Sendung vom 14. Juli 2015: Verlust

Ich begrüße euch, liebe Hörerinnen von FREIRAD! Am Mikrofon ist wieder Ewald Strohmar-Mauler mit einer neuen Ausgabe von „hinterfragt.“, dem kulturwissenschaftlichen Magazin.

Die heutige Sendung trägt den Titel:

Verlust

Eigentlich hatte ich ja bis Dienstag vor der Sendung noch gar keine Idee, worüber ich die Sendung machen sollte, so sehr hat mir die Hitze zugesetzt. Doch nicht nur mir, auch mein Sohn ist im Bus eingenickt und hat dadurch seine Geldtasche liegen lassen. Und der Aufwand, das Ding wieder zu bekommen, haben mich auf das Thema Verlust gebracht.

Da dieser jedoch nicht nur Geldtaschen betrifft, kommt diese erst in der zweiten Hälfte der Sendung dran, zuvor präsentiere ich wie immer einen Überblick über das Thema mit seinen Facetten, biete euch Definitionen und Diskussionen.

Und natürlich dazwischen immer wieder ein Stückchen Musik, heute von den Jazz Friends das Sommeralbum Summer Jazz 2011. Leider haben sie seitdem nur mehr eines, 2012, veröffentlicht. Naja, es ist auch ganz schön schwer, verschiedene Gruppen und Interpretinnen zu einem solchen Projekt zu organisieren – und das ganz besonders im Sommer. Jedenfalls werde ich in den nächsten Sendungen ebenfalls aus diesen beiden Alben spielen.

Also, zu Beginn spielt, irgendwie passend zum Thema der Sendung, Lino del Vecchio das Stück

Musik:

Chance of Scoundrels 2:21

Teil 1: Überblick

»Verlust« ist also heute das Thema, bzw. »verlieren. Vermutlich wird bei euch jetzt die Frage laut: »welchen Verlust meint er denn jetzt eigentlich?« Und das zu Recht, denn es gibt ja mehrere verschiedene Bedeutungen des Wortes. Daher bietet uns die Wikipedia1 eine Begriffsklärungs-Seite, ich zitiere:

»Der Ausdruck Verlust bezeichnet

• allgemein das „Verlorengehen“ von etwas Materiellem, wie Eigentum, oder einer nahestehenden Person. Das Verb verlieren bezeichnet dabei auch das Gegenteil des Sieges.

• in den Wirtschaftswissenschaften den Gegensatz zum Gewinn. Der Aufwand ist dabei größer als die Summe aller Erträge. Siehe auch Jahresfehlbetrag.

• im juristischen Sinn

• eine Forderung, die in einem Betreibungsverfahren nicht gedeckt wird, siehe Verlustschein

• das Verschwinden einer Sache aus dem Besitz, jedoch nicht zwingend aus dem Eigentum einer Person.

• den Tod einer Person, der mit ihrer strafrechtlicher Unbewertbarkeit („Tote prüft man nicht“) und der Verteilung ihres Erbes einhergeht.

• in der Physik der Anteil von Energie, der bei der Umwandlung von einer Form in eine andere (z. B. elektrische Energie in Licht), als dritte, meist unerwünschte Form der Energie (z. B. Wärme) entsteht, siehe Energieerhaltungssatz.

• in der Nachrichtentechnik die Signaldämpfung einer Stufe vom Eingangs- zum Ausgangssignal

• im militärischen Sprachgebrauch die Bestandteile einer Streitmacht, die nicht mehr einsetzbar sind

• in der Pflegewissenschaft die Ursache von Trauer.«

(Zitat Ende)

Lustigerweise ist die Information, dass es in der Wikipedia auch einen Artikel mit dem Titel »Informationsverlust«2 gibt, sowohl dessen Verfasserin als auch jener der Begriffsklärung verloren gegangen, weshalb ich ihn halt hier ergänzend zitiere: »Informationsverlust beschreibt den meist unerwünschten Verlust von Informationen während eines Informationsflusses einer Kommunikation.« (Zitat Ende). Quod erat demonstrandum. Interessant in dem Artikel war für mich vor allem der Hinweis, dass besonders viel Information in der Kulturgeschichte am Ende von Epochen verloren ging, vor allem wissenschaftliche Errungenschaften. Denn abgesehen davon, dass dieser Abschnitt extrem stümperhaft formuliert ist, widerspricht er auch noch der einleitenden Prämisse vom meist unerwünschten Verlust von Informationen, denn hier wird ja plötzlich quasi angenommen, dass die Erfinder einer neuen Epoche grundsätzlich, vorsätzlich und heimtückisch den nervigen Kram der Vorgänger abgefackelt hätten. Hurra, endlich ist Mittelalter, jetzt können wir die alten Griechen-Schriftrollen mit diesen unverständlichen astronomischen Berechnungen zum Unterzünden verwenden und die Erde wieder eine Scheibe sein lassen! Da ist dem üblicherweise doch sehr wachsamen Auge der Hüter der deutschen Wikipedia offensichtlich ein Wachsamkeitsverlust unterlaufen!

