8. Sendung vom 13.12. 2011: Begehren wir Bildung?

Ich begrüße euch wieder, liebe Hörerinnen von FREIRAD 105.9, dem freien Radio in Innsbruck! Live am Mikrofon ist wieder Ewald Strohmar-Mauler mit der 8. Ausgabe von „hinterfragt.“, dem philosophischen Magazin.

Heute geht es um das Thema Bildung, quasi als Nachüberlegung zum Bildungsvolksbegehren, das vom 3.-10. November 2011 stattgefunden hat und für Tirol das erschreckende Ergebnis von nur 3,23% erbracht hat.

Ich möchte mir also einige grundlegende Gedanken zur Bildung, aus philosophischer Sicht, machen.

Doch zuerst mal, wie immer ein wenig Musik.

Musik 1:

Interpretin: Highmas, Track: My chance, Länge: 3:29, Link: ???

Beitrag 1: Das Volk begehrt keine Bildung

Eigentlich meinte meine Frau, die Erziehungswissenschaften studiert, dass es total schlimm wäre, wenn (Zitat) „jemand, der mal eben so a bissl drüber nachdenkt und meint, jetzt darüber was sagen zu können“1 – also so jemand wie ich – das Riesenthema Bildung, mit dem sie sich jahrelang in allen Details beschäftigt, in einer Stunde so mal eben abhandelt. Aber sie hat auch das Gefühl, dass bei Bildungsthemen die Bildungswissenschaftler sowieso nie gefragt werden, sondern nur alle anderen.

Womit wir auch schon die beste Einleitung haben zu dem, womit ich diese Sendung beginnen will: nämlich dem Bildungsvolksbegehren vom November und dessen desaströsem Ergebnis.

Kurz zur Erinnerung: die wichtigsten Forderungen waren (ich zitiere):

Wir fordern mittels bundes(verfassungs)gesetzlicher Regelung ein faires, effizientes und weltoffenes Bildungssystem, das vom Kleinkind an alle Begabungen fördert und Schwächen ausgleicht, autonome Schulen unter Einbeziehung der SchulpartnerInnen und ohne Parteieneinfluss, eine leistungsdifferenzierte, hochwertige gemeinsame Schule bis zum Ende der Schulpflicht und ein Angebot von ganztägigen Bildungseinrichtungen, eine Aufwertung des LehrerInnenberufs und die stetige Erhöhung der staatlichen Finanzierung für Universitäten auf 2% des BIP bis 2020.2

Eigentlich lautet der Titel des Volksbegehrens ja „Volksbegehren Bildungsinitiative“. Was also die 94,7% der stimmberechtigten Österreicherinnen, die nicht hingegangen sind, eigentlich verweigert haben, ist nicht die Bildung an sich, sondern offenbar nur diese konkrete Bildungsinitiative. Hoffe ich jedenfalls.

Es waren also 5,25% Unterstützerinnen in Gesamt-Österreich, mit einer Schwankung zwischen 7,43% in Wien und 3,23% in Tirol. Warum jetzt wir in Tirol mit dem schlechtesten Ergebnis abgeschnitten haben, darüber kann ich nur spekulieren. Die Bandbreite lag übrigens bei uns zwischen 5,24% in Innsbruck Stadt (also in etwa beim Bundes-Ergebnis) und 1,85% im Bezirk Landeck. Sind jetzt jene, die nicht hingegangen sind, so rundum zufrieden mit dem Bildungsangebot in ihrer Region? Dann sollten sich lieber alle Bürgermeisterinnen von Orten, die ein Ergebnis über 6% haben, mal die Zufriedenheit ihrer Bürgerinnen mit dem Bildungsangebot genauer ansehen.

Natürlich kann es auch an dem eigenen Bildungsstand der Unterzeichnenden liegen, ob sie sich für ihre Kinder mehr oder zumindest Anderes wünschen als derzeit vorhanden ist.

Oder liegt es an der Unterstützung einer Parteilinie, gilt also: je schwärzer, desto weniger gehen hin – wir erinnern uns: die ÖVP war ja nicht wirklich unterstützend tätig?

Die unreflektierte Übernahme einer vorgegebenen Parteimeinung würde ich allerdings als ein Indiz dafür sehen, wie wichtig ein Umdenken im Bildungswesen tatsächlich ist.

Oder waren es einzelne Inhalte aus dem Forderungskatalog, die so gar nicht gut rüberkamen? Meine persönlichen Gespräche im Vorfeld des Volksbegehrens lassen diese Vermutung als gar nicht so unwahrscheinlich wirken. Tatsächlich mag es z.B. die Forderung nach Gesamtschulen oder Ganztagesschulen gewesen sein, die viele vor der Unterzeichnung abgeschreckt hat. Doch wenn ich nur unterschreibe, wofür ich 100%ig bin, dürfte ich nie zur einer Wahl gehen. Klar, ich bin jetzt auch nicht begeistert, wenn alle Kinder verpflichtend 8 Stunden in der Schule verbringen müssten, das riecht für mich noch viel mehr als bisher nach Vorbereitung aufs „wirkliche Leben“, was heißt, drillen in Richtung berufliche Leistungsfähigkeit, was für mich ganz klar mit der Forderung nach einer Förderung individueller Talente und Fähigkeiten – wie es im Volksbegehren ja in etwa heißt – in Konflikt gerät. Denn nicht alle Menschen funktionieren gleich, nicht alle sind mit einem 8-Stunden-Trott der Gleichförmigkeit zu Produktivität zu motivieren. Mich und mein Leben selbst einzuteilen, ist auch eine hohe Kunst, die es zu lernen gilt. Aber, wie gesagt, etwas abzulehnen, nur weil es neu ist, vielleicht unerprobt, halte ich für unzulässig.

Andere fürchten vielleicht um die althergebrachten Familienkonstellationen, die durch eine Ganztagesschule durcheinander gebracht werden könnten, oder befürchten, dass bei einer gesicherten Unterbringung der Kinder die arbeitenden Menschen leichter zu noch mehr Überstunden „überredet“ werden könnten als bisher. Durchaus zu Recht, aber letztlich gilt es auch hier, Gewohntes zu überdenken und zu hinterfragen, ob Strukturen aus dem 19. Jahrhundert noch zeitgemäß sind.

Aber, dieses Volksbegehren ist ja auch in anderer Hinsicht ein ganz interessantes. Schon im Vorfeld gab es mehr als genug Streit, einerseits zwischen den politischen Entscheidungsträgerinnen, vor allem deshalb, weil der Hauptproponent des Begehrens der rote Ex-Finanzminister, spätere Unternehmensberater und nunmehrige Pensionist Hannes Androsch war. Die Frage kam auf, was dieser alte Mann da jetzt plötzlich mit Bildung zu schaffen hat. Und warum er nicht zu seiner Zeit etwas getan hätte. Hinzu kommt natürlich das übliche Drama, dass die ÖVP nie sofort zustimmen kann, wenn die SPÖ oder auch nur ihre Ex-Politiker mit einer Idee auftauchen, und die anderen Parteien sich dann auf eine jeweils opportune Seite schlagen.

Andererseits, für mich noch interessanter, kam es auch zum Streit zwischen dem Philosophen Konrad Paul Liessmann und dem Bildungswissenschaftler Karl Heinz Gruber, beide Uni Wien, den die beiden im Standard ausfochten.

Liessmann analysierte in der Ausgabe vom 12./13. November 2011 unter dem Titel „Die Irrtümer der Bildungspharisäer“ das „Androsch-Volksbegehren“. Er ist hier z.B. der Ansicht, dass jene, die eigentlich nach Bildung gieren sollten, also die (Zitat) „sozial deklassierten Schichten aus den Rand- und Arbeiterbezirken“, nicht unterschrieben hätten. Das stimmt sicher nur teilweise, denn Favoriten und Simmering als repräsentativ für alle solchen Regionen österreichweit zu sehen, halte ich für leichtsinnig.

Weiters ist Liessmann der Meinung, dass die wirklich wichtigen „Konfliktzonen“ unseres Bildungssystems gar nicht angesprochen worden wären. Er nennt hier als Beispiel, dass Kinder in den Gesamt-Volksschulen nicht richtig lesen lernten und diese oft durch den hohen Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund nur Aufbewahrungsstätten wären. Schulen wären überfordert, Lehrer hätten ausbildungsbedingt ein Defizit an pädagogischer Kompetenz, usw. All das würde im Volksbegehren nicht angesprochen, meint Liessmann.

Hingegen bringt Gruber in seinem Konter vom 15. November 2011 dem Volksbegehren als „Trommelwirbel“ und seinem Initiator Androsch (der seine Energie auch in das Theater in der Josefstadt hätte stecken können), Respekt entgegen und meint, er hätte Liessmanns Spott beileibe nicht verdient. Androsch hätte (Zitat) „dem österreichischen Volk die Gelegenheit zur demokratischen Einmischung in Sachen Bildung“ gegeben. Gruber ist aber auch nicht überrascht von dem schlechten Ergebnis, angesichts der geringen Ausprägung von Demokratie als Lebensform und angesichts des breiten Unwissens über unser Schulsystem. Das Bildungsbürgertum hätte sich erwartungsgemäß gegen eine Änderung eines Systems gewehrt, welches das gesellschaftliche Klassenwesen fördert, weil ja derzeit die „Unterschicht“ rechtzeitig wegselektiert wird. Und für die Präferenz der Hauptschulen durch die ländliche Bevölkerung hat Gruber ein Zitat von John Steinbeck parat: „Wenn man Fesseln lange genug trägt, dann hält man sie für Flügel“.

Er wirft Liessmann dann auch vor, seine Thesen nicht stützen zu können, und vor allem, dass sich die Forderungen des Volksbegehrens durchaus mit den Forderungen Liessmanns decken würden, wenn auch natürlich anders formuliert.

Aber genug davon, nach ein wenig Musik geht’s weiter mit Theorien zu Bildung und Philosophie.

Musik 2:

Interpretin: Revolution Void, Track: Mind mapping, Länge: 5:41, Link: ???

Beitrag 2: Was ist Bildung und was hat das mit Philosophie zu tun? Titel vorlesen

Ich weiß ja nicht, ob es jemandem aufgefallen ist: ich habe im vorigen Beitrag sowohl von Erziehungs– als auch von Bildungswissenschaft gesprochen. Das ist ja ein Phänomen, das es nur im deutschen Sprachraum gibt, dass Erziehung und Bildung als zwei Paar Schuhe behandelt werden. Im Englischen spricht man schlicht von education, und auch in anderen Sprachen ist es ein einziger Begriff. Das hängt wohl primär mit der Geschichte des Bildungswesens in Deutschland zusammen.

Der Erziehungsbegriff der Aufklärung wurde durch den Bildungsbegriff des Neuhumanismus, dessen herausragender Vertreter Wilhelm von Humboldt war, ersetzt, oder zumindest erweitert. Kurz gesagt, ist Erziehung ein „intentionales Geschehen“3, ausgehend vom Erzieher, während Bildung „nicht beim Erzieher ansetzt, sondern beim Zu-Erziehenden“4. Die Zu-Erziehenden, werden also nicht gebildet, sondern bilden sich.

Da einer der Proponenten der aufklärerischen Erziehung ein Philosoph war (was sich auch daraus erklärt, dass es eigentlich damals keine Erziehungswissenschaft gab, und die Philosophen eh für alles zuständig waren), gehe ich auch gleich näher darauf ein. Einer der Proponenten war also Immanuel Kant. Er meint in seiner Schrift über die Pädagogik, es ginge um die (ich zitiere)

Erziehung eines frei handelnden Wesens, das sich selbst erhalten, und in der Gesellschaft ein Glied ausmachen, für sich selbst aber einen innern Wert haben kann. 5

Und in der Anthropologie in pragmatischer Hinsicht sagt Kant:

Der Mensch ist durch seine Vernunft bestimmt, in einer Gesellschaft mit Menschen zu sein, und in ihr sich durch Kunst und Wissenschaft zu kultivieren, zu zivilisieren und zu moralisieren.6

Hier taucht also die „alte Hoffnung der Philosophen“ auf, „dass die Entwicklung der Vernunft in den Fortschritten der Wissenschaften und im besseren Verstehen […] am Ende auch die Humanität befördern […] wird.“, wie es Oswald Schwemmer formuliert.7

Und wo bei Disziplinierung und Kultivierung darauf abgestellt wird, dass die Zu-Erziehenden Vorgaben von Außen bekommen, kommt die Moralisierung natürlich von Innen, denn entsprechend Kants kategorischem Imperativ handelt es sich hierbei ja um innere Überzeugungen. Letztlich ist aber ein wesentlicher Faktor beim Erziehungsmodell der Aufklärung die „Erziehung zur Brauchbarkeit8, die Kinder „sollten nicht für irgendein Wolkenkuckucksheim erzogen werden, sondern dazu, in der entstehenden bürgerlichen Gesellschaft der Zeit ein nützliches Leben zu führen.9

Hingegen besteht das Humboldtsche Bildungsideal ja darin, dass hier das Ziel der Bildung nicht von gewissen Anforderung von Außen vorgegeben wird. Humboldt sieht sich, trotz der hohen Staatsämter, die er bekleidet, nicht bemüßigt, sich auf politische oder gar religiöse Autoritäten zu berufen, sondern versteht unter Bildung die größtmögliche Entfaltung der menschlichen Kräfte zu einem Ganzen. Diese Richtung wird auch Neuhumanismus genannt, weil sie an die Ideale des Humanismus der Renaissance anknüpft, welcher wiederum sein Vorbild in der Antike gesucht hat. Für Humboldt sind es die Kräfte seiner Natur, die den Menschen zum Menschen machen, diese gilt es zu fördern und zu stärken. Und dadurch, dass das Individuum „verbessert“ wird, wird für Humboldt auch die Gesellschaft „verbessert“.

Doch genug davon, die Frage steht noch im Raum, was das alles mit Philosophie zu tun hat. Denn auch wenn ich ja mit Immanuel Kant bereits einen Philosophen zum Thema Bildung gebracht habe, es gibt in diesem Zusammenhang doch noch einiges mehr zu erzählen. Schließlich sind Philosophinnen keine Bildungswissenschaftlerinnen, deren Haupt-Untersuchungsgegenstand die Bildung ist, sondern hier ist es zumeist so, dass Bildung als Randthema bei der Untersuchung von irgend etwas ganz anderem auftaucht.

Wenn wir Philosophie etwa definieren als den

Versuch des Menschen mit dem Mittel des Denkens sein Dasein, die von ihm wahrgenommene äußere Welt und sein eigenes Inneres zu erklären,10

und annehmen, dass es bei Bildung geht

um die Fähigkeit zur Kommunikation und zum Dialog, um den Prozess, der einem Individuum zur Selbständigkeit und Freiheit verhelfen und die Möglichkeit zur Teilhabe am Kulturganzen bringen soll.11

dann sehen wir schon die Wechselwirkung zwischen Bildung und Philosophie: ich kann die Welt nur zu erklären versuchen, wenn ich hierzu in der Lage bin durch die genannte Fähigkeit zu Kommunikation und zur Dialog, andererseits hat der Gedanke der Bildung z.B. als Teilhabe am Kulturganzen meiner Meinung nach auch nur Sinn, wenn ich dies aus „Liebe zur Weisheit“, was ja Philosophie übersetzt bedeutet, betreibe.

Schon die ersten Philosophinnen in der Antike betrieben ja die „Bildung“ ihrer Schülerinnen. Wenn z.B. Sokrates seine berühmten „Was ist…?“ Fragen stellt, also z.B. in einem der von Platon aufgezeichneten Dialoge einen General fragt: „Was ist Tapferkeit?“. Durch diese Fragen, die Antworten darauf und wieder Gegenfragen usw. wird ja die Argumentationsfähigkeit der Zuhörerinnen trainiert. Und wir können annehmen, denke ich, dass die meisten dieser Dialoge sich wohl tatsächlich in einer ähnlichen Art und Weise abgespielt haben, und sie nicht rein von Platon konstruiert sind.

Ein weiteres Beispiel aus der Antike ist Platons Höhlengleichnis. Die Geschichte aus der Politeia vom Menschen, der zuerst nur die Schatten an der Höhlenwand sieht, dann die Höhle verlässt und die Dinge sieht, wie sie „wirklich“ sind, und dann zurückkehrt, um den Anderen davon zu erzählen, ist zwar ein Lehrstück der Erkenntnistheorie, wurde aber auch schon vielfach aus bildungstheoretischer Sicht diskutiert.

Oder, was solch unterschiedliche Denker wie Rousseau, Heidegger und Nietzsche in ziemlich ähnlicher Art gemeint, nur mit völlig unterschiedlichen Worten besprochen haben: der Mensch hat eine erste Natur, die aber in der zweiten Natur, die uns von Außen durch Erziehung, Sozialisierung usw. darüber gestülpt wird, verloren geht und erst wieder zu Tage gefördert werden muss12.

Es gibt also vielfältige Überschneidungen zwischen Philosophie und Bildungswissenschaft, doch denke, diese Beispiele sollten genügen.

Jetzt wieder ein Stück Musik:

Musik 3:

Interpretin: Project System 12, Album: xxx, Track: Magic Vapors, Länge: 03:30, Link: http://www.jamendo.com/de/track/

Zwischenmoderation:

Nun ist es schon wieder Halbzeit mit dieser Sendung.

Für alle, die sich erst später zugeschaltet haben:

Hier ist „hinterfragt„, das philosophische Magazin live auf FREIRAD 105.9, dem freien Radio in Innsbruck! Mein Name ist Ewald Strohmar-Mauler mit philosophischen Gedanken zu aktuellen Themen.

Der heutige Beitrag trägt den Titel: Begehren wir Bildung?

Ich habe bisher das vergangene Bildungs-Volksbegehren analysiert und Bildungstheorien aus philosophischer Sicht betrachtet.

Beitrag 3: Bildungsverhinderung

Nun möchte ich auf einige Faktoren zu sprechen kommen, von denen ich meine, dass sie „Bildungsverhinderer“ sind.

Da ich mir zur Recherche für meine Sendung immer wieder Notizen mache und alle möglichen Artikel sammle, fällt da ja allerlei Interessantes an. Unter anderem auch beim ersten Elternabend in diesem Schuljahr in der Volksschule meines Sohnes. Die Notiz in meinem Sendungs-Notizbuch an diesem Abend lautete: „Wie soll bei solch frustriertem Personal den Kindern Freude an Bildung vermittelt werden?“ Ohne näher darauf einzugehen, muss ich sagen, dass diese Frustration offenbar daran liegt, dass den jungen Lehrpersonen auf der Pädak wunderbare Dinge über ihre Zukunft erzählt wird, dann fallen sie in eine verwaltungstechnische Wadlbeißer-Mördergrube, und dann ist es nur mehr eine Frage der Zeit, bis Frustration, sowie Burnout und Depression sich einstellen – so kam zumindest beim Elternabend die Direktorin zwischen den Zeilen rüber. Wir würden ja gern, aber wir dürfen ja nicht!

So war ich damals im September doch der Meinung, dass das zu dieser Zeit noch geplante Bildungsvolksbegehren ein durchschlagender Erfolg werden würde, zumal auch ziemlich zeitgleich in der Tiroler Tageszeitung einige Leserinnenbriefe veröffentlicht wurden, die ähnlich gelagerte Wahrnehmungen äußerten – das Beschriften von Schulheften und die richtige Farbe der Umschläge wäre wohl wichtiger als pädagogische Fragen.

Nun, das Volksbegehren ist eben kein durchschlagender Erfolg geworden, und so stimmt der Titel des Beitrags von Gerald John im Standard vom 12./13. November 2011 wohl: „Der Stillstand hat eine lange Tradition“, die Resignation habe sich bei den Lehrerinnen breit gemacht, weil eh nix passiert, die AHS-Lehrerinnen fürchten ob der Gesamtschule um ihre Anrede „Professor“, und eigentlich ist es angesichts der vielen abgebrochenen Reformversuche „eh wurscht“.

Ich persönlich habe bei diesen Diskussionen allerdings immer das Gefühl, es wären immer die anderen Schuld, dass nichts geschieht. Und ich will ja nicht schon wieder das Höhlengleichnis strapazieren, das hatten wir heute schon mal, aber irgendwie sollten die Schattenbeobachterinnen doch mal aus ihrer Höhle raus gehen, denke ich. Auch wenn man es ihnen schwer macht, denn alternative Schulmodelle, ich meine wirkliche, nicht die halbgaren staatlich aufoktroyierten Schulversuche, kriegen oftmals keinen Fuß auf den Boden vor lauter Stolpersteinen, die ihnen von eifrigen Beamtinnen als Lakaien des öffentlichen Schulwesens vor die Beine gestreut werden. Kein Wunder, dass Privatschulen mit neuartigen Konzepten genauso viel Hartnäckigkeit, Mut und vermutlich auch finanzielle Reserven benötigen wie die wenigen Menschen, die es auf sich nehmen, ihre Kinder zu Hause selbst zu bilden, anstatt sie in öffentliche Schulen zu geben. Dass viele Eltern vielleicht sogar gerne eine der beiden Möglichkeiten, also Privatschule oder Homeschooling, nützen würden, dies aber aus finanziellen und/oder organisatorischen Gründen nicht können, zeigt mir nur, wie eigenartig unser Gesamtsystem ist. Doch dazu später mehr.

Mir ist am Nationalfeiertag, der uns ja einen Gratis-Tag in den Museen beschert hat, eine andere Bildungsverhinderung aufgefallen: die Museen.

Wieso das? Ich habe mir an diesem Tag sowohl die Innsbrucker Hofburg als auch das Landesmuseum und das Volkskunstmuseum angesehen, und zwar auch hinsichtlich des Bildungsaspekts.

Ich will jetzt nicht allzu sehr ins Museumspädagogische verfallen und über die Qualität von Kinderführungen und die weit verbreitete Unsitte, den Menschen elektronische Geräte in die Hand zu drücken, um sich menschliche Führerinnen mit wirklichem Wissen zu ersparen, räsonieren.

Was einem auch den Besuch im Museum verleiden kann, ist die gezielte Verhinderung von Versuchen, sich das Wissen auf eigene Art zu erwerben: ich hasse es, wenn ich von Ordnern im Museum unhöflich darauf aufmerksam gemacht werde, dass man hier nicht fotografieren darf. Natürlich ohne Begründung. Da ich sowieso nicht blitze, sehe ich keinen physikalischen Grund, also kann es sich nur um einen urheberrechtlichen handeln. Wenn dem so ist, und ich erspare euch jetzt die nicht ganz unkomplizierten Feinheiten der rechtlichen Hintergründe, wird mir vom Personal des Museums von vorne herein eine kriminelle Handlung unterstellt. Also, Bürger, die sich bilden wollen, werden kriminalisiert. Dies übrigens nur in der Hofburg, also dem Bundesmuseum, nicht jedoch in den Landesmuseen.

Das Mouseion, der Musentempel, in dem Künste und Wissenschaften gepflegt werden, als Ideal – und dagegen Museen als Aufbewahrungsstätten von Kunstwerken, selten nach dem Motto „weniger ist mehr“, sondern eher „ätsch, ich hab mehr Kunst als du!“, oder als Zurschaustellung von Werten aller Art, sei es die Huldigung von Technik oder Naturwissenschaft, sei es ein traditioneller Heimatbegriff, sei es die Überlegenheit Europas über alle anderen Völker.

Jedenfalls findet man kaum das Angebot, irgend etwas selbst machen zu dürfen (wenn man über 14 ist), etwas zu entdecken, auszuprobieren, anstatt es nur anzugaffen. Irgendwann ist man nämlich aus dem Alter heraus, in dem einen der Federschmuck eines afrikanischen Medizinmanns oder ein Tyrannosaurus-Skelett noch zum Staunen bringt. Und wenn man dann Museen verweigert, bis die eigenen Kindern mal soweit sind, hat das Museum eindeutig bewiesen, dass es als Bildungseinrichtung nicht geeignet ist. Es gäbe ja durchaus erfolgreiche Rezepte in Richtung auf Nachhaltigkeit, man müsste nur wollen.

Musik 4:

Interpretin: Thierry Link, Track: Sheep, Länge: 04:11, Link: ???

Beitrag 4: Bildung oder Aus-Bildung?

Ich hatte ja eingangs gemeint, die Erziehungsideale der Aufklärung würden durch die neuhumanistischen Vorstellungen von Bildung ersetzt oder zumindest erweitert. Diese Formulierung habe ich deshalb gewählt, weil vieles von der „Erziehung zur Tauglichkeit“ aus der vor-humboldtschen Ära ja nach wie vor bei uns anzutreffen ist. Auch unter dem Titel Bildung wird nach wie vor zumeist Aus-Bildung verstanden, also jungen Menschen etwas beizubringen, was sie zu irgendeiner Berufsausübung befähigt. Und das ist natürlich meilenweit davon entfernt, Bildung zu einem „besseren Menschen“ zu sein.

Eigentlich scheint das ja ein Rückschritt zu sein, weg vom Gedanken einer Bildung, die den Sinn hat, durch Förderung der Einzelmenschen zwar letztlich der Gesellschaft nützlich zu sein – aber eben trotzdem primär für das Individuum von Nutzen ist. Ein Rückschritt, weil Bildung als Ausbildung dem Individuum nur bedingt Nutzen bringt, denn wenn man Ausbildungen nur besucht um des besseren Jobs willen, ist das nicht der neuhumanistische Sinn von Bildung.

Non scholæ, sed vitæ discimus. Was bitte? Ahso, das ist Latein? Das hab ich nie gelernt, wozu auch? Ich fahr ja nicht zum Cäsar auf Urlaub, haha…

Genug gescherzt. Es wird also nur mehr gelernt, was „gebraucht“ wird. Wobei natürlich „die Wirtschaft“ festlegt, was gebraucht wird, und so werden die Geisteswissenschaften an den Universität genauso sukzessive ausgehungert wie sie an den Schulen bereits seit längerem sind.

Erich Ribolits, Bildungswissenschaftler an der Uni Wien, kämpft gegen diese Tendenzen an. „Bildung ohne Wert“13 lautet z.B. der markante Titel eines seiner Bücher, und die erste Kapitelüberschrift „Wissen ist keine Ware, Bildung hat keinen Wert“. Er meint, die heute übliche Humankapitalisierung ist der falsche Weg. Bildung als

Strategie, mit der sich das politisch-ökonomische System und sein Interessenswiderspruch von Kapital und Arbeit austricksen läßt14

wird von ihm als Irrtum enttarnt:

Diese Hoffnung wurde bereits einmal in den sechziger und siebziger Jahren kolportiert: Mit einem egalitär ausgerichteten Schulsystem und durch die Verringerung der materiell vermittelten Bildungsbenachteiligungen wollte man damals kulturelle und finanzielle Barrieren beseitigen und Chancengleichheit […] herstellen. „Eine Illusion“ warnten frühe Kritiker. Und sie behielten recht. […] die Einflüsse des ökonomischen und kulturellen Milieus auf die Bildungsungleichheit wurden damit letztlich nur marginal beeinflußt. 15

So dienen die wenigsten Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen wirklich dazu, z.B. Arbeitslosigkeit einzudämmen.

Aber, auch eine andere Auswirkung fiele mir ein: wenn man nur mehr lernt, um einen besseren Job zu bekommen, um also dieses ominöse Ding namens „Karriere“ zu machen, was macht man dann, wenn man diesen neuen Job bekommen hat? Lernt man dann wieder was Neues, um einen noch besseren Job zu bekommen? Oder lässt man es lieber bleiben und arbeitet da mal mehr oder weniger einseitig vor sich hin, genauso wie man vorher genauso einseitig vor sich hin gelernt hat?

Und je spezifischer eine Ausbildung ist, desto unflexibler wird man, weil man zwar Spezialistin auf einem Gebiet ist, aber blöderweise sonst nicht viel kann. Dieses Fachleutewesen freut natürlich die Wirtschaft, denn die Gefahr, dass spezifisch geschulte Fachleute plötzlich ganz was anderes machen, ist gering. Ihre Beweglichkeit ist eingeschränkt auf Abwanderung zu besserer Bezahlung bei der Konkurrenz oder in anderen Ländern.

Nur, wenn man dann nach Jahren drauf kommt, dass jener einst hochgelobte Beruf, den man erlernt hat, jetzt plötzlich nicht mehr benötigt wird, ist es vielleicht zu spät, um noch umzulernen. Und was das bedeutet ist klar: Arbeitslosigkeit oder Frühpension. Ob das die Wirtschaft auch freut?

Wir haben es offenbar verlernt, Bildung um der Bildung willen anzustreben, etwas zu lernen, weil es uns Freude macht, und nicht, weil man damit etwas verdienen kann. Dieser Gedanke wird auch überhaupt nicht gefördert. Man sehe sich nur mal den Altersschnitt an bei Volkshochschulkursen, klassischen Konzerten, oder bei den „Freunde des…“-Vereinen diverser Kultureinrichtungen. Ist Bildung wirklich nur mehr für die Generation Silberlöwe interessant?

Auch hier denke ich, sollten Konzepte mit der Blickrichtung auf Nachhaltigkeit entwickelt werden, nicht nur kurzsichtige Maßnahmen mit der Langlebigkeit von Eintagsfliegen.

Musik 5:

Interpretin: Akh Point, Track: Unsafe Smile, Länge: 06:21, Link: ???

Beitrag 5: Fazit

Die auffälligste Fehlentwicklung der Zivilisation ist die Vermarktung alles Menschlichen. 16

Mit diesem Gedanken möchte ich zum üblichen abschließenden Fazit überleiten.

Natürlich war es nicht möglich, in dieser kurzen Zeit alle Facetten des riesigen Themas Bildung durchzudenken. Ich habe versucht, einige Aspekte zu hinterfragen, und dabei habe ich unter anderem Folgendes festgestellt:

Wir versuchen nach wie vor, gesellschaftliche Strukturen des 19. Jahrhunderts als brauchbar für das 21. Jahrhundert zu verkaufen.

