11. Sendung am 13. März 2012: Was soll ich tun?

Titel: Was soll ich tun?

Ich begrüße euch wieder, liebe Hörerinnen von FREIRAD 105.9, dem freien Radio in Innsbruck! Am Mikrofon ist wieder Ewald Strohmar-Mauler, heute mit der 11. Ausgabe von „hinterfragt.„, dem philosophischen Magazin, mit dem Thema „Was soll ich tun?“

Nein, das ist keine Frage an euch, sondern die zweite Frage, die Immanuel Kant in seinem Buch zur Logik gestellt hat, um „das Feld der Philosophie“ abzustecken, ihr erinnert euch (Zitat)

Das Feld der Philosophie in dieser weltbürgerlichen Bedeutung läßt sich auf folgende Fragen bringen:
1) Was kann ich wissen?
2) Was soll ich thun?
3) Was darf ich hoffen?
4) Was ist der Mensch?
Die erste Frage beantwortet die Metaphysik, die zweite die Moral, die dritte die Religion und die vierte die Anthropologie.

Heute geht es also um die Frage, die nach Kant die Ethik beantwortet. Ob das wirklich so ist, und was eigentlich Ethik ist, das will ich heute hinterfragen.

Doch zuerst wie immer am Anfang, ein Stück Musik.

Musik 1:

Interpretin: JP Mounier, Track: Acadblues

Beitrag 1: Was ist Ethik?

Zunächst einmal stellt sich natürlich die Frage, was Ethik eigentlich ist.

Ethik als eines der Kernthemen der praktischen Philosophie befasst sich mit dem menschlichen Handeln.

Klingt einfach, ist es aber nicht, denn die Frage nach dem menschlichen Handeln, oder anders formuliert, die Frage, wie Menschen handeln sollen, wirft unzählige weitere Fragen auf:

Um welche Kriterien geht es denn eigentlich beim Handeln? Sollen die Menschen möglichst gut, sparsam, kreativ, praktisch, lustvoll oder tugendhaft handeln? Wer bestimmt aber, was gut, sparsam, usw ist?

Und wer darf reglementieren, wie Menschen handeln sollen? Etwa sie selbst, jede und jeder für sich? Oder dürfen es andere Menschen bestimmen, wenn ja, nach welchen Kriterien werden diese ausgesucht, und von wem? Oder kann etwa überhaupt nur eine göttliche Wesenheit die ethischen Richtlinien festlegen?

Oder, eine andere Frage: wie sieht es aus mit freiwilligen und gezwungenen Handlungen, absichtlichen und versehentlichen?

 

Nun, Fragen gibt es also genug zum Thema Ethik – ich werde im Lauf der Sendung versuchen, sie zu beantworten, sowie auch noch einen kurzen Abstecher in die Geschichte machen, wie das Thema in der Antike angegangen wurde, sowie auch einige spezielle Ethiken betrachten.

 

Doch zunächst will ich auch bei der Frage nach der Ethik zunächst einmal bei Immanuel Kant einsteigen, der ja die Frage „Was soll ich tun?“ gestellt und damit das heutige Thema begründet hat. Für uns als Frage, für ihn selbst wohl als Möglichkeit, eine geniale Antwort zu formulieren. Diese hat er zwar in der Kritik der reinen Vernunft bereits angedeutet, ausgearbeitet hat er sie aber in der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. Bekannt sind hier vor allem jene Formulierungen, die wir als Kategorischen Imperativ kennen, Kant nennt ihn aber auch den „allgemeinen Imperativ der Pflicht“1. Von diesem Imperativ gibt es vier verschiedene Varianten mit mehreren unterschiedlichen Formulierungen:

„Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ 2

ist wohl die bekannteste, aber es gibt eben, wie gesagt, vier Formeln mit unterschiedlichem Hintergrund:

die Universalisierungsformel ist die vorhin zitierte,

die Selbstzweckformel

Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst. 3

die Naturgesetzformel

Handle so, als ob die Maxime deiner Handlung durch deinen Willen zum allgemeinen Naturgesetze werden sollte4

und die Reich-der-Zwecke-Formel

Demnach muß ein jedes vernünftige Wesen so handeln, als ob es durch seine Maximen jederzeit ein gesetzgebendes Glied im allgemeinen Reiche der Zwecke wäre. 5

Egal, welche der Varianten man auch hernehmen mag, es geht Kant bei allen jedenfalls darum, ein allgemeines Kriterium zu definieren, nach dem die Menschen handeln können, genauer gesagt, nach dem sie ihre Handlungen jederzeit prüfen können. Kann ich wollen, dass diese Handlung durchgeführt wird oder wurde?

