielleicht gehen die Menschen vom Stadtmarketing auch nur mit über den Smaprtphone-Bildschirm gesenkten Blick durch die Stadt, wie so viele andere…

Jung, gesund und ökologisch sind weitere Ziele, die verfolgt werden,

Ich habe das Gefühl, dass alles, was vielleicht allzu altbacken-konservativ, oder auch tirolisch-rustikal rüberkommen könnte, bewusst ausgeblendet wurde… offenbar passt dies weder zu alpin noch zu urban. Und das finde ich schade, denn wenn die historische Basis der Kultur ignoriert wird, tut das selten gut. Und es wird ja auch die zeitgenössische Kultur tunlichst vernachlässigt, denn es wird vom Stadtmarketing ja auch nicht auf Theater, Musik, Ausstellungen und andere kulturelle Angebote verwiesen – die meiner Meinung nach aber eine moderne Stadt erst zur Stadt machen. Denken wir scharf nach: warum fahren wir hin und wieder denn z.B. nach Wien, Dresden oder Hamburg? Genau, wegen eines Musicals oder einer Oper. München ist eine andere Geschichte, das liegt zu nahe und wird daher auch zum Einkaufen oder als Flughafen benötigt.

Im übrigen habe ich hierzu auch auf provinnsbruck.at einen Beitrag aus 2013 gefunden,18 in welchem überhaupt dafür plädiert wird, die Berge endlich mal zu ignorieren und aus Innsbruck eine vernünftige Stadt zu machen. Es würden generell bei ausländischen Berichten über Innsbruck und somit in den Köpfen der Touristinnen nur die (Winter)sportmöglichkeiten gesehen, nicht aber das Städtische. Irgendwie wäre es auch nicht klar, ob es sich bei Innsbruck um ein größer geratenes Dorf, eine Klein- oder gar eine Großstadt handelt. Hier gilt es vor allem die Argumente aus der Diskussion unterhalb des Blogbeitrages zu verfolgen. Doch die Auflösung steht im letzten Satz des Beitrages selbst: Innsbruck ist nämlich die Kernstadt der EU-Metropolregion AT005M. Und da ich bisher noch nichts davon gehört hatte, musste ich das auch weiter verfolgen: ja, es stimmt, so etwas wie Metropolregionen gibt es tatsächlich,19 und in Österreich fünf davon: Wien, Linz, Graz, Salzburg und Innsbruck.

Natürlich stellt sich die Frage, wie weit der Tourismus in einer Stadt wie Innsbruck auch als Alpintourismus gewertet werden kann: also alle Menschen, die nicht des Bergsports wegen hierher kommen, auch Alpintouristinnen sind oder etwa »nur« Städtetouristinnen. Wäre Innsbruck ein Dorf, stellte sich diese Frage ja auch gar nicht, könnte ich ironisch anmerken, denn ein Alpendorf gehört selbstverständlich auch zum Alpentourismus… aber die Hauptstadt der Alpen, noch dazu mit Apostroph?

Vielleicht habt ihr ja Lust, drüber zu diskutieren, ich spiele dazu jetzt ein wenig Musik…

Musik:

NuJazz-Trio: Colours of Autumn 3:26

Teil 4: Ausblick

Nun zum Abschluss noch, wie versprochen, meine Impressionen zur Ausstellung »Hoch hinaus. Wege und Hütten in den Alpen« – organisiert vom Alpenvereins-Museum und loziert im Archiv für Baukunst im 8.Stock des Adambräu. Wahrlich, hoch hinaus muss mensch hier, um zur Ausstellung zu gelangen, glücklicherweise gibt es einen Lift. Und schon ist mensch mitten im Geschehen: ein Regal mit Hüttenschuhen begrüßt die Interessentinnen… die müssen aber nicht angezogen werden. Die Ausstellung selbst zeigt in vielen Plänen und Modellen die Geschichte der touristischen Erschließung der Alpen »von oben«, eben durch die Errichtung von brauchbaren Wegen sowie natürlich den beliebten (und notwendigen) Schutzhütten. Dass das Wegenetz nicht einfach vom Himmel gefallen ist oder eh schon immer da war, vergißt mensch nämlich gerne. Vor allem in höheren Lagen waren es ja nciht mehr die Gemeinden, die für ihre Sommerfrischlerinnen Spazierwegerln errichteten, sondern eben die alpinen Vereine, die sich die ehrenamtliche Mühe machten und heute noch machen, das Wegenetz aufzubauen und auch zu erhalten.

