3. Sendung vom 12.Juli 2011: Privatsache Religion?

Anmoderation

Ich begrüße euch, liebe Hörerinnen von FREIRAD 105.9, dem freien Radio für Innsbruck! Hier am Mikrofon ist wieder Ewald Strohmar­Mauler mit der Sendung „hinterfragt.„, dem philosophischen Magazin – immer am zweiten Dienstag im Monat um 20 Uhr und die Wiederholung am vierten Donnerstag um 9 Uhr vormittags.

In dieser Sendereihe geht es um Themen unseres Alltags, die ich aus verschiedenen philosophischen Perspektiven heraus kritisch beleuchten möchte.

Die Sendung wird auch im Internet begleitet auf der Website hinterfragt.at. Dort könnt ihr die vergangenen Sendungen nachlesen, euch über die nächsten Sendungen informieren, mit mir und unter einander darüber diskutieren usw.

Und auf der Website findet ihr die Quellenangaben der Zitate und der Musikstücke, zum nachlesen bzw nachhören– also nochmals die Adresse der Website: hinterfragt punkt a t.

Außerdem noch der Hinweis: sowohl on air als auch auf der Website verwende ich die weibliche Form der Substantive für beide Geschlechter,.

Nun aber zur heutigen Sendung:

Die heutige Sendung trägt den Titel: Privatsache Religion?

Also wieder einmal eines jener Themen, bei denen immer gleich die Wogen hochgehen. Sogar bei Menschen, die vorgeben, mit Religion nichts am Hut zu haben. Warum das so ist, werde ich heute zu ergründen versuchen. Außerdem möchte ich einige klassische Themen der Religionsphilosophie vorstellen, und einige Fragen zu Religion und Politik sowie zur Religionsfreiheit stellen.

Doch zunächst gibt es etwas Musik:

Musik 1:

Interpret: Thierry Link, Album; Disorders, Track: Disorders, Länge: 04:16, Link: http://www.jamendo.com/de/album/51255

Musikhinweis: alle Stücke stehen unter der creative-commons-Lizenz, und ihr könnt sie euch unter der Einhaltung dieser Lizenz auch kostenfrei herunter laden – die Links findet ihr dann ab morgen auch auf der Sendungs-Webseite hinterfragt.at.

Beitrag 1: Allgemeine Überlegungen

Bevor wir nun in medias res gehen, müsste ich wohl jetzt eigentlich ganz brav eine Definition für das Wort „Religion“ präsentieren.

Das wollte ich eigentlich auch, aber schon der Blick in die ersten beiden einschlägigen Nachschlagewerke auf meinem Schreibtisch, das Metzler Philosophie­lexikon und Hoffmeisters philosophisches Wörterbuch, haben mich davon abgebracht.

Der Metzler redet kryptisch herum, ohne je zu einer Definition zu kommen, der Hoffmeister nennt Religion eine (Zitat)“Weltanschauung aus dem Glauben und die Lebensführung aus dem Verbundenheits-, Abhängigkeits- und Verpflichtungsgefühl gegenüber Gott“ (usw)1.

Am umfangreichsten ist dann wohl der Artikel zur Religion im marxistisch-leninistischen Wörterbuch der Philosophie – da kommt dann, wie erwartet, die (Zitat)“Niedergedrücktheit und Unwissenheit der Volksmassen2 (Zitat Ende) als Ursache und Nährboden der Religion und dergleichen Dinge mehr.

Ich habe dann gar nicht weiter gesucht, denn ich fürchte, ich werde so viele Definitionsversuche finden, wie ich Bücher aufschlage.

Selbst die Ableitung des Wortes Religion aus „religare“ bzw „religere“ wird jeweils vom einen befürwortet, vom anderen abgelehnt.

Diese Vorbereitungsarbeiten haben mir also zweierlei gezeigt:

dass selbst die Wissenschaften sich nicht einig sind, was jetzt Religion eigentlich wirklich ist, und dass der Begriff zudem noch grundsätzlich verengt gebraucht wird – es wird nämlich immer ein monotheistischer Gottesbegriff vorausgesetzt.

Meiner Ansicht nach ist überhaupt die Art, wie sich Religion für uns in der westlichen Welt heute präsentiert dem Christentum und der Aufklärung geschuldet: dem Christentum, weil dieses den Anspruch auf Wahrheit unter einem einzigen Gott im gesamten europäischen Raum verbreitet hat, und der Aufklärung, weil sie dem gegenüber eine Art „Vernunft-Religion“ positioniert hat, die versucht, den numinosen Gott durch die Vernunft zu ersetzen.

