13. Sendung am 8.Mai 2012: Was darf ich hoffen?

Ich begrüße euch wieder, liebe Hörerinnen von FREIRAD 105.9, dem freien Radio in Innsbruck! Am Mikrofon ist wieder Ewald Strohmar-Mauler mit der 13. Ausgabe von „hinterfragt.„, dem philosophischen Magazin, heute mit dem Thema „Was darf ich hoffen?“

Heute ist also die dritte Frage von Immanuel Kant an der Reihe, in der es um die Hoffnung und (so zumindest meint Kant) um die Religion geht.

Ihr erinnert euch, er schreibt ja in seinem Buch über die Logik:

Das Feld der Philosophie in dieser weltbürgerlichen Bedeutung läßt sich auf folgende Fragen bringen:
1) Was kann ich wissen?
2) Was soll ich thun?
3) Was darf ich hoffen?
4) Was ist der Mensch?
Die erste Frage beantwortet die Metaphysik, die zweite die Moral, die dritte die Religion und die vierte die Anthropologie.

Wie gesagt, heute ist die dritte Frage an der Reihe: Was darf ich hoffen?

Wie immer am Anfang einer Sendung kommt aber noch ein wenig Musik, bevor es richtig losgeht, und ich darf jetzt auch etwas hoffen, nämlich dass sie euch gefällt…

Musik 1:

Interpretin: Somewhere off Jazz Street , Track: Can’t Escape the Past, Länge: 04:53

Beitrag 1: Was darf Kant hoffen?

Ich möchte zu Beginn wieder Kant selbst zu Wort kommen lassen und der Frage nachgehen, was er denn damit meint, wenn er fragt, was er hoffen darf.

Er selbst schenkt der Frage in der Kritik der reinen Vernunft1 große Aufmerksamkeit. Anzumerken ist, dass die vierte Frage, „was ist der Mensch?“ in der Kritik der reinen Vernunft noch nicht auftaucht, die Frage „was darf ich hoffen?“ ist hier somit die letzte, auf die hin sich die beiden anderen zuspitzen. Wo er nämlich die erste Frage abtut mit „ist bloß spekulativ“ und die zweite Frage „ist bloß praktisch“, scheint ihm die dritte ja doch wesentlich wichtiger zu sein, ich zitiere daher zunächst mal einige wesentliche Teile aus der Kritik der reinen Vernunft:

Die dritte Frage, nämlich: wenn ich nun thue, was ich soll, was darf ich alsdann hoffen? ist praktisch und theoretisch zugleich […]. Denn alles Hoffen geht auf Glückseligkeit und ist in Absicht auf das Praktische und das Sittengesetz eben dasselbe, was das Wissen und das Naturgesetz in Ansehung der theoretischen Erkenntniß der Dinge ist. Jenes läuft zuletzt auf den Schluß hinaus, daß etwas sei […], weil etwas geschehen soll; dieses, daß etwas sei […], weil etwas geschieht.

Und Kant weiter:

Glückseligkeit ist die Befriedigung aller unserer Neigungen […]. Das praktische Gesetz aus dem Bewegungsgrunde der Glückseligkeit nenne ich pragmatisch (Klugheitsregel); dasjenige aber, […], das zum Bewegungsgrunde nichts anderes hat, als die Würdigkeit, glücklich zu sein, moralisch (Sittengesetz) […]. Das erstere gründet sich auf empirische Principien; denn anders als vermittelst der Erfahrung kann ich weder wissen, welche Neigungen dasind, die befriedigt werden wollen, noch welches die Naturursachen sind, die ihre Befriedigung bewirken können. Das zweite abstrahirt von Neigungen und Naturmitteln sie zu befriedigen und betrachtet nur die Freiheit eines vernünftigen Wesens überhaupt und die nothwendigen Bedingungen, unter denen sie allein mit der Austheilung der Glückseligkeit nach Principien zusammenstimmt, und kann also wenigstens auf bloßen Ideen der reinen Vernunft beruhen und a priori erkannt werden.