Ein Beispiel: ein Dieb hält ja offenbar nicht viel vom Begriff des Eigentums, und stiehlt daher z.B. ein Fahrrad. Kann er aber wollen, dass jemandem anderen ebenso wenig am Eigentum anderer liegt und daher das soeben gestohlene Fahrrad des Diebes wiederum stiehlt? Er kann sich daher ja sogar schon vor dem Diebstahl fragen:

kann ich wollen, dass mir dieses Fahrrad dann wieder abgenommen wird, wenn ja das Fahrradstehlen zur allgemeinen Verhaltensregel erhoben wird?

Für Kant entstammt dieser Moralbegriff aus der praktischen Vernunft, die a priori im Menschen vorhanden ist und daher auch keiner Begründung bedarf, somit gilt auch der kategorische Imperativ automatisch immer und überall.

Ein weiteres interessantes Merkmal ist es, dass eine nach diesem kategorischen Imperativ gesetzte Handlung immer moralisch gut ist, egal mit welcher Intention und zu welchem Zweck sie gesetzt wurde.

4:45

Ich möchte im Folgenden Otfried Höffe6 zitieren, der Kants Kategorischen Imperativ sicher besser zu erklären vermag:

Kant beginnt seine Herleitung damit, das Gute von den Eigenschaften des Geistes und des Temperaments zu trennen, denn auch Verstand, Urteilskraft, Mut und Beharrlichkeit können wie Macht und Reichtum zum Guten wie zum Schlechten eingesetzt werden.Das einzige wahrhaft Gute im Menschen, so Kant, ist der gute Wille.Da der Mensch jedoch nicht nur aus gutem Willen besteht, sondern allzu oft vom Sinnlichen bestimmt wird, existiert das Gute im menschlichen Wesen nicht an sich, sondern als ein Sollen – als die grundsätzliche Fähigkeit zum pflichtgemäßen Handeln. Der Schlüssel zur Pflicht ist, so sonderbar es zunächst auch klingen mag, die Freiheit, die Autonomie: Ein Mensch kann sich dazu entscheiden, das größte Opfer zu bringen, um der Pflicht zu genügen – beispielsweise sein Leben geben, um einen Unschuldigen zu schützen. Der Möglichkeit nach ist diese Fähigkeit nicht zu widerlegen.[…]Ewig und universell ist für Kant nur der kategorische Imperativ, der dazu anleitet, pflichtgemäß zu handeln, denn er verlangt einzig den Einsatz der Vernunft: Wenn ich (ohne einen bestimmten Zweck vorauszusetzen) wollen kann, dass alle handeln wie ich, dann handle ich gemäß der ewigen Gesetze des moralisch Guten.

(Zitat Ende)

 

Und ich tue euch jetzt auch etwas Gutes und spiele wieder ein wenig Musik:

 

Musik 2:

Interpretin: Atomic Cat, Track: A DJ in heaven

 

 

Beitrag 2: Kritiker Kants

Die im vorigen Beitrag aufgeführten Überlegungen Kants klingen ja soweit ganz plausibel. Trotzdem gibt es nicht wenige Kritiker des kategorischen Imperativs, allen voran Hegel7, der schon bald Kants Moralkonzeption mit den Vorstellungen des Alten Testaments verglich und der für ihn harmonischeren griechisch-antiken natürlichen Moral gegenüberstellte. Kants Moralität war für Hegel nur eine Form der Selbstentfremdung und des Zwangs, denn sie stellt die Vernunft in eine Opposition zu den sinnlichen Neigungen und Antrieben. Im Kantschen Modell bleibt man bei bloßen Sollen stehen – eine moralische Schauspielerei, Hypokrisie, Doppelmoral, Pharisäismus. Inhaltlich wäre Kants Moralbegriff leer, man könne keine angemessenen Handlungspflichten daraus ableiten.

 

Hegel meint etwa, dass die Frage, „soll es an und für sich Gesetz sein, daß Eigentum sei“, mit dem Kategorischen Imperativ gar nicht beantwortet werden kann: „Das Eigentum an und für sich widerspricht sich nicht; es ist eine isolierte oder nur sich selbst gleich gesetzte Bestimmtheit. Nichteigentum, Herrenlosigkeit der Dinge oder Gütergemeinschaft widerspricht sich gerade ebensowenig“.8, meint Hegel.

Hegels Gegenangebot ist das einer Sittlichkeit, als Inbegriff der gewachsenen, sozial und historisch verwurzelten Standards des Gemeinwesens, einem angemessen Ausdruck einer soziokulturellen Identität, die in den Sphären der Familie, der bürgerlichen Gesellschaft und des Staates konstituiert werden.

 

Ein weiterer Kritiker Kants ist Arthur Schopenhauer. Er bestreitet, dass es etwas wie ein Sittengesetz gibt, das Kant ja voraussetzt, ohne dies jedoch zu beweisen. Auch Schopenhauer ist der Ansicht, dass sich Kant zu sehr an einer religiösen Gebotsmoral orientiert, bei der die Guten belohnt und die Bösen bestraft werden, es wäre eine theologische, keine philosophische Moral, ja eine „Sklavenmoral“. Auch bestreitet Schopenhauer, dass der Mensch eine Pflicht gegen sich selbst haben könne, misst auch der Vernunft keine so große Bedeutung bei wie Kant und wendet sich gegen die Vernachlässigung der Emotionen, vor allem des Mitgefühls, für unser moralisches Handeln.

Schopenhauer sieht in Kants Moralphilosophie einen versteckten Egoismus, denn wenn man eine Maxime wollen kann, besteht ja die Möglichkeit, sich das auszusuchen, wodurch man am besten dasteht.

Aber Schopenhauer macht Kant auch ein Kompliment: er habe die Ethik endlich vom Eudaimonismus gereinigt, also jenem Fehler, der seit der Antike begangen worden war, nämlich das Moralische an das Streben nach der Glückseligkeit zu binden. Schopenhauer gibt also Kant Recht, dass nur diejenige Handlung moralisch angemessen ist, die aus dem richtigen Motiv heraus durchgeführt wird.

 

Ein anderer Philosoph, dessen Moralphilosophie wesentlich von Kant beeinflusst wurde, ist Max Scheler. Er teilt Kants Ansicht, dass unser moralisches Urteilen nicht der Erfahrung entnommen werden kann. Erfahrung führt nie zu der für Moral notwendigen Antithese von Gut und Böse, diese muss also vorausgesetzt werden. Allerdings meint Scheler, dass Kant das geforderte Apriori nicht genügend ausgearbeitet habe, also versucht Scheler, diese apriorische Erkenntnisform zu beschreiben.

Für ihn sind Werte der Schlüssel zur Beurteilung des moralisch Wahren oder Falschen. Er entwickelt ein System verschiedener Rangfolgen der Werte: die am wenigsten bedeutsamen sind die Werte des Angenehmen bzw. Unangenehmen, gefolgt von den vitalen Werten. Bedeutender sind dann die geistigen Werte, also die ästhetischen Werte und jene von Recht und Unrecht und der Wahrheitserkenntnis. Die höchsten Werte sind für Scheler dann die Werte des Heiligen und Unheiligen. So erklärt Scheler unser moralisches Handeln als bestimmt von diesen Werten, bei denen wir immer den jeweils höheren anstreben.