Weiter zu den Online-Psychologie-Lexika, hier werden wir ja vielleicht fündiger. In dem auf spektrum.de3 findet man bei der Stichwort-Suche nach »Verlust« nur den Eintrag »Verlusterlebnisse«, ich zitiere: »Verlusterlebnisse, das Erleben von Verlust durch die Aufhebung positiver Bindungen an eine Person (Tod des Kindes oder Lebenspartners, Scheidung); gehen einher mit Angst, Depression, Einsamkeit, Hoffnungslosigkeit sowie mit verminderten zellulären und immunologischen Parametern. Merkmal für Verlusterlebnisse ist das geringe Ausmaß erlebter Kontrolle.«

Und das »Dorsch«-Psychologie-Lexikon4 bietet die »Verlustaversion«, ich zitiere: »das verstärkte Streben nach Verlustvermeidung relativ zum Gewinnstreben«, sowie die »Verluststrategie«, die ich leider nicht zitieren kann, denn das Weitersuchen wäre kostenpflichtig gewesen.

Das Psychologie-Lexikon von Stangl 5bietet den Begriff selbst leider überhaupt nicht, dafür kommt er wohl in vielen Krankheitsbilden von Amnesie bis Trennungsangst vor.

Und lexikon-psychologie.de6 lässt uns ebenfalls im Stich.

Ich muss also in anderen Bereichen weiter suchen:

»Verlust« ist offenbar auch kein philosophischer Begriff, denn in keinem meiner einschlägigen Nachschlagewerke finde ich das Stichwort. Und, um den letzten bei Wikipedia genannten Bereich aufzugreifen: in meinem Lehrbuch »Altenpflege« findet sich nur ein winziger Eintrag zum »Verlust sozialer Kontakte«. Da mir da aus der Praxis weitaus mehr einfällt, werde ich etwas später näher auf dieses Thema eingehen können. Bevor ich dies aber tue, und bevor ich auch auf die harmloseren Alltagsvarianten des Verlustes zu sprechen komme, vielleicht noch zu etwas, das ich als »Verlustketten« bezeichnen möchte: ein Verlust führt zum nächsten.

Als Beispiel mag die US-amerikanische Erfolgs- Kriminal-TV-Serie »Bones« dienen, bei welcher in der aktuellen zehnten Staffel der männliche Hauptdarsteller, FBI-Agent Booth, wieder in seine alte Spielsucht verfällt und eine größere Geldsumme verliert. Sein Buchmacher will diese kassieren und gerät dabei aber an Booths Ehefrau, deren Spitzname »Bones« der Serie den Namen gibt. Sie bezahlt den Buchmacher, wirft aber ihren Mann aus dem gemeinsamen Haus, dieser verliert also somit auch Frau, Tochter und Unterkunft. Weiter will ich nicht spoilern, denn mir geht es hier ja um den Verlust, eigentlich die Verluste, oder eben eine Verlustkette.

Der Spielverlust löst eine Kette weiterer Verluste aus: aus dem materiellen Verlust wird auch ein sozialer. Dies kann in vielen Varianten durchgesponnen werden, die viele Obdachlose wohl kennen: Verlust des Arbeitsplatzes bedingt Verlust der Wohnung, weil kein Geld mehr dafür da ist, und oftmals auch Verlust der/s Ehepartnerin/s und weitere sozialer Kontakte, Familie, Freunde. Alkohol und sonstige Süchte kommen dazu, also eigentlich auch Verlust der Gesundheit, der Selbstachtung, usw.

»Der Verlust« ist dann auch noch der Titel eines Romans von Siegfried Lenz aus dem Jahr 1981 über den Sprachverlust des Protagonisten und wie er und seine Umwelt damit umgehen, oder auch nicht.