Das war (so Kant weiter) die Beantwortung der ersten von den zwei Fragen der reinen Vernunft, die das praktische Interesse betrafen: Thue das, wodurch du würdig wirst, glücklich zu sein. Die zweite frägt nun: wie, wenn ich mich nun so verhalte, daß ich der Glückseligkeit nicht unwürdig sei, darf ich auch hoffen, ihrer dadurch theilhaftig werden zu können? Es kommt bei der Beantwortung derselben darauf an, ob die Principien der reinen Vernunft, welche a priori das Gesetz vorschreiben, auch diese Hoffnung nothwendigerweise damit verknüpfen.

Obwohl Kant die Aussage, dass die dritte Frage durch die Religion beantwortet wird, erst in der „Logik“ tätigt, sind in Formulierungen wie „hoffen, der Glückseligkeit teilhaftig werden zu dürfen“ doch schon religiöse Züge zu finden. Und es geht weiter:

Ich sage demnach: […] daß also das System der Sittlichkeit mit dem der Glückseligkeit unzertrennlich, aber nur in der Idee der reinen Vernunft verbunden sei. […] die angeführte nothwendige Verknüpfung der Hoffnung, glücklich zu sein, mit dem unablässigen Bestreben, sich der Glückseligkeit würdig zu machen, kann durch die Vernunft nicht erkannt werden, wenn man bloß Natur zum Grunde legt, sondern darf nur gehofft werden, wenn eine höchste Vernunft, die nach moralischen Gesetzen gebietet, zugleich als Ursache der Natur zum Grunde gelegt wird.

 

Hier führt Kant also eine „Idee der reinen Vernunft“ ein und stellt die Behauptung auf, dass die Hoffnung, glücklich zu werden, oder genauer gesagt, sich der Glückseligkeit würdig zu erweisen, gar nicht an sich der Vernunft entspringt, empirisch also gar nicht festzumachen ist, sondern nur gehofft werden darf, und selbst das nur unter der Bedingung, dass eine höchste Vernunft als Ursache der Natur definiert wird.

Und wer Kant kennt, bzw. meinen letzten Sendungen zu den Kant-Fragen aufmerksam gelauscht hat, kann sich vorstellen, worauf er hinaus will: würdig der Glückseligkeit erweist sich natürlich nur, wer sich nach dem sittlichen Gesetz, das wir als „Kategorischen Imperativ“ kennen, richtet.

Es scheint sich hier dann ja offenbar um ein „göttliches“ Gesetz zu handeln, denn die Beschreibung, die Kant von der Idee der reinen Vernunft liefert, oder auch der (ich zitiere wieder)

Idee einer solchen Intelligenz, in welcher der moralisch vollkommenste Wille, mit der höchsten Seligkeit verbunden, die Ursache aller Glückseligkeit in der Welt ist

diese Beschreibung klingt ja doch sehr nach der Antwort auf die Frage: „was ist Gott?“

Wir wollten aber eigentlich der Frage nachgehen, was man – nach Kant – hoffen darf.

Jedenfalls ist für ihn die Hoffnung auf Glückseligkeit keine empirisch erfassbare Größe, also im Bereich des Glaubens, nicht des Wissens, angesiedelt.

Was ja nicht so überraschend ist, vermutlich hat auch Kant Anteil daran, dass wir heute in religiösen Dingen ganz selbstverständlich eine entsprechende Einteilung pflegen. Man sollte nicht außer Acht lassen, dass ja die Trennung zwischen einer Erkenntnis durch Glauben und einer durch Wissen erst in der Aufklärung entstanden ist – die vormodernen Menschen waren ja grundsätzlich primär von religiösen Glaubenslehren beeinflusst.