Diese Ordnung wurde natürlich ihrerseits heftig kritisiert, z.B. von Nicolai Hartmann, der nicht nur die Werthöhe, sondern auch die Stärke eines Werts berücksichtigt sehen wollte, oder Hans Reiner, der auch noch die Wertdringlichkeit untergebracht wissen wollte.

 

Jürgen Habermas sieht sich selbst mit seiner Diskursethik in der Kantischen Tradition. Diese versucht, faktische Interessensgegensätze mit Hilfe eines nach bestimmten Regeln durchgeführten Diskurses aufzulösen. Da alle Teilnehmerinnen aus ihren egoistischen Positionen heraus treten und sich auf den Diskurs einlassen müssen, ist die Kantische Methode, die Habermas als monologisch kritisiert, nicht mehr anwendbar. Die Rolle der Moral ist für ihn, gerade im Diskurs Interessenskonflikte zu lösen. Normen können nur dann Geltung beanspruchen, wenn alle potenziell Betroffenen (ich zitiere) „als Teilnehmer eines praktischen Diskurses Einverständnis darüber erzielen“ können. Hier steht also die gemeinsame Bemühung aller einer individualistischen Normsetzung durch eine für mich selbst formulierte Maxime gegenüber.

 

Zum Abschluss dieses Blocks sei noch John Rawls erwähnt, da er die im angelsächsischen Raum vorherrschende Strömung des Utilitarismus, der als Kriterium für Handlungen den größten möglichen Nutzen ansetzt, durchbrochen hat.

Rawls ist mit Kant der Ansicht, dass es bei der moralischen Beurteilung von Handlungen im Gegenteil auf moralisch verbindliche Prinzipien ankommt. Er geht von einem fiktiven Urzustand als Modell eines moralischen Blickwinkels aus, bei dem alle persönlichen Besonderheiten durch einen Schleier des Nichtwissens ausgeblendet werden, ähnlich dem Kantischen Reich der Zwecke.

 

 

 

 

 

So, jetzt aber genug davon, es wird Zeit für ein wenig Musik:

 

 

Musik 3:

Interpretin: Professor Kliq, Track: Satellite

Zwischenmoderation:

Für alle, die sich erst später zugeschaltet haben:

Hier ist „hinterfragt„, das philosophische Magazin auf FREIRAD 105.9, dem freien Radio in Innsbruck! Mein Name ist Ewald Strohmar-Mauler mit philosophischen Gedanken zu aktuellen Themen.

 

Der heutige Beitrag trägt den Titel: Was soll ich tun? und beschäftigt sich mit dem Thema Ethik.

Bisher habe ich Kants Moralbegriff mit seinem Kategorischen Imperativ besprochen sowie einige Kritiker und Nachfolger Kants mit ihren Theorien.

 

 

Beitrag 3: Die Goldenen Regeln

Weiter geht es mit anderen Überlegungen zum Thema Ethik, und zwar aus der Antike. Wovon sich nämlich Kant explizit abgrenzen wollte, war die sogenannte „Goldene Regel“, die „Ethik der Gegenseitigkeit“.

Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem anderen zu!

 

Dieser Gedanke findet sich (natürlich etwas variiert) in vielen „heiligen Schriften“. Die im Internet verfügbaren Beispiele beschränken sich hier zumeist aber auf die „Weltreligionen“, ich habe aber vor einigen Jahren im Rahmen eines religionshistorischen Projekts bereits Nachforschungen in dieser Richtung betrieben, weil ich wissen wollte, was im antiken Griechenland abseits der großen Philosophen zum Thema Ethik so gedacht worden war. Dieser Beitrag ist eine Überarbeitung der genannten Arbeit9.

Da die griechische Antike kein einzelnes „heiliges Buch“ hervorgebracht hat, was die Ursache darin hat, dass es dort auch keine organisierte Religion im uns heute bekannten Sinn gab, sind wir nicht auf dieses eine Buch beschränkt.

Nun gab es allerdings die sogenannten „delphischen Regeln“, eine Sammlung von Weisheitssprüchen, die unter anderem in den Säulen den delphischen Apollon-Tempels eingraviert waren. Dort findet man allerdings nichts so Eindeutiges wie eine „goldene“ Regel, sondern 147 einzelne Tipps für den Alltag. Seltsam? Vielleicht.

Doch denken wir einen Schritt weiter: der Grieche lebte fest verankert in einem Denken, das von Gemeinschaftlichkeit bestimmt war. Nicht das Individuum war wichtig, sondern die Gemeinschaft. Das Ziel der Erziehung war es, ein „guter“ Bürger zu werden, und jede „Selbsterkenntnis“ oder „Selbstverwirklichung“ diente dem Zweck der Gemeinschaft und nicht dem Einzelnen. Anmerkung: ich verwende hier nur die männliche Form, denn all das galt nur für freie Männer, also weder für Sklaven, noch für Frauen und Kinder.

 

Homer z.B. hatte in der Odyssee folgendes geschrieben10:

aber ich bedenke und überlege, was ich für mich selbst entscheiden würde, wenn ich in diese Lage geriete

Und Herodot11 berichtet über Maiandrios von Samos, der meinte:

ich will aber das, was ich an meinem Nächsten tadle, nicht selbst tun, wenn es in meiner Macht ist

Es scheint sich also durchaus auch bei den Griechen der Antike, die von uns nicht explizit als „Philosophen“ klassifiziert werden, um eine gängige „Regel“, die einem eigentlich der „Hausverstand“ sagt, zu handeln.

Man kann die möglicherweise dahinter steckenden Gedanken vielleicht grob einteilen in:

    • der Mensch ist das Maß aller Dinge
    • die Gemeinschaft ist das Maß aller Dinge

oder auch

    • die Götter sind / der Kosmos ist das Maß aller Dinge

Also, ganz grob: Anarchie, Demokratie und Theokratie. Aber jetzt wird es kompliziert, denn bei den Griechen findet man eigentlich alle drei Formen.

Die Sophisten z.B. proklamierten den Menschen als das „Maß aller Dinge“, wenn auch nicht im Sinn eines hemmungslosen Individualismus, sondern im Sinn eines „erkenne dich selbst“. Aber diese sehr romantische Vorstellung, dass der sich erkannt habende Mensch ganz sicher auch mit seiner Umgebung klar kommt, funktioniert in der Praxis nicht von allein, trotz der Lehrsätze vieler Philosophen, z.B. bei Isokrates 12:

Sei gegenüber deinen Eltern so, wie du möchtest, dass deine Kinder dir selbst gegenüber sein sollen.

Oder Thales13:

Wie kann man am edelsten und gerechtesten leben? – „Wenn wir nicht tun, was wir an anderen tadeln“

 

Aber es bleibt die Tatsache, dass man immer „selbst“ den Maßstab setzt, was man den „anderen“ antun möchte. Denn was dem einen gefällt, ist womöglich dem anderen ein Gräuel.

 

So kann man diese individuelle Regelung ersetzen durch die Idee der Gesellschaft als Korrektiv des Einzelnen, also beschließt die Mehrheit, was „in Ordnung“ ist. Auch darüber lässt sich natürlich streiten, bzw. diskutieren.

Womit wir auch schon bei Platon und seinem Idealstaat wären. Jedoch schwingen bei Platon auch immer wieder Vorstellungen vom Göttlichen mit, vom Kosmos, der göttlichen Ordnung, als Muster für unsere menschlichen Ordnungen. Nach Platon kann ja so etwas Unvollkommenes wie der Mensch gar nicht als Maß dienen14.

Als Beispiel für eine direkte Erwähnung des Gegenseitigkeits-Grundsatzes wird von Platon auch gern der Satz 15angeführt:

entsprechend muss ich mich ebenso verhalten gegenüber dem, was anderen gehört, wenn ich einen gesunden Geist habe,

in welchem es zwar um Eigentum geht, der aber auch den „Hausverstand“ impliziert, eben wieder das „du wirst doch nicht so dumm sein, jemandem Anderen zu schaden….“

Die „Weisen“ des alten Griechenland hatten, jeder auf seiner Weise und im Zusammenhang mit verschiedenen Situationen, ihre eigene Antwort auf die Frage der Gegenseitigkeit, und immer sind es Antworten, die mit der Vernunft zusammen hängen, nicht mit göttlichem Gebot. Die griechischen Philosophen werden ja auch gern als areligiös gesehen, jedoch das Gegenteil ist der Fall.