Und dann gäbe es noch die App »Verlust der Nacht«, mit welcher mensch bei einem Forschungsprojekt mithelfen kann, welches die Nichtmehrsichtbarkeit von Sternen durch unseren Lichtmüll untersucht. Oder so ähnlich, ich habe diese App zwar herunter geladen, aber durch die stärkere Bewölkung, die derzeit unsere Nächte verunhübscht, konnte ich sie noch nicht testen. Aber eigentlich wurde ich nur durch den Poetischen Namen der App auf diese aufmerksam. Welche Bilder tun sich bei euch auf, wenn ihr »Verlust der Nacht« hört? Habe ich mich verhört und es heißt, »Verlust der Macht«, mit M statt N, und es handelt sich um ein Politikspiel? Oder ist die »Königin der Nacht« verschwunden und statt ihrer Arien hört mensch nur mehr Stille. Mit diesem Titel tun sich jedenfalls viele Möglichkeiten zur Interpretation auf.

So, damit ihr aber jetzt nicht die Aufmerksamkeit verliert, spiele ich euch wieder ein Stückchen Musik:

Musik:

Stefano Mocini & PeerGynT LoboGris: Summer Jazz 03:39

Teil 2: Einblick

Nach der ja dann doch eher frustranen Suche nach dem Begriff »Verlust« in diversen medizinischen und geisteswissenschaftlichen Nachschlagewerken gehe ich nun lieber über zu den parawissenschaftlichen Bereichen von Berufserfahrung und Hausverstand. Wir definieren danach einfach den Verlust als »das Nicht-mehr-Vorhandensein einer Beziehung«. Ich reduziere den Begriff absichtlich auf die Beziehungsebene, denn es scheint rein subjektiv die einzige Möglichkeit, alle Faktoren des Verlustes zu berücksichtigen. Wem das seltsam vorkommt, würde ich ersuchen, ein wenig darüber nachzudenken oder weiter zuzuhören, vielleicht wird es in wenigen Minuten klarer.

Ich war ja einige Zeit in der Altenpflege tätig, und hier ist mir das Thema »Verlust« durchaus täglich untergekommen. Alte Menschen sind ja naturgemäß mit dem Verlust vertraut, denn sie haben diesen, unabhängig vom jeweiligen persönlichen Schicksal schon zigfach erlebt. Nun haben wir es hier aber nicht mit »dem« Verlust, sondern mit vielen verschiedenen Verlusten zu tun, die in verschiedener Ausprägung und Intensität auftreten und auch je nach der betreffenden Person unterschiedliche Auswirkungen haben können. Das betrifft natürlich nicht nur alte Menschen, bei diesen treten Verluste nur in größerer Zahl auf und sind aus mehreren Gründen leichter festzumachen, da komme ich aber später noch drauf zu sprechen.

Ich versuche zunächst einmal, hier ein System hinein zu bringen.

Zunächst könnten wir unterscheiden in Verluste, Menschen und Sachen betreffend.

Eine weitere Möglichkeit der Unterteilung wäre in die Ursachen der Verluste, ob diese auf höhere Gewalt, z.B. Naturkatastrophen, oder Kriege, Terrorismus und Gewalt, oder anderes, harmloseres menschliches Verhalten zurückzuführen oder ob sie Natur gegeben sind, also etwa ein ganz natürlicher Tod ohne Fremdeinwirkung oder der natürliche Verfall eines Gegenstandes.

Auch die Wertigkeit könnte geprüft werden, also wie wichtig das Verlorene ist bzw. war. Vor allem der subjektive Wert wird hier eine größere Rolle spielen, nicht der Verkehrswert. Hier steht also die Beziehung zum Verlorenen völlig im Vordergrund, vielleicht ist es also jetzt auch besser verständlich, worauf ich mit der Reduktion den »Verlust auf Beziehungen« hinaus will. Und hier kommt dann auch ein weiterer Faktor zum Vorschein: die Möglichkeit der Veränderung der Beziehungen und dadurch auch der Wertigkeit des Verlorenen im Laufe der Zeit oder durch äußere Einflüsse.