Es scheint, als ob Kant sich, Aufklärung hin oder her, in dieser doch eher religiösen Frage nach der Hoffnung nicht allzu sehr von üblichen Gedanken entfernen will, also nichts wesentlich Neues anbietet. Vielleicht will er sich mit theologischen Fragen überhaupt nicht näher befassen, jedenfalls gehen seine Gedanken anscheinend nicht weiter als:

Hoffnung gibt es nur, wenn es einen Gott gibt, der sich darum kümmert, dass jene, die sich gemäß den moralischen Vorgaben verhalten, letztlich auch belohnt werden.

Ihr könnt ja, während ich das nächste Musikstück spiele, darüber nachdenken, ob euch diese Gedanken gefallen…

Musik 2:

Interpretin: Project System 12, Track: Delighted, Länge: 04:25,

Beitrag 2: Was ist Hoffnung?

Ich persönlich, ich sage es gleich vorweg, bin irgendwie nicht besonders begeistert davon, Hoffnung nur metaphysisch zu begründen. Meiner Ansicht nach muss da noch mehr sein, und dem will ich jetzt nachgehen.

Seit Kants Kritik der reinen Vernunft, oder vielleicht sogar schon vorher, sind jedenfalls die Philosophinnen grundsätzlich ja auch ziemlich vorsichtig geworden, was die Verwendung metaphysischer Grundannahmen betrifft. Schließlich hat die Aufklärung die Vernunft in unsere Denkschemata mit aufgenommen und uns sozusagen von der vormodernen, rein religiösen Verhaftung unserer Existenz befreit.

 

Was aber ist eigentlich Hoffnung?

Wie immer werde ich in diesem zweiten Block der Sendung versuchen, eine Begriffserklärung zu liefern.

Nachdem das beliebte Populär-Lexikon Wikipedia zum Thema Hoffnung völlig versagt und das marxistisch-leninistische Wörterbuch der Philosophie sich überhaupt keine Hoffnungen macht, da kommt das Wort nämlich gar nicht vor, greife ich also zum Metzler Philosophie-Lexikon, das wenigstens auf Aristoteles und die Stoa verweist, aber auch zu bedenken gibt, dass in der neuzeitlichen Philosophie seit Descartes eben kaum Platz für Hoffnung ist, weil ja plötzlich die Erkenntnis inflationär vorhanden war.

Im 19. Jahrhundert hat sich (laut Metzler) nur Kierkegaard mit der Hoffnung beschäftigt, bis die Existenzphilosophie dem Thema wieder mehr Raum schenkt, und natürlich Ernst Bloch, zu dem ich aber später noch kommen werde.

Das gute alte Hoffmeister-Wörterbuch der philosophischen Begriffe liefert noch mehr zum Thema Hoffnung:

Hoffnung ist hiernach „die freudige Erwartung, die feste Zuversicht“2, sie „entspringt aus den Vorstellungen zukünftiger positiver Möglichkeiten und gibt damit dem Menschen Antrieb, in die Zukunft einzutreten“3. Das klingt jedenfalls schon mal nach einer brauchbaren Definition.

Und auch einen Hinweis auf einen Text von Goethe verdanke ich dem Hoffmeister: Goethe schreibt in „Urworte, orphisch“ über „ελπις, die Hoffnung„:

ελπις, Hoffnung
Doch solcher Grenze, solcher ehrnen Mauer
Höchst widerwärtge Pforte wird entriegelt,
Sie stehe nur mit alter Felsendauer!
Ein Wesen regt sich leicht und ungezügelt:
Aus Wolkendecke, Nebel, Regenschauer
Erhebt sie uns, mit ihr, durch sie beflügelt,
Ihr kennt sie wohl, sie schwärmt durch alle Zonen –
Ein Flügelschlag – und hinter uns Äonen!4

Die Grenze, von der Goethe da spricht, ist wohl die der Αναγκη, der Nötigung , wie er sie übersetzt, heute sagt man wohl eher Notwendigkeit, aus der vorherigen Strophe dieses Textes. Dieser wird also durch die Hoffnung eine Türe entriegelt, und die Hoffnung erhebt sich, und erhebt auch uns. Sie wird als ungezügelt beschrieben, sie kommt überall hin, kennt keine Grenzen.

Gut, weiter will ich Goethe nicht strapazieren, ich finde es nur interessant, dass er die Hoffnung als letzte der fünf Strophen seiner orphischen Urworte setzt, gleichsam als einen gelungenen Abschluss.

 

Bleiben wir aber gleich beim griechischen Begriff ελπις, bzw. in der griechischen Antike: dass die Hoffnung als eine christliche Tugend gilt, ist ja bekannt und hat ja wohl auch die Bedeutung des Wortes wesentlich beeinflusst, doch was dachten die Menschen in vorchristlichen Zeiten, ohne ihre Hoffnung auf die alttestamentliche Verheißung eines Gottessohnes und eines Gottesreiches richten zu können? Friedrich Kümmel, Emeritus am philosophischen Seminar der Uni Tübingen, meint hierzu5:

„Hoffnung (ἐλπίς) meint im griechischen Altertum die menschliche Zukunftserwartung im guten wie im schlechten Sinne. Das Wissen um die stets unsichere Zukunft verbindet sich hier mit der Einsicht in die menschliche Neigung, sich illusionären Hoffnungen hinzugeben und trügerische Erwartungen zu hegen. […] Rational begründet ist eine Hoffnung bzw. Erwartung, wenn die gegebenen Bedingungen das Eintreten des Erhofften wahrscheinlich machen. […] Seit Aristoteles und der Stoa ist es in diesem Sinne geläufig, Hoffnung und Befürchtung einerseits den erwartungsbezogenen Affekten der Vorfreude, Furcht usw. zuzuordnen und diese andererseits, weil sie unbeständig sind, einer besonnenen Vernunftführung zu unterstellen.“ (Zitat Ende)

Wir haben es also hier beim Begriff ἐλπίς nicht mit der uns eher geläufigen, positiv besetzten Bedeutung zu tun, sondern eher einer neutralen, die wir etwa im Begriff der Erwartung kennen. Allerdings zeigt sich auch, dass in der Antike das Thema Hoffnung philosophisch ebenfalls nicht großartig diskutiert wurde – im Gegensatz eben zum Christentum, wo ja die Hoffnung auf Unsterblichkeit durch Auferstehung zumindest in den ersten Jahrhunderten, als man die Wiederkehr Christi quasi stündlich erwartete, omnipräsent war.

 

Musik 3:

Interpretin: JP Mounier, Track: Bluemambo, Länge: 05:55

Zwischenmoderation:

Für alle, die sich erst später zugeschaltet haben:

Hier ist „hinterfragt„, das philosophische Magazin auf FREIRAD 105.9, dem freien Radio in Innsbruck! Mein Name ist Ewald Strohmar-Mauler mit philosophischen Gedanken zu aktuellen Themen.

 

Der heutige Beitrag trägt den Titel: Was darf ich hoffen? und beschäftigt sich mit der dritten Frage von Immanuel Kant. Bisher habe ich Kants Position heraus gearbeitet und versucht, den Begriff der Hoffnung etwas näher zu erläutern.

 

Beitrag 3: Utopien

Ein wichtiges Element, das zur Hoffnung gehört, ist die Orientierung an der Zukunft, und diese wird seit der Aufklärung als wesentliches Moment für die Entwicklung des menschlichen Selbstverständnisses gesehen. Natürlich haben es säkulare Hoffnungen schwerer als religiöse, Boden unter den Füßen zu gewinnen, denn da ihnen ja die metaphysische Komponente abhanden gekommen ist, können sie leicht in nihilistische Bahnen abrutschen.