Sie vertreten doch zumeist die Ansicht, dass Vernunft nur aus dem und in Verbindung mit dem Göttlichen gesehen werden kann, sie beschäftigen sich auch immer wieder mit dem Wesen des Göttlichen und sind somit auch „Theologen“. Der Unterschied zwischen ihnen liegt doch hauptsächlich in der Art, in der sie das Göttliche sehen und den Folgerungen, die sie aus der Wechselwirkung zwischen der göttlichen und der menschlichen Welt ziehen.

Denn sie leben alle im gleichen griechischen Denken, und das war eben ein Wechselspiel zwischen dem Ich, der Gemeinschaft und den Unsterblichen. Und dieses Ineinander und Miteinander kann man nicht in einen einzigen Satz, eine „goldene“ oder wie immer gefärbte, Regel pressen, die auf jeden Fall die Gefahr einer Interpretation in sich birgt, die sich auf allzu persönliche Interessen konzentriert. Denn schließlich kann man auch in gutem Glauben jemandem schaden.

 

Die ständige Beobachtung meiner Handlungen aus den drei Blickwinkeln:

    • was nützt oder schadet mir selbst?
    • nütze oder schade ich damit dem Anderen oder der Gemeinschaft?
    • bewege ich mich im Rahmen der kosmischen Ordnung?

ist zwar anstrengend, bringt aber den sichersten Erfolg.

 

Im Grunde machte es für die alten Griechen wohl die sinnvolle Mischung aller drei Komponenten aus – des Ich, des Wir und des Göttlichen -, was sie als „gut und gerecht“ empfanden.

 

Genug von den Griechen, jetzt wieder etwas Musik:

 

Musik 4:

Interpretin: Laufer, Track: Speakerbox baby

 

Beitrag 4: Verschiedene Ethiken, und der Ethikunterricht

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Ethik und Moral?

Diese Frage hängt irgendwie seit Anfang der Sendung im Raum, und ich habe sie bei der Erstellung des Skripts immer weiter nach hinten verschoben, weil sie thematisch nirgendwo so recht hineinpassen wollte.

Der Unterschied zwischen Ethik und Moral ist meiner Ansicht nach, dass Ethik die allgemeinen, eher normativen Kriterien für das menschliche Handeln liefert, wohingegen Moral die praktische Anwendung derselben bedeutet.

 

Für die Praxis scheint es dann auch wichtig zu sein, ob eine Handlung absichtlich oder versehentlich, freiwillig oder unter Zwang gesetzt wird, und oft wird auch nach dem Tun und dem Unterlassen einer Handlung gefragt. Ich will dies aber nicht allzu allgemein behandeln, sondern mich lieber exemplarisch drei Teilbereichen der Ethik zuwenden.

 

Ich möchte mit der Medizinethik beginnen, weil das Thema nicht nur angesichts jüngst bekannt gewordener Versuche an minderjährigen Heimbewohnerinnen immer wieder aktuell ist.

Es handelt sich bei Medizinethik um die besonderen ethischen Normierungen, die für die Personen im Gesundheitswesen gelten sollen.

Bekannt ist ja hier vor allem der Hippokratische Eid, der als erste bekannte Medizinethik gilt. Ein wesentlicher Satz daraus lautet:

Ich werde ärztliche Verordnungen treffen zum Nutzen der Kranken nach meiner Fähigkeit und meinem Urteil, hüten aber werde ich mich davor, sie zum Schaden und in unrechter Weise anzuwenden.

Eine moderne Version ist das Genfer Ärztegelöbnis16, ein Kernsatz daraus lautet:

Die Gesundheit meines Patienten soll oberstes Gebot meines Handelns sein.

