4. Sendung vom 9. August 2011 Titel: Philosophie als Lebensform?

Anmoderation:

Ich begrüße euch, liebe Hörerinnen von FREIRAD 105.9, dem freien Radio für Innsbruck!

Live am Mikrofon ist wieder Ewald Strohmar-Mauler mit der Sendung „hinterfragt.„, dem philosophischen Magazin – immer am zweiten Dienstag im Monat um 20 Uhr und die Wiederholung am vierten Donnerstag um 9 Uhr vormittags.

In dieser Sendereihe geht es üblicher Weise um Themen unseres Alltags, die ich aus verschiedenen philosophischen Perspektiven hinterfrage. Doch ab und zu wird auch mal ein philosophisches Buch das Hauptthema sein, so auch heute. Und zwar das Buch „Philosophie als Lebensform“ von Pierre Hadot.

Die Sendung wird im Internet begleitet auf der Website hinterfragt.at. Dort könnt ihr die vergangenen Sendungen nachlesen, euch über die nächsten Sendungen informieren, mit mir und unter einander darüber diskutieren usw.

Und auf der Website findet ihr die Quellenangaben der Zitate und der Musikstücke, zum nachlesen bzw nachhören– also nochmals die Adresse der Website: hinterfragt punkt a t.

Außerdem noch der Hinweis: sowohl on air als auch auf der Website verwende ich die weibliche Form der Substantive für beide Geschlechter.

Die Musikstücke, die ich spiele stehen unter einer creative-commons-Lizenz, und ihr könnt sie euch unter der Einhaltung dieser Lizenz auch kostenfrei herunter laden – die Links findet ihr dann ab morgen auch auf der Sendungs-Webseite hinterfragt.at.

Nun aber zur heutigen Sendung:

Die heutige Sendung trägt den Titel: Philosophie als Lebensform? und folgt, wie gesagt, dem Buch „Philosophie als Lebensform“1, oder im Original „Exercises spirituels et philosophie antique“ von dem französischen Philosophen Pierre Hadot.

Ich möchte aber weniger das Buch vorstellen, als das, worin es darum geht. Der Untertitel der deutschen Ausgabe lautet nämlich „Antike und moderne Exerzitien der Weisheit“.

Es macht also den Anschein, als handelt es sich dabei um einen Lebenshilfe-Ratgeber – nur mit Philosophie statt Psychologie oder Esoterik. Was wirklich darin steckt, und ob das überhaupt funktionieren kann, erfahrt ihr nach dem ersten Musik-Stück.

Musik 1

Beitrag 1: Philosophie ist für alle

Ich wollte ja schon lange eine Sendung beginnen mit den Worten: Eigentlich sind wir ja eh alle PhilosophInnen!

Und wie es der Zufall (wenn man denn an ihn glaubt) so will, wurde am vergangenen Samstag auf Bayern Alpha wieder mal die erste Folge von „Denker des Abendlandes“ wiederholt. In dieser Sendung plaudern der Physiker Harald Lesch und der Philosoph Wilhelm Vossenkuhl über Philosophie, und auch sie kamen zu der selben Erkenntnis: Philosophieren können wir eh alle, und wir tun es auch immer wieder. Wenn wir darüber nachdenken, was die Welt so ist, oder warum irgend etwas so ist, wie es eben ist, oder auch, warum wir denken, was wir denken. Natürlich gibt es Menschen, die denken mehr und regelmäßiger über solche Dinge nach, das sind dann sozusagen die „Berufs-Philosophen“.

Die gibt es ja schon seit der Antike, diese Berufs-Denker. Es waren damals zwar meist nur freie Bürger, die es sich leisten konnten, den lieben langen Tag herum zu spazieren und zu denken, und manche wurden auch für Spinner gehalten, für Ver-rückte, wie Willi Vossenkuhl meinte. Und von Harald Lesch kam da ein Satz, der mir auch gut gefallen hat, Zitat: „der macht da was Orthogonales“, also er meinte den Philosophen, und als Naturwissenschaftler kann er nicht einfach „quergestellt“ sagen. Also, PhilosophInnen sind auch QuerdenkerInnen.

