Sendung vom 12.1.2016: Skandal um Habsburg

Ich begrüße euch, liebe Hörerinnen von FREIRAD, dem freien Radio Innsbruck! Am Mikrofon ist wieder Ewald Strohmar-Mauler mit einer neuen Ausgabe von „hinterfragt.“, dem kulturwissenschaftlichen Magazin.

Die heutige Sendung trägt den Titel:

Skandal um Habsburg – oder, à la Kottan gesprochen: Erzherzog gibt’s kan!

Denn es geht heute um geschickte oder manchmal auch plumpere Fälschungen und Betrügereien, die im Laufe der Geschichte allerlei Auswirkungen hatten. Ich stelle euch einige davon vor, beleuchte ihre Hintergründe und die Folgen.

Dazwischen gibt es wieder Musik, die zwar unter einer Creative Commons Lizenz läuft, aber hoffentlich nicht gefälscht oder abgepaust ist.

Musik:

Edu Avila: Autumn leaves 5:52

Teil 1: Überblick

Wie würden sich wohl moderne Schlagzeilen zu den Beispielen von Urkunden- oder gar Geschichtsfälschungen, die ich heute vorstellen möchte, anhören:

»Skandal: Habsburg erfindet Titel«, oder in der Qualitätspresse: »Habsburg erfindet sich neu«.

»Waren Wikinger doch nicht vor Columbus in Amerika?«

»Herrschaft auf der Wartburg erschlichen«

»Muss Papst den Kirchenstaat verlassen?«

Wer meine Sendung zu Verschwörungstheorien gehört hat, mag wohl meinen, dass diese heutige Sendung eine Fortsetzung davon ist. Ich würde mal sagen: im Gegenteil. Denn Verschwörungstheoretikerinnen tüfteln sich ein für alle anderen verborgen liegendes größeres Konglomerat an Zusammenhängen aus für sie seltsam erscheinenden Ereignissen oder Tatsachen zusammen.

Jene Personen aber, die materielle Zeugnisse als Beweise für historische Tatsachen fälschen, wollen ja aus verschiedenen Gründen, dass diese ›neuen‹ Beweise ganz offiziell von der Öffentlichkeit anerkannt werden und ihren Zweck erfüllen. Daher handelt es sich hier um ganz knallharte Rechtsbrüche und nicht mehr um undurchsichtige Theorien.

Vielleicht sollte ich da auch gleich mit dem Bereich des Rechts beginnen, da ich ja ohnedies am Anfang jeder Sendung gerne mal das Grundlagenwissen anbiete.

Zunächst, was ist eine Fälschung?

Ich habe einige Zeit benötigt, um im Internet eine passende, vor allem umfassende Definition zu finden. Der Duden bietet zwar einige Synonyme, aber keine Definition: »Kopie, Nachahmung, Nachbildung, (bildungssprachlich) Falsifikat, (umgangssprachlich) Fake« steht dort 1nur.

Wikipedia ist hier leider gar nicht unser Freund, weil etwas verwirrend. »Eine Fälschung«, so steht dort 2zu lesen, »beschönigend im Sprachgebrauch als Falsifikat bezeichnet, ist die bewusste Herstellung eines Objektes oder Information zur Täuschung Dritter. Häufig wird bei der Fälschung versucht, ein Original oder ein rechtlich geschütztes Produkt in allen Eigenschaften, Materialien, Signaturen und Markenzeichen so zu kopieren, dass es als Original, als Markenprodukt erscheint. Es kann auch vorkommen, dass zu einer Fälschung kein Original des in der Fälschung angegebenen Herstellers, Künstlers, Politikers oder Schriftstellers existiert oder keine der angegebenen Fundorte, Urkunden, Gesetzeswerke oder wissenschaftlichen Quellen bestehen (siehe Betrug und Fälschung in der Wissenschaft).Eine besondere Form der Fälschung ist die Verfälschung, dafür wird ein legales Objekt durch unberechtigte Änderung für einen illegalen Zweck umgestaltet.«

Also die Definition im ersten Satz, »bewusste Herstellung … zur Täuschung« ist ja noch in Ordnung, doch dann geht der Artikel gleich über in die Markenfälschung und wurschtelt weiter mit irgendwelchen nicht existierenden Originalen. Vermutlich ist diese Einleitung zum Artikel ein Opfer des wikipedianischen crowd editing, viele Köche haben hier eindeutig den Brei verdorben.