Und die Hütten verdienen besondere Aufmerksamkeit: war ihre Errichtung doch oft ein Kampf gegen die Natur: schon alleine das Auskundschaften einer geeigneten, weil lawinensicheren, Lage ist eine Aufgabe für sich, dann muss die Finanzierung sicher gestellt werden, die Planung ist auch keine Kleinigkeit für Architektinnen, die üblicherweise nicht fürs Hochgebirge bauen, Einzelteile mussten früher mühsam vom Tal auf den Berg geschleppt werden – heute geht es etwas leichter mit Hubschraubern. In der Ausstellung, die übrigens noch bis 3. Februar 2017 zu sehen ist, findet ihr auch sehr interessante Pläne für Alpenvereins-Hütten von namhaften Tiroler Architektinnen. Und nebenbei auch einige historische Einrichtungsgegenstände und Allerlei, was man so auf Hütten findet, auch diverse Hinweis- und Verbotstafeln, bei denen man ganz nett auch den kulturellen Wandel vom Einzel- zum Massentourismus erkennen kann.

Apropos Massen:

Zwei Mal im Jahr findet in Innsbruck die Alpinmesse statt, und ich war dieser Tage auf der »Winter«-Ausgabe. Eigentlich wollte ich ja für diese Sendung recherchieren, eine Alpinmesse sollte ja etwas zum Thema Alpintourismus anzubieten haben. Nun bin ich ja kein Wintersportler, und schon gar keiner, der irgendwelche irrwitzigen Extremdinger durchführt, aber auf diese Zielgruppe war diese Messe offenbar ausgerichtet. Es gab gefühlte 97% Ausrüstung, Jacken, Hosen, Schuhe, die diversen Bretter, Mützen, Sonnenbrillen, Rücksäcke, und ab und zu auch Seile und/oder Haken. Dann gab es eine Ecke mit Veranstaltern von Reisen – allerdinga fast ausschließlich Fern- oder Extremabenteuerreisen – wo ich mich schon gefragt hatte, wieso muss jemand nach Lappland oder Nepal zum Skifahren, aber bei den Liftkartenpreisen in Tirol herumsumsen…

Alpinart nante sich eine Fotoausstellung von der Fotosektion der Naturfreunde. Diese war denkbar schlecht paltziert: die Bilder hingen im Foyer gegen das Fenster aufgehängt, sodass die Motive sonnenbedingt eh schon sehr schlecht zu sehen waren, und dann waren die Bilder auch noch großteils zu dunkel ausgearbeitet – was bei einer Aufhängung gegenüber, also schön beleutet, ideal gewesen wäre. Naja, und dass natürlich Bilder, die Preise gewinnen, heute in HDR aufgenommen werden müssen, nervt mich sowieso. Aber passte zur Messe: der Einsatz von technischen Hilfsmitteln ist offenbar wichtiger als das Können, dieser Eindruck zog sich ja durch.

Was ich nicht gefunden habe, waren die heimischen Tourismusverbände. Bis auf St.Anton mit einem peinlich winzigen und leicht übersehbaren Stand glänzten sie alle durch Abwesenheit. Schade, dann einen tirolischen Kontrapunkt zu Heliskiing in Nepal hätte ich gerne gesehen.

Nicht gefunden habe ich leider Anbieterinnen von einschlägigen Kursen für Anfängerinnen oder sonstigen Menschen, die sich nicht schon zu den Super-Bergprofis zählen.

Nun aber zum Positiven: gut fand ich den Bereich für Startups, hier wurden einige Innovationen gezeigt, die nicht uninteressant waren, wie etwa eine Community-Plattform für Produkttests, outside-stories.de. Hier können Nutzerinnen von Outdoor-Equipment dieses für andere bewerten. Geld verdienen die Betreiber dann dadurch, dass Partnershops die bewerteten Produkte anbieten und bei Kauf eben vom Shop an die Betreiber Provision gezahlt wird.

Was mich allerdings am meisten begeistert hat, war keine technische Innovation oder abenteuerliche Präsentation, sondern etwas ganz Schlichtes. Wenn ich als Kind mit meinen Eltern wandern war, gab es auf vielen Hütten und in allen Souvenirläden die sogenannten Stocknägel: kleine wappenschildförmige Metallplättchen mit einem lokalen Motiv (also meist einem Berg oder einer Sehenswürdigkeit) und dem Namen des Ortes oder Gipfels. Diese nagelten wir dann mit winzig kleinen Nägelchen auf unsere Wanderstöcke. Und dann kam nicht nur die Pubertät und Adoleszenz und wir gingen nicht mehr mit den Eltern wandern, sondern auch die hölzernen Wanderstöcke verschwanden und wurden ersetzt durch hightech-Teleskopstöcke aus Aluminium-Legierungen. Da kannst du keinen Nagel reinhämmern, also nicht wirklich. Hierfür gibt es jetzt Abhilfe, denn ein junges Tiroler/Berliner Paar hat sich mit dem Originalhersteller zusammengetan, der noch die alten Designs hat und stellt jetzt Stock«nägel« ohne Nägel her, die nicht nur in der Form an die modernen Stöcke angepasst, sondern auch quasi unherunterkletzelbar angeklebt sind. Und noch dazu gibt es jetzt auch zusätzlich zu den klassischen Designs noch coole Sprüche auf den Plättchen. Ich würde sagen: eine alte Kulturtradition, zeitgemäß angepasst. Da ich hier im nichtkommerziellen Radio aber keine Werbung machen darf: googelt mal nach „Projekt Stocknagel“20.