Und zum Thema Versuche am Menschen wurde im Jahre 1964 vom Weltärztebund die Deklaration von Helsinki beschlossen, mit dem Untertitel: „Ethische Grundsätze für die medizinische Forschung am Menschen“. Ich zitiere auch hieraus einige Sätze17:

… der Internationale Kodex für ärztliche Ethik legt fest: „Der Arzt soll bei der Ausübung seiner ärztlichen Tätigkeit im besten Interesse des Patienten handeln…“

In der medizinischen Forschung am Menschen muss das Wohlergehen der einzelnen Versuchsperson Vorrang vor allen anderen Interessen haben.

Medizinische Forschung am Menschen darf nur durchgeführt werden, wenn die Bedeutung des Ziels die inhärenten Risiken und Belastungen für die Versuchspersonen überwiegt.

Die Teilnahme von einwilligungsfähigen Personen an der medizinischen Forschung muss freiwillig sein

Soweit also die Deklaration von Helsinki.

Grundsätze der Medizinethik sind z.B., der Patientin nicht zu schaden, oder auch das Recht auf Selbstbestimmung und Information über die Behandlung.

 

Bei einem anderen Bereich der Ethik, der Zukunftsethik geht es darum, zu hinterfragen, wie weit Handlungen, die wir heute setzen, eine Auswirkung auf das Leben zukünftiger Generationen haben. Dies betrifft Umweltfragen ebensosehr wie politische Entscheidungen und wirtschaftliche Entwicklungen. Im Vordergrund mögen hier vielleicht eher Fragen um Machbarkeit und Auswirkungen der Technik stehen, ich nenne als Schlagwort nur Atomkraft oder Gentechnik, oder aber auch die so genannte Globalisierung, die immer wieder zu ethischen Kontroversen führen.

 

Einer der Theoretiker der Zukunftsethik war der Philosoph Hans Jonas, der ebenfalls einen kategorischen Imperativ formulierte:

Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlungen verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.18

Im Buch „Das Prinzip Verantwortung“, aus dem dieses Zitat stammt, entwirft Jonas eine Zukunftsethik, über die der Medizinethiker Micha H. Werner schreibt:

Diese Zukunftsethik ist allerdings nicht als Entwurf einer allgemeinen normativen Ethik konzipiert. Sie soll keineswegs „alle frühere Ethik ersetzen“. Vielmehr soll sie lediglich eine Ergänzung der ‘bisherigen Ethik’ im Hinblick auf die spezifisch neuen Probleme des Handelns in der ‘technologischen Zivilisation’ leisten. Aufgrund seiner Fokussierung auf die Bedrohung des Gattungsüberlebens lädt sich Das Prinzip Verantwortung als eine eine Art ‘Notstandsethik’ verstehen. Jonas selbst spricht von einer „Vermeidungsethik“ zur Abwendung des „äußersten Übels“ einer Überlastung der irdischen Biosphäre bzw. eines Gattungssuizids der Menschheit. 19

(Zitat Ende)

Auch hierüber kann und will ich in der Kürze dieser Sendung nicht weiter berichten, möchte ich doch noch einen letzten Bereich der Ethik kurz vorstellen: die Medienethik.

Ich gönne euch aber doch noch eine kleine Pause zuvor und spiele…

 

 

 

Musik 5:

Interpretin: Somewhere off Jazz Street, Track: Can’t escape the past

 

 

Beitrag 5: Medienethik, Fazit

So, zum Abschluss also noch wie versprochen zur Medienethik. Mir liegt als Radiomacher natürlich sehr viel an diesem Teilgebiet der Ethik, denn hier geht es um die Möglichkeiten der Beeinflussung von Menschen durch die Medien.

Hier kommt natürlich dem Abwägen von Tun und Unterlassen eine enorme Bedeutung zu, also was sende oder schreibe ich, und was lieber doch nicht…

Aber auch schon bei der Recherche muss abgewogen werden, wie und wo ich mir mein Material beschaffe und wie kritisch ich dabei bin. Leider kann man oft beobachten, dass Texte unüberprüft übernommen und veröffentlicht werden, und alle Welt glaubt sie dann. Insofern dienen ja die sozialen Medien als Korrektiv, denn wenn z.B. ein Politiker unwahre Zahlen über das angeblich viel zu hohe Einkommen von Asylwerberinnen publiziert, dauert es keine halbe Stunde, bis dies einen Sturm der Empörung im gleichen Online-Medium hervorruft. Hier sehen wir natürlich stark die Macht der Medien, und Macht, egal in welchen Händen, schreit ja förmlich nach ethischen Richtlinien.