Nun ja, weiter zu Gablers Wirtschaftslexikon.3 Dieses zählt anstelle einer Definition nur zig verschiedene Arten von Fälschungen auf, die im Wirtschaftsbereich vorkommen können:

1. Fälschung von Münzen und Noten

2. Fälschung eines Schecks

3. Fälschung eines Wechsels

4. Fälschung von Zahlungskarten

5. Fälschung von Wertpapieren

6. Fälschung von Urkunden

7. Fälschung von beweiserheblichen Daten

Wirklich fündig geworden bin ich dann auf juraforum.de,4 wo ich eigentlich ursprünglich gar nicht hingehen wollte, weil deutsches Recht. Doch was dort steht, zeigt zunächst, dass sich Wikipedia dort … na ja, sagen wir mal, Anregungen geholt hat, für den etwas wirren Absatz nämlich. Aber die Definition von Fälschung auf dem juraforum finde ich dann doch brauchbar, weil kurz und knapp:

»Eine Fälschung (auch als Falsifikat bezeichnet) liegt vor, wenn einer eigenen Leistung die Urheberschaft eines Anderen unterstellt wird«

Ja, Falsifikat, lustiges Wort, oder? Scheint allen zu gefallen, weil sie es alle verwenden. Aus dem »bildungssprachlich« des Duden wird bei der Wikipedia der normale Sprachgebrauch, aber glaubhaft ist es ja wohl doch nur auf dieser Juristinnenseite, denn wer verwendet das Wort denn sonst außer Juristinnen oder auch Mediävistinnen, Diplomatikerinnen oder sonstige Leute, die ziemlich fließend Latein können?

Weiter geht es dann, wie gesagt, auch beim Juraforum ähnlich wie bei Wikipedia, interessant wird dann aber die Auflistung der Arten von Fälschungen:

»Fälschungen sind unter anderem:

  • Geschichtsfälschung siehe auch Geschichtsklitterung

  • Wissenschaft

  • Antiquitäten (z. B. Möbel)

  • Computer (gefälschte Hard-, und Software)

  • Dokumente (z. B. Urkundenfälschung mit Ausweisfälschung, Konstantinische Schenkung, pseudoisidorische Dekretalen)

  • Journalismus und politische Propaganda

  • Markenartikel (z. B. Uhren, Bekleidung) in der Produktfälschung

  • Ersatzteile (z. B. Fahrzeuge, Elektronische Geräte)

  • Kunst vergleiche Kunstfälschung (Bilder, Skulpturen, Zeichnungen etc.)

  • Literatur (z. B. J. Macphersons „Fragments of ancient poetry, collected in the highlands of Scotland“, 1760 als angebliches Werk Ossians)

  • Reliquien (vor allem im Mittelalter)

  • Sammlerstücke (siehe Sammeln)

  • im Bereich der Philatelie (vergleiche Briefmarkenfälschung)

  • Zahlungsmittel, z.B. Falschgeld

  • Falschaussage, Meineid

  • Fälschung von UFO-Fotos oder Fälschung von Fotos vermeintlicher Seeungeheuer«

Vor allem die explizite Aufzählung der Akte-X-Angelegenheiten finde ich sehr spannend. Die in den Klammern genannten Beispiele scheinen hingegen sehr willkürlich zu sein. Oder abgeschrieben, weil Ossian vorkommt, was eine Quelle aus dem englischsprachigen Raum nahe legt. Ihr seht, ich habe mich mit dem Thema so eingehend auseinander gesetzt, dass ich selbst schon überall Fälschungen und Plagiate wittere.

Unser gutes altes österreichisches Recht hat es übrigens anscheinend nicht nötig, die Fälschung zu definieren. Wissen ja eh alle, was das ist. So finden wir zwar im Strafgesetzbuch mehrere Delikte, aber keine Definition. Zum Beispiel:

§ 223 StGB Urkundenfälschung

(1) Wer eine falsche Urkunde mit dem Vorsatz herstellt oder eine echte Urkunde mit dem Vorsatz verfälscht, daß sie im Rechtsverkehr zum Beweis eines Rechtes, eines Rechtsverhältnisses oder einer Tatsache gebraucht werde, ist mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr zu bestrafen.

(2) Ebenso ist zu bestrafen, wer eine falsche oder verfälschte Urkunde im Rechtsverkehr zum Beweis eines Rechtes, eines Rechtsverhältnisses oder einer Tatsache gebraucht.