Damit bin ich auch schon am Ende der Sendung angelangt, jetzt noch ein wenig Musik…

Musik:

Somewhere off Jazz Street: Outside Looking In 3:51

Abmoderation

So, aber nun genug hinterfragt für heute. Ich danke euch herzlich fürs Zuhören und hoffe, die Sendung hat euch wieder gefallen.

Und wie immer noch der Hinweis auf die Internet-Seiten zur Sendung:

Kritik, sowohl negative als auch positive, Wünsche und Anregungen könnt ihr gerne an mich per eMail senden: radio@hinterfragt.at.

Und wer die Sendung nachlesen möchte: die begleitende Website ist zu finden unter hinterfragt.at, dort findet ihr auch alle Links, oder könnt Kommentare zur Sendung abgeben. Ich spiele sowohl das Skript als auch den Mitschnitt so rasch wie möglich, meist noch am Tag nach der Sendung, auf die Website, und den Mitschnitt auch auf das Cultural Broadcast Archive, cba.fro.at.

Außerdem könnt ihr mir auch auf Twitter folgen @hinterfragtAT oder auf Facebook unter hinterfragt.

Das war Ewald Strohmar-Mauler mit der Sendung hinterfragt. Das kulturwissenschaftliche Magazin.

immer am zweiten Dienstag im Monat um 20 Uhr auf FREIRAD, dem Freien Radio Innsbruck, und die Wiederholung am 4. Donnerstag um 9 Uhr Vormittag.

Und nun verabschiede ich mich und wünsche euch noch eine gute Zeit.

Abspannmusik

1 https://de.wikipedia.org/wiki/Bergsteigen

2 https://de.wikipedia.org/wiki/Alpin

3 Ebd.

4 https://de.wikipedia.org/wiki/Alpen

5 Urlaubaufderalm.org

6 https://www.welt.de/reise/nah/article106436715/Die-zehn-besten-Gruende-fuer-den-Sueden-Deutschlands.html

7 Vgl hier auch den Slogan der Tirol Werbung »so nah, so fern«

8 Infoblatt Alpentourismus. Bedeutung, Entwicklung und Probleme des Alpentourismus, http://www.klett.de/alias/1015012, abgerufen 1.11.2016

9 Bachleitner, Reinhard: Alpentourismus: Bewertung und Wandel, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 47 / 2001

10 Vgl. Reinhard Bachleitner/Martin Weichbold, Tourismusbedingter Suizid? Fehler und Fallen beim korrelationsstatistischen Nachweis, in: Ústerreichische Zeitschrift für Soziologie, 23 (1998) 4, S. 22 -34.

11 Vgl. Reinhard Bachleitner, Gesundheit im Tourismus oder der Einfluss gesundheitssuchender Besucher auf die Gesundheit der Besuchten, in: psychosozial, 20 (1997) 3, S. 13 -20.

12 Vgl. Reinhard Bachleitner, Von Naturschützern, Tourismusfressern und dem Miteinander, in: Erlebniswelt Nationalparks – das touristische Potenzial der Zukunft? Tagungsband der Nationalparkakademie Hohe Tauern, Matrei in Osttirol 2001, S. 24 -33.

13 Wolfgang Lipp, Alpenregion und Fremdenverkehr. Zur Geschichte und Soziologie kultureller Begegnungen in Europa, besonders am Beispiel des Salzkammerguts, in: ders., Heimat -Nation -Europa. Standorte in Bewegung, Würzburg 1999, S. 108.

14 https://www.innsbruck.gv.at/page.cfm?vpath=wirtschaft–gewerbe/wirtschaftsstandort-innsbruck/innsbruck-alpin-urban

15 https://www.innsbruck.info/innsbruck-city.html

16 http://www.designtagebuch.de/inns-bruck-die-hauptstadt-der-alpen/

17 http://www.innsbruckmarketing.at/erfolgsmuster.html

18 http://provinnsbruck.at/urban/mit-dem-arsch-zu-den-bergen-ein-pl%C3%A4doyer-f%C3%BCr-weniger-tirolit%C3%A4t-und-mehr-innsbruckismus/

19 Siehe ec.europa.eu/eutostat/web/metropolitan-regions

20 … oder schaut rein auf sweetsticks.eu.

 

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