Aber in weiterer Folge der Sendung kamen dann leider dann doch einige Überlegungen, mit denen ich nicht so wirklich einverstanden war, wo nämlich allzu stark der Blick des ach so aufgeklärten modernen Menschen verachtungsvoll auf den antiken ach so rückständigen Menschen fiel.

Und damit bin ich eigentlich auch schon wieder zurück bei dieser meiner Sendung, es soll ja um Philosophie als Lebensform gehen, und da möchte ich, wie auch Pierre Hadot, ebenfalls in der Antike beginnen, allerdings in einer offenbar ganz anderen Antike als Lesch/Vossenkuhl sie zu kennen behaupten.

Denn Pierre Hadot, der sich primär mit antiker Philosophie beschäftigt hat, hat meiner Meinung nach einen wesentlichen Punkt erkannt, der heute total untergegangen ist: Philosophie ist Lebenskunst.

Also nicht etwa das theoretische Herumphilosophieren um Kaisers Bart, oder das Aufstellen obskurer Theoreme ohne praktischen Wert, wie man als Laie ja oftmals glaubt. Und leider haben die nach-antiken PhilosophInnen ja selbst die Schuld an dieser Irrmeinung, wenn auch sicherlich nicht absichtlich.

Denn im Mittelalter war die Philosophie ja nicht weit von der Theologie entfernt, war quasi ihr theoretischer Teil; und die beginnende Neuzeit wollte sich vorsichtig davon lösen und theoretisierte auch primär im Feld der Metaphysik und der Ontologie herum, und das, was der Antike die techne war, heute sagen wir die Praxis, das ging in den Naturwissenschaften auf und findet erst in den letzten beiden Jahrhunderten als Teilbereiche der praktischen Philosophie wieder Anerkennung: also etwa die Technik-Philosophie, oder die Medizin-Ethik. Überhaupt, die Ethik als eigenständiges Gebiet musste sich ihren Boden erst vom Christentum wieder erobern, denn die Frage nach dem guten, also dem richtigen Handeln, wurde Jahrhunderte lang ja nur von der Kirche beantwortet.

So also ist das Bild vom Philosophen im Elfenbeinturm, dem weltfremden Denker, wohl entstanden. Die Antike hingegen sah eben Philosophie als Lebenskunst, als – wie Hadot sagt – „einer konkreten Haltung, einem festgelegten Lebensstil, der sich auf die ganze Existenz auswirkt“2.

Weisheit soll also nicht abstrakte, abgehobene, weltfremde Wissenschaft sein, sondern im Gegenteil die Praxis des Lebens betreffen. Vielleicht klingt da ja der Begriff „Lebensform“ ein wenig übertrieben, vielleicht würde es ja genügen, es einfach „Philosophie im Alltag“ oder „… für den Alltag“ zu nennen. Da würde es dann auch eher dem Gedanken entsprechen, Übungen des Geistes, um die es letztlich geht, genauso wie Übungen des Körpers einfach in unseren Alltag einzubinden. Denn dass ein gewisser Körperkult in unserer Zeit Einzug gehalten hat, steht ja außer Frage, wenn nur mehr der junge, schöne, sportliche Mensch Ansehen hat. Diese Einseitigkeit gab es in der Antike ja nicht, da wurde neben der Leibeskunst eben auch die Lebenskunst, genau jene „Liebe zur Weisheit“, die Philosophie gelehrt.

Natürlich ist das ein wenig wie Äpfel und Birnen vergleichen, denn in der Antike hatten körperlich arbeitende Menschen eh keine Zeit zum Philosophieren, und die freien Bürger, also die Reichen, trainierten nicht zum Ausgleich für eine sitzende Bürotätigkeit, sondern eher in Hinblick auf immer drohende Kriege, die ja mit Körpereinsatz und nicht mit Fernlenkraketen geführt werden. Da ging es sich nebenher schon aus, ein wenig auch die Ganglien beim Philosophieren anzustrengen.

Man muss sich das, umgelegt auf heute, auch nicht so vorstellen, dass sich dann neben dem Fitness-Studio ein Denk-Studio befindet, in dem dann über die Welt und einen selbst gegrübelt wird.

