1. Sendung vom 10. 05. 2011: Atomkraft: nein danke?

Anmoderation

Guten Abend, liebe Hörerinnen von FREIRAD 105.9 Mhz, dem freien Radio für Innsbruck! Am Mikrofon begrüßt euch recht herzlich Ewald Strohmar mit der Sendung „hinterfragt.„, dem philosophischen Magazin für kritische Menschen.

 

In dieser Sendereihe geht es um die Themen unseres Alltags, die Dauerbrenner der Zeitungskolumnen und Leserbriefe, die ich aus verschiedenen philosophischen Perspektiven kritisch beleuchten werde. Je nach Thema wird mal der eine oder andere klassische Philosoph zu Wort kommen, mal eine der vielen philosophischen Disziplinen im Vordergrund stehen, auf jeden Fall aber will ich gemeinsam mit euch versuchen, konkrete Fragen an die Themen zu stellen, Standpunkte heraus zu arbeiten und fair, objektiv und gerecht an die Sache heran zu gehen. Das übliche polemisierende, aber gehaltlose, Gemotze überlassen wir dabei gerne anderen.

 

Die Sendung wird auch im Internet begleitet auf der Website hinterfragt.at – ich wiederhole: hinterfragt punkt a t. Dort könnt ihr die vergangenen Sendungen nachlesen und euch über die nächsten Sendungen informieren – und schon mal vorab darüber diskutieren – vielleicht kommt ja dein Beitrag in die nächste Sendung?

In facebook findet ihr mich unter hinterfragt und auf Twitter unter @hinterfragtAT (ich wiederhole: Klammerafferl hinterfragt großes A großes T).

 

Nun aber zur heutigen Sendung:

Die heutige Sendung trägt den Titel: Atomkraft nein danke? Mit einem Fragezeichen hinten. Denn wir wollen das Thema ja aus philosophischer Sicht hinterfragen und mal die üblichen Sichtweisen – so weit wie möglich und sinnvoll – ausblenden. Es soll also weder um die Umwelt noch ums Geld gehen. Wie das funktionieren soll?

Das hört ihr gleich nach dem folgenden Musikstück:

Musik 1:

Interpret: Master M, Album; Stop, Track: spalte ein atom, Länge: 4:30, Link: http://www.jamendo.com/de/track/583791

Zwischenhinweis

Noch ein kleiner Hinweis zur heutigen Musik: es handelt sich durchwegs um Stücke unter der creative-commons-Lizenz, die ihr euch unter der Einhaltung dieser Lizenz auch kostenfrei herunter laden kann. Ich werde die Links dann mit einem entsprechenden Hinweis auch auf meiner Webseite veröffentlichen.

Alle Stücke haben irgend etwas mit Atom zu tun – meist zwar nur im Titel oder Bandnamen, aber es war ganz interessant, auch sowas mal zu recherchieren, und nicht nur für die Erstellung der Texte. Bin schon neugierig, ob ich das für jedes Thema so aufrecht erhalten kann wie für das heutige…

 

Beitrag 1: Was ist eigentlich Atomkraft?

So, nun aber wirklich: der Einstieg ins Thema Atomkraft.

Was ist eigentlich diese Atomkraft? oder anders gesagt: wogegen sind denn da jetzt alle? Ich will ja jetzt keine großartige physikalische Abhandlung liefern, aber zumindest die Basisfakten, wie das mit der Kernkraft eigentlich funktioniert:

Ich zitiere jetzt mal, leicht geändert, aus der deutschen Wikipedia:

Ein Kernkraftwerk, auch Atomkraftwerk, ist ein Wärmekraftwerk zur Gewinnung elektrischer Energie aus Kernenergie durch kontrollierte Kernspaltung. Physikalische Grundlage ist die Energiefreisetzung bei der Spaltung von schweren Atomkernen. Sie beruht darauf, dass die Bindungsenergie pro Nukleon (also den Teilchen in den Atomkernen) in den Spaltprodukten größer ist als vorher im spaltbaren Kern. Diese Energie wird hauptsächlich als Bewegungsenergie der Spaltprodukte freigesetzt. Durch deren Abbremsung im umgebenden Material entsteht Wärme, mit der Wasserdampf erzeugt wird.

 

Soweit Wikipedia – wer das verstanden hat, gut.

Es geht also grob darum, dass Atomkerne irgendwie zerlegt werden und dadurch Wärme entsteht. Und danach geht es eigentlich weiter wie bei anderen Wärmekraftwerken, zB Kohlekraftwerken: es werden durch den Wasserdampf dann Turbinen angetrieben, die den Strom erzeugen.