Selbst der Marxismus hat es schwer – wie gesagt, im entsprechenden Wörterbuch kommt die Hoffnung gar nicht vor. Er kann zwar mit der Hoffnung aufwarten, dass durch die Revolution alles anders wird, und dies sogar philosophisch begründen, allerdings – um wieder Kümmel zu zitieren „nicht jedoch die mit der Durchrelativierung aller Werte und Welten verbundene Erfahrung der Entfremdung und des Scheiterns tilgen“6.

Da bliebe dann als Alternative, sich der Gegenwart zu widmen, sich sozusagen der Hoffnungslosigkeit zuzuwenden, nicht im üblichen Sinne von Resignation, sondern im Sinne einer Art Kampfansage an alle die Zukunftsgerichteten, die sich „irgendwas“ für „irgendwann“ erhoffen, wir jedoch lebten ja im Hier und Jetzt für das Hier und Jetzt, also was soll das Ganze überhaupt…

Natürlich kann hier auch wieder die Frage gestellt werden, inwieweit eine solche Sicht der Dinge anthropologisch überhaupt haltbar ist, schließlich scheinen wir Menschen trotz allem eine gewisse Jenseits- und Zukunftsgerichtetheit in uns zu tragen, wie es so schön heißt: die Hoffnung stirbt zuletzt.

Dies zeigt sich ja auch daran, dass seit jeher Geschichten, so genannte Utopien, verfasst wurden, die von besseren Welten träumen. Ideale Staaten, oft mit stark sozialistischen Zügen, wurden von Denkern seit der Antike erdacht, man denke an Platons „Staat“ mit der Atlantis-Geschichte. Doch diese Vorstellungen reichen noch weiter zurück, bereits in altorientalischen Erzählungen oder bei den alttestamentlichen Propheten findet man solche Gedanken, meist als Erinnerungen an eine idyllische Urzeit, als es noch keine sozialen Unterschiede unter den Menschen gab und das Eigentum noch nicht verteilt, sondern allen gemeinsam war und Gerechtigkeit herrschte. Natürlich sollten diese Geschichten nicht als historische Dokumente, sondern als Anregungen, die gesellschaftlichen Verhältnisse im Heute zu ändern, verstanden werden.

Der religiöse Hintergrund darf natürlich auch nicht übersehen werden: wenn die materiellen Güter von einer Gottheit den Menschen zur Verfügung gestellt werden, wäre es ja selbstverständlich, dass sie auch von allen Menschen in gleicher Weise genützt werden dürfen.

Auch diese Utopien leben letztlich von der Hoffnung, und haben den großen Vorteil, dass diese nicht diffus, dunkel oder verschleiert ist, sondern sogar durch ganz konkrete, als historisch dargestellte, Beispiele gestützt wird.

Im nächsten Beitrag geht es dann um Ernst Blochs Philosophie der Hoffnung, speziell das Buch „Das Prinzip Hoffnung“, in welchem ebenfalls die Hoffnung auf eine bessere Welt beschworen wird.

Doch vorher noch etwas Musik:

 

Musik 4:

Interpretin: Thiaz Itch, Track: BC Boogie, Länge: 04:06

Beitrag 4: Ernst Bloch: Das Prinzip Hoffnung

Wie versprochen, komme ich nun zu einem Buch des Philosophen Ernst Bloch, das sozusagen den Kern seiner Philosophie bildet: Das Prinzip Hoffnung. Geschrieben im amerikanischen Exil zwischen 1938 und 1947, versucht es die Konstruktion einer besseren Welt, ist also eine sogenannte Konkrete Utopie.