Was also geschrieben und gesagt wird, und was nicht, wie objektiv man ist oder nicht, das sind Fragen, die sich alle Menschen ständig stellen müssen, die im Bereich der Medien tätig sind.

Natürlich hat jedes Medium eine Tendenz in eine gewisse weltanschauliche Richtung, die sich meist aus seiner Entstehungs­geschichte ergibt. Freie Radios, um ein nahe liegendes Beispiel zu nennen, sind meist aus illegalen Piratinnensendern entstanden, daher tendenziell wohl eher links zu finden, usw. Umso wichtiger ist es für alle Medien, sich einem ethischen Kodex zu unterstellen, z.B. dem Ehrenkodex des Österreichischen Presserats20, wo Sätze zu finden sind wie:

Pauschalverdächtigungen und Pauschalverunglimpfungen von Personen und Personengruppen sind unter allen Umständen zu vermeiden.

 

Die Zeit ist weit fortgeschritten, und das Thema Ethik extrem umfangreich, daher kann ich vieles nicht mehr bringen, was ich noch gerne gesagt hätte.

 

Die Frage „Was soll ich tun?“ lässt sich also so einfach wohl nicht beantworten. Ich kann mich nach einem moralischen Imperativ richten, den Diskurs mit Anderen suchen oder versuchen, die Anforderungen an mich selbst, die Gemeinschaft, in der ich lebe, und den Kosmos in Einklang zu bringen. Was ich aber gewiss nicht kann: ethische Entscheidungen komplett vermeiden.

Abmoderation:

So, jetzt sage ich wie immer an dieser Stelle: genug philosophiert für heute. Ich danke euch herzlich fürs Zuhören und hoffe, die Sendung hat euch wieder gefallen.

 

Und nochmals der Hinweis die Internet-Seiten zur Sendung:

Kritik, sowohl negative als auch positive, Wünsche und Anregungen könnt ihr gerne an mich per eMail senden: radio@hinterfragt.at.

Und wer die Sendung nachlesen möchte: die begleitende Website ist zu finden unter hinterfragt.at, dort könnt ihr auch Kommentare zur Sendung abgeben. Außerdem könnt ihr mir auch auf Twitter folgen @hinterfragtAT oder auf Facebook unter hinterfragt.

 

Und nun verabschiede ich mich und wünsche euch noch eine gute Zeit.

Das war Ewald Strohmar-Mauler mit der Sendung hinterfragt. Das philosophische Magazin live auf FREIRAD 105.9, dem Freien Radio in Innsbruck.

 

Abspannmusik:

Interpretin: Jay P Baker Track: Within my dreams 7:47

 

1GMS, AA 421

2GMS, AA 421

3GMS, AA 42

4GMS, AA 421

5GMS, AA 438

6Höffe, Otfried: Kleine Geschichte der Philosophie. München: Beck, 2001

7siehe zum Folgenden das Kap.5 des Kommentars in Horn, Mieth, Scarano: Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, FFM 2007

8Hegel: Phänomenologie des Geistes. Bd. 3, S. 317

9http://hellenismos.spireku.at/wiki/doku.php/artikel:was_du_nicht_willst

10Od. V.188f

11hist. III.142

12Brief an Demonikos,14

13Diog.Laert.I.37

14pol. 6.504c

15in nom.11.913

16http://www.bundesaerztekammer.de/downloads/Genf.pdf

17siehe http://www.aerzteblatt.de/down.asp?typ=PDF&id=5324

18Hans Jonas: Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation. 3. Auflage, Frankfurt am Main 1993

19http://www.micha-h-werner.de/jonas.pdf

20http://www.presserat.at/show_content.php?hid=2

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