So halte ich es dann doch eher mit Max Weber3: (Zitat) “ Eine Definition dessen, was Religion »ist«, kann unmöglich an der Spitze, sondern könnte allenfalls am Schlusse einer Erörterung wie der nachfolgenden stehen.“ (Zitat Ende) – schauen wir mal, ob wir das irgendwie bis zum ende der Sendung auf die Reihe kriegen.

Aber unabhängig von einer wissenschaftlichen Definition von Religion hat aber wohl jede Hörerin irgend einen Begriff von Religion, kann sich darunter etwas vorstellen, verbindet mit dem Wort Religion irgend etwas.

Man hat ja in den letzten Jahren sogar schon von einem „Megatrend Religion“ gesprochen, nach einer Studie des Instituts für Pastoraltheologie der Uni Wien4, dann wieder von einem „Megatrend Spiritualität“, einem „Megatrend Gottlosigkeit“, usw.

Je nachdem nämlich, welche Zahlen heran gezogen werden, und was man jeweils beweisen will, werden sich sicher noch andere „Megatrends“ finden lassen, denn auch eines ist klar:

das, woran die Menschen glauben, lässt sich nur sehr schwer wissenschaftlich erfassen und in Zahlen ausdrücken.

Es wurde in den letzten Jahrzehnten auch immer wieder versucht, die Menschen in Gruppen einzuordnen, je nach Grad und Art des Glaubens. Hiernach wäre dann mit 43% die größte Gruppe jene der „Kulturreligiösen„, also jener Menschen, die zwar an „eine höhere Macht“ glauben, aber organisierte Religion eher ablehnen (was z.B. am nicht regelmäßigen Kirchgang abgelesen wird)5.

Diese Versuche sind natürlich auch nur sehr einseitig, denn das Problem daran ist, dass auch die Fragen für die Befragungen einen kulturspezifischen Hintergrund aufweisen, nämlich den des oder der Fragenden. Und dieser ist bei uns in Religionsfragen eingeschränkt auf zwei konkrete Möglichkeiten: entweder man glaubt an Gott oder eben nicht. Auf eine andere Idee, z.B. dass es nicht nur einen oder keinen, sondern vielleicht viele Götter geben könnte, kommt man in unserem Kulturkreis ja gar nicht – obwohl dieser von einem Volk grundgelegt wurde, das polytheistisch ausgerichtet war, nämlich dem antiken Griechenland.

Und auch die Möglichkeit, dass man „Gott“ nur im Rahmen einer gesellschaftlich organisierten Religionsausübung verehren kann, zählt meist zu den Grundvorstellungen, denen man in solchen Studien begegnet.

Trotzdem finde ich ja solche Studien sehr wertvoll, denn im Gegensatz zu den Ergebnissen der offiziellen Volkszählung, die nur die staatlich anerkannte Religionen zum Ankreuzen anbietet, zeigen sich diese Studien dann doch quer gelegt, indem sie auch nach persönlichen Glaubens­vorstellungen und -inhalten fragen und nicht nur nach Zugehörigkeit zu einer bestimmten religiösen Gruppierung.

Somit scheinen sich ja zwei verschiedene Bereiche zu ergeben: die institutionalisierte Religion auf der einen Seite und die persönliche Beziehung zum Göttlichen, also Religiosität und Spiritualität, auf der anderen Seite. Und hier sind eben Emotionen im Spiel, und Begriffe wie Liebe, Friede, Freiheit und eigene Anschauung spielen eine Rolle. Wie oft hört man „ich brauche keine Kirche, um an Gott zu glauben, ich gehe da einfach in die Natur!“.

Musik 2:

Interpret: lefu:Album; They call it Freedom, Track: They call it Freedom, Länge: 04:14, Link: www.jamendo.com/de/album/77556

Beitrag 2: Warum gehen bei Religions-Themen immer die Emotionen hoch?

Es ist euch sicher auch schon oft passiert: kaum spricht jemand ein Thema an, das auch nur entfernt mit Religion zu tun hat, schon entwickelt sich eine hitzige Debatte. Auch Menschen, die sich bei sonstigen Diskussionen meist heraus halten, oder sogar solche, die angeben, von Religion nichts zu halten, beginnen plötzlich wie wild, ihre jeweiligen Standpunkte hervor zu holen und vehement zu verteidigen.

Und auch bei meiner Recherche habe ich z.B. fest gestellt, dass auf Wikipedia nicht nur Artikel zu extrem vielen unterschiedlichen Religions-Themen vorhanden sind, sondern diese auch in verblüffend vielen Sprachen existieren.