Bloch selbst schreibt darin über die Hoffnung:

Besonders die Furcht, sagt Sartre, ist ein Zustand, der den Menschen aufhebt; sinngemäß gilt von der Hoffnung subjektiv wie erst recht objektiv das belebend Umgekehrte. Und wenn es auch beim Bau bloßer Luftschlösser auf ein Mehr oder Weniger an Unkosten wenig ankommt, woraus dann eben die fehlgeleiteten, schließlich betrügerisch gebrauchten Wunschträume resultieren, so ist die Hoffnung mit Plan und mit Anschluß ans Fällig-Mögliche doch das Stärkste wie Beste, was es gibt. Und wenn auch Hoffnung den Horizont nur übersteigt, während erst Erkenntnis des Realen mittels der Praxis ihn auf solide Weise verschiebt, so ist es doch sie wieder allein, welche das anfeuernde und tröstende Weltverständnis, zu dem sie leitet, zugleich als das solideste und tendenzhaft-konkreteste gewinnen läßt. Zweifellos, der Trost dieses Weltverständnisses muß angestrengt mitgebildet werden.“ (PH 1617f)

Blochs Philosophie der Hoffnung zeigt für Friedrich Kümmel7, den ich hier wieder zitieren will:

alle Weisen der Zukunftseröffnung: vom Lebensdrang und der „Dämmerung nach vorwärts“, den Erwartungsaffekten und den utopischen Funktionen der Einbildungskraft bis hin zur docta spes als heilswirksame Möglichkeiten erachtet und die in der Hoffnung gelegene Kraft nicht ebenso sorgsam von den anderen Lebensbändern abgegrenzt hat.

 

Blochs Hoffnung zielt, so Kümmel weiter

von vornherein auf das Heil als Weltzustand.[…] Es gilt die Welt zur Heimat zu machen; statt einer Erlösung von ihr soll eine Versöhnung mit ihr stattfinden. Damit ist der Rahmen abgesteckt: Ziel ist das Reich, zum Grund wird nun aber anstelle des erwarteten Friedenbringers die Sehnsucht der Materie und zum Weg das Dunkel des gelebten Augenblicks. Es gilt am Leitfaden des Hoffens einen Zugang zu den tieferen Wissens- und Handlungsgründen zu finden, aus denen allein echte Zukunft hervorgehen kann. […]

Das Dunkel in ihr (also der Hoffnung) verweist subjektiv auf Noch-Nicht-Bewußtes, objektiv auf Noch-Nicht-Seiendes, und beides korreliert im „Inkognito des treibenden Inhalts“, der als Hoffnungsgehalt durch geschichtliche Arbeit zu heben ist. Es ist deutlich, daß eine derartige Hoffnungsformel für „Subjekt-Objekt“(1952) sich nicht mehr wie idealistische Vermittlungsformeln im Sinne einer Identitätsphilosophie auflösen läßt.

Die […] ontologische Formel „Sein als Noch-Nicht-Sein“ kann Bloch an den aristotelischen Begriff des In-Möglichkeit-Seins […] anschließen und wie dieser an eine Materie rückbinden, die nun allerdings als durchweg selbstgestaltend aufgefaßt wird und nicht mehr wie bei Aristoteles einen absoluten Geist zum Ersten Beweger und Gestalter hat. […]

Die Sache ist aber nicht ausgemacht, sie „steht im Schwange, ist in der Schwebe“ und d. h. es besteht noch Hoffnung auf einen guten Ausgang, auch wenn der Untergang „noch so mächtig ist“.

Hoffnung meint für Bloch so die Weigerung, sich der Resignation zu ergeben. Immer noch mehr Recht als Angst und Verzweiflung hat die Hoffnung aber doch wohl nicht vermöge einer Willensentscheidung, sondern weil sie im Durchgang durch diese Anfechtung nicht verloren und vielmehr in einem tieferen Sinne erst gewonnen wird.

Soweit also Friedrich Kümmel. Und einen zusammen fassenden Satz habe ich auch noch im Internet gefunden:

Blochs Erkenntnis: Die Utopie ist kein Nirgendwo oder Wolkenkuckucksheim, sondern Teil der Realität – denn die Hoffnung auf Veränderung besteht jederzeit.8

 

Damit möchte ich es auch bewenden lassen und spiele nun wieder etwas Musik:

 

Musik 5:

Interpretin: Fusion Orchestra, Track: Black Bagel, Länge: 04:34

Beitrag 5: Fazit

Nun, die Sendung nähert sich ihrem Ende, und so komme ich wie immer zum Fazit des heutigen Themas: Hoffnung.