Solange es z.B. für Arbeitgeberinnen noch immer nicht selbstverständlich ist, dass Arbeitnehmerinnen nicht mit der Arbeit verheiratet sind, sondern zu Hause auch Familie haben, zu der man gerne auch irgendwann gehen möchte; solange es Unternehmerinnen für eine Illusion halten, dass die meisten von uns nur arbeiten gehen, weil sie eben dieser Familie ein möglichst schönes Leben bieten wollen und nicht deshalb, weil sie der Firma eine Freude machen wollen; solange der bürgerliche Unternehmer des 19. Jahrhunderts mit Gehrock und Zylinder noch nicht tot ist, solange wird uns wohl nichts übrig bleiben, als dagegen zu protestieren, sei es durch ein Volksbegehren, oder irgendwie anders.

Bildung darf nicht nur zum Zweck einer Aus-Bildung hinsichtlich Nützlichkeit für die Wirtschaft missbraucht werden, sondern muss den Menschen, vom Kleinkind bis ins Alter, auch die Möglichkeit der Entfaltung von individuellen Fähigkeiten bieten; sie muss den Zugang öffnen zum Schönen und Guten; sie muss im Sinne der Gleichberechtigung gedacht werden, aber auch im Auge behalten, dass wir nicht alle gleich sind und darf uns daher auch nicht gleich machen wollen. Und vor allem darf sie nicht der Wirtschaft, sondern muss den Menschen dienen.

Abmoderation:

So, nun sage ich wie immer an dieser Stelle: genug philosophiert für heute. Ich danke euch herzlich fürs Zuhören und hoffe, die Sendung hat euch wieder gefallen.

Und nochmals der Hinweis die Internet-Seiten zur Sendung:

Kritik, sowohl negative als auch positive, Wünsche und Anregungen könnt ihr gerne an mich per eMail senden: radio@hinterfragt.at.

Und wer die Sendung nachlesen möchte: die begleitende Website ist zu finden unter hinterfragt.at, dort könnt ihr auch Kommentare zur Sendung abgeben. Außerdem könnt ihr mir auch auf Twitter folgen @hinterfragtAT oder auf Facebook unter hinterfragt.

Zum Abschluss spiele ich ein Stück von Allison Crowe, Going Home Tonight, weil sie eine angenehme Soul-Stimme hat, und wer diese Stimme zu Weihnachten hören will, ich stelle den Link zu ihrem Weihnachts-Album auch auf die Seite zur heutigen Sendung. Ist zwar traditionell, aber trotzdem gut, finde ich.

Und nun verabschiede ich mich und wünsche euch noch eine gute Zeit.

Das war Ewald Strohmar-Mauler mit der Sendung hinterfragt. Das philosophische Magazin live auf FREIRAD 105.9, dem Freien Radio in Innsbruck.

Abspannmusik:

Interpretin: Allison Crowe: Going HomeTonight, Länge: 4:30, Link:???x

Weihnachts-Tipp: Allison Crowe: Tidings: http://www.jamendo.com/de/album/5443

1Sandra Mauler, O-Ton 5.12.2011

2http://www.nichtsitzenbleiben.at/volksbegehren/forderungen/ (7.12.2011)

3Hans-Christoph Keller, Grundbegriffe, Theorien und Methoden der Erziehungs­wissenschaft, 2004, S.70

4ebd.S.71

5Pädagogik, AA IX, S.xxx

6Immanuel Kant, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht ,AA VII

7Oswald Schwemmer, Die kulturelle Existenz des Menschen,1997,S.165

8Keller 2004, S.72

9ebd.

10http://www.philolex.de/philosop.htm (8.12.2011)

11E.P. Fischer, Die andere Bildung, Berlin 2001, S.26

12nach Gabriele Weiß, Philosophie der Bildung und Erziehung, Zusammenfassung der Skripten 2008/09, http://www.unet.univie.ac.at/~a0501290/Philosophie_der_Bildung_​und_Erziehung.doc (11.12.2011)

13Erich Ribolits, Bildung ohne Wert, Wien 2009

14http://www.iff.ac.at/oe/ifftexte/kont2er.htm

15ebd

16Le Monde diplomatique (Deutsche Ausgabe), Nov.2011, S.20

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