Musik 2

Beitrag 2: Marc Aurel, Stoa und Epikur

Es gibt ja einige bekannte philosophische Richtungen in der Antike, ich möchte hier, nach Hadot, aber eigentlich nur drei heraus greifen: die Stoiker, die Epikureer und die Sokratiker bzw Platoniker. Es geht ja um geistige Übungen, und da kamen aus diesen drei Richtungen die meisten Anregungen.

Diese geistigen Übungen sind aber kein Schnellkurs in „wie werde ich glücklich, und das möglichst sofort“, und antike Lehren sind auch kein Lebenshilfe-Ratgeber im Taschenbuch-Format.

Eigentlich geht es um drei Dinge, die da – in unterschiedlicher Weise – zu vermitteln versucht werden:

das erste ist „Leben lernen“, das zweite „Reden lernen“ und das dritte „Sterben lernen“. Was kann man darunter verstehen?

Eigentlich alle Philosophen-Schulen gehen davon aus, dass die menschlichen Leidenschaften die Wurzel allen Übels sind, und so ist Philosophie, wie Hadot meint „Therapie der Leidenschaften“, nur haben da alle Schulen andere Methoden zur Analyse und Heilung entwickelt.

Die Stoiker leben in ständiger Wachsamkeit, die Epikureer hingegen suchen die Entspannung.

Hadot widmet ein ganzes Kapitel seines Buches dem „Philosophen auf dem Kaiserthron“, Marcus Aurelius also. Er gehört zur stoischen Schule, sein bekanntestes Werk εις ̔εαυτόν wird auf Deutsch meist „Selbstbetrachtungen“ betitelt, eigentlich bedeutet der Titel aber „an sich selbst“, Hadot schreibt auch „Ermahnungen an sich selbst“.

Dieses Werk ist in einem interessanten Dreier-Schema gehalten, das Marcus Aurelius von Epiktetos übernommen hat. Dieser war ebenfalls ein Stoiker, allerdings ein geborener Sklave, somit die Ausnahme von der Regel, dass nur die Reichen philosophieren konnten.

Die Sentenzen dieses Buches haben drei Themen, die aber nicht in jeder Sentenz alle vorkommen:

  • erstens die Beziehung des Menschen zum Kosmos

  • dann die zu seinen Mitmenschen und

  • schließlich die zu sich selbst.

Dies entspricht natürlich klassisch den Bereichen der antiken Philosophie: Physik, Ethik und Logik.

Ein einfaches Beispiel aus dem 8.Buch, Sentenz 27:

„Für den Menschen sind dreierlei Beziehungen wichtig: erstens die zu seiner eigenen, ihn umgebenden Körperhülle, zweitens die zu seinem göttlichen Ursprung, der alles bewirkt, und drittens zu den Zeitgenossen“.

Hier sind also alle drei Elemente enthalten, und eine Entsprechung in den „Diatriben“ des Epiktetos zitiert Hadot auch:

Es gibt drei Bereiche, in denen sich derjenige, der Vollkommenheit erlangen will, üben muss:
1) den Bereich der Begierden und Abneigungen, damit sein Begehren nicht enttäuscht wird und er nicht in das hinein gerät, was er zu vermeiden sucht
2) den Bereich der positiven und negativen Strebungen, kurz, der Bereich der von der Natur zukommenden Handlungen, damit er ordnungsgemäß, vernünftig und nicht nachlässig handelt
3) der dritte Bereich ist derjenige, der sich auf die Vermeidung von Irrtümern und auf die Vorsicht im Urteilen bezieht, kurz der Bereich der Zustimmungen

Epiktetos gibt hier eine Reihenfolge vor, die mir als „typisch stoisch“ erscheint: zuerst einmal die Begierden und somit die Leidenschaften los zu werden, sich dann auf die „Strebungen“, also die vernünftigen Handlungen, zu konzentrieren, und zuletzt die Disziplinierung des eigenen Urteilens anzustreben – wieder die Reihe Physik, Ethik, Logik. Und schon Epiktetos deutet an, dass seine Zeitgenossen sich lieber gleich mit dem dritten Topos beschäftigen und die ersten beiden vernachlässigen – scheint also doch kein „modernes“ Phänomen zu sein, sondern schon im Rom des 2. Jahrhunderts begonnen zu haben.