§ 224 StGB Fälschung besonders geschützter Urkunden

Wer eine der im § 223 mit Strafe bedrohten Handlungen in Beziehung auf eine inländische öffentliche Urkunde, eine ausländische öffentliche Urkunde, wenn sie durch Gesetz oder zwischenstaatlichen Vertrag inländischen öffentlichen Urkunden gleichgestellt ist, eine letztwillige Verfügung oder ein nicht im § 237 genanntes Wertpapier begeht, ist mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren zu bestrafen.

Gut, so sind wir eh schon mitten im Thema.Urkundenfälschung also. Nach ein wenig Musik geht es also mit einigen wirkliche heftigen Fällen von ebensolcher weiter.

Musik:

Moira Waugh Small Back Room 04:04

Teil 2: Einblick

Kommen wir also zum Thema Urkundenfälschung. Ich möchte aber nicht auf gefälschte Kennzeichentafeln, Reisepässe oder Aktien eingehen, sondern auf die richtig dreisten Fälschungen aus der Vormoderne, die zugleich weltgeschichtliche Auswirkungen hatten.

Sowohl die Kirche als auch die Krone hatten sich hier in vielen Fällen richtig Mühe gegeben. Da eines der ersten wirklich herausragenden Beispiele eines aus dem Bereich der Kirche ist, beginne ich also mit dieser. Und zwar mit der »Konstantinischen Schenkung«.

Bei dieser »Donatio Constantini ad Silvestrem I papam« handelt es sich um eine Urkunde, die angeblich um das Jahr 315 ausgestellt worden war. In dieser ist zu lesen, dass Kaiser Konstantin I. aus Dankbarkeit für eine wundersame Heilung durch Papst Silvester I. diesem die geistliche, aber auch irgendwie weltliche Macht über die Westhälfte des Reiches verleiht. Und das für alle Zeiten, für alle Nachfolger und überhaupt. Somit wurde die Freiheit der Kirche von kaiserlicher und damit überhaupt weltlicher Bevormundung implizit festgelegt. Die Päpste nutzten diese Urkunde dann auch reichlich aus, wenn es um territoriale Streitereien ging, was ja im mittelalterlichen Italien ständig der Fall war.

Spannend daran ist, dass auf diese Urkunde erst ab Mitte des 9. Jahrhunderts nachweislich Bezug genommen wurde. Wie allgemein bekannt, lebte Kaiser Konstantin I im 4. Jahrhundert, das 9. Jahrhundert war die Zeit von Kaiser Karl dem Großen, und dazwischen ist viel Wasser nicht nur den Inn, sondern auch den Rhein und sogar den Tiber runter gelaufen. Und dabei wird es ja wohl auch viele Streitigkeiten zwischen dem Papst und diversen weltlichen Herrschern gegeben haben – doch niemand berief sich auf die Konstantinische Schenkung? Sehr seltsam.

Jedenfalls glaubten zwischen dem 9. und 15. Jahrhundert alle brav an die Oberherrschaft des Papstes. Außer dem schlauen Kaiser Otto III., der die Rechtmäßigkeit der Schenkungsurkunde anzweifelte.

Bis dann im 15. Jahrhundert zwei intelligente Menschen, Nikolaus von Kues und Lorenzo Valla aufgefallen war, dass sich das Latein der Urkunde, welches ja aus dem 4. Jahrhundert sein sollte, verdächtig nach 8. oder 9. Jahrhundert anhörte. Und – blöder Fehler – es wird der Name der Stadt Konstantinopolis genannt, die damals aber noch Byzantion oder auch Nova Roma hieß.

Somit steht heute fest, dass die Urkunde irgendwann im 9. Jahrhundert verfasst worden sein muss. Nähere Hintergründe, also vor allem die Antwort auf die brennenden Fragen: Wer hat sie verfasst und warum?, sind bislang nicht gefunden worden. Und ich will hier auch gar nicht weiter spekulieren, schließlich möchte ich noch weitere interessante Fälle vorstellen. Fakt ist aber, dass es nach der Entdeckung der Fälschung noch einige Zeit gedauert und den Einfluss der Reformation benötigt hatte, bis die Fälschung auch von der römischen Kirche anerkannt wurde. Einigermaßen jedenfalls, sie wurde dann auf die geistliche Vorherrschaft umgedeutet, auf die sie sich ja auch heute noch beruft. Die fiktive Schlagzeile »Muss Papst den Kirchenstaat verlassen?« hat sich aber trotzdem erübrigt, denn dieser ist ohnedies auf die paar Quadratkilometer Vatikanstaat zusammen geschrumpelt.