Und vermutlich werden euch auch zu den Wortpaaren, die ich vorhin so kommentarlos in den Raum gestellt habe, die unterschiedlichsten, vielleicht auch kontroversen Dinge eingefallen sein.

Mensch kann es sich also offenbar nicht leisten, keine Meinung zur Religion zu haben, egal in welchem Kulturkreis.

Warum aber ist das so? Welche Bedeutung hat Religion nun wirklich für uns? Dies sind die Fragen, die uns in diesem Beitrag beschäftigen sollen.

Es scheint offensichtlich zu sein, dass jeder Kulturkreis irgendwann einmal Religion in irgend einer Art und Weise entwickelt hat. Ich möchte mich hier nicht in die zahlreichen Theorien versteigen, wie es dazu kam, aber die meisten von ihnen gehen davon aus, dass bei der ursprünglichen Bildung von Religionen, oder den Vorformen von Religion Emotionen, und zwar starke Emotionen, beteiligt waren. Genannt werden hier z.B. die Angst vor dem Unbekannten oder auch das „ehrfürchtige Staunen“ angesichts der Phänomene, die dem Menschen in seiner Umwelt begegnen. Oder, mit dem Wörterbuch der philosophischen Begriffe von Rudolf Eisler gesagt: „Mannigfache Gefühle und Willenstendenzen sowie Vorstellungen und Gedanken konstituieren die Religion.“6

Damit ist auch klar, warum bei der Thematisierung von Religion die Emotionen hochgehen – sie sind das Fundament von Religiosität.

Emotion lege ich nur in etwas hinein, das mir wichtig ist.

Aber wieso ist es für so viele Menschen wichtig, ihre Religion zu verteidigen oder ihren Atheismus? Warum versuchen die meisten Menschen, Gründe zu finden, warum sie glauben, und woran – oder warum sie eben nicht glauben?

Meine Vermutung ist:

weil Religionen dazu neigen, Themen anzusprechen, die dem modernen westlichen Menschen einfach als kontroverse Themen erscheinen, weil sie teilweise nicht bzw. nicht mehr in unsere Lebenszusammenhänge zu passen scheinen.

Da wären z.B. der Zölibat, diverse Speisegesetze, oder das immer wieder gern diskutierte Thema der Theodizee (also die Frage, warum Gott das Leid auf dieser Welt zulässt). Aber auch das Heilige an sich, bzw. übersinnliche Mächte, bieten Anlass zur Diskussionen: wie sehen sie aus, was können sie, was tun sie (oder: was tun sie nicht).

Dann ist man schon bald im Grenzbereich zur Spiritualität oder gar bei der Esoterik, die ja für viele Menschen bedenklich bis bedrohlich erscheint und somit auch Anlass zur Ablehnung, jedenfalls wieder einen Anlass zur Diskussion bietet.

Aber auch die organisierte Religion kann Grund zur Ablehnung sein, wenn man daran denkt, wie religiöse Organisationen mit Macht­befugnissen ausgestattet sind, deren Legitimation vielen Menschen fragwürdig erscheint: sich auf Gesetze zu berufen, die angeblich ein Gott aufgestellt hat, um über Menschen richten zu können, und die dann mit den international anerkannten Menschenrechten in Konflikt geraten – auch das kann natürlich wilde Diskussionen hervor rufen.

Wie legitim es ist, Begebenheiten in fernen Ländern oder aus der Vergangenheit eins zu eins auf die Angehörigen der betreffenden Religions­gemeinschaft im hier und heute umzulegen, will ich jetzt gar nicht diskutieren.

Was ich aber noch darstellen möchte, ist ein interessanter Gedanke, den ich im Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie7 gefunden habe: nämlich, dass Religion einen normativen und einen ästhetischen Aspekt hat.

Hier werden die abstrakten Überlegungen von Glaubenslehren und die ethischen Prinzipien der praktischem Umsetzung in der Glaubens­ausübung, also den Ritualen und Symbolen, gegenüber gestellt. Daraus resultieren dann einerseits, im Bereich des Normativen, Konzepte wie jenes von „gut und böse“, „Himmel und Hölle“, „Sünde und Vergebung“, der im christlichen Bereich so wichtige Gedanke der Erlösung, oder der Gedanke der Wiedergeburt, den man mehr im asiatischen Raum findet. Und selbstverständlich gehört die Beziehung zwischen Religion und Moral, die naturgemäß ja zur Aufstellung von Vorschriften führt, hierher. Nicht alle Konzepte findet man in allen Religionen wieder, und natürlich sehen nicht alle Religionen die Themen gleich, das macht ja auch den Hauptunterschied zwischen den Religionen aus. Und auch die Aufspaltungen der einzelnen Religionen in verschiedene „Konfessionen“ resultiert ja aus Auffassungsunterschieden genau in diesem Bereich des Theoretischen.

Hier noch zum Abschluss ein Zitat über Immanuel Kant:

„Die organisierte Religion erfüllte ihn [also Kant] mit Zorn. Jedem, der Kant persönlich kannte, war klar, dass ihm der Glaube an einen persönlichen Gott fremd war. Gott und Unsterblichkeit hatte er zwar postuliert, glaubte aber selbst an keines von beiden. Seine feste Überzeugung war, dass derartige Glaubensvorstellungen lediglich eine Sache des ‚individuellen Bedürfnisses‘ seien. Er selbst empfand kein derartiges Bedürfnis.“8

Dass der andere Aspekt, jener ästhetische der Glaubensausübung natürlich zu genauso vielen, wenn auch ganz anders gearteten Diskussionen führt, ergibt sich daraus, dass Rituale und Symbole ja direkt die Emotionen ansprechen, sei es jetzt der plakative, darstellende Charakter von Mythen und Legenden, die für den einen erbaulich und lehrreich, für den anderen verrückt und kindisch erscheinen. Andere Beispiele sind Passionsspiele, Kathedralen, Mantras oder Rosenkranzgebete, die auf ihr je eigene Art auf der emotionalen Ebene wirken. Und natürlich jede Art von symbolischen Elementen im Gottesdienst jeder Religion, also z.B. Sakramente, Prozessionen, Statuen und Bildnisse.

Und, was natürlich auch immer stark auf die Emotionen wirkt, ist Musik.

Musik 3:

Interpret: Doug Rice, Album; Gang of Mantras, Track: Om Sum Suriya ya Namaha / Om som Somaya Namaha, Länge: 04:26, Link: http://www.jamendo.com/de/album/71131

Beitrag 3: Philosophische Positionen zur Religion9

Nun aber zu einigen Positionen von namhaften Philosophen zur Religion.

Die Menschen der Antike unterschieden ja noch nicht zwischen Religion, Wissenschaft und Philosophie, wie wir es heute tun, die drei Bereiche gehörten als Deutung der Erscheinungen der Welt noch zusammen. Ich habe ja im vorigen Beitrag vom ehrfürchtigen Staunen gesprochen, als eine mögliche Ursache für die Entstehung von Religion. Aristoteles meint zu diesem Staunen (altgr. thaumazein) folgendes:

„Staunen veranlasste die Menschen zuerst wie noch jetzt zum Philosophieren, indem sie anfangs über die unmittelbar sich darbietenden unerklärlichen Erscheinungen sich verwunderten, dann allmählich fortschritten und sich auch über Größeres in Zweifel einließen, z.B. über die Erscheinungen an dem Mond und der Sonne und den Gestirnen und über die Entstehung des Alls. Wer aber in Zweifel und Verwunderung über eine Sache ist, der glaubt sie nicht zu kennen. […] Wenn sie daher philosophierten, um der Unwissenheit zu entgehen, so suchten sie die Wissenschaft offenbar des Erkennens wegen“ 10

Das Christentum des Mittelalters hat dann ziemlich früh die Bereiche Wissenschaft und Philosophie zur Bedeutungslosigkeit verurteilt, alles wurde nur mehr religiös auf Christus hin gedeutet, und die antiken Philosophen waren nur mehr relevant, sofern man sie dazu verwenden konnte, christliche Vorstellungen zu untermauern. Aus dieser Zeit stammen z.B. einige der bekannten Versuche, die Existenz Gottes zu beweisen.

Ich will aber hierauf nicht näher eingehen und gehe daher lieber zur Religionsphilosophie der Neuzeit über, die sich mit Fragen beschäftigt wie:

Was ist Gegenstand und Wesen der Religion?

Welche Aussagen kann man über Religion treffen?

In welchem Verhältnis steht Religion zu anderen Bereichen der Kultur, etwa Wissenschaft, Kunst oder eben Philosophie?

Bedeutende Beiträge hierzu stammen z.B. von Pascal, Hume, Kant, Schlegel, Schleiermacher, Kierkegaard, oder Wittgenstein. Auf der Seite der Religionskritiker befinden sich etwa Feuerbach, Marx oder Nietzsche. Zeitmangel zwingt mich dazu, nur einige wenige Gedanken heraus zu greifen.

Blaise Pascal z.B. meint zur Existenz Gottes, dass es ist höchst rational wäre, ein durch den Glauben an Gott bestimmtes Leben zu führen. Denn so gewinnt man im Falle der Existenz Gottes unendlich viel und verliert im Falle der Nichtexistenz Gottes relativ wenig, weil der zusätzliche Aufwand des durch religiöse Gebote eingeschränkten Lebens gering ist.

Von Immanuel Kant haben wir ja schon gehört, dass er nicht das war, was man als „gläubig“ bezeichnen würde. Trotzdem hat er sich eingehend mit Religion beschäftigt, eines seiner Werke trägt den Titel: „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ und ist Kants Versuch, eine „Vernunftreligion“ zu entwerfen, deren Grundgedanken folgende sind:

Der Mensch verfügt nur über beschränkte Erkenntnisfähigkeit und muss daher beim Versuch, Gott zu erkennen, notwendigerweise scheitern. Die Existenz Gottes kann also nur postuliert, nicht aber bewiesen werden. Auch die Unsterblichkeit der Seele kann nicht wissenschaftlich bewiesen werden. Andererseits verlangt die Vernunft im Zusammenhang mit dem zwischenmenschlichen Dasein, dass es eindeutig wünschens­werte Handlungen gibt, diese können aber nur durch eine transzendente Macht etabliert werden, hier stellt Kant also einen Zusammenhang zwischen Sittengesetz und anzustrebender Glückseligkeit her, dessen Garant wieder nur Gott sein kann.

Kant hat ja bekanntlich seine vier berühmten Fragen gestellt:

  • Was kann ich wissen?

  • Was soll ich tun?

  • Was darf ich hoffen?

  • Was ist der Mensch?

Die spezielle Frage zur Religion lautet also : Was darf ich hoffen? und führt letztlich zur Frage nach einer möglichen Glückseligkeit und den Handlungen, die ich zur Erreichung dieser Glückseligkeit setzen muss.

Wenn man jetzt noch Kants kategorischen Imperativ: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“11 hinzu nimmt, scheint also für Kant sinnvolles und wünschenswertes Handeln vor allem innerhalb des Glaubens möglich zu sein, weil Kant ja Gott als Voraussetzung für die Sittengesetze annimmt..

Aber, um es nochmals zu sagen, von der Institutionalisierung der Religion hielt er nichts, so meint er:

„Nur zum Behuf einer Kirche […] kann es Statuten, d. i. für göttlich gehaltene Verordnungen, geben, die für unsere reine moralische Beurtheilung willkürlich und zufällig sind. Diesen statutarischen Glauben nun […] für wesentlich zum Dienste Gottes überhaupt zu halten und ihn zur obersten Bedingung des göttlichen Wohlgefallens am Menschen zu machen, ist ein Religionswahn, […] wodurch dem wahren, von ihm selbst geforderten Dienste gerade entgegen gehandelt wird.“12.(Zitat Ende)

Nun aber genug von Kant und seiner Vernunftreligion.

Friedrich Schleiermacher geht davon aus, dass Religion aus einem wesentlich menschlichen Faktor entspringt: der Idee der Anschauung vom Universum. Religion ist für ihn ein Gefühl, nämlich Sinn und Geschmack für das Unendliche; also eine existenzielle und genuin menschliche Haltung zum Universum. Der Mensch setzt sich in der Religion in Bezug zum Ganzen, und erfährt sich so als teilhabend am Unendlichen und am höchsten Sinn(zusammenhang). Dadurch lehnt Schleiermacher einige der herkömmlichen Zentralbegriffe der Religionen als missverständlich und irrelevant ab, etwa die Frage nach der Gottheit oder der Unsterblichkeit der Seele. Religion ist für ihn auch nicht, wie für Kant, unabdingbar mit Moral verknüpft.

Musik 4:

Interpret: lefu, Album; They call it Freedom, Track: Exploit, Länge: 06:00, Link: http://www.jamendo.com/de/track/668523

Zwischenmoderation:

Für alle, die sich erst später zugeschaltet haben:

Hier ist „hinterfragt„, das philosophische Magazin auf FREIRAD 105.9 Mhz, dem freien Radio in Innsbruck! Mein Name ist Ewald Strohmar-Mauler mit philosophischen Gedanken zu aktuellen Themen.

Der heutige Beitrag trägt den Titel: Privatsache Religion?

Bisher kamen zur Sprache:

Allgemeine Überlegungen zur Religion, warum bei Diskussionen über Religions-Themen immer die Emotionen hoch gehen, sowie einige Gedanken großer Philosophen zur Religionsphilosophie.

Beitrag 4: Religion und Politik

Natürlich ist ein weiterer Faktor, warum Religion immer diskussionswürdig ist, das Faktum, dass es bei uns bis heute noch keine echte Trennung von Religion und Politik gibt.

Am 6.7. gab es im Standard einen Kommentar des Schriftstellers Wolfgang Koch „Der Glaube macht noch keine Kirche“, in dem es um die am nächsten Tag, dem 7.7. im Nationalrat abzustimmende (und meines Wissens auch beschlossene) Änderung zum Bundesgesetz über die Rechtspersönlichkeit von religiösen Bekenntnisgemeinschaften ging. Der Artikel hatte in der Online-Version am Mittag des 6.7. bereits 35 Kommentare (zum Vergleich: Ai Weiweis Freilassung erhielt nur 2 Kommentare).

Worum geht es?

Das genannte Gesetz, kurz Bekenntnisgemeinschaften-Gesetz, betrifft jene religiösen Gemeinschaften, die nicht die nötige Mitgliederzahl haben, um nach dem Anerkennungsgesetz aus 1874 anerkannt zu werden, diesen steht nun die Möglichkeit offen, eine Art „Anerkennung light“ zu erlangen, die zwar keine steuerlichen oder sonstigen Vorteile bietet, aber zumindest die Rechtspersönlichkeit sowie die Möglichkeit, nach einem Beobachtungszeitraum und entsprechend hoher Mitgliederzahl die Höherstufung zur Kirche oder Religionsgesellschaft zu erhalten. Das Bekenntnisgemeinschaften-Gesetz stammt aus dem Jahre 1998 und wird seither laufend von vielen als verfassungs-, und gar menschen­rechtswidrig kritisiert, nicht zuletzt von namhaften Verfassungsrechtlern wie Heinz Mayer sowie internationalen Beobachtern wie sogar dem amerikanischen CIA.

Wieso verfassungs- und menschenrechtswidrig? werden jetzt sicher viele fragen. Und wozu noch ein zusätzliches Gesetz? Und was soll der ganze Tumult, wir haben doch eh Religionsfreiheit in Österreich?

Ja, schön wär’s, wenn es denn so einfach wäre.

Leider sind nicht einmal die entsprechenden Verfassungsgesetze eindeutig.

Allgemeine Erklärung der Menschenrechte – Artikel 18

Jeder Mensch hat den Anspruch auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit. Dieses Recht umfasst die Freiheit, seine Religion oder seine Überzeugung zu wechseln, sowie die Freiheit, seine Religion oder seine Überzeugung allein oder in Gemeinschaft mit anderen, in der Öffentlichkeit oder privat, durch Lehre, Ausübung, Gottesdienst, und Vollziehung von Riten zu bekunden.

Staatsvertrag von St. Germain – Artikel 63

Alle Einwohner Österreichs haben das Recht, öffentlich oder privat jede Art Glauben, Religion oder Bekenntnis frei zu üben, sofern deren Übung nicht mit der öffentlichen Ordnung oder mit den guten Sitten unvereinbar ist.

Staatsgrundgesetz , Artikel 15

Jede gesetzlich anerkannte Kirche und Religionsgesellschaft hat das Recht der gemeinsamen öffentlichen Religionsübung, […]

Hier liegt der Unterschied darin, dass das StGG den Mitgliedern nicht anerkannter Kirchen oder Religionsgesellschaften schon mal die öffentliche Ausübung ihres Glaubens verweigert.

In den 90er Jahren kam es darüber zum Streit, dass nur die Handvoll seit dem Ende des 19. Jahrhunderts anerkannten, hauptsächlich christlichen, Religionsgemeinschaften plus dem Islam anerkannt sind und eine grundlegende Änderung der Gesetzgebung wurde gefordert. Herausgekommen ist das erwähnte, vielfach kritisierte BekGG.

Warum gerade so eine Notlösung?

Internationaler Pakt über bürgerliche und politische Rechte – Artikel 18

3. Die Freiheit, seine Religion und Weltanschauung zu bekunden, darf nur den gesetzlich vorgesehenen Einschränkungen unterworfen werden, die zum Schutz der öffentlichen Sicherheit, Ordnung, Gesundheit, Sittlichkeit oder der Grundrechte und -freiheiten anderer erforderlich sind.