 

Und was aber jetzt das Problematische oder Gefährliche an der Sache? Wogegen oder wofür protestieren da plötzlich alle?

Versuchen wir also, der Reihe nach die Probleme aufzuspüren.

 

Natürlich war der Auslöser dafür, meine erste Sendung diesem Thema zu widmen, die Katastrophe in Fukushima. Diese hat ja eine ganz eigenartige Wirkung in der Welt ausgelöst, denn plötzlich sprechen alle davon, weltweit die Kernkraftwerke abzuschalten.

 

Viele von uns werden sich noch an den Super-GAU in Tschernobyl erinnern, zumindest gehört haben davon doch die meisten. Das war 1986 – also vor 25 Jahren, einem Vierteljahrhundert – in der Ukraine, einem Staat des damaligen Ostblocks, dem ja von vorne herein per Vorurteil ein geringerer Sicherheitsstandard zugebilligt wurde. Außer einem großen „Huch!“ ist da ja damals nicht viel geschehen bei uns, soweit ich mich erinnere. Ich war damals ungefähr 20 Jahre alt und entsprechend unbekümmert, und vermutlich filtert die Zeit da auch einiges weg – jedenfalls kann ich mich hauptsächlich daran erinnern, dass vor dem Verzehr von Pilzen gewarnt wurde (die waren aber eh nie meine Leibspeis) und seither für alle Kinder in den Schulen raue Mengen von Kaliumjodid-Tabletten vorrätig sind.

 

Warum nehmen wir Fukushima im Unterschied dazu viel ernster, obwohl Japan ja doch ein gutes Stück weiter weg ist als die Ukraine? Meiner Ansicht nach ist der Hauptunterschied, dass diese neue Katastrophe im Hochtechnologieland Japan geschehen ist und eben nicht (Anführungszeichen) irgendwo im Ostblock. Und noch dazu wird ja von den Japanern angenommen (wieder qua Vorurteil), dass sie ja für Erdbeben aller Art bestens vorgesorgt haben.

Und plötzlich zerreißt es dort so ein Kernkraftwerk. Hat die Hochtechnologie also versagt?

 

Konrad Paul Liessmann, einer der bekanntesten österreichischen Philosophen, er lehrt an der Uni Wien, hat vor nicht allzu langer Zeit dem Standard1 zu diesem Thema ein Interview gegeben, von dem ich einige Schwerpunkte heraus greifen möchte.

Da wäre zum Beispiel der Titel des Interviews: „Energiehunger der Welt hat fast pathologische Züge“. Die Worte Energie und Hunger scheinen ja auf den ersten Blick nicht so richtig zusammen zu passen. Energie – das gehört zu Technik, zu Geräten, zu Maschinen. Hunger, das gehört zu Lebewesen.

Aber diese Metapher vom „Energiehunger“ lässt sich ganz gut dazu verwenden, die ganze Geschichte anthropologisch zu betrachten:

Hunger ist ein Zeichen für ein körperliches Bedürfnis, einen Bedarf. Der Energiebedarf des Menschen ist natürlich eine direkte Folge der Tatsache, dass der Mensch seine natürlichen Mängel durch den Einsatz von Technik kompensiert hat. Unter Mängel verstehen wir, dass der Mensch im Gegensatz zu den Tieren keine besonders scharfen Klauen und Zähne hat, nicht besonders schnell weglaufen oder fliegen kann, also im Vergleich zu den Tieren nicht so besonders gut an seine Umwelt angepasst ist, also sozusagen ein (Anführungszeichen) Mängelwesen ist. Eine Folge davon ist, dass der Mensch daher dies auszugleichen versucht, indem er Dinge erfindet, Werkzeuge, Waffen, usw. und auch so etwas wie Kleidung und Behausungen entwickelt hat, was ihm ermöglicht, nicht nur in einer einzigen Umwelt zu leben. Und natürlich hat der Mensch auch immer alles gemacht, wozu er fähig ist, zumindest ausprobiert hat er es. Die Ergebnisse sind uns ja aus der Geschichte bekannt.

Für alle diese Technologien, die er entwickelt hat, hat der Mensch von Anfang an Energiequellen benötigt, der er ebenfalls entdeckt, verbessert und ausgebeutet hat. Nun ist es ja nicht so, dass ein Lagerfeuer, das sich der Ötzi auf seiner Alpenwanderung angezündet hat, um sich sein Hendl zu grillen, eine große Bedrohung darstellt, weder für die natürlichen Ressourcen noch für die Umwelt. Jedoch, wenn die Sache weiter gedacht wird, was da also seit Ötzis Zeit an Technologien erfunden wurde, und welch ungeheure Energiemengen diese verschlingen, wird bald die Frage auftauchen, woher diese stammen und wie lange sie noch vorhanden sein werden.

 

Soweit also mal die anthropologischen Hintergründe des Reaktorunglücks von Fukushima.

 

Musik 2:

Interpret: XPRIM, Album; Premier Atome, Track: Samouraïs, Länge: 4:20, Link: http://www.jamendo.com/de/track/244344

 

Beitrag 2: Das Wesen des Menschen

Was natürlich zur aktuellen Katastrophe in Fukushima noch zu sagen ist, wäre die besondere Bedeutung, die die Kernkraft gerade für Japan hat: sie ist nämlich nicht nur Energiequelle, sondern auch die Zähmung eines großen Feindes: nämlich der Atombombe, die ja in Hiroshima und Nagasaki Verheerendes angerichtet hat. Es siegt die zivile Nutzung des Atoms über die militärische. Und hey, wir sind sogar so mutig, das Ding in einer Erdbebenzone zu bauen, so sicher sind wir uns unseres technologischen Fortschritts! Schaut uns alle an!

 

So verbindet die Japaner also offenbar auch noch eine Art mythologisches Geschehen mit ihren Kernkraftwerken, die Zähmung des Monsters durch den Helden. Beziehungsweise die Helden, denn auch das ist eine Besonderheit der Japaner: bei ihnen herrscht eher das Gruppendenken vor als der uns Europäern so lieb gewordene Individualismus.

 

Doch zurück zur Atomkraft. Das Hauptproblem ist ja nicht die Atomkraft an sich, sondern primär zwei offenbar derzeit unüberwindbare Probleme: eines davon, so haben wir ja in Fukushima gesehen, ist das Sicherheitsrisiko, das immer besteht – das gezähmte Monster namens Radioaktivität ist ausgebrochen. Und das zweite Problem ist natürlich die Endlagerung des radioaktiven Abfalls, der noch locker bis zu 24.000 Jahre lang munter vor sich hin strahlen wird.

 

Es scheint ja eine anthropologische Tatsache zu sein2, dass der Mensch Probleme, die weit in der Zukunft liegen, wesentlich geringer bewertet als solche in näherer Zukunft, also quasi diejenigen, die er sich gerade so noch vorstellen kann. Also, salopp ausgedrückt, was juckt es mich, was in 20.000 Jahren sein wird. Es wird anscheinend davon ausgegangen, dass auch für die Atommüll-Problematik bis dahin eine Lösung gefunden worden ist. Und so nutzen viele Länder ihre Kernkraftwerke auf Kosten zukünftiger Generationen. Und das macht diese Technologie so gefährlich: wir können die Folgen und Konsequenzen gar nicht wirklich abschätzen.

So wie Kinder, die von einer Autobahnbrücke Kieselsteine auf die Autos runter werfen – da kann keines die Geschwindigkeit des Aufpralls auf einer Windschutzscheibe richtig abschätzen oder gar schnell mal im Kopf ausrechnen. Das ist überhaupt die Crux bei dieser Atomphysik: wer kann sich denn wirklich noch diese ganzen immer kleineren Teilchen, die da schon mehr vermutet als gefunden werden, vorstellen? Und außerdem, stellt sich mir die Frage, wie wichtig ist es überhaupt, mit Dingen herum zu experimentieren, die sich eigentlich kaum jemand wirklich vorstellen kann?

 

In diesem Zusammenhang zeigt sich dann nämlich auch wieder, dass der Mensch eben doch ein Mängelwesen bleibt, dass es Dinge in seiner Umwelt gibt, die er eben trotz aller bereits entwickelten Technologien nicht beherrschen kann, und dass Bedrohungen für unser menschliches Leben nach wie vor vorhanden sind.

Jetzt steckt dieses Mängelwesen aber in einem Dilemma: einerseits versucht es ja, seine Unzulänglichkeiten zu kompensieren, andererseits verursacht es dadurch ja noch mehr Probleme! Hätte der Mensch bereits mit dem Erfinden aufgehört, als er sich zum ersten Mal mit dem Faustkeil verletzt hat, hätten wