9. Sendung am 10.Jänner 2012: Was kann ich wissen?

Ich begrüße euch, liebe Hörerinnen von FREIRAD 105.9, dem freien Radio in Innsbruck! Live am Mikrofon ist wieder Ewald Strohmar-Mauler mit der 9. Ausgabe von „hinterfragt.„, dem philosophischen Magazin, heute mit dem Thema: Was kann ich wissen?

Der Titel der heutigen Sendung lautet „Was kann ich wissen?“

In dieser ersten Sendung im Jahre 2012 werde ich wieder etwas philosophischer werden als in den vergangenen Monaten, soll heißen: ich möchte in diesem Jahr versuchen, ein klassisches philosophisches Thema abwechselnd mit einem aktuelleren Thema zu präsentieren.

Heute also der erste von vier Teilen zu den klassischen Fragen von Immanuel Kant:

  • Was kann ich wissen? – das Thema heute

  • Was soll ich tun? – geplant für die März-Sendung

  • Was darf ich hoffen? – folgt im Mai

  • Was ist der Mensch? – geplant für den Juli

Heute geht es also um das Wissen, was es ist, was es kann und was es schafft, um Halbwissen, Unwissen, usw.

 

Doch zuerst mal, wie immer ein wenig Musik.

Musik 1:

Interpretin: Kloée, Track: If you knew

Beitrag 1: Das Original – Immanuel Kant

Zunächst möchte ich zur Einstimmung in das Thema „Wissen“ Immanuel Kant selbst zu Wort kommen lassen, der seine vier Fragen in seinem Buch zur Logik so darstellt:

Das Feld der Philosophie in dieser weltbürgerlichen Bedeutung läßt sich auf folgende Fragen bringen:

1) Was kann ich wissen?

2) Was soll ich thun?

3) Was darf ich hoffen?

4) Was ist der Mensch?

Die erste Frage beantwortet die Metaphysik, die zweite die Moral, die dritte die Religion und die vierte die Anthropologie. Im Grunde könnte man aber alles dieses zur Anthropologie rechnen, weil sich die drei ersten Fragen auf die letzte beziehen.

Der Philosoph muß also bestimmen können
1) die Quellen des menschlichen Wissens,
2) den Umfang des möglichen und nützlichen Gebrauchs alles Wissens
und endlich
3) die Grenzen der Vernunft.1

In einer älteren Fassung, in der Kritik der reinen Vernunft2, gibt Kant nur die ersten drei Fragen an, aber ich finde, die von mir zitierte jüngere Fassung hat schon ihre Berechtigung, weil ich für eine „weltbürgerliche Bedeutung“ der Philosophie wohl auch passende Weltbürger, also Menschen, benötige, und somit die anthropologische Dimension gar nicht aussparen kann.

Der zweite Teil des Zitats scheint mir auch sehr interessant zu sein, Kant erwartet also vom Philosophen, dass er die Quellen des menschlichen Wissens und den möglichen und nützlichen Gebrauch dieses Wissens kennen soll.

Jetzt könnte man sich natürlich überlegen, ob das nur ein Privileg der Philosophinnen ist, oder ob nicht auch alle anderen Menschen sich mit dem Thema Wissen beschäftigen sollten.

Doch dazu ein wenig später – zunächst wieder zurück zu Kant. Er meint ja: „Die erste Frage“ – also die nach dem Wissen – „beantwortet die Metaphysik“.

Wieso die Metaphysik? Metaphysik ist ja doch wohl eher die „Kenntnis erster Ursachen und letzter Gründe“3, oder auch „Grundstrukturen der Realität, die nicht Gegenstand von einzelnen Erfahrungserkenntnissen oder von naturwissenschaftlichen Erklärungen sein können, sondern darüber hinausgehen oder ihnen zugrunde liegen“4 Also irgendwie ein Wissen um Dinge, die wir nicht wirklich wissen können.

Jetzt ist es ja nicht gerade so, dass Kant ein Vorreiter der Esoterik-Szene war und nur über Dinge geredet hätte, die wir nicht wissen, sondern besten Falls glauben können.

Im Gegenteil war er ja bemüht, der Metaphysik in der Kritik der reinen Vernunft ein neues Gesicht zu geben, weil er die klassische Metaphysik für unwissenschaftlich und unbrauchbar hielt. Ihre Lieblingsobjekte, wie Gott oder die Seele, wären nämlich nicht durch die menschliche Erkenntnis fassbar, ebenso wenig wie die „Dinge an sich“, über die ja Kant sehr gerne nachgedacht hat. Da all diese Objekte für uns sinnlich nicht erfassbar sind, bleibt die klassische Metaphysik für Kant also nur Spekulation. Eine Metaphysik nach seinen Vorstellungen soll die Voraussetzungen der Erkenntnis untersuchen, die er „Bedingungen der Möglichkeit“ nennt, damit man überhaupt zu Urteilen gelangen kann. Er formuliert hierzu so genannte „transzendentale Prinzipien“.

Kant ist sich zwar bewusst, dass alle Erkenntnis ursprünglich mit der Sinneswahrnehmung beginnt – schließlich fangen wir ja alle als Kinder mal an, unsere Erfahrungen in der umgebenden Welt zu machen und daraus unsere Erkenntnisse zu gewinnen. Wir würden ja im täglichen Leben nicht weit kommen, wenn wir die Wahrnehmungen und damit gemachten Erfahrungen nicht speichern könnten, wir würden also z.B. immer wieder auf Glatteis ausrutschen und auf heiße Herdplatten greifen. Somit ist Erfahrung in unserem Alltag schon mal lebenswichtig.

Aber irgendwann stoßen wir ja doch an die Grenzen der Möglichkeiten unserer über die Sinne gewonnenen Erfahrungen, spätestens bei Begriffen wie Liebe, oder eben Gott.

Der nächste Schritt müssen dann also nicht-empirische Quellen für unsere Erkenntnisse sein, also einerseits Dinge, die wir voraussetzen können, wie z.B. dass alles, was um uns herum so geschieht, eine Ursache haben muss, auch wenn wir nicht immer wissen, welche. Und wir gehen einfach davon aus, dass dieses Gesetz von Ursache und Wirkung so bleiben wird, morgen und auch noch in tausend Jahren, auch wenn wir dafür weder Gründe angeben können noch Beweise haben.

Ja, wir wissen nicht einmal, woher wir das wissen. Haben wir das in der Schule gelernt, oder „eh schon immer gewusst“ oder ist das einfach „logisch“?

Ja, natürlich ist es „logisch“, dass man bei heftigem Kontakt der Haut mit spitzen oder scharfen Gegenständen Schnittwunden davon tragen kann, und das weiß ich, auch ohne alle spitzen oder scharfen Gegenstände dieser Welt ausprobiert zu haben. Weil mir das bereits einige Male passiert ist, kann ich darauf schließen, dass das „immer“ so sein wird – aber streng objektiv „weiß“ ich es nicht! Es handelt sich also hierbei nicht um ein empirisches Wissen, sondern um ein apriorisches, wie Kant es nennt, ich übersetze das mal als „voraus gehendes“ Wissen, denn beim nächsten spitzen Gegenstand weiß ich bereits, was bei Hautkontakt passieren könnte.

Kant hat eine so genannte „kopernikanische Wende“ in der Erkenntnistheorie ausgerufen, benannt nach Kopernikus, der durch seine Theorie des heliozentrischen Weltbildes für großes Aufsehen gesorgt hat (vermutlich für größeres Aufsehen als Kant, aber das ist nicht Thema dieser Sendung).

Kant kehrte das Verhältnis zwischen der menschlichen Vernunft und der Welt um, und in Analogie zu Kopernikus müsste man sagen: es dreht sich jetzt nicht mehr die Vernunft um die Natur, sondern – mit Kants Worten:

Der menschliche Verstand schreibt der Natur seine Gesetze vor5

Kant führt das genauer aus:

Bisher nahm man an, alle unsere Erkenntnis müsse sich nach den Gegenständen richten; aber alle Versuche, sie a priori etwa durch Begriffe auszumachen, wodurch unsere Erkenntnis erweitert würde, gingen unter dieser Voraussetzung zunichte. Man versuche es daher einmal, ob wir nicht in den Aufgaben der Metaphysik damit besser fortkommen, daß wir annehmen, die Gegenstände müssen sich nach unserem Erkenntnis richten, welches so schon besser mit der verlangten Möglichkeit einer Erkenntnis derselben a priori zusammenstimmt, die über Gegenstände, ehe sie uns gegeben werden, etwas festsetzen soll. […] Wenn die Anschauung sich nach der Beschaffenheit der Gegenstände richten müßte, so sehe ich nicht ein, wie man a priori von ihr etwas wissen könne; richtet sich aber der Gegenstand (als Objekt der Sinne) nach der Beschaffenheit unseres Anschauungsvermögens, so kann ich mir diese Möglichkeit ganz wohl vorstellen“ 6

Musik 2:

Interpretin: Project System 12, Album: Catch a Rainbow, Track: Paperclips

Beitrag 2: Grundsätzliches zum Thema Wissen

Bevor ich aber darauf zu sprechen komme, was nachfolgende Jahrhunderte aus Kants kopernikanischer Wende gemacht haben, möchte ich euch noch ein paar allgemeine Gedanken zum Thema Wissen präsentieren.

Was ist Wissen eigentlich?

Wissen ist eine wahre, begründete Meinung, eine mit Gewissheit gewonnene Erkenntnis, oder, komplizierter gesagt, ein „Erkenntniszustand allgemein intersubjektiv vermittelbarer Sicherheit“7.

Zu unterscheiden ist Wissen ja bekanntlich von zwei schwächeren Graden der Sicherheit: dem Glauben und der Meinung. Hierzu äußert sich Kant in der Kritik der reinen Vernunft:

Meinen ist ein mit Bewußtsein sowohl subjektiv, als objektiv unzureichendes Fürwahrhalten. Ist das letztere nur subjektiv zureichend und wird zugleich für objektiv unzureichend gehalten, so heißt es Glauben. Endlich heißt das sowohl subjektiv als objektiv zureichende Fürwahrhalten das Wissen. 8

 

Wir kennen ja drei hauptsächliche Verwendungsweisen von „Wissen“:

• ein theoretisches Wissen, das sich in Behauptungssätzen ausdrückt, also ein „Wissen, dass (knowing that)“

• ein praktisches Wissen, also ein Können, „Wissen, wie (knowing how)“

• ein gegenständliches Wissen, das Kennen aus eigenem Erleben, „Wissen, wie es ist (knowing what it means )“

 

Weitere wichtige Begriffe in diesem Zusammenhang sind Erfahrung und Urteil.

Erfahrung als zentraler erkenntnistheoretischer Begriff bedeutet die „eigene und unmittelbare, erlebnisbegleitete Auseinandersetzung mit der gegenständlichen und geistigen Wirklichkeit“9

Der Begriff des Urteils ist besonders für Kant wichtig, er bestimmt Denktätigkeiten maßgeblich als Tätigkeiten des Urteilens, und stellt dann auch Fragen wie “ sind synthetische Urteile a priori möglich?“ – darauf möchte ich aber jetzt nicht näher eingehen, sondern lieber auf die anthropologische Dimension des Themas Wissen.

Unser menschliches Wissen ist ja dem tierischen in der Weise überlegen, dass wir unser Ich von unserer Umwelt gedanklich abgrenzen können, wir uns also unseres Selbst bewusst sind und das auch wissen. Und wir wissen auch, dass wir das wissen.

Dieses Wissen grenzt uns auch von den jeweils Anderen ab. Durch den Kontakt mit Anderen erweitern wir aber unser Wissen, schließlich können wir nicht selbst alle Erfahrungen machen, so ist es doch sehr hilfreich, wenn wir von dem Wissen Anderer profitieren können. Und das heute sogar eigentlich im Überfluss, wenn man an die ungeheuren Wissensquellen denkt, die uns durch die modernen Medien, vor allem das Internet, zur Verfügung stehen.

Und nicht nur das, wir können dieses unser Wissen nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich begreifen. Jede/r von uns hat eine Vergangenheit und wird auch eine Zukunft haben. Unser Wissen von Dingen der Vergangenheit wirkt sich auch auf unser gegenwärtiges Wissen und dadurch auch auf das zukünftige Wissen aus.

Ein weiterer Aspekt ist die Möglichkeit, das Wissen durch Reflektion, also Nachdenken, zu erweitern, neues Wissen einfach dadurch hinzu zu gewinnen, dass man das alte Wissen „weiterdenkt“, dass man Dinge hinterfragt und die Antworten als neues Wissen annimmt.

Musik 3:

Interpretin: JP Mounier, Track: un petit pour la route

Beitrag 3: Andere Philosophen zum Thema Wissen

Kants kopernikanische Wende blieb nicht ohne Einfluss auf die Philosophinnen nachfolgender Jahrhunderte, die sich natürlich ebenfalls mit den Quellen des Wissens und der Erkenntnis beschäftigt haben.

Vor allem der Gedanke, dass wir sozusagen unsere Wirklichkeit selbst durch unseren Verstand erzeugen, wurde vielfach weiter gedacht.

Doch diese Überlegung ist an sich nicht erst mit Kant entstanden, sondern schon früher, nämlich schon in der Antike, aufgekommen und unter dem Begriff „Universalienproblem“ bekannt geworden.

Wissen hat in der griechischen Sprache auch etwas mit Ideen zu tun, und so sollte es uns auch nicht wirklich verwundern, dass man sich u.a. ausgehend von Platons Ideenlehre die Frage gestellt hat, ob es Allgemeinbegriffe, abstrakte Gegenstände gibt, so genannte „Universalien“, die unabhängig von individuell wahrgenommener Realität eine selbständige Existenz haben. Dies wären nicht nur die „Ideen“ Platons, die den Dingen zu Grunde liegen, sondern auch z.B. Tugenden, oder diverse philosophische Einteilungen wie etwa Kategorien. Diskutiert wird nicht nur die grundsätzliche Existenz solcher Universalien, sondern auch die Art dieser Existenz, usw. Das führte hier aber zu weit, uns geht es ja nur um die Frage nach dem Wissen von solchen Universalien.

Denn gibt es solche, würde das der Position Kants widersprechen, der ja meint, wir erzeugten die Natur durch unseren Verstand10, oder vielleicht klarer: die von uns erfahrene Welt ist abhängig von „gesetzmäßigen Strukturen unseres Anschauuens und Denkens“11.

Aber genau dieser Gedanke wird in modernen Theorien der Erkenntnis aufgegriffen, zum Beispiel vom Konstruktivismus. Diese philosophische Richtung geht davon aus, dass die Welt von unserem Bewusstsein und in Folge von unserer Sprache konstruiert ist, wodurch es natürlich auch keine absolute Wahrheit mehr geben kann.

Ähnlich auch diverse neurobiologische Erklärungsansätze für das menschliche Wissen, die davon ausgehen, dass unser Gehirn die Welt für uns in einer Weise produziert, die vermutlich ganz anders ist als sich z.B. die Welt für einen Hund darstellt. Fans der Simpsons werden sich vielleicht die Szene erinnern, in der versucht wird, die Weltsicht von Barts Hund darzustellen.

Dann gibt es z.B. Thesen einer evolutionären Erkenntnistheorie, die das menschliche Wissen als Produkt der menschlichen Stammesgeschichte sehen wollen, unsere Begriffe, Sprachen, Denkweisen sollen primär der Anpassung an unsere Welt dienen, usw.

All diese Theorien sind im Grund kantianische Versuche, das Wissen zu erklären.

Aber natürlich gibt es noch viele andere Beispiele, was sich Philosophinnen so über das Wissen gedacht haben. Ludwig Wittgenstein stellte z.B. mit einem Denkspiel den Unterschied zwischen dem alltäglichen Wissen und dem „philosophischen“ dar – gerade die Philosophinnen leben hier ja quasi in zwei Welten:

Ich sitze mit einem Philosophen im Garten; er sagt zum wiederholten Male: ‚Ich weiß, dass das ein Baum ist‘, wobei er auf einen Baum in der Nähe zeigt. Ein Dritter kommt daher und hört das, und ich sage ihm: ‚Dieser Mensch ist nicht verrückt: Wir philosophieren nur.‘12

so Wittgensteins Beispiel. Als Mensch im Alltag ist es ja völlig selbstverständlich, dass es sich um einen Baum handelt, aber als Philosophin macht man sich ja doch seine Gedanken: woher kann ich wissen, dass das ein Baum ist? Ist es nur für mich ein Baum? Wird es morgen auch noch ein Baum sein? usw.

 

Wittgensteins berühmtes Werk Tractatus logico-philosophicus beginnt mit den Worten:

1 Die Welt ist alles, was der Fall ist.

1.1 Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge.

Und weiter unten steht dann so etwas wie:

4.024 Einen Satz verstehen, heißt, wissen was der Fall ist, wenn er wahr ist. (Man kann ihn also verstehen, ohne zu wissen, ob er wahr ist.) Man versteht ihn, wenn man seine Bestandteile versteht.

Für den Laien vielleicht selbstverständlich, müssen wir Philosophinnen darüber natürlich sehr lange nachdenken und/oder diskutieren.

Doch zu einem anderen Philosophen: Bertrand Russell. Er meinte:

There is no logical impossibility in the hypothesis that the world sprang into being five minutes ago, exactly as it then was, with a population that ‘remembered’ a wholly unreal past. ‘Human beings’, posited in being five minutes ago with built-in ‘memory’ traces, would not be human beings. The suggestion is logically incoherent.

(Es besteht keine logische Unmöglichkeit in der Hypothese, dass die Welt vor fünf Minuten plötzlich begann zu existieren, genau wie sie in dem Augenblick war, mit einer Bevölkerung, die sich an eine völlig irreale Vergangenheit «erinnert». [Aber] «Menschen», vor fünf Minuten ins Dasein gesetzt, mit eingebauter «Erinnerung», wären keine Menschen. Diese Annahme ist logisch nicht schlüssig.“13

Theoretisch könnten wir uns ja die Vergangenheit irrtümlich einbilden, so wie es ja auch Theorien gibt, die behaupten, dass die Fossilien, die ein höheres Alter der Erde als in der Bibel beschrieben, von Gott eben so geschaffen wurden – was aber von anderen Theorien widerlegt wird, denn einem Gott, der uns absichtlich täuschen will, müsste man absprechen, dass er frei von Lüge wäre, usw.

Doch bevor wir in die Spekulationen der Kreationistinnen und ihrer Gegnerinnen abgleiten, oder mir noch einige hierzu passende Bücher und Filme aus dem Science-Fiction-Genre einfallen, wieder zurück zum Thema Wissen, mit einer letzten Theorie dazu:

Karl Marx postuliert in seinem so genannten „dialektischen Materialismus“, dass sich „die objektive Wirklichkeit aus ihrer materiellen Existenz und deren Entwicklung erklären lässt und nicht als Verwirklichung einer göttlichen absoluten Idee oder des menschlichen Denkens […] Die objektive Realität existiert außerhalb und unabhängig vom menschlichen Bewusstsein“14. Wörtlich sagt Marx:

Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewusstsein“15.

Zwischenmoderation:

Für alle, die sich erst später zugeschaltet haben:

Hier ist „hinterfragt„, das philosophische Magazin live auf FREIRAD 105.9, dem freien Radio in Innsbruck! Mein Name ist Ewald Strohmar-Mauler mit philosophischen Gedanken zu aktuellen Themen.

Der heutige Beitrag trägt den Titel: Was kann ich wissen? nach der berühmten ersten Frage Immanuel Kants, ist also dem Thema Wissen gewidmet. Bisher kamen einige Theorien zum Wissen und allgemein zur Erkenntnistheorie zur Sprache, und zwar von Kant und seinen Nachfolgern, etwa den Konstruktivsten, aber auch Wittgenstein, Russell und Marx.

Nach dem nächsten Musikstück geht es weiter mit Populärwissen, Unwissen, Halbwissen, und Show-Wissen.

Musik 4:

Interpretin: Professor Kliq, Track: Nine

Beitrag 4: Unwissen, Halbwissen, Show-Wissen

Danke, Herr Professor!

So, jetzt wollen wir mal sehen, wer aller aufgepasst hat. Die Frage der heutigen Sendung lautet ja „Was kann ich wissen?“. Wer hat diese Frage gestellt? War das (a) Max Scheler, (b) Bertrand Russell, (c) Immanuel Kant, oder (d) Ludwig Wittgenstein?

Sie meinen also (c)? Sind Sie da sicher? Aha, Scheler kam in der Sendung heute nicht vor, und Russell hätte es auf Englisch gesagt? Ja, das ist sind gute Argumente!

Aber es könnte ja auch (d) sein, Wittgenstein hat ja auch Deutsch gesprochen?

Also bleiben Sie bei (b), Immanuel Kant? Soll ich das einloggen, oder wollen Sie doch lieber einen Joker einsetzen?

Ja, liebe Hörerinnen, ihr habt es sicher erkannt, was ich da nachgeahmt habe, ist eine dieser Quiz-Sendungen, bei der man mit der Beantwortung von ein paar Fragen eine Menge Geld gewinnen kann.

Ich bin bei der Recherche zur vorigen Sendung, der Bildungs-Sendung, auf ein Buch von Konrad Paul Liessmann mit dem Titel „Theorie der Unbildung“ gestoßen, da geht es im ersten Kapitel um eben diese Wissensquiz-Sendungen.

Hier gewinnen ja offenbar jene Kandidatinnen, die es am besten schaffen, ihr Breitband-Wissen mit Kombinationsgabe zu verbinden und zusätzlich noch viel Glück haben. Die Möglichkeit der Beantwortung der Fragen ist also ähnlich kontingent wie eine Recherche im Internet, meint Liessmann, wobei ich hier leicht korrigierend hinzufügen muss, dass heutige Suchmaschinen-Algorithmen weniger zufallsbasiert sind als noch vor wenigen Jahren – das Buch erschien 2006.

Warum aber faszinieren diese Quizsendungen? Einerseits sicherlich dadurch, dass eine Art Prüfungssituation vorhanden ist, der man selbst aber nicht unterworfen ist, sondern irgend jemand, die oder der im Vorfeld per eMail und telefonisch eine Menge Fragen beantwortet hat und zusätzlich auch noch fernsehtauglich ist, um sich überhaupt zu qualifizieren. Und trotzdem scheitern diese Menschen dann oft an einfachen Fragen, die ich selbst ja im Schlaf gewusst hätte. Da freut man sich, wie viel man eigentlich weiß. Und wenn ich es mal nicht weiß, bin ich nicht etwa enttäuscht, sondern denke mir, dass südwestafrikanische Ameisen halt nicht gerade mein Spezialgebiet sind. Man muss ja nicht alles wissen…

Wissen ist Macht – wir wissen nichts – macht nichts! Lautet ja ein dummer Spruch, in Anlehnung an das geflügelte Wort von Francis Bacon, der da meinte:

(For) knowledge (itself) is power

 

Schon in den antiken Mythologien gab es immer wieder Rätselfragen, die von Gestalten wie z.B. Sphingen dem Helden gestellt werden, der damit die Welt retten kann. Für die Handlung wäre es gleichgültig, ob er der Sphinx einfach den Schädel abschlägt und weiterreitet, aber es bringt einfach ein zusätzliches Element hinein: auch Helden sollten was im Kopf haben!

Vermutlich dachten sich das auch die Fernsehanstalten, die schon zu Zeiten des Schwarzweiß-Fernsehens Quiz-Sendungen produziert haben. Und heute wimmelt es ja von Wissenssendungen und Dokumentationen aller Art, in denen uns alle möglichen historischen bis naturwissenschaftlich-technischen Dinge möglichst plakativ vermittelt werden, und das von Kindesbeinen an – der Kinderkanal z.B. hat alleine fünf solcher Wissens-Sendungen.

Und dann wird immer wieder von einer Wissensgesellschaft gesprochen, und auf welche ungeheuren Mengen von Wissen wir zugreifen können, wenn wir wollen. Es wird uns vorgegaukelt, dass man nicht alles wissen muss, sondern nur, wo man nachsehen muss, bzw. wie man richtig googelt.

Dass dadurch tatsächlich das individuelle Wissen minimiert wird, fällt nicht auf – oder erst in Situationen, in denen die Technik nicht verfügbar ist. Beispiel: Ich habe vor dem Zeitalter der Mobiltelefonie so ca. 40-50 Telefonnummern auswendig gewusst, heute ist alles im Rufnummern­speicher und ich weiß nicht mal die Nummer meiner Frau auswendig. Macht nichts, denn wenn ich mein Mobiltelefon mal vergessen habe, oder der Akku leer ist, greife ich auf das Online-Telefonbuch auf meinem Server zurück. So funktioniert Wissen heute. Alles in irgendwelchen Computern gespeichert, und wir machen uns immer abhängiger von Geräten.

Apropos abhängig: da fällt mir auch das Wissen in der Arbeitswelt ein. Lebenslanges Lernen ist hier das Stichwort, und natürlich geht es im Erwachsenenalter nicht primär darum, zu lernen um des Lernens willen, also ein zweckfreies Wissen zu erwerben, sondern um Wissenserwerb, um den so genannten „besseren Job“ zu erhalten. Das Wifi wirbt gerade auf Plakaten „Wissen hat immer Konjunktur“, als ob man mit einem Wifi-Kurs die Wirtschaftskrise bekämpfen könnte wie Herakles die Hydra. Oder auch die nette Fernsehwerbung, die die Buchstaben Wifi mit „Wissen ist für immer“ übersetzt, anstatt ehrlicher Weise mit Wirtschafts­förderungs­institut, denn es ist ja klar, wer von den Kursen primär profitiert: die Wirtschaft, und wenn es dieser gut geht, geht es ja angeblich uns allen gut.

Hingegen werden jene Einrichtungen, die wirklich Wissen anbieten, das nur für Einzelpersonen interessant ist, wenig beachtet und meist sogar belächelt: z.B. die Volkshochschulen. Sprachkurse für den nächsten Urlaub, Töpferkurse und Seniorenausflüge haben eben keine Konjunktur.

Und wer sich auf das Abenteuer eines Fernstudiums einlassen will, um neben einem Vollzeitjob einen akademischen Grad zu erwerben, wird sich wundern, wie wenige solcher Studien es gibt, die nichts mit Wirtschaft zu tun haben. Interessestudien wie etwa Kunstgeschichte findet man gar nicht, dabei wären vermutlich gerade solche auf einfache Weise im Fernstudium abzuwickeln.

In Zeiten, wo es mehr auf das Vorweisen von Zertifikaten ankommt als auf tatsächliches anwendbares Wissen, kann es aber auch nicht verwundern, dass Halb- oder Pseudowissen aus Quizsendungen im Alltag ausreicht, und Unwissen gar nicht auffällt.

Doch genug davon, jetzt wieder ein wenig Musik:

Musik 5:

Interpretin: Akh-Point, Track: The house of gipsies

Beitrag 5: Fazit

Zum Abschluss dieses nicht ganz einfachen Themas „Wissen“ wie gewohnt die Zusammenfassung und ein paar Gedanken, die ich euch mitgeben möchte.

Die Erkenntnistheorie beschäftigt sich u.a. mit dem Wissen und den Möglichkeiten seines Erwerbs. Man findet eine interessante Diskrepanz zwischen dem alltäglichen Wissen und dem, was sich Philosophinnen so darunter vorstellen. Und manchmal kollidieren diese beiden Sichtweisen auch miteinander, wie man z.B. beim Prozess gegen Sokrates sieht, dem ja u.a. vorgeworfen wurde, er würde durch seine neue Art der Fragerei der Jugend schaden. Sokrates trank dann lieber den Schierlingsbecher, als nachzugeben. Ein anderes Opfer dieser Diskrepanz war z.B. Galileo Galilei, der auch nicht zugeben konnte, dass sein Wissen, also die Gewissheit, dass die Erde sich um die Sonne dreht, womöglich nicht stimmt. Diese beiden Beispiele zeigen, dass Wissen durchaus auch von Obrigkeiten unerwünscht sein kann, und das ist vermutlich sogar häufiger der Fall, als wir meinen. Das Wissen um sensible Daten ist z.B. derzeit ein immer wieder kehrendes Thema, wenn Hacker wissen, wie sie an diese Daten kommen.

Eine andere Überlegung betrifft die Möglichkeiten, die wir haben, um an Wissen zu kommen, und wie nachprüfbar es überhaupt ist. Wenn Physiklehrerinnen den Schülerinnen von immer kleineren Teilchen erzählen, die in den Atomen aufgefunden werden, können diese es ihnen wohl nur unbesehen glauben – und tun gut daran, wenn sie gute Noten haben wollen. Doch auch die Lehrerinnen selbst glauben es den Forscherinnen, die diese Teilchen entdeckt zu haben glauben, meinen, oder wissen. Wo man früher, als die Physik noch mechanistischer war und schon eine unförmige Apparatur aus Holz, Glas und Metall genügte, um Sachverhalte zu beweisen, und dann höchstens darüber gestritten wurde, ob das Ergebnis mit der Bibel konform wäre, können heute Forschungsergebnisse weitaus schwerer nachprüfbar sein und lange als Hypothesen herum geistern, aber wünschenswerter sein als das gegenteilige Ergebnis. Heute scheint also das Wissen um bisher unbekannte Dinge weitaus schwieriger zu erlangen zu sein als früher. Wobei – vielleicht auch nicht, wenn man bedenkt, dass sich die Möglichkeiten, um zu Forschungsergebnissen zu gelangen, ja auch ständig verbessern – man muss z.B. nicht mehr Monate lang auf einem Schiff reisen, um die Flora im Amazonasgebiet zu erforschen.

Und natürlich stellt sich dann auch die Frage, wofür wir dieses Wissen eigentlich benötigen, also die Frage nach dem praktischen Nutzen des Wissens. Die einfachen, mechanischen Dinge, die zu unseren alltäglich verwendeten Gegenständen gehören wie Schrauben und Wasserleitungen, waren einst auch enorme technische Neuerungen, die aus dem Wissen um verschiedene physikalische Gegebenheiten resultierten. Und heute denkt niemand mehr darüber nach, es gehört zum Allgemeinwissen. Genau so wie das Wissen um Über-Ich, Ich und Es, die Sigmund Freud entdeckt hat – wir alle haben davon schon mal gehört, wir wissen davon. Ob wir allerdings davon Gebrauch machen, ist wohl eine andere Frage.

Womit plötzlich aus der Frage „Was kann ich wissen?“ die Frage entstanden ist „Was will ich überhaupt wissen?“

Gibt es Dinge, die man unbedingt „wissen muss“? Oder zumindest „wissen sollte“? Wie sinnvoll sind Kategorien wie „Allgemeinwissen“ oder „Wissensgesellschaft“?

Und wie sinnvoll ist es, sich mit Wissen auseinanderzusetzen? Sollten wir nicht vielleicht doch lieber bei der alten Weisheit des Sokrates bleiben:

Ich weiß, dass ich nichts weiß

Übrigens, laut Wikipedia16

steht [das Zitat] bei Platon für die Entwicklung der eigenen Erkenntnis von der Entlarvung des Scheinwissens über das bewusste Nichtwissen hin zur Weisheit als Wissen um das Gute.

Oder wir könnten mit Ansgar Beckermann sagen:

„Wir sollten etwas mutiger […] sein und auf den Wissensbegriff ganz verzichten. Es gibt in der Erkenntnistheorie keine interessante Frage und keine interessante These, die wir nicht auch ohne diesen Begriff formulieren könnten. Was ist das Ziel unserer Erkenntnis­bemühungen? Wahrheit.“17

Abmoderation:

So, nun sage ich wie immer an dieser Stelle: genug philosophiert für heute. Ich danke euch herzlich fürs Zuhören und hoffe, die Sendung hat euch wieder gefallen.

Und nochmals der Hinweis die Internet-Seiten zur Sendung:

Kritik, sowohl negative als auch positive, Wünsche und Anregungen könnt ihr gerne an mich per eMail senden: radio@hinterfragt.at.

Und wer die Sendung nachlesen möchte: die begleitende Website ist zu finden unter hinterfragt.at, dort könnt ihr auch Kommentare zur Sendung abgeben. Außerdem könnt ihr mir auch auf Twitter folgen @hinterfragtAT oder auf Facebook unter hinterfragt.

Und nun verabschiede ich mich und wünsche euch noch eine gute Zeit.

Das war Ewald Strohmar-Mauler mit der Sendung hinterfragt. Das philosophische Magazin live auf FREIRAD 105.9, dem Freien Radio in Innsbruck.

Abspannmusik:

Interpretin: JP Mounier, Track: Babylon

1Immanuel Kant: Logik (AA IX 25).

2quelle

3vgl. Kurs 3561 der Fernuniversität in Hagen

4http://de.wikipedia.org/wiki/Metaphysikkritik, 6.1.2012

5Immanuel Kant: Prolegomena, §36

6Immanuel Kant: KrV, B XVII

7zu den in diesem Beitrag angeführten Grundlagen vgl. Kurs 3561 der Fernuniversität in Hagen

8Immanuel Kant: KdrV B850

9siehe Fußnote 7

10s.o. Fußnote 5

11vgl. auch für das Folgende www.pupwien.at/?download=Was%20kann%20ich%20wissen.pdf

12Ludwig Wittgenstein: Über Gewißheit, § 467.

13Bertrand Russell: The Analysis of Mind

14http://de.wikipedia.org/wiki/Dialektischer_Materialismus

15quelle

16http://de.wikipedia.org/wiki/Ich_weiß,_dass_ich_nichts_weiß

17Ansgar Beckermann: Zur Inkohärenz und Irrelevanz des Wissensbegriffs. Plädoyer für eine neue Agenda in der Erkenntnistheorie. In: Zeitschrift für Philosophische Forschung, 2001

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