Nun aber ganz konkret zu den wesentlichsten Verlusten: zunächst einmal ist hier natürlich der Verlust von Menschen im persönlichen Umfeld zu nennen, wobei natürlich Familienangehörige hier den größten Verlust bedeuten. Und ohne umfangreich über Trauerarbeit ausholen zu wollen, sei hier von der Webseite psychotipps.com zitiert7 : »Denjenigen, die in eine komplizierte Trauer verfallen, gelingt das nicht. Sie versinken in ihrem Leid und hadern. Weil sie den Verlust der geliebten Person nicht annehmen können, sind sie dauerhaft im Alltag eingeschränkt. Sie leiden extrem, ziehen sich zurück und haben das Gefühl, dass das Leben keinen Sinn mehr hat.« (Zitat Ende). Hier also ganz besonders wichtig, dass ein Verlust sogar eine dauerhafte Einschränkung der Alltagstauglichkeit einer Person bedeuten kann. Und das gilt nicht nur für den Verlust durch Tod, sondern je nach der persönlichen Beziehung dazu, auch z.B. für den Verlust der Arbeit, Wohnung oder von für besonders bedeutsam empfundenen Gegenständen. Ich habe in der Altenbetreuung auch die Erfahrung gemacht, dass der Verlust der Arbeit durch Pensionierung in manchen Menschen das Gefühl hervorrufen kann, nicht mehr benötigt zu werden, weil sie nichts mehr »leisten«, und dadurch »wertlos« geworden zu sein. Dies trifft natürlich nur zu, wenn ein Mensch sich selbst über seine berufliche Tätigkeit definiert hat, keine anderen »wertvollen« Tätigkeiten, etwa in einem Verein oder in der Familie, hat. Und es zeigt auch, dass unsere heutige Leistungs-Gesellschaft Menschen über ihre Tauglichkeit als Arbeitskraft bewertet. Wenn eine Person dies für sich annimmt, kann sie dann allzu leicht auf die Idee verfallen, fast hätte ich gesagt, in den Wahn verfallen, dass das Leben sinnlos ist, wenn mensch keine »Arbeit« mehr hat – Arbeit hier als Lohnarbeit gesehen. Für viele pensionierte ältere Menschen, die ihr Berufsleben großteils in der »Wirtschaftswunder-Zeit« verbracht haben, gilt aber auch nur Lohnarbeit als Arbeit, und diese als Sinn des Lebens. Das waren aber auch die Zeiten, als man von der Lehrstelle bis zur Pension in der selben Firma angestellt war.

Zum Thema Arbeit und wie sich diese im Lauf der Geschichte verändert hat, habe ich aber vor einem Jahr eine Doppelsendung gemacht, daher gehe ich nicht weiter auf diesen Aspekt ein.

Was jedenfalls hier als spezielle Art des Verlustes zu nennen wäre, ist der sogenannte Kontrollverlust – also das Gefühl, die Kontrolle über das eigene Leben verloren zu haben. Lustigerweise habe ich Informationen darüber gerade auf einer Website gefunden, deren Herausgeberin offenbar eine Betriebsberatungfirma ist, die sich auf »Change Management« spezialisiert hat, also auf die »Umstrukturierung« und »Zusammenlegung« von Unternehmen. Die meinen es offenbar gut mit den Kunden und plaudern vorab schon mal aus, was diese erwartet, wenn umstrukturiert wird, also z.B. der »Kontrollverlust8«, ich zitiere »Auch für psychisch stabile Menschen bedeutet es extremen Stress, wenn ihnen plötzlich die Kontrolle über ihr Schicksal aus der Hand genommen ist und sie zum Spielball der Ereignisse werden. Genau das ist es jedoch, was Übernahmen, Fusionen und Umstrukturierungen oftmals für Mitarbeiter und Führungskräfte bedeuten: Vom einen Moment auf den anderen liegt der weitere Verlauf ihres (Berufs-)Lebens nicht mehr in den eigenen Händen, sondern wird durch die Entscheidungen Dritter bestimmt. Ein solcher Kontrollverlust löst zunächst Angst, Wut und Widerstand aus; wenn es nicht gelingt, die Kontrolle zurückzugewinnen, schlägt die Frustration in Hilflosigkeit und Resignation um.«

Ich hoffe ja sehr, dass diese »Umsetzungsberaterinnen« es schaffen, den Umstrukturierten ihre Kontrolle wieder zurück zu geben.

Bei plötzlicher Arbeitslosigkeit hilft einem aber normalerweise niemand über die Angst, Wut, Hilflosigkeit und Resignation hinweg, außer ein neuer Job. Doch selbst einige Monate in Angst, Wut etc. verlebt, sind nicht lustig.

Ebenfalls nicht lustig ist der Verlust der Gesundheit, sei es durch chronische Krankheiten, Unfälle oder einfach durch die natürliche Abnutzung des Körpers. Was dann meist dazu kommt, ist der Verlust eines Teils der gewohnten Lebensqualität, wenn mensch etwa dem sportlichen Hobby nicht mehr nachgehen kann, oder sogar für alltägliche Verrichtungen plötzlich Hilfe benötigt. Oder, um wieder eine Verlustkette zu schmieden: wenn ein gesundheitlicher Verlust den Verlust der Arbeitsstelle mit sich bringt.

Trennungen sind natürlich auch Verluste, egal ob es sich um eine Trennung auf Zeit handelt, weil die Freundin ein Auslandssemester macht, oder auf Dauer, bei einer Scheidung etwa. Hier sind dann auch meist mehrere weitere Personen betroffen, etwa die Kinder, die mit der Trennung ja meist noch weitaus schlechter zurande kommen als die Eltern.

