Sendung vom 12. Mai 2015: Kunstraub – und danach?

Ich begrüße euch, liebe Hörerinnen von FREIRAD, dem freien Radio Innsbruck! Am Mikrofon ist wieder Ewald Strohmar-Mauler mit einer neuen Ausgabe von „hinterfragt.“, dem kulturwissenschaftlichen Magazin.

Die heutige Sendung trägt den Titel: Kunstraub – und danach?

In der letzten Sendung war das Thema ja »Kunstraub – Privileg der Sieger?« und es ging um die Geschichte der Beutekunst von der Antike bis zum Zweiten Weltkrieg. Ich setze heute daher fort mit der Frage, ob und wie diese geraubten Kunstgegenstände seither an die ursprünglichen Besitzerinnen zurück gegeben wurden, wo die Schwierigkeiten dabei liegen und was zu beachten ist – also mit der so genannten Resitution.

Zu diesem Zweck habe ich die beiden Expertinnen des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum besucht, die mir wertvolle Einblicke in die tägliche Arbeit geben konnten: Frau Dr. Claudia Sporer-Heis und Frau Dr. Sonia Buchroithner. Gleich an dieser Stelle herzlichen Dank den beiden für dieses äußerst hilfreiche Interview. Ich werde im Laufe der Sendung immer wieder Ausschnitte aus unserem Gespräch einspielen.

In der ersten Hälfte der Sendung kommen die Anfänge der Restitutionsarbeit im Ferdinandeum zur Sprache, im zweiten Teil der Sendung dann die praktische Arbeit heute und zum Schluss wie immer einige abschließende allgemeine Überlegungen.

Zuvorderst (kaum lese ich ein paar Schreiben aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, verwende ich solche Worte wie »zuvorderst«), zuvorderst also jedoch ein Stückchen Musik, und zwar

Musik:

Maya Filipić: Prelude in C# minor 01:50

Teil 1: Überblick

Wie gewohnt zu Beginn meiner Sendung einige wissenswerte Grundlagen.

Frau Dr. Claudia Sporer-Heis hat zum Thema Restitution bereits 2002 in den »Veröffentlichungen des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum«, Band 82/II,·Jahrgang 2002, einen Artikel verfasst, zu welchem ich dann im nächsten Abschnitt näher eingehen werde.

Aus dem Vorwort des Bandes möchte ich aber dennoch rasch zitieren:1

»Der Verwaltungsausschuss des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum hat am 29. Mai 2002 den Engeren Ausschuss ermächtigt, Gegenstände im Besitz des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum, die in der Zeit zwischen dem 13. März 1938 und dem 8. Mai 1945 ihren früheren Eigentümern aus Gründen ihrer jüdischen Abstammung entzogen wurden, an diese oder deren Rechtsnachfolger von Todes wegen unentgeltlich zu übergeben.

Der Engere Ausschuss des Tiroler Landesrnuseums Ferdinandeum hat am 5. Juli 2002 folgende Presseinforrnation beschlossen:

„Zwischen dern 13. März 1938 und dem 8. Mai 1945 sind diverse Kunstgegenstände ihren Eigen­tümern aus Gründen ihrer jüdischen Abstammung entzogen worden und ins Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum gelangt. Nach 1945 wurde der Großteil dieser Gegenstände zurückgestellt . Auf Grund eingehender neuer Recherchen wurden weitere 13 Gegenstände jüdischer Provenienz ermittelt. Diese werden nunmehr zurückgestellt. Bei der Rückgabe nach 1945 wurden vereinzelt Sach- und Geldspenden geleistet. Diese werden ebenfalls rückerstattet. Die Restitutionen erfolgen im Einvernehmen mit dem Land Tirol.«

(Zitat Ende)

Der Artikel von Claudia Sporer-Heis trägt den interessanten, jedoch auf den ersten Blick sehr befremdlichen Titel: »“ … sind dem Ferdinandeum Auslagen erwachsen, auf deren Ersatz es Anspruch erheben zu können glaubt… – Zur Frage der Restitution jüdischen Eigentums am Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum«. Was es mit diesem seltsamen Zitat im Titel auf sich hat, werdet ihr im Verlauf der Sendung noch erfahren, liebe Hörerinnen.