Nun, wie hat das aber in der Praxis auszusehen, welche konkreten Übungen gibt es?

Sicherlich ist es zunächst einmal wesentlich, sich darüber klar zu werden, welche Leidenschaften und Begierden man hat, und welche davon ohnehin sinnlos sind, weil wir sie nicht erreichen können. Der Stoiker ist immer wachsam, fragt sich in jedem Augenblick: brauche ich das jetzt wirklich? was nützt mir das? Man sollte also, so lautet die Grundregel, nur das anstreben, was auch in seiner Macht steht.

Und zum zweiten Topos: nützt oder schadet diese Handlung meinen Mitmenschen? Also gerecht zu handeln, zu Gunsten der Gemeinschaft, lautet hier die Devise.

Der dritte Bereich ist der schwierigste, weil ein kritisches Urteil natürlich viele Faktoren mit einschließen muss. Doch sagen die Stoiker, dass die eigene Vernunft auch dafür genügt.

Die „Übungen“, die dazu gehören, sind wenig spektakulär: sei wachsam, überlege in jedem Augenblick, was du da eigentlich tust, wäge alles nach diesen drei Topoi ab.

Das klingt nicht sehr nach Lebenshilfe-Ratgeber, oder auch nicht nach den Exerzitien des Ignatius von Loyola. Aber wer sich näher damit beschäftigen will, es gibt auch eine Reihe von Abhandlungen darüber, z.B. von Ploutarchos, die dann in Detail gehen und verschiedene Bereiche des menschlichen Lebens behandeln, z.B. den Zorn, den Seelenfrieden, die Liebe zu den Kindern, oder den Reichtum.

Damit jetzt niemand sagen kann, dass die Epikureer zu kurz kommen, noch einige Worte zu den entsprechenden Gedanken bei Epikur: üblicher Weise wird der Epikureismus als Philosophie der Lust angesehen, im Gegensatz zum „strengen“ Stoizismus. Aber tatsächlich findet man auch einige bemerkenswerte Ähnlichkeiten, und zwar in den grundlegenden Thesen und in der praktischen Anwendung.

Epikur sieht die Philosophie ebenfalls als Therapie der Leidenschaften an, aber er will die Seele aus den Sorgen des Lebens zur einfachen Freude am Dasein führen. Auch er will dem Menschen die unbegründeten Ängste und unnötigen Begierden nehmen. Natürliche und notwendige Begierden sollen aber befriedigt werden, so werden wir vor Aufregung und Angst bewahrt und unsere Existenz wird eine glückliche sein. Auch die Epikureer haben ihre Meditationsübungen, in welchen sie ihre Grundsätze memorieren. Und sie üben sich in Entspannung und heiterer Gelassenheit. Wichtig ist hierbei auch das „carpe diem“-Prinzip, sich über den morgigen Tag keine Gedanken zu machen.

Musik 3

Beitrag 3: Die Gegenwart allein ist unser Glück

„Nun schaut der Geist nicht vorwärts, nicht zurück,
Die Gegenwart allein ist unser Glück“3

Das Thema der – wie Hadot es nennt -„Kunst der Konzentration auf den gegenwärtigen Augenblick“ wird hier in exemplarischer Weise mit einem Zitat aus Faust II von Johann Wolfgang Goethe illustriert.

Ich kann jetzt natürlich weder im Detail über Faust sprechen, will aber trotzdem diese Lektüre empfehlen, auch ich bin bei der Vorbereitung dieser Sendung wieder auf den Geschmack gekommen. Wesentlich ist für unser heutiges Thema, dass Hadot sagt, „Goethe [wäre] ein bemerkenswerter Zeuge dieses Erlebnistyps“, nämlich der stoischen und epikureeischen Konzentration auf die Gegenwart. Im Kontext des Dramas spricht Faust am Höhepunkt seines Strebens diese Worte.

In diesem Vers werden zwei konträre Welten zusammen gebracht, oder, wie Hadot es nennt, handelt es sich um einen „Dialog zweier Symbole4, eine Definition, die mir persönlich als Anhänger der Cassirerschen „Philosophie der symbolischen Formen“ natürlich sehr gefällt.

Pierre Hadot nennt also das „Symbol des modernen Menschen“ – also der Geist, der ständig vorwärts und zurück schaut – und das „Symbol der antiken Schönheit in ihrer besänftigenden Gegenwärtigkeit“5.

Für Goethe besteht das bemerkenswerte an der antiken Lebensweise darin, fähig zu sein, die Gegenwart zu leben, und um die „Gesundheit des Moments“ zu wissen6. Wir Heutigen verstünden diese Kunst, uns selbst genug zu sein, nicht mehr, unser Ideal läge in der Zukunft.

Pierre Hadot nennt einige Philosophen, die ebenso der Ansicht sind, dass ein „ausgeprägter Sinn für die Gegenwart als charakteristisch für die Seele des antiken Menschen anzusehen“ wäre7, meint aber auch, dass diese Beschreibung „etwas zu idealisiert und vereinfacht“8 wäre, und hauptsächlich aus der Kunst abgeleitet würde. Die antiken Menschen hätten genauso Ängste und Hoffnungen gehabt wie wir, wozu sonst würden die Epikureer und Stoiker ihre „Heilmittel“ gegen Ängste und Begierden empfehlen müssen? Er sieht dieses Gegenwarts-Denken also als künstlerisches und philosophisches Ideal an, aber nicht als Beschreibung der tatsächlichen antiken Lebenswelten. Bei beiden Schulen wird die Gegenwart gegenüber der Vergangenheit und Zukunft bevorzugt behandelt – das Glück soll sich in der Gegenwart finden, und ein einziger Augenblick des Glücks wäre gleich bedeutend mit einem immerwährenden Glücks-Erlebnis.

Das Streben nach Weisheit verleiht dem Epikureer Frieden und damit einen Zustand der Lust. Sich der Lust des Augenblicks hinzugeben bedeutet natürlich eine radikale Änderung der Einstellung zur Zeit.9 Aber das bedeutet eben nicht, hemmungslos jede Begierde auszuleben, die einem gerade in den Sinn kommt, sondern im Gegenteil nur jene, die wirklich natürlich und notwendig sind. Oder auch, aus einer anderen Richtung betrachtet, jedem Augenblick sein spezielles Lusterlebnis abzugewinnen. Nachsatz: wer sagt denn, dass die Zukunft schöner sein wird?

Oder, um es mit Epikur selbst zu sagen: „Die Lust ist nicht geringer, in einer kurzen Zeit, als wenn sie ewig anhielte. misst man sie nur an der Vernunft.“10

Und das funktioniert auch, so die Epikureer, wenn man seine Begierden mit Hilfe der Vernunft einschränkt. Carpe diem ist also nicht der Wahlspruch eines hemmunglosen Genussmenschen, sondern vielmehr jener des Menschen, der sich jeden Augenblicks bewusst wird, ihn wahrnimmt und bedenkt. Und ja, auch das darf man nicht vergessen zu sagen, der auch für diesen Augenblick dankbar ist.

So merken wir, dass wir hier auch nicht allzu weit entfernt sind von dem, was die Stoiker lehren.

Womit wir wieder zurück bei Marcus Aurelius wären. Ich möchte ihn wieder mal zitieren:

„Wenn du von dir […] abtrennst, was du getan oder gesagt hast, oder was als Zukünftiges dich beunruhigt und was deinem Willen entzogen ist […] und du dich übst, einzig das Leben zu leben, das du lebst, das heißt, das gegenwärtige, dann wirst du die bis zum Sterben übrig bleibende Zeit ruhig, wohlgemut und heiter gestimmt […] durchleben“.11

Also heißt es auch hier, sich auf die Gegenwart zu beschränken, und sich auf das zu konzentrieren, was gerade zu tun ist.

Oder, um wieder ein Gedicht von Goethe zu bemühen, die „Lebensregel“12:

Willst du dir ein hübsch Leben zimmern,
Mußt dich um’s Vergangne nicht bekümmern;
Das Wenigste muß dich verdrießen;
Mußt stets die Gegenwart genießen,
Besonders keinen Menschen hassen
Und die Zukunft Gott überlassen.

Das liest sich zwar wie ein Stammbuch-Eintrag, beinhaltet aber eigentlich die gleichen Aussagen wie oben, meint Pierre Hadot13, mit dem Unterschied, dass Goethe auch mit dem Wort „genießen“ auch ein wenig Epikur hinein bringt. Und, wenn wir schon dabei sind, Epikur war übrigens der Meinung, dass sich die Götter nicht um unser Schicksal kümmern, so viel zum letzten Satz bei Goethes Lebensregel, “ die Zukunft Gott überlassen.“

So, nun aber genug davon, Pierre Hadot bringt noch eine Menge Textbeispiele, aber er hat ja auch ein ganzes Buch zur Verfügung und ich nur eine Stunde Sendezeit.

Zwischenmoderation:

Für alle, die sich erst später zugeschaltet haben:

Hier ist „hinterfragt„, das philosophische Magazin auf FREIRAD 105.9, dem freien Radio in Innsbruck! Mein Name ist Ewald Strohmar-Mauler mit philosophischen Gedanken zu aktuellen Themen.

Der heutige Beitrag trägt den Titel: Philosophie als Lebensform?, und ich bringe heute die wesentlichen Punkte aus dem gleichnamigen Buch von Pierre Hadot

Musik 4

 

Beitrag 4: Sokrates

Und jetzt verlassen wir die Stoiker und Epikureer und begeben uns (ich möchte fast sagen, endlich) zu Sokrates, jenem Philosophen, von dem nichts Eigenes überliefert ist, sondern der vor allem als Protagonist in Platons Dialogen seine Art der Philosophie der Nachwelt überliefert hat.

Jener Sokrates, Sohn einer Hebamme, der die Philosophie als Hebammenkunst bezeichnet hat, weil der Philosoph die Wahrheit herausholt wie die Hebamme das Kind.

Pierre Hadot stellt einen interessanten Punkt heraus, Zitat: „Außerdem […] besaß meiner Ansicht nach die Gestalt des Sokrates, wenigstens so wie Platon sie überlieferte, den einzigartigen Vorteil, ein Mittler zwischen dem transzendenten Ideal der Weisheit und der konkreten menschlichen Realität zu sein“14. Und er fährt fort, dass Sokrates nicht ein Mittler im Sinn einer „goldenen Mitte“ ist (oder wie ich mit den Wortes des Gottes Apollon lieber sage, des Μηδὲν ἄγαν), sondern ganz im Gegenteil eine widersprüchliche Gestalt.

Nun, wenn man sich die Struktur der platonischen Dialoge, bzw. die Art, wie Sokrates seinen Gesprächspartnern letztlich genau das aus der Nase zieht, worauf er hinaus will, kann man durchaus beginnen zu verstehen, wie widersprüchlich Sokrates wirklich ist.

Pierre Hadot meint15: „Die Gestalt des Sokrates ist verwirrend, vieldeutig und beunruhigend. Für eine erste unangenehme Überraschung sorgt sie mit jener physischen Hässlichkeit, die Platon, Xenophon und Aristophanes ganz klar bezeugen.“ Und weiter verweist er auf Nietzsche: „Bezeichnenderweise war Sokrates der erste große Hellene, welcher hässlich gewesen ist“16 Der Sokrates aus dem Gastmahl gleicht also nach Meinung der antiken Autoren einem Silen, also einer gutmütigen, dickbäuchigen, glatzköpfigen, ständig angeheiterten Satyrs-Gestalt aus der griechischen Mythologie, als reines Naturwesen im Gefolge des Dionysos.

Warum interessiert uns das jetzt zum Thema „Philosophie als Lebensform?“ Nun, weil dieses dionysische Wesen die natürliche Gegengestalt zum vernünftigen, gesetzten Weisen ist, wie man sich ja den Gelehrten, also den Philosophen gemeinhin vorstellt – und vermutlich auch schon in der Antike vorgestellt hat, so als Idealbild. Doch natürlich ist diese übertriebene Karikatur nur Schein, wie Platon (in den Worten, die er Alkibiades in den Mund legt) am Ende des Symposion feststellt17, also verstellt sich Sokrates nur, um mit dieser so genannten sokratischen Ironie sein Ziel zu erreichen, der Wahrheit auf die Sprünge zu verhelfen. „Als ewiger Fragensteller brachte Sokrates seine Gesprächspartner durch geschickte Befragung dazu, ihre Unwissenheit einzugestehen“18, meint Hadot. „Auf diese Weise versetzte er sie in Unsicherheit, was sie unter Umständen zu einer Infragestellung ihres ganzen Lebens führte.“