Und diese Einschränkung wurde offenbar zum Anlass genommen, sich eine Begründung zurecht zu legen, die Gefährdung der Jugend durch Psycho- und sonstige Sekten -ja, wenn plötzlich jede Spaghettimonster-Religion anerkannt werden würde, wo kämen wir denn da hin? Dass es den Jugendlichen vermutlich egal ist, ob die interessante Gruppe nun anerkannt ist oder nicht, spielt keine Rolle, es ist ja eh nur ein vorgeschobenes Motiv.

Welche treibenden Kräfte, die sich auch nicht durch die vernünftigen Argumente der Verfassungs-Experten und Hinweis auf die Menschenrechte in ihren Ansichten beirren lassen, im Hintergrund ihre Finger im Spiel hatten, ist wohl vielen klar.

Es sind die selben Kräfte, die sich auch in vielen anderen Fragen nicht viel um Menschenrechte kümmern – schlimm ist nur, dass sich der Staat derart von ihnen instrumentalisieren lässt.

Das gilt ja auch für Themen wie den schulischen Religionsunterricht, die Anbringung von Kreuzen (und nur solchen) in Klassenzimmern und Kindergärten, usw. oder auch den Unmut über Kunstwerke mit religiösem Bezug, wie Haderers Jesus-Buch oder jüngst die „Grüß Göttin“-Debatte.

Hier noch ein Zitat des deutschen Religionswissenschaftlers Hubert Seiwert:

„Wenn der Staat sich darauf einlässt, religiöse Minderheiten als ‚Sektenproblem‘ zu definieren, gerät er leicht auf die Bahn derjenigen, die Religion überhaupt als ein Problem ansehen, wenn sie nicht in der domestizierten Form rationalisierter und staatstragender Kirchenbürokratie vorkommt.13

Die Verflechtung von Religion und Politik ist ein Umstand, vielleicht sogar Missstand, der sich historisch entwickelt hat und noch immer in einer Art und Weise fort wirkt, über die man noch lange diskutieren könnte, doch reicht dazu die Sendezeit nicht aus.

Musik 5:

Interpret: Nujazz Trio, Album; Nujazz Trio II , Track: Hustinettenbar, Länge: 03:15, Link: http://www.jamendo.com/de/track/731396

Beitrag 5: Fazit

Zum Schluss möchte ich wie immer aus den genannten Überlegungen versuchen, ein Fazit zu ziehen. Vor allem natürlich die Frage beantworten, ob Religion Privatsache sein sollte.

Doch zunächst versuche ich, am Ende der Erörterungen, wie Max Weber meinte, vielleicht doch eine Definition von Religion zu erstellen, also:

Für mich ist Religion in der freiesten Definition die gemeinschaftliche, symbolhafte Ausübung einer persönlichen Beziehung zu nicht-materiellen Entitäten.

Und sollte so etwas jetzt Privatsache sein?

Ich zitiere hierzu einen meiner eigenen Blog-Beiträge14:

Ja, ich finde, dass Religion Privatsache ist.

Und zwar nicht in dem Sinne, dass in der Öffentlichkeit nichts von Religion(-sausübung) fest zu stellen sein soll, sondern dass jegliche mit Religion zusammenhängenden Dinge nicht vom Staat reglementiert werden dürften.

Dies beginnt ja schon mit der zwingenden Entscheidung für oder gegen eine oder mehrere bestimmte Religion(en) – also der Tatsache, dass man sich für eine einzige bestimmte (taxativ im Gesetz aufgezählte) Religion entscheiden muss, oder dafür, “ohne religiöses Bekenntnis” sein zu müssen (was nur im Falle expliziter oder funktionaler Atheisten wirklich korrekt ist).

Religion als Privatsache bedeutet für mich z.B.: Religion ist ein (immaterielles) Gut, wie viele andere, die mir “gehören”. Niemand kann mich dazu zwingen, nur ein einziges Buch zu besitzen – wieso also nur einen einzigen Glauben?

[…]

Privatsache bedeutet auch, sich nicht von Institutionen unter der Vorspiegelung (angeblicher) Traditionen irgendetwas vorschreiben zu lassen. […] (Zitat Ende)

Ja, die vorgeblichen, immer wieder herbei zitierten, „christlichen Werte“, die in keiner Diskussion, die mir bekannt ist, auch nur ansatzweise aufgezählt, definiert oder auch nur anders als eben in dem Hüllenbegriff „die christlichen Werte“ verwendet werden – die tauchen ja immer wieder auf, wenn man Religion legitimieren will.