Auch zuvor gab es bereits Fälschungen, etwa die Symmachianischen Fälschungen aus dem 5. Jahrhundert, die Unterstützung einer Partei bei einer Streitigkeit zur Papstwahl boten. Doch das 9. Jahrhundert scheint trotzdem die beste Zeit für Fälscher gewesen zu sein, da sich das Frankenreich in der abklingenden Völkerwanderungszeit gerade neu erfand und sowohl Staat als auch Kirche eine Blütezeit erlebten. Stadt- und Klostergründungen wohin man sah. So ist aus dieser Zeit eine riesige Sammlung von Fälschungen bekannt, der sogenannte »Pseudoisidor«. Hierbei handelt es sich zB um Papstbriefe oder auch kirchenrechtliche Texte, welche vom sehr gebildeten Fälsche aus älteren Texten zusammen gestellt worden waren. Diese schienen eine sehr praktische Hilfe beim Sortieren der verschiedenen weltlichen und geistlichen Besitzverhältnisse in diesem aufstrebenden Reich gewesen zu sein. Und sogar, als im 11. Jahrhundert die Zeit der Kloster- und Kirchenreformen anbrach, kam der Pseudoisidor wieder zur Geltung.

So, jetzt aber genug der Kirche, kommen wir zu den Fälschungen, die den weltlichen Fürsten zu mehr Macht verholfen haben. Oder, um wieder eine der fiktiven Schlagzeilen zu zitieren: »Habsburg erfindet sich neu«. Nämlich im »Privilegium maius«. Das war so:

1356 wurde vom Kaiser Karl IV eine Urkunde erlassen – keine Fälschung! – welche die Wahl und Krönung der römisch-deutschen Könige und alles Drumherum haarklein regelte: die »Goldene Bulle«. Diese gilt sie als das wichtigste Verfassungsdokument des deutschen Mittelalters und wurde sogar zum Weltdokumentenerbe erklärt. Bis zum Erlass dieser Urkunde regelte sich die Königswahl irgendwie gewohnheitsrechtlich, was aber trotzdem immer zu Streitigkeiten führte. Vor allem die Thematik der Thronfolge, die Rangfolge der Kurfürsten sowie das Wahlverfahren waren immer wieder Reibepunkte. Jedoch, so genau alles auch nun definiert war, einer war mächtig sauer über diese Goldenen Bulle: Herzog Rudolf IV von Österreich, denn dieser schaute durch die Finger, wurde er bzw. Österreich bzw. die Habsburger doch nicht einmal im Abspann erwähnt!

Um dieser Frechheit etwas entgegen zu setzen, gab er eine Urkunde in Auftrag: das »Privilegium maius« in Auftrag. Dieses heißt nur in der Forschung so, in Abgrenzung zum sogenannten »Privilegium minus«, welches die Mark Österreich im Jahre 1156 vom Herzogtum Bayern als eigenständiges Herzogtum abtrennte und die Babenberger damit belehnte. Dies zum Vorbild, wurde 1358 also das »Privilegium maius« gefälscht, welches zum Inhalt hat, dass das Herzogtum Österreich zum Erzherzogtum erhoben wird, womit der Herrscher den drei Erzkanzlern des HRR, also den Erzbischöfen von Mainz, Köln und Trier, nominell gleichgestellt würde. Implizit forderte Rudolf damit auch die Rechte der Kurfürstentümer ein, wie Unteilbarkeit der Länder, Primogenitur (zu deutsch: Erstgeborenen-Nachfolge), eigenständige Gerichtsbarkeit und eigene Herrschaftssymbole. Der Luxemburger Kaiser Karl IV verweigerte diesem Dokument seine Anerkennung, weil sein Hofgelehrter Francesco Petrarca es als Fälschung erkannte. Jedoch als ca 100 Jahre später ein Habsburger selbst Kaiser wurde, nämlich Friedrich III., bestätigte dieser das Privilegium maius sehr wohl. Somit waren seitdem alle Habsburgerinnen Erzherzöginnen und genossen die Privilegien dieses erfundenen Titels.

Aber noch andere Herrscher ließen fälschen: die Geschichte der Schwurschwerter der Wartburg ist besonders nett: die Wartburg in Thüringen, bekannt durch Luthers Hausarrest dort, ging in den Besitz des Grafen Ludwigs des Springers über, der behauptet hatte, dass der Berg, auf dem die Burg steht, schon immer seiner Familie gehört hätte. Dies beschworen 12 seiner Ritter, indem sie ihre Schwerter in den Boden stießen und angaben, dass der Boden, in welchem die Schwerter steckten, dem Grafen gehöre. Somit musste der bisherige Besitzer den Berg hergeben. Der Trick daran war aber, dass die Ritter die Erde für den Schwur vom Land, dass wirklich dem Grafen gehörte, mitgenommen hatten.