Somit verhilft uns also dieser Silen durch seine Fragen dazu, gewisse Dinge, ganz banale Alltagsdinge, zu hinterfragen – wenn wir denn bereit sind, uns diese Dialoge zu Gemüte zu führen. Dann kann man sich dann schon manchmal über einen der Gesprächspartner des Sokrates fragen, „ja ist denn der völlig verrückt, so eine blöde Antwort, das kann der doch nicht ernst meinen, selbst in der Antike nicht“ oder man fragt sich, wieso Platon diesen Dialog genau so konstruiert hat, wie viel davon noch Sokrates ist und wie viel Platon. Und schon sind wir mitten drin in genau dem, was sich Platon meiner Meinung nach auch von uns gewünscht hat: in die Dialoge, in die sokratische Ironie einzutauchen, mit zu denken, mit zu leben.

Diese sokratische Maske aufzusetzen, diese Fragen zu stellen, wirklich alles zu hinterfragen, eben auch die ganz banalen Dinge des Alltags, diesen Monolith namens „des is hoit a so“ zu hinterfragen, das ist die Quintessenz der sokratischen Philosophie.

Beitrag 6: Die Philosophie als Lebensform

Zusammenfassend können wir also sagen, dass Philosophie in der Antike nicht etwa die theoretische Suche nach irgendeiner transzendenten Weisheit jenseits aller Lebenspraxis war – um es mal überspitzt auszudrücken – sondern im Gegenteil eine Art, dein persönliches, ganz reales Leben zu führen, und zwar in jedem Augenblick. Und nur in diesem, wenn möglich.

Für alle, die es wirklich Ernst meinten damit, bedeutet sie, so meint Pierre Hadot es etwas drastisch19, eine „radikale Umkehr, völlige Änderung der Lebensweise“, was sich jetzt aber meiner Meinung nach mehr nach christlichem Mönchtum anhört als nach griechischer Philosophie. Denn die Methoden, die die griechischen Philosophen lehrten, waren zumeist keine asketischen Übungen, die die Lebensweise radikal änderten (wie etwa der Eintritt in einen Mönchsorden), sondern die Schüler der Philosophen brachten davon schon einiges an Kenntnissen mit, weil es Grund-„Tugenden“ waren, die allen bekannt waren: z.B. „Seelenruhe, innere Freiheit, und kosmisches Bewusstsein“ (die Hadot nennt20), gehörten fast zur „Allgemeinbildung“ im antiken Griechenland. Und wer mehr davon wollte, hörte den Philosophen zu, wurde ihre Schülerin, ihr Schüler und lernte dann auch die Methoden der jeweiligen Schule, die uns heute dann schon auch mal etwas seltsam anmuten können (wie etwa die Regel des innersten Kreises der Pythagoreer, keine Bohnen zu essen), oder die schlichtweg so geheim waren, dass sie gar nicht überliefert wurden, wie die ominöse ungeschriebene Lehre des Platon.

Wichtig und allen Schulen gemeinsam ist, dass sie im Namen der Philosophie, also der Liebe zur Weisheit, versuchten, sich selbst zu erkennen und zu vervollkommnen, all das loszuwerden, was im Leben so als Ballast angesammelt wird, allem voran die Leidenschaften, eigentlich alles, was uns wesensfremd ist21, und irgendwie dem kosmischen Bewusstsein, also dem Eins-Werden mit allem, was uns umgibt, näher zu kommen.

Und wer da jetzt Buddhismus oder ähnliches raus hört, hat wohl Recht, denn letztlich scheinen mir ja alle Weisheitslehren im Kern auf das selbe hin zu deuten.