Auch auf kirchlichen Internet-Seiten , z.B. auf eintreten.at, wird immer wieder darauf hingewiesen, wie wichtig „die Kirche“ als Träger sozialer und schulischer Einrichtungen ist – kein Kunststück, wenn diese Trägerschaft vor Jahrhunderten grundgelegt worden ist, als es noch keine staatlichen sozialen Einrichtungen gab, weil ja auch noch keine Nationalstaaten im heutigen Sinn existierten. Nur finde ich es dann schon etwas frech, wenn darauf hingewiesen wird, dass der Staat in katholischen Privatschulen „nur“ die Lehrergehälter zahlt. Für mich als Steuerzahler bedeutet das, dass ich die Vermittlung dieser ominösen „christlichen Werte“ mitfinanzieren muss.

Für mich sind da jedenfalls verengte Begriffe, Vorstellungen und Werte zu erkennen, die sich meiner Ansicht nach mit einer modernen wertepluralistischen und multikulturellen Gesellschaft nicht mehr vereinbaren lassen.

Diese verstaubte Religions-Gesetzgebung sollte ebenso hinterfragt werden wie die dahinter steckenden vormodernen Ideen.

Für mich muss eine Gesellschaft, die sich als multikulturell bezeichnet, auch multireligiös sein – ohne Wenn und Aber.

Abmoderation:

So, nun aber genug philosophiert für heute. Ich hoffe, die Sendung hat euch gefallen und ihr fandet sie ausreichend interessant.

Wie immer an dieser Stelle der Hinweis auf das Internet:

Kritik, sowohl negative als auch positive, Wünsche und Anregungen könnt ihr wie immer gerne an mich per eMail senden: radio {at} hinterfragt {punkt} at.

Und wer die Sendung nachlesen möchte: die begleitende Website ist zu finden unter hinterfragt.at, dort könnt ihr auch Kommentare zur Sendung abgeben. Außerdem könnt ihr mir auch auf Twitter folgen @hinterfragtAT oder auf Facebook unter hinterfragt.

Alle Musik-Stücke stehen unter der creative-commons-Lizenz, und ihr könnt sie euch unter der Einhaltung dieser Lizenz auch kostenfrei herunter laden – die Links findet ihr dann ab morgen auch mit dem Text zur heutigen Sendung.auf der Sendungs-Webseite hinterfragt.at

Und nun verabschiede ich mich, wünsche euch noch eine gute Zeit.

Das war Ewald Strohmar-Mauler mit der Sendung hinterfragt. Das philosophische Magazin auf FREIRAD 105.9, dem Freien Radio in Innsbruck.

Abspannmusik:

Interpret: Jay P. Baker, Album: The Last Riddle In Time, Track: Jasmines Angels, Länge: 12:46, http://www.jamendo.com/de/track/325066

1Hoffmeister, Johannes: Wörterbuch der philosophischen Begriffe, Hamburg 1955, S.525

2Klaus, Georg / Buhr, Manfred: marxistisch-leninistisches Wörterbuch der Philosophie, Bd 3, S. 939Reinbek b.H. 1972

3Weber,Max: Wirtschaft und Gesellschaft – Grundriss der verstehenden Soziologie (1922), Kapitel IV. Religionssoziologie – online unter http://www.textlog.de/7747.html (abger. 6.7.2011)

4 Quelle

5Quelle

6Eisler, Rudolf : Wörterbuch der philosophischen Begriffe, 1904, online unter http://www.textlog.de/5019.html (abger. 6.7.2011)

7S.614

8Kühn, Manfred: Kant. Eine Biographie. Beck, München 2004. S.16f.

9einige wertvolle Hinweise für diesen Beitrag stammen aus dem Teil zur Religions­philosophie aus dem Kurs 3561 (Theoretische Philosophie) der Fernuniversität in Hagen sowie den Kursunterlagen von Wolfgang Welsch unter http://www2.uni-jena.de/welsch/Teaching%20materials/

10Aristoteles, Metaphysik I 2, 982 b 12-21

112 Kant, Immanuel: Kritik der praktischen Vernunft. Frankfurt a. M. 3. l 997. A 193.

12Kant, Immanuel: Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft. Viertes Stück. Zweiter Theil: Vom Afterdienst Gottes in einer statutarischen Religion

13Hubert Seiwert im Vw. zu: Introvigne, Massimo (Hg.): Schluß mit den Sekten! : die Kontroverse über „Sekten“ und neue religiöse Bewegungen in Europa , Marburg 1998

14 http://hopoiothe.ismus.at/?p=235

 

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