Gut, das war der Trick, aber noch nicht die Fälschung. Jene nämlich betrifft die beim Schwur verwendeten Schwerter, welche bei Renovierungsarbeiten der Burg gefunden wurden und angeblich die originalen Schwurschwerter sein sollten. Tatsächlich waren sie aber ein eisenzeitlicher Depotfund, und zwei davon waren sogar rezent nachgemacht. Doch der Landesfürst Großherzog Carl Alexander von Sachsen-Weimar-Eisenach ließ sich 1835 davon täuschen und diese Schwurschwerter ausstellen. Und noch heute nennen wir diese Art von Depotfund Schwurschwert.

-> zwimod!

Zwischenmoderation

Für alle, die sich erst später zugeschaltet haben:

Hier ist „hinterfragt„, das kulturwissenschaftliche Magazin live auf FREIRAD, dem freien Radio Innsbruck! Mein Name ist Ewald Strohmar-Mauler.

Das heutige Thema ist

Skandal um Habsburg

Und es geht um historische Fälschungen und Betrügereien

Bisher habe ich einen Überblick darüber gegeben, was eigentlich Fälschungen sind und einige der wirkmächtigsten Beispiele aus der mittelalterlichen Geschichte angeführt.

Nach ein wenig Musik geht es weiter mit den Gründen für Fälschungen

Musik:

SEQ_music That Moment 04:15

Teil 3: Seitenblick

Kommen wir also, wie vorhin erwähnt, ganz allgemein zu den Gründen für Fälschungen, und ich möchte hier wieder weiter ausholen.

Die politische Motivation haben wir in den vorangegangenen Beispielen schon gesehen. Zugewinn von Macht steht hier im Vordergrund, sei es durch Erfindung von Titeln oder Besitztümern.

Eine Variante dessen ist die Fälschung zum Zweck einer Prestigevermehrung. etwa durch die Behauptung von Beziehungen, Vorfahren oder ähnlichem. Hier gibt es etwa das Beispiel des Kensington Runestone, eines in Minnesota 1898 gefundenen 90 kg schweren Felsen mit Runeninschrift, welche angeblich beweisen sollte, dass schwedische Seefahrer bereits lange vor Columbus, nämlich im 14. Jahrhundert, in Amerika gewesen wären. Dies war um 1900 tatsächlich ein wichtiges Thema in Amerika. Dass die Wikinger wirklich die ersten Expeditionen geführt hatten, wurde erst 1961 nachgewiesen. Der Stein aus Kensington konnte jedenfalls in mehreren Punkten als Fälschung identifiziert werden.

Von den Fälschungen als Beweis für irgendwelche Behauptungen und Theorien kommen wir natürlich gleich nahtlos zu den Fälschungen in der Wissenschaft.5 Ich denke, wir alle haben in der Schule von den Urmenschen gelernt. Und da gab es den sogenannten Piltdown Man. Eine Fälschung, im Jahre 1912 zusammen gesetzt aus Schädelteilen von Mensch, Orang-Utan und Schimpanse. Ob der Finder selbst der Fälscher war, ist ungewiss, zu den anderen Verdächtigen gehören solch große Namen wie der Theologe Pierre Teilhard de Chardin oder der Autor Arthur Conan Doyle. Der Grund der Fälschung war offenbar, der Suche nach dem sogenannten missing link, dem Bindeglied zwischen Affen und Menschen, etwas voranzutreiben. Und das zumindest ist gelungen, der Paläoanthropologie wurde seit dieser Zeit doch weitaus größere Beachtung als bisher geschenkt. Und es dauerte 40 Jahre, bis die Knochen als Fälschung entlarvt werden konnten.

Aber es müssen gar keine Knochen gefälscht werden, es reicht auch, gefundene echte Knochen falsch zu datieren, also gleich mal einige zehntausend Jahre älter zu machen. Wer misstraut schon einem anerkannten Experten? Auch Keramikfunde in Brandgräbern können gefälscht werden, um gleich eine neue Kultur gefunden zu haben, Stoff für mehrere Dutzend Veröffentlichungen. Geht auch mit Mumien und Moorleichen. Wenn du Glück hast, kommen sie dir erst drauf, wenn du schon gestorben bist und sie deinen Nachlass sichten.