Wichtig ist mir aber auch die Erkenntnis, dass Philosophie eben nicht oder zumindest nicht nur ein theoretisches Diskutieren über die Weisheit sein kann, sondern die Anwendung, also eine aktive, tätige Liebe zur Weisheit, also ein zutiefst praktisches Handeln.

Wir leben für und mit drei Bereichen der Welt: uns selbst, unseren Mitmenschen und unserer Mitwelt (was die Griechen den κοσμος nennen). Nur fällt uns das meist gar nicht mehr auf, wir haben die Sensibilität dafür verloren, vielleicht auch deshalb, weil uns das Innehalten fehlt, weil wir zu selten die Möglichkeit haben, einmal einen Augenblick zu genießen, vielleicht auch, weil der Wunsch danach gar nicht mehr da ist, weil das Verweilen gar nicht mehr zu unserem Repertoire an alltäglichen Handlungsweisen gehört. Die Konsumindustrie bietet uns zwar den schnellen Genuss an, aber von nachhaltiger Glückseligkeit ist da wenig zu finden.

Wir sollten also vielleicht die Lehren der antiken Philosophen wieder mal heraus kramen: die Wachsamkeit der Stoiker, die Liebe zum Gegenwärtigen der Epikureer, die hinterfragende Ironie des Sokrates.

Ich möchte zum Abschluss den Anfang des letzten Absatzes aus Pierre Hadots Buch „Philosophie als Lebensform“ zitieren:

„Das ist also die Lehre der antiken Philosophie: Sie ist eine Aufforderung an jeden Menschen, sich selbst umzuformen. Die Philosophie bedeutet Umkehr, Transformation der Seinsweise und der Lebensweise, Suche nach Weisheit. Das ist nicht einfach.“

Abmoderation:

So, nun sage ich wie immer an dieser Stelle: genug philosophiert für heute. Ich danke euch herzlich fürs Zuhören und hoffe, die Sendung hat euch wieder gefallen.

Wie immer an dieser Stelle der Hinweis auf das Internet:

Kritik, sowohl negative als auch positive, Wünsche und Anregungen könnt ihr wie immer gerne an mich per eMail senden: radio {at} hinterfragt {punkt} at.

Und wer die Sendung nachlesen möchte: die begleitende Website ist zu finden unter hinterfragt.at, dort könnt ihr auch Kommentare zur Sendung abgeben. Außerdem könnt ihr mir auch auf Twitter folgen @hinterfragtAT oder auf Facebook unter hinterfragt.

Und nun verabschiede ich mich und wünsche euch noch eine gute Zeit.

Das war Ewald Strohmar-Mauler mit der Sendung hinterfragt. Das philosophische Magazin auf FREIRAD 105.9, dem Freien Radio in Innsbruck.

Abspannmusik

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Fußnoten:


1Hadot, Pierre: Philosophie als Lebensform. Antike und moderne Exerzitien der Weisheit, Frankfurt/M. 2002 – ich verwende die 3.Auflage 2011

2Hadot 2002,S.15

3Goethe, Johann Wolfgang: Faust II, 9381

4Hadot 2002, S.103

5ebd.

6Brief an Zelter, 1829

7Hadot 2002.S.105

8ebd

9vgl. Hadot 2002, S.107

10Epicuri Ratae Sententiae, 19 (vgl. Anm.19 bei Hadot 2002, S.108)

11XII.3,3-4

12http://www.textlog.de/18254.html, abger.8.8.2011

13Hadot 2002, S.113

14Hadot 2002, S.136

15ebd

16Nietzsche, Friedrich: Sokrates und die Tragödie, in: Sämtliche Werke, hg von Colli/Montinari, Berlin 1980, 1,545

17215b

18Hadot 2002,S.138

19Hadot 2002, S.165

20ebd.

21Hadot 2002, S.166

 

Hier die Musikstücke gesammelt, da mir einige technische Pannen die geplante Abfolge versaut hatten:

HiGhMaS:  My chance, http://www.jamendo.com/de/track/593159

Akh-Point:  Sleepy wind,  http://www.jamendo.com/de/track/128915

lefu:  Sleep, http://www.jamendo.com/de/track/668516

Master M: 5, http://www.jamendo.com/de/track/583422

Professor Kliq: Nine, http://www.jamendo.com/de/track/524774

 

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