Apropos Kinder, die verlieren oder vergessen ja immer etwas, zumindest meine, daher komme ich im nächsten Abschnitt dann zu so einem kürzlich stattgefundenen Verlust-Erlebnis der alltäglichen Art.

Doch zuvor wieder etwas Musik:

Musik:

BlondBlood-Jaime Heras-PeerGynt Lobogris-The Flanger Sound: Jamming Games 4:39

Zwischenmoderation

Für alle, die sich erst später zugeschaltet haben:

Hier ist „hinterfragt„, das kulturwissenschaftliche Magazin live auf FREIRAD, dem freien Radio Innsbruck! Mein Name ist Ewald Strohmar-Mauler.

Das heutige Thema ist Verlust.

Bisher habe ich versucht, den Begriff etwas einzugrenzen und von den größeren Verlusten im Leben berichtet.

Im zweiten Teil der Sendung geht es dann ein wenig weniger ernst weiter mit dem alltäglichen Verlusterlebnis und zum Abschluss einem Blick auf die Veränderungen des Umgangs mit Verlust im Laufe der Geschichte.

Musik:

The Flanger Sound: On my old Ford of 1939 0:04:04

Teil 3: Seitenblick

Wie angekündigt als nun ein wenig zum »Verlust im Alltag«, der nämlich dann eintritt, wenn mensch zum Beispiel seine Geldtasche verliert. Dies läuft in vier Phasen ab, und wer sich mit Trauerarbeit oder Trennungsbewältigung auskennt, wird diese mühelos wieder erkennen. Doch auf auf die kleinen Alltagsverluste können diese angewendet werden, darum mache ich das jetzt, wenn ich auch wegen der relativen Harmlosigkeit solcher Vorkommnisse einen humorvolleren Ton anstimmen möchte, um den ernsten Unterton des vorigen Teils etwas zu mildern zu versuchen.

Nehmen wir den natürlich rein fiktiven Fall an, dass mein elfjähriger Sohn auf der Busfahrt von Birgitz nach Innsbruck auf Grund der großen Hitze eingenickt ist und seine Geldtasche mit Schülerausweis, Jahreskarte, Kontokarte und ein wenig Bargeld neben sich auf den Sitz hat liegen lassen. An sich keine große Sache, ist halt ein wenig ärgerlich, aber nicht viel mehr. Doch spielen wir das ganze Verlust-Szenario durch:

Der Verlust fällt dem Elfjährigen erst auf, als er nach zwei Stunden Aufenthalt in der Stadt am Geldautomaten etwas abheben will.

Zuerst kommt die Phase des Nicht-Wahrhaben-Wollens und der Verleugnung. Hier ist zunächst die Hoffnung im Vordergrund, die Hoffnung auf einem Irrtum, mensch hat ja vielleicht nur schlecht geschaut. Nein, ich habe meine Geldtasche nicht verloren, sie ist da sicher noch irgendwo… Der Rucksack wird durchsucht. Er wird nochmals durchsucht, diesmal sorgfältiger, ebenso die Jacken- und Hosentaschen. … Wird schon auftauchen… Mittlerweile liegt der gesamte Inhalt des Rucksacks auf einer Bank, aber keine Geldtasche.

Somit kommen wir zur zweiten Phase, jener er aufbrechenden Gefühle. Also zumeist Wut. Und Beschuldigungen. Alle anderen sind Schuld, sie hätten doch was auch immer tun können. Haben sie aber nicht, die Geldtasche ist weg. Echt weg. Empfindsame Seelen kämpfen hier bereits mit den ersten Verzweiflungsanfällen: was mache ich nur ohne meine Jahreskarte, meinen Ausweis, mein Geld. Dummerweise habe ich auf den diversen Seiten zur Trauer- und Trennungsbegleitung keine Hinweise gefunden, wie die Umwelt mit dem Menschen in dieser Situation umgehen soll. Vermutlich wollen die das nicht ausplaudern, um nicht um ihr Geschäft gebracht zu werden, schließlich sollen die Trauenden ja zu ihnen kommen und sich vom Profi und nicht von der Freundin trösten lassen. Übrigens, beim Wort »Profi« habe ich erstmals keine Idee, wie die weibliche Form davon lauten könnte. Die Profin? Klingt seltsam.

Kinder von heute führen ja alle ein Spielgerät mit Telefonfunktion mit sich und können so jederzeit den Telefonjoker in Form eines Elternteils herbeirufen, übrigens auch wieder ein schwer genderbares Wort. Joker, nicht Elternteil. Diese/r Joker/in versucht also dann üblicherweise, den Nachwuchs aus der emotionalen Wut-Verzweiflungs-Beschimpfungs-Phase heraus zu holen, denn wir wollen ja zur Phase drei übergehen: der Phase der langsamen Neuorientierung. Denn langsam sollten wir uns ja überlegen, wie wir wieder zu der Geldtasche kommen, oder?