In den Naturwissenschaften scheint es ja noch einfacher zu sein, Testergebnisse zu fälschen, wer will das alles schon wirklich nachrechnen? Und je kleiner die Forschungsobjekte sind, desto besser, weil da sowieso nur mehr ein winziger Kreis von Spezialistinnen durchblickt. Aber hier will ich nicht weiter ins Detail gehen, sonst bin ich tatsächlich gleich wieder bei den Verschwörungstheorien.

Ebenfalls in den Bereich der wissenschaftlichen Fälschungen gehören natürlich die in den letzten Jahren stärker in die Öffentlichkeit gerückte Thematik der Plagiate. Skandal! rufe ich, der ich in einer einzigen Sendung mehr Fußnoten aufzuweisen habe als manche Bachelorarbeit, und wende mich entrüstet einem anderen Grund, zu fälschen, zu:

Materieller Gewinn durch Fälschungen.

Hierzu gehören all jene Tatbestände, die ich eingangs so schön aufgelistet habe: Fälschung vom Münzen und Banknoten, von Schecks und Wechseln, Zahlungskarten, Wertpapieren und anderen Urkunden. Klar, die Dinger will mensch verkaufen und damit das große Geld machen. Auch ein Großteil der Kunstfälschungen gehören natürlich hierzu, die Ausnahme hiervon ist wirklich eine Ausnahme und wird etwas später ausführlicher besprochen werden.

Doch zunächst einige Beispiele zu den klassischen Kunstfälschungen, um Kohle damit zu machen:

Obwohl die Namen selbst der bekannteren Fälscher offenbar nicht zum Allgemeinwissen gehören, hat bei mir doch der eine oder andere Name eine Erinnerung hervorgerufen. ZB der Holländer Han van Meegeren, jener geniale Vermeer-Fälscher, der sogar Hermann Göring hinters Licht geführt hat. Hörerinnen, die meine Doppelsendung zum Kunstraub gehört haben, erinnern sich vielleicht: Hitler und Göring waren begeisterte Kunstsammler. Van Meegeren hat so gute Vermeer-Fälschungen produziert, dass seine eigenen Bilder später gerne gefälscht wurden, zum Beispiel von seinem Sohn. Dabei hatte er seine Fälscherkarriere nur begonnen, weil er für seine eigenen Werke keine Anerkennung fand und er der Welt zeigen wollte, was er wirklich konnte. Also hier ein weiterer Beweggrund für Fälschungen für unsere Sammlung: gekränkte Eitelkeit. Doch natürlich verdiente van Meegeren auch gutes Geld mit den Fälschungen.

Ein weiterer Fall ist Konrad Kujau, der zwar durch seine gefälschten Hitler-Tagebücher, die er der Zeitschrift stern verkauft hatte, bekannt geworden war, aber diese Bekanntheit später auch verwendete, um Fälschungen von Bildern verschiedener Künstler und Epochen zu verkaufen. Diese waren nicht nur mit der Signatur des Original-Künstlers versehen, sondern auch mit jener von Kujau selbst, wodurch es sich eigentlich nicht wirklich um Fälschungen handelt, oder doch? Jedenfalls wurden diese Original-Kujau-Fälschungen wiederum gerne gefälscht. Ob diese Fälschungen dann allerdings wieder gefälscht wurden, konnte ich leider nicht heraus finden.

Ihr seht, in der Kunstwelt ist es nicht ganz so einfach wie bei der mittelalterlichen Fälschung einer antiken Urkunde oder so.

Wobei, Medienmanipulation und Geschichtsfälschung sind da vielleicht noch einen Tick komplizierter, hier werden ja gezielt Tatsachen verdreht, verschwiegen oder gänzlich anders dargestellt als sie sich in Wirklichkeit abgespielt haben. Wobei ich schon einwerfen muss: auch die Wirklichkeit wird immer interpretiert, und das kann eben je nach ideologischem Hintergrund so oder so passieren. Und je weiter ein Ereignis in der Vergangenheit liegt, desto stärker ist auch der, ich nenne es mal »Filter der Moderne«, den wir anlegen.

Und Achtung!: schon wieder nähern wir uns bedenklich den Verschwörungstheorien. Trotzdem, einige markante Beispiele will ich auch hier zum Besten geben:

Klarerweise fallen uns zunächst die Geschehnisse in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein, die von gewissen Personen gerne geleugnet oder beschönigt werden. Ob den Engländern die eigentliche Schuld am Ausbruch des 2. Weltkriegs zugeschrieben wird, der Holocaust oder die stalinistischen Säuberungen geleugnet werden, oft ist es auch für die Nachwelt nicht leicht, die Wahrheit von der Lüge zu trennen. Und je fortgeschrittener die Medien und Technologien sind, desto leichter ist auch die Fälschung. Denkt an Photographien, aus denen heute am Computer mit drei Handgriffen Personen zum Verschwinden gebracht werden können. Das war vor 50 Jahren noch eine verdammt mühsame Dunkelkammer-Frickelei.