Was darf ich hoffen? fragt Kant. Nicht: Was soll ich hoffen?, oder: Was kann ich hoffen?

Schon alleine in dieser Formulierung schwingt selbst Hoffnung mit, die Hoffnung auf Hoffnung. So sicher Kant sonst immer in seinen Formulierungen scheint, offenbar ist er es hier nicht so sehr.

Und so sieht er die Hoffnung in der Kritik der reinen Vernunft als Schlussakkord zu den Fragen nach dem Wissen, also der Erkenntnis, und der nach der Moral, und seine westlich-religiöse Annahme einer höheren Macht, die dafür sorgt, dass wir hoffen dürfen, wenn wir denn dem moralischen Sittengesetz folgen, wirkt wenig innovativ.

Was eigentlich Hoffnung ist, lässt sich auch nur aus dem jeweiligen weltanschaulichen Hintergrund heraus erklären, so wird der Begriff dann wahlweise von einer metaphysischen Komponente bestimmt, oder von einer materialistischen, die dann in Begriffen wie Glückseligkeit oder Erfüllung münden. Der Unterschied zwischen der religiösen und der nicht-religiösen Variante ist der, ob die Hoffnung auf ein Jenseits gerichtet ist oder auf das Diesseits, ob ich die Erlösung, also Loslösung von der Welt suche oder im Gegenteil die Welt umarme, und sie zu verbessern suche.

Und, was immer geht: die Hoffnungen in eine utopische Welt zu projizieren, alle Visionen von einer besseren Welt, einer Welt der Gleichberechtigung, des Friedens und der Gerechtigkeit in ein schönes Bild, eine gute Geschichte zu packen. Denn nur solche Visionen, und die Hoffnung auf ihre Erfüllung, sind es doch, die den Antrieb für die menschliche Kreativität bilden.

Und offenbar wollen, ja müssen, wir Menschen hoffen, also dürfen wir auch hoffen!

Soweit also das Thema Hoffnung, jetzt noch ein paar Takte Musik!

 

Musik 6:

Interpretin: Diablo Swing Orchestra, Track: Pink Noise Waltz, Länge: 06:07


Abmoderation:

So, nun sage ich wie immer an dieser Stelle: genug philosophiert für heute. Ich danke euch herzlich fürs Zuhören und hoffe, die Sendung hat euch wieder gefallen.

 

Und nochmals der Hinweis die Internet-Seiten zur Sendung:

Kritik, sowohl negative als auch positive, Wünsche und Anregungen könnt ihr gerne an mich per eMail senden: radio@hinterfragt.at.

Und wer die Sendung nachlesen möchte: die begleitende Website ist zu finden unter hinterfragt.at, dort könnt ihr auch Kommentare zur Sendung abgeben. Außerdem könnt ihr mir auch auf Twitter folgen @hinterfragtAT oder auf Facebook unter hinterfragt.

 

Und nun verabschiede ich mich und wünsche euch noch eine gute Zeit.

Das war Ewald Strohmar-Mauler mit der Sendung hinterfragt. Das philosophische Magazin auf FREIRAD 105.9, dem Freien Radio in Innsbruck.

 

Abspannmusik:

Interpretin: Akh-Point, Track: chasin the rain, Länge: 09:45

 

1A805/B806 ff

2Hoffmeister, S.304

3ebd.

4J.W.von Goethe, Urworte,orphisch, 1817

5http://www.friedrich-kuemmel.de/doc/Hoffnung.pdf, abger. 1.5.2012

6ebd

7ebd

8http://www.getabstract.com/de/zusammenfassung/klassiker/das-prinzip-hoffnung/4049/

 

 

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