Noch ein Zitat vom Anfang des Artikels, bevor dann Claudia Sporer-Heis selbst zu Wort kommt:2 (Zitat) »Im Dezember 1997 wurden während einer Ausstellung im MoMA (Museum of Modern Art) in New York von den US-Behörden zwei Gemälde von Egon Schiele aus der Sammlung Leopold (Wien) als Diebesgut beschlagnahmt. Nachfahren der aus Österreich stammenden ehemaligen jüdischen Eigentümer hatten Anspruch auf die beiden Bilder erhoben, die sich – wie die Nachkommen argumentierten – noch imrner als Raub­gut der NS-Zeit in Österreich befanden . In einem der beiden Fälle erwies sich der Verdacht als un­begründet, das Bildnis Wally“ blieb jedoch bis jetzt [Anm.: 2002, dazu gleich mehr] in Verwahrung der US-Behörden.

Die Bundesministerin für Unterricht und kulturelle Angelegenheiten, Elisabeth Gehrer, ordnete in diesem Zusammenhang eine präzise Erforschung der Provenienz aller infrage kommenden Objekte in den Österreichischen Bundesrnuseen an und ließ zu diesem Zweck die Archive des Bundesdenk­malamtes öffnen. Die Recherchen ergaben nun unter anderern, dass z.B. allein die Familie Roth­schiId im Zuge der Restitution nach 1945 zur Schenkung von über 200 Objekten genötigt worden waren, um die Ausfuhrgenehmigung für ihre restlichen Sammlungen zu erhalten!

In der Folge verabschiedete der österreichische Nationalrat im November 1998 das Bundesgesetz über die Rückgabe von Kunstgegenständen aus den Österreichischen Bundesmuseen und Sammlun­gen“, das die Rückstellung von folgenden Objekten in Bundeseigentum an die ursprünglichen Ei­gentümer oder deren Rechtsnachfolger von Todes wegen anordnet:

1. Kunstwerke. die nach dem Zweiten Weltkrieg zwar an die Eigentümer zurückgegeben wurden, im Gegenzug aber fur die Erteilung von Ausfuhrbewilligungen unentgeltlich in Form von „Ge­schenken“ wieder in das Eigentum des Bundes übergegangen sind und sich noch im Eigentum des Bundes befinden,

2. Objekte, die nach 1945 vom Bund zwar rechtmäßig erworben wurden, aber während der NS-Zeit Gegenstand eines nach dem Krieg für nichtig erklärten Rechtsgeschäftes waren,

3. Kunstgegenstände, die nach Abschluss der Rückstellungsverfahren nicht zurückgegeben werden konnten und als herrenloses Gut in das Eigentum des Bundes übergegangen sind.

Weiters sollen die ursprünglichen Eigentümer bzw. deren Erben ausfindig gemacht und die betroffe­nen Kunstwerke etc. zurückgegeben werden. Diejenigen Werke, die nicht mehr zurückerstattet wer­den können, sollen dem Nationalfonds der Republik Österreich für die Opfer des Nationalsozialis­mus zur Verwertung übereignet werden.« (Zitat Ende)

Eine kleine Anmerkung zum Thema Schieles »Wally«: Das Bild kam nach einem zwölf Jahre dauernden Rechtsstreit und Zahlung von 19 Millionen US-Dollar im Rahmen einer außergerichtlichen Einigung im Jahre 2010 nach Wien zurück.

[O-Ton 1 Anfänge 3:47]

Bevor es weiter geht, wieder ein wenig Musik:

Musik:

Matt Pepper Trio: ma grenouille 2:38

Teil 2: Einblick

Kurz für alle, die die letzte Sendung noch nicht gehört haben, ein Überblick über die Dinge, die unter dem Titel »Sicherstellung von Kulturgut« in der »Ostmark« und im »Altreich« so durchgeführt wurden. Zitate stammen aus dem vorhin genannten Artikel von Claudia Sporer-Heis.

Bereits im Jahre 1933 kamen die Nationalsozialisten in Deutschland an die Macht und versuchten sogleich, ich zitiere: »die jüdische Bevölkerung aus ihren Berufen, dern öf­fentlichen Leben und der Wirtschaft zu verdrängen. […] Mit dem ›Anschluss‹ Österreichs an das Deutsche Reich im Frühjahr 1938 begannen die Nationalsozialisten auch hier mit der ›Arisierung‹ von jüdischem Vermögen. Im Gegensatz zum ›Altreich‹ wurden die Enteignungen in der ›Ostmark‹, wo 40 Prozent der jüdischen Bevölkerung des gesamten ›Großdeutschen Reiches‹ lebten, auch in Form so genannter ›wilder‹, d.h. behördlich nicht angeordneter, ›Arisierungen‹ wesentlich rascher und unkontrollierter durchgeführt.3« (Zitat Ende).

Es kam zu Zwangsverkäufen von jüdischem Eigentum zu lächerlichen Schleuderpreisen, der Erlös wurde dann auch noch mit hohen Steuern wie der »Judenvermögensabgabe« und bei Ausreisewunsch mit der »Reichsfluchtsteuer« belegt, sodass eigentlich nichts mehr davon übrig blieb. Die offizielle Ausreise konnten sich so nur die wirklich wohlhabenden Familien erkaufen.

Sporer-Heis: »Basierend auf dem österreichischen Ausfuhrverbotsgesetz, welches nach dem Ersten Weltkrieg erlassen worden war und durch welches der Export von national wertvollen Kunstwerken ins Ausland untersagt war, begann auch die ›Sicherstellung‹ von Kunst- und Kulturgut. Juden durften ihre Kunstwerke lediglich bis zu einem Betrag von 1000 Reichsmark frei verkaufen, was wiederum zu einem Verfall der Preise führte.

In Wien, wo der größte Anteil der jüdischen Bevölkerung der ›Ostmark‹ lebte, eröffnete das Kunst­historische Museum im Herbst 1938 in der Hofburg das ›Zentraldepot‹ für beschlagnahmte jüdische Kunstwerke aus der ›Ostmark‹. Hier wurden die Objekte katalogisiert, fotografiert und aufge­stellt.« (Zitat Ende).

Das war die eine Seite, jene der Enteignung der jüdischen Bevölkerung. Doch es gibt noch eine andere Seite, die ich in der vorigen Sendung ja relativ genau ausgeführt habe.

Unter dem Stichwort »Führervorbehalt« laufen einige Anweisungen Hitlers betreffend die »sichergestellten« Kunstwerke in Österreich und etwas später auch in Deutschland. Hitler wollte sich bei wichtigen Werken die Entscheidung über ihre weitere Verwendung vorbehalten. Grundsätzlich war es sein Wunsch, dass alle »deutschen« Kunstwerke dem »deutschen Volk« zugänglich gemacht würden. Er dachte da vor allem an eines seiner Lieblingsprojekte, ein riesiges»Führermuseum« in Linz, aber auch an andere deutsche Museen, welche mit den geraubten Gemälden, Skulpturen und anderen Kunstgegenständen ausgestattet werden sollten. Der verhinderte Postkartenmaler hatte 1938 auf einem Staatsbesuch in Italien mit Mussolini auch verschiedene Museen besucht. Dieser Besuch war offenbar für das weitere Geschehen in puncto Raubkunst extrem wichtig, daher möchte ich hier einige Sätze aus Dem Buch »Auf Befehl des Führers: Hitler und der NS-Kunstraub« von Birgit Schwarz zitieren, welches ich ja bereits in der vergangenen Sendung als Quellmaterial verwendet habe.4

»Auf seinem Programm standen mit Rom, Neapel und Florenz drei Kunststädte, die er zum ersten Mal betrat. In geradezu unzulässiger Weise machte er den Staatsbesuch zu einer Kunstreise. Sein Interesse galt insbesondere den Museen. In Rom besichtigte er die Galleria Borghese und das Thermenmuseum, in Neapel das Nationalmuseum. In der Galleria Borghese mit den Meisterwerken aus Renaissance und Barock setzte sich der genervte Mussolini mit seinem Gefolge ab. Hitler, den der ständig zum Weitergehen drängende Duce in seinem Kunstgenuss gestört hatte, entspannte sich. Überrascht bemerkte der Kunsthistoriker und Archäologe Ranuccio Bianchi Bandinelli, der Hitler durch die Sammlung führte, wie die Gemälde Hitler berührten, er erkannte an dessen Reaktionen echte Passion. Vor allem habe er sich von der Barockmalerei […] begeistern lassen: „Viele Male äußerte sich seine Bewunderung in einer Art Röcheln aus der Tiefe seiner Kehle; oder in einer zögerlichen Beobachtung oder Frage in seinem dialektgefärbten Deutsch. Dann aber, wenn ihn eine Sache besonders getroffen hatte, wurde er lebhaft, als sei ein elektrischer Kontakt hergestellt, und er wendete sich an sein Gefolge: ‚Sehen Sie, meine Herren …‘. Den Blick immer im Ungewissen, flossen die Worte nun leicht, und der Dialekt milderte sich. Wer ihm so nahe kam, konnte in ihm den Sentimentalen, den Romantiker, auch den Fanatiker entdecken.“ Noch ein weiteres Mal musste Mussolini einen ausführlichen Museumsbesuch über sich ergehen lassen: In Florenz, der dritten und letzten Station der Reise, führte der Direktor des dortigen deutschen Kunsthistorischen Instituts, Friedrich Kriegbaum, durch den Palazzo Pitti; von dort ging es dann durch den berühmtenVasari-Korridor des Ponte Vecchio über den Arno in die Galerie der Uffizien. Das Erlebnis der Uffizien scheint Hitlers Gedankengang bezüglich seiner Linzer Museumsplanungen entschieden weitergebracht zu haben, freilich nicht in dem oft kolportierten Sinn, dass es der Auslöser für die Idee eines gigantischen „Führermuseums“ gewesen wäre. Dazu hätte Hitler schließlich nicht nach Florenz reisen müssen. Deutschland besaß mit der Berliner Museumsinsel einen riesigen Museumskomplex, für den es in Italien nichts Vergleichbares gab. […] Was also war es, das Hitlers Florenzaufenthalt und speziell den Uffizienbesuch zu einem Schlüsselereignis werden ließ? Höchstwahrscheinlich war es das emotionale Erlebnis vor den Originalen, welches ihn zutiefst motivierte, sein Selbstkonzept als Künstler und Kunstsammler bestätigte und seine Linzer Planungen voranbrachte.« Soweit Birgit Schwarz und ihre Vermutungen zu den Hintergründen des »Führervorbehalts«.

Für dieses Unternehmen, Kunstwerke für das »Führermuseum« zusammen zu stellen, stellte Hitler eine inoffiziellen Organisation auf die Beine, den »Sonderauftrag Linz«.Ihr Leiter wurde Hans Posse, Direktor der Dresdner Gemäldegalerie. Dieser began, im Wiener Zentraldepot Kunstwerke für das »Führermuseum« auszuwählen, und Hitler stellte auch seine private Kunstsammlung aus München zur Verfügung. Was nicht nach Linz gehen sollte, durfte an die anderen Museen verteilt werden. Seit 1940 war das »lnstitut für Denkmalpflege« in Wien dafür zuständig. Inventarlisten ehemalig jüdischen Besitzes wurden erstellt, Wunschlisten der diversen Museen kursierten: »Der Wettlauf und der Konkurrenzkampf um den Erwerb von geraubtem Kulturgut hatte begonnen«.5

Und was geschah zu dieser Zeit in Tirol, genauer, im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum? Dieses ist seit 1823 ein Verein mit Vorstand, Ausschuss usw. Museumleitung, Kustoden, etc waren und sind Angestellte dieses Vereins. Die nationalsozialistischen Machthaber waren aber eifrig bemüht, Vereine aufzulösen, und der Vorstand des Ferdinandeums Dr. Oswald Graf Trapp, gleichzeitig Landeskonservator für Tirol, musste sich daher bemühen, den Vereinsstatus zu erhalten und der »Verstaatlichung« des Museums zu entgehen. Letztlich gelang dies, der Verein wurde aber natürlich durch die NSDAP kontrolliert, und theoretisch hätte der Gauleiter Franz Hofer auch einige Rechte gehabt, diese aber nie exekutiert, trotz einiger Spannungen zwischen ihm und Trapp.

Die finanzielle Lage des Vereines wurde seit den 1930er Jahren immer problematischer, viele wichtige Ankäufe waren nicht möglich, etwa als das Prämonstratenser-Chorherren-Stift Wilten 1937 viele seiner Kunstschätze verkaufen musste, und das Ferdinandeum sich in tiroler Interesse bemühte, sie im Land zu behalten, was nur bedingt erfolgreich war. Trotzdem konnten dem Publikum außer den Schausammlungen zwischen 1939 und 1944 immerhin neun Ausstellungen geboten werden.6

Mit dem Fortschreiten des Krieges wurde auch die Bombengefahr immer größer, und so musste auch viel Aufwand betrieben werden, um die Kunstgegegenstände zu sichern und gegebenen Falls an weniger gefährdeten Orten außerhalb Innsbrucks (Schloss Ambras, Stift Stams. Schloss Friedberg. Schloss Tratzberg, usw) zu verwahren. Vorbereitungsarbeiten wurden bereits 1940 durchgeführt, obwohl Gauleiter Hofer dies nicht für nötig erachtete. Diese schweren körperlichen Arbeiten von Verpackung bis Transport wurden hauptsächlich von weiblichem Museumspersonal durchgeführt, da die Männer ja im Kriegsdienst waren. Am 10. April 1945 zeigte sich, dass die Befürchtungen und die Verbringung der Kunstwerke gerechtfertigt waren, da das Museumsgebäude während eines Fliegerangriffs auf Innsbruck getroffen und schwer beschädigt wurde.

Doch noch kurz zu den Erwerbungen des Ferdinandeums in den Jahren 1938-1945 – oder der Frage: hat auch das Ferdinandeum Nazi-Raubkunst im Besitz?

Oswald Trapp nahm 1939 im Rahmen der geplanten Verteilung von Kunst­werken aus dem Besitz von Wiener Juden ebenfalls Kontakt mit Hans Posse auf, um die Rückführung der vom Stift Stams verkauften und offenbar von jüdischen Kunsthändlern aufgekauften Kunstwerke nach Tirol zu erbitten. Dies hatte er bereits im Jahr zuvor bei Minister Goebbels vergeblich versucht. Auch Posse beschied Trapp negativ.

Eine Erweiterung der Sammlungen zwischen 1938 und 1945 basierte auf Schenkungen, Legaten. Ankaufen und Tauschgeschäften, aber auch auf der Erwerbung von entzogenem Vermögen.7 Leihgaben des Gauleiters Hofer sind ebenso in den Erwerbungsbüchern vermerkt wie Bestände aus aufgelösten kirchlichen Institutionen, als »Einlagerungen«. Dadurch ist eine übersichtliche Trennung zwischen Vereinseigentum und Landeseigentum möglich, was die spätere Restitutionsarbeit natürlich etwas erleichtert.

»Den größten Anteil an entzogenem Vermögen erwarb das Ferdinandeum jedoch aus dem Eigentum meist begüterter jüdischer Wiener Familien«.8 Trapp machte sich große Hoffnungen, »einige wohl bereits sichergestellte Kunstgegenstände […], die in erster Li­nie für Tirol wichtig sind«.9 Er legte also in Wien eine Liste vor, »um nichts zu versäumen«.10 Trapp für 1939 auch zwei Mal nach Wien, um die Gegenstände zu besichtigen. Jedenfalls (ich zitiere) »konkurrierte das Ferdinandeum mit dem Kunstgewerbemuseum in Wien, den Wiener Städtischen Sammlungen, dem Uhrenmuseum Wien, dem Joanneum in Graz und dem Museum in Klagenfurt. Nach einem langen und komplizierten Schriftwechsel zog Trapp schließlich 54 von den 92 Wünschen zurück, die sich mit denen anderer Museen überschnitten hatten. Schließlich bestand er auf 13 Objekten aus den Sammlungen Alphonse Rothschild, Gutmann und Epstein, die jedoch nicht mehr ins Ferdinandeum gelangen sollten.11«

Soweit Claudia Sporer-Heis.

Musik:

Carlos der Eisbär: 5 more minutes for a cappuchino: 2:39

Zwischenmoderation

Für alle, die sich erst später zugeschaltet haben:

Hier ist „hinterfragt„, das kulturwissenschaftliche Magazin live auf FREIRAD, dem freien Radio Innsbruck! Mein Name ist Ewald Strohmar-Mauler.

Das heutige Thema ist

Kunstraub – und danach?

Es geht um die im Zweiten Weltkrieg geraubten Kunstwerke und ihre Rückstellung, also Restitution, an die Erbinnen der ursprünglichen Besitzerinnen.

Dazu habe ich Interviewmaterial mit Claudia Sporer-Heis und Sonia Buchroithner vom Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum.

Teil 3: Seitenblick

Ziemlich bald nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, im Mai 1945 wurde ein »Gesetz über die Erfassung arisierter und anderer im Zusammenhang mit der nationalsozialistischen Machtübernahme entzogener Vermögenschaften« erlassen. 1946 wurden die Vermögensübertragungen, die während der deutschen Besetzung Österreichs erfolgt waren, für nichtig erklärt. Wie mensch jedoch bereits aus der Formulierung »deutsche Besetzung« erkennen kann, sah sich Österreich damals rein als »Opfer« des NS-Regimes und war daher der Ansicht, keine Entschädigungen leisten zu müssen.Somit wurde nur Eigentum zurückgestellt, es waren also keine Entschädigungen für nicht mehr vorhande­nes geraubtes Eigentum vorgesehen. Mit der »Vermögensentziehungsanmeldeverordnung« wurde verfügt, dass die aktuellen Besitzerinnen bis Ende November 1946 das entzogene Vermögen in ihrem Besitz zu melden hätten. Die Geschädigten selbst konnten ihre Ansprüche nur rechtsunverbindlich angeben. Zwischen 1946 und 1949 wurden insgesamt sieben Rückstellungsgesetze erlassen, die zunächst Vermögen im Eigentum der Republik und der Bundesländer, später auch Privateigentum betrafen. Zur Entscheidung der einzelnen Fälle wurden Rückstellungskommissionen bei den Landesgerichten eingerichtet. Die Gesetze waren von Anfang an umstritten, weil geschädigte Eigentümer verpflichtet wurden, den Kaufpreis, den sie meist gar nicht erhalten hatten, zu erstatten. »Ariseure« wurden nach dem ABGB als »gutgläubige Erwerber« betrachtet, während man auf der anderen Seite den Erben der im KZ ermordeten Jüdinnen nicht einmal die Möglichkeit gab, selbst Anträge zu stellen. Erblos gebliebenes Vermögen wurde überhaupt nicht berücksichtigt.

[oton 2 Restitution nach 1945, 2:28]

Nach 1955 wurden dann endlich auch auf Druck der Alliierten Entschädigungs- und Schadensersatzzahlungen vorgesehen, wobei diese nur selten den tatsächlichen Wert abdeckten.

Die Restitution erfolgte über das Bundesdenkmalamt.12

Es folgte noch eine Reihe von Gesetzen, bis zum »Bundesgesetz über die Rückgabe von Kunstgegenständen aus den Öster­reichischen Bundesrnuseen und Sammlungen« aus dem Jahr 1998. Also nach über 50 Jahren nach Ende des Zweiten Weltkriegs ein erneuter Versuch, das Thema Raubkunst vielleicht endlich vom Tisch zu kriegen.

Und wie wird heute vorgegangen?

[oton 3 praxis 2:15]

Jetzt spiele aber wieder ein Stückchen Musik ein.

Musik:

Cyril Pereira: Margueritte, 3:19

Teil 4: Ausblick

Ich könnte natürlich zu Schluss der Sendung noch einige Themen ansprechen, wie etwa die große Arbeitserleichterung durch das Internet, wie etwa die Lost Art Database und ähnliche Projekte, die Recherche, die heute dadurch massiv erleichtert wird – aber natürlich auch die übliche Kehrseite, dass es schon so viel davon gibt, dass mensch schon mal den Überblick verlieren kann. Sogar der Kunsthandel und die Auktionshäuser öffnen sich teilweise dem modernen Medium.

[oton 4 – vor 10 jahren]

Ich könnte auch darüber philosophieren, wer eigentlich überhaupt das Recht auf Kunst hat, ob hier nicht auch die Öffentlichkeit in gewisser Weise »Eigentümerin« sein könnte.

Und natürlich könnte ich auch noch die Vergangenheitsbewältigung bzw. die Abwesenheit derselben bis in die 1980er oder -90er Jahre ansprechen, doch ich würde euch lieber zum Abschluss noch ein Gustostückerl aus dem Interview präsentieren. Ich hatte das Stichwort »Egger Lienz« fallen lassen und erfuhr Folgendes:

[oton 5 – hofer kisten]

Ja, Stichwort: »ungute Situation« – ich glaube, das trifft auf das gesamte Thema Raubkunst zu. Es wurde im Krieg viel Unrecht verübt, es wurde nach dem Krieg viel vertuscht, verschwiegen, vieles verlor sich in Grauzonen der Gesetze, vielen gefiel die Opferrolle und sie wollen lieber keine Verantwortung übernehmen. Viele sträuben sich noch heute , manche betätigen sich wieder.

Und vielen anderen wiederum ist es auch schlichtweg egal, was damals passiert ist und was heute passiert.

Doch ich denke, die große Mehrheit derer, die nicht wegschauen, sind froh darüber, dass es so etwas wie Restitution gibt und dass sich Menschen dafür einsetzen, dass das himmelschreiende Unrecht von damals heute wenigstens zu einem Bruchteil wieder gut gemacht wird.

Musik:

The Nuri: Ladder to the stars 3:11

Abmoderation

So, aber nun genug hinterfragt für heute. Ich danke euch herzlich fürs Zuhören und hoffe, die Sendung hat euch wieder gefallen.

Nochmals an dieser Stelle herzlichen Dank an Frau Dr. Claudia Sporer-Heis und Frau Dr. Sonia Buchroithner für ihre Bereitschaft, von ihrer Arbeit zu berichten.

Und wie immer noch der Hinweis auf die Internet-Seiten zur Sendung:

Kritik, sowohl negative als auch positive, Wünsche und Anregungen könnt ihr gerne an mich per eMail senden: radio@hinterfragt.at.

Und wer die Sendung nachlesen möchte: die begleitende Website ist zu finden unter hinterfragt.at, dort findet ihr auch alle Links, oder könnt Kommentare zur Sendung abgeben. Ich spiele sowohl das Skript als auch den Mitschnitt so rasch wie möglich, meist noch am Tag nach der Sendung, auf die Website, und den Mitschnitt auch auf cas Cultural Broadcast Archive, cba.fro.at.

Außerdem könnt ihr mir auch auf Twitter folgen @hinterfragtAT oder auf Facebook unter hinterfragt.

Das war Ewald Strohmar-Mauler mit der Sendung hinterfragt. Das kulturwissenschaftliche Magazin.

immer am zweiten Dienstag im Monat um 20 Uhr auf FREIRAD, dem Freien Radio Innsbruck, und die Wiederholung am 4. Donnerstag um 9 Uhr Vormittag.

Und nun verabschiede ich mich und wünsche euch noch eine gute Zeit.

Abspannmusik

Jay P. Baker: X equals Z, 6:40

Sendung anhören

1 Veröffentlichungen des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum, Band 82/II,·Jahrgang 2002; Innsbruck 2002, Print

2 Claudia Sporer-Heis, »“ … sind dem Ferdinandeum Auslagen erwachsen, auf deren Ersatz es Anspruch erheben zu können glaubt…“ – Zur Frage der Restitution jüdischen Eigentums am Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum«, in: Veröffentlichungen des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum, Band 82/II,·Jahrgang 2002; Innsbruck 2002, 7-36; Print

3 Sporer-Heis 2002, 8

4 Schwarz, Birgit. Auf Befehl des Führers: Hitler und der NS-Kunstraub . Darmstadt: 2014. Ebook.

5 Sporer-Heis 2002, 9

6 Vgl. Sporer-Heis 2002, 17

7 Vgl. Sporer-Heis 2002, 19

8 Sporer-Heis 2002, 22

9 Ebd., zit. Aus einem Brief von Trapp an Posse

10 W.o.

11 Sporer-Heis 2002, 23

12