Allerdings: durch die modernen Technologien können wir auch wesentlich leichter Fälschungen aufspüren. Das nur so zur Beruhigung gesagt.

So, und damit es weiterhin so gemütlich bleibt: ein nicht unwichtiger Beweggrund für Fälschungen ist natürlich auch der gute alte Scherz, Jux, Ulk, Spaß. Jeder gute Aprilscherz fälscht eigentlich irgend etwas. Ich werde euch aber keine Tipps dazu geben, sondern lieber ein nettes Beispiel von solchen Scherz-Fälschungen geben:

Es handelt sich um die Cottingley Fairies, fünf Photographien von Feen, die im Jahre 1917 von zwei Mädchen gemacht wurden, indem sie Feenbilder aus einem Kinderbuch verwendeten. Bekannt wurden sie durch Arthur Conan Doyle. Ja, von ihm haben wir heute schon gehört, als Verdächtigen beim Piltdown man. Bei den Fairies tritt er als Spiritualist in Erscheinung, der an die Existenz dieser Wesen glaubte und die Photos als Beweise dafür sah. Jedenfalls gaben die Mädchen, dann natürlich schon reifere Frauen, erst in den 1980er Jahren zu, das die Photos in der Dunkelkammer des Vaters eines der Mädchen entstanden waren. Außer dem letzten, das wäre echt.

So, jetzt aber wieder ein wenig Musik:

Musik:

Boom Boom Beckett Boom Boom Baby 04:34

Teil 4: Ausblick

Ich würde gerne im abschließenden Teil noch ein wenig auf die Manipulation der Medien durch Fälschungen eingehen, da ich denke, dass diese letztlich auch weit reichende Auswirkungen haben kann. Beim letzten Beispiel von den Feen-Photos haben wir gesehen, dass sich auch einflussreiche Leute wie Conan Doyle von den Bildern haben hinters Licht führen lassen, und ich sage mal, das war deshalb, weil sie es wollten. Wenn ich eine Theorie habe und es taucht etwas auf, das ich als Beweis dafür sehen kann, werde ich diesen Beweis doch dankbar annehmen, oder? Möglicherweise auch wider besseres Wissen, denn es müsste schon damals klar gewesen sein, dass die Mädchen diese Feenbilder durchaus auch in die Bilder montiert haben konnten. Doch wir brauchen nur kurz mal in unsere facebook-timeline sehen, um festzustellen, dass die Menschen vieles glauben, was nur einigermaßen glaubhaft präsentiert wird. Die social media Plattformen wimmeln ja nur von sogenannten hoaxes, also gefälschten Meldungen. Und das nicht nur am 1. April.

Übrigens, der Elektronikmarkt mit den amputierten Sätzen im vierten Stock des Kaufhauses, ihr wisst schon, keine Werbung auf Freirad, der verschenkt als Neujahrsaktion WLAN-Kabel, solange der Vorrat reicht. Ihr müsst nur bei der Information danach fragen mit dem Kennwort PROSIT2016.

Doch auch ohne dezidiert Nachrichten zu fälschen, also zu erfinden, denkt an die berühmte Zeitungsente. Der Begriff stammt übrigens offenbar aus dem Frankreich des 16. Jahrhunderts, wo sich »donner des canards, Enten geben« als Begriff für »lügen« eingebürgert hatte, aber näheres ist nicht bekannt. Doch auch ohne direkte Lüge oder Fälschung schaffen es Medien immer, ihre Nachrichten genau so zu verfassen, wie es im Interesse des jeweiligen Auftraggebers ist. Das kann bis zur Tatsachenverdrehung gehen, Ver-fälschung also statt Fälschung.

Medien können manipuliert werden. Und Medien manipulieren. Das sind die beiden Seiten dieses Bereichs. Dass in unseren Schulen Medien lieber pauschal verteufelt werden als den richtigen Umgang damit zu lernen, ist ein anderes Thema, und sollte in einer eigenen Sendung behandelt werden.

Was ich aber heute unbedingt noch behandeln möchte, und ich habe es euch ja vorhin versprochen, ist eine ganz andere Facette der Kunstfälschung: die Fälschung als Stilmittel oder gar als eigene Kunstform.