Die erste Idee ist natürlich, zu überlegen, wo das Ding verloren wurde, bzw wo es zum letzten Mal gesehen wurde. Nachdem dies geklärt ist, es ist nun circa 16 Uhr, folgt die Phase 3a, die in den Ratgeber-Webseiten und -Broschüren nie erwähnt wird, die aber von eminenter Bedeutung ist:

Die Phase des Amtsweges.

Diese ist selbst für von der Umwelt als unbedeutend eingestufte Kleinigkeiten wie Geldtaschen von Bedeutung. Es ist nämlich so, dass alles weitaus komplizierter ist als angenommen.

Der Idealfall wäre ja folgender. Ich wähle die bereits in meinem Mobiltelefon eingespeicherte Hotline-Nummer der Postbus GmbH, frage nach der Geldtasche und erfahre, dass diese gefunden wurde und am Innsbrucker Hauptbahnhof abgeholt werden könne.

Der Realfall ist jedoch folgender: an der sogenannten Hotline, deren Nummer in und an jedem VVT-Postbus zu lesen steht, gerate ich nach einer unverständlichen Ansage auf ein Band, auf das ich vermutlich sprechen könnte, wenn ich Hoffnung auf einen Rückruf hätte. Da ich die Nummer schon einige Male angerufen hatte, weiß ich, dass ich ohnedies nicht zurück gerufen werde. Die Nummer gehört sowieso niemandem in Innsbruck, und die auf der Website9 angegebene Nummer sitzt zwar in Innsbruck, aber in der Trientlgasse, weit weg vom Bahnhof, und kann daher nicht schnell im Fundkistl nachsehen. Das alles weiß ich, weil mein Sohn schon mal etwas im Bus hat liegen lassen. Nur ist der Verlust eines Turnbeutels mit verschwitztem Shirt und müffelnden Sportschuhen weniger dramatisch als die Geldtasche, mit allem.

Also begeben wir uns gleich zum Bahnhof. Natürlich, das Fundbüro hat nur von 13-15 Uhr geöffnet, wie sinnig. Berufstätige, die um sieben mit dem Postbus in die Arbeit fahren und ihren Schirm liegen lassen, stehen dann nach der Arbeit, sagen wir, um fünf, fetznass vor der verschlossenen Türe, um zu erkennen, dass sie ihren Schirm erst am nächsten Tag abholen können und dazu entweder ihre Mittagspause opfern oder sich gar frei nehmen müssen. Zählt das als Amtsweg? Ist der Postbus, der ja eine GmbH ist und zur ÖBB gehört, überhaupt noch ein Amt?

Gut, daneben ist die VVT. Die haben wenigstens bis 18 Uhr offen. Wir fragen nach einem Ersatz-Ausweis. Die haben ja alle Daten im Computer, das kann ja nicht so schlimm sein. Ist es auch nicht, aber erstens kostet es 10 Euro, was ja noch verschmerzbar ist, eine neue Kontokarte ist teurer, aber was schlimm ist: die VVT braucht eine Verlustanzeige.

Also, dritter Teil der Amtsschimmel-Rallye. Wir gehen auf die Polizei. Oh, am Bahnhof gibt’s ja keine mehr, nur ein Sprechgerät, über das wir erfahren, dass die nächsten Polizeidienststellen entweder in der Kaiserjägerstraße oder beim Landesgericht zu finden sind.

Gut, dass meine Beinmuskeln noch gut vom Stadtlauf-Training in Form sind, ab zum Landesgericht. Dort erfahren wir von einer netten Revierinspektorin, dass die Polizei für Verluste überhaupt nicht mehr zuständig ist, sondern die Gemeinde. Das kommt davon, wenn man auf sein Zeug aufpasst, da entgehen einem solche Informationen. Ich war nämlich der Meinung gewesen, dass man die Meldung schon auf der Polizei machen kann, das Fundamt wäre primär für Abgabe und Abholung gefundener Gegenstände zuständig. Nein, die machen alles, laut Webseite sogar schon seit 2003. Wieder was gelernt, nur das Fundamt sperrt um 13 Uhr zu. Später, auf der Webseite10 habe ich dann gesehen, dass von 13-17:30 Uhr dann das Bürgerservice im Rathaus zuständig ist.

Wir also wieder raus bei der Polizei, nicht ohne uns zur Sicherheit noch die Sperrhotline-Nummer für die Bankkarte geben zu lassen.

Dreimal kurz am Kopf gekratzt, wir haben also keine Verlustanzeige, somit kriegen wir bei der VVT keine Ersatzkarte. Gut, ich versuche es nochmals beim Postbus am Bahnhof. Doch keine Präzendenzfälle zu schaffen, und weil ich glaube ich, hinreichend die Schwächen des Systems angedeutet habe, gehe ich jetzt nahtlos in die Phase vier, jene des neuen Gleichgewichts, über.

Durch Geduld und freundliches Nachfragen, ich sage nicht wo oder wann, haben wir die Geldtasche doch noch bekommen, denn sie wurde zwischenzeitlich abgegeben. Ich bedanke mich hiermit bei allen, die dazu beigetragen haben.

Also, neues Gleichgewicht. Mein Tipp: Hilfe annehmen. Wenn nicht freiwillig geholfen wird, hartnäckig danach fragen. Und immer freundlich bleiben, auch wenn’s manchmal angesichts einer systemimmanenten Schwerfälligkeit schwer fällt.

So, jetzt haben wir uns aber alle ein wenig Musik verdient:

Musik:

Tom La Meche: Un Soir à Venise 0:3:57

Teil 4: Ausblick

Zum Abschluss würde ich noch gerne ein wenig darüber nachdenken, wie sich der Umgang mit Verlust in unserer westlichen Kultur im Laufe der Zeit verändert hat. Auch zu diesem Thema ist es interessant, was eine Suchmaschine dazu so alles ausspuckt. Da wäre zunächst festzustellen, dass sich wieder nur psychologische Seiten des Themas annehmen, das Wort »historisch« kommt nur in Kombinationen wie »Verlust historischer Bausubstanz«, oder »Verlust kulturhistorisch bedeutsamer Archivalien« vor. Über Verlust allgemein ist wenig zu finden, lediglich die Trauer beim Verlust eines geliebten Menschen wird häufiger thematisiert, womit wir wieder bei den Seiten mit psychologischen Themen wären.

Hier vorherrschend ist der immer wieder auftretende Hinweis, dass in unserer Kultur der Umgang mit Trauer verkümmert wäre. Da kommen dann Aussagen wie: »In unserer Gesellschaft sind die Themen Tod und Sterben weitgehend aus unserem Alltag verbannt. Wir tun alles, um uns nicht damit befassen zu müssen, da uns Verluste Angst machen.«(Zitat11 Ende). Nun erwartet vermutlich niemand von einer Seite wie psychotipps.de, wo dieses Zitat her stammt, sich kulturhistorisch weiter über das Thema auszulassen, aber trotzdem würde mich interessieren, wo diese Angst herkommt und wann sie entstanden ist. Denn sie scheint auch eine Kettenreaktion zu sein: der Mangel der Erwachsenen, mit Trauer umgehen zu können, oder vielleicht auch die Angst davor, scheint in einer Prägungsphase des Kleinkindes an den Nachwuchs weiter gegeben zu werden. Wir lernen nämlich (ich zitiere)12 »alles, was wir als Mensch benötigen, um auf dieser Welt existieren zu können. Zumindest aus der Sicht unserer Eltern oder sonstigen Er-zieher (sic). Das einzige, was wir in den seltensten Fällen lernen, ist der Umgang mit Verlust. Diese Fähigkeit ist völlig verkümmert und liegt vollkommen im Verborgenen. Somit ist das Thema rund um Verlust ein unbekanntes Thema. Und wie mit allem, was uns Menschen unbekannt ist, schieben wir es von uns weg. Zumal das Thema Tod, Leiche, Friedhof in ihrer Eigenschaft sowieso eine Unangenehme Schwinung (sic) haben. Was natürlich wiederum ursächlich in dieser ersten Phase zu suchen ist.« (Zitat Ende). Natürlich!

Nur, irgendwann muss diese Fähigkeit des Umgangs mit Verlust ja verschwunden sein. Klingt irgendwie skurril. Die Menschheit verliert die Kulturtechnik des Umgangs mit Verlust und kommt damit nicht zurecht, weil sie ja mit Verlust durch diesen Verlust nicht mehr umgehen kann.

Und natürlich ist die Industrialisierung, Technisierung, Computerisierung schuld, dass wir so eine verquere Beziehung mit dem Verlust haben

Na, aber so billig kommt ihr mir nicht davon! Denn es können nicht alle Menschen in einen Topf geworfen werden, und so gibt es durchaus auch heute noch Gesellschaften, die mit Verlust umgehen können. Nämlich dann, wenn es funktionierende Gemeinschaften gibt, wo sich die Menschen umeinander sorgen und miteinander statt nebeneinander leben. Ohne da jetzt näher nachgefragt zu haben: ich denke, dass nur solche Leute zur Trauerberatung gehen, welche in ihrem persönlichen Umfeld keine Bezugspersonen haben, die emotional stärken können und sich auch in praktischen Dingen, die zu erledigen wären, hilfreich erweisen.

Unsere Verdrängungskultur bringt es ja mit sich, dass immer erst gewartet wird, bis ein Ernstfall eingetreten ist, bis die Beschäftigung mit dem Thema überhaupt mal in Erwägung gezogen wird.

Das beginnt bei den Kleinigkeiten des Alltags wie der verlorenen Geldtasche, wo sich alle hinter ihren Zuständigkeiten verstecken, reicht über die Trauerbewältigung und endet bei der Vergangenheitsbewältigung im Nachhang des Zweiten Weltkriegs. Geht mich nix an, betrifft mich nicht.

Dabei wäre nur ein wenig Mitdenken, Mitfühlen und Mitleben gefragt, eine hilfreiche Weitergabe von Informationen und das Erzählen eigener Erfahrungen, damit Andere nicht die gleichen Fehler machen oder Irrwege gehen. Und so wie wir zum Beispiel von älteren Menschen lernen können, wie sie mit den Verlusten im Laufe ihres Lebens umgegangen sind, so können wir ihnen Zuversicht schenken, wenn wir ihnen erklären, dass sie nicht unnötig und wertlos sind, nur weil sie nicht mehr im Berufsleben stehen.

Wir haben alle die Solidarität mitbekommen, die bei den Hochwasserkatastrophen in Tirol in den letzten Jahren und Monaten immer wieder zu spüren war, denken wir an diese spontane Hilfsbereitschaft und erkennen, dass Verlust keine Naturkatastrophe ist, der wir hilflos gegenüber stehen müssen.

Doch denken wir auch an die Menschen, die aus verschiedenen Gründen – und sicherlich nicht aus Jux und Tollerei – ihre Heimat und ihre Familien verlassen mussten, die sich nach Europa durchgeschlagen haben, stellen wir uns die Verluste vor, die diese Menschen erleben müssen und unterstützen wir auch sie.

Musik:

Jorgestrada & Roberto Daglio: Momento 0:3:34

Abmoderation

So, aber nun genug hinterfragt für heute. Ich danke euch herzlich fürs Zuhören und hoffe, die Sendung hat euch wieder gefallen.

Und wie immer noch der Hinweis auf die Internet-Seiten zur Sendung:

Kritik, sowohl negative als auch positive, Wünsche und Anregungen könnt ihr gerne an mich per eMail senden: radio@hinterfragt.at.

Und wer die Sendung nachlesen möchte: die begleitende Website ist zu finden unter hinterfragt.at, dort findet ihr auch alle Links, oder könnt Kommentare zur Sendung abgeben. Ich spiele sowohl das Skript als auch den Mitschnitt so rasch wie möglich, meist noch am Tag nach der Sendung, auf die Website, und den Mitschnitt auch auf cas Cultural Broadcast Archive, cba.fro.at.

Außerdem könnt ihr mir auch auf Twitter folgen @hinterfragtAT oder auf Facebook unter hinterfragt.

Das war Ewald Strohmar-Mauler mit der Sendung hinterfragt. Das kulturwissenschaftliche Magazin.

… immer am zweiten Dienstag im Monat um 20 Uhr auf FREIRAD, dem Freien Radio Innsbruck, und die Wiederholung am 4. Donnerstag um 9 Uhr Vormittag.

Und nun verabschiede ich mich und wünsche euch noch eine gute Zeit.

Abspannmusik

Mauro Marangoni: Trip to Dresden 0:7:24

Sendung anhören

 

 

1 https://de.wikipedia.org/wiki/Verlust

2 https://de.wikipedia.org/wiki/Informationsverlust?

3 http://www.spektrum.de/lexikon/psychologie/verlusterlebnisse/16316

4 https://portal.hogrefe.com/dorsch

5 http://lexikon.stangl.eu

6 http://www.lexikon-psychologie.de/Alphabetisch/V/

7 http://www.psychotipps.com/Trauerbewaeltigung.html

8 http://www.umsetzungsberatung.de/psychologie/kontrollverlust.php

9 http://www.postbus.at/de/Reiseplanung/Postbus-Kundenbueros/Tirol/index.jsp

10 http://www.innsbruck.gv.at/leben–soziales/hilfe–notfaelle/verloren–gefunden

11 http://www.psychotipps.com/Trauerbewaeltigung.html

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