Wir haben ja bereits bei den Beispielen zur Kunstfälschung im vorigen Abschnitt gesehen, dass Fälscher nicht nur fälschen, sondern auch selbst gefälscht werden. In beiden Fällen ist der Grund der Fälschung ja der, mit dem berühmten Namen auf entsprechend hohe Erlöse beim Verkauf des Werkes zu spekulieren.

Ganz anders liegt der Fall jedoch, wenn fremde Werke in eigene einfließen, wenn also das Wesen von Original und Kopie hinterfragt werden, was seit Mitte des 20. Jahrhunderts immer mehr thematisiert wurde. Bekanntestes Beispiel hiervon ist vermutlich Andy Warhol, der mit seinem Konzept der Wiederholung ein neues Kapitel der Pop Art geschrieben hat.

In der Kunst ist es ja nicht immer einfach, Original und Kopie zu unterscheiden, denkt an Gussformen von Bronzekünstlerinnen. Diese können ja immer wieder verwendet werden, um damit die Plastik zu kopieren. Zur Fälschung werden diese jedoch nur, wenn auch die Signatur der Künstlerin angebracht wird, sonst wird die Skulptur ja auch nicht als deren Werk ausgegeben und erfüllt den Tatbestand nicht.

Nun gibt es aber im 20. Jahrhundert auch Künstlerinnen, die in ihren Ausstellungen Bilder anderer Künstlerinnen ausstellen, etwa Richard Prince. Ist zwar keine Fälschung, aber die Inhaberinnen der Rechte an den Bildern würden vielleicht gerne auch einen Anteil am Erlös der Ausstellung sehen, oder?

Bilder sind heute mehr denn je in unserer Alltagskultur verwurzelt, doch gleichzeitig ist die Frage nach der Berechtigung zur Kopie fast verschwunden. Im Internet wimmelt es von Bildern (und natürlich auch Texten), die einfach kopiert wurden. Die Tausenden von sogenannten Memes, also Szenenfotos von TV-Serien oder Filmen, welche mit mehr oder weniger schlauen Sprüchen hinterlegt wurden, die in den social media zu finden sind – hat da jemand nach den Rechten gefragt?

Kopie als Kunst also. Fälschung als Kunst. Vielleicht sollten wir auch Rudolf IV als Künstler sehen, schließlich ist doch »Erzherzog« ein ziemlich kunstvoller Titel.

Mit diesem Gedanken möchte ich diese Erz-Sendung beschließen und spiele euch noch ein wenig Musik, die hoffentlich nicht kopiert, verfälscht oder sonst wie simuliert wurde.

Musik:

Robert80z Half Way to Hell 03:43

Abmoderation

So, aber nun genug hinterfragt für heute. Ich danke euch herzlich fürs Zuhören und hoffe, die Sendung hat euch wieder gefallen.

Und wie immer noch der Hinweis auf die Internet-Seiten zur Sendung:

Kritik, sowohl negative als auch positive, Wünsche und Anregungen könnt ihr gerne an mich per eMail senden: radio@hinterfragt.at.

Und wer die Sendung nachlesen möchte: die begleitende Website ist zu finden unter hinterfragt.at, dort findet ihr auch alle Links, oder könnt Kommentare zur Sendung abgeben. Ich spiele sowohl das Skript als auch den Mitschnitt so rasch wie möglich, meist noch am Tag nach der Sendung, auf die Website, und den Mitschnitt auch auf das Cultural Broadcast Archive, cba.fro.at.

Außerdem könnt ihr mir auch auf Twitter folgen @hinterfragtAT oder auf Facebook unter hinterfragt.

Das war Ewald Strohmar-Mauler mit der Sendung hinterfragt. Das kulturwissenschaftliche Magazin.

immer am zweiten Dienstag im Monat um 20 Uhr auf FREIRAD, dem Freien Radio Innsbruck, und die Wiederholung am 4. Donnerstag um 9 Uhr Vormittag.

Und nun verabschiede ich mich und wünsche euch noch eine gute Zeit.

Abspannmusik

Régis V. Gronoff Calling for the Blue Dusk 05:58

1 http://www.duden.de/rechtschreibung/Faelschung

2 https://de.wikipedia.org/wiki/Fälschung

3 http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Definition/faelschung.html

4 http://www.juraforum.de/lexikon/faelschung

5 Siehe hierzu auch z.B. http://de.wikipedia.org/wiki/Betrug_und_Fälschung_in_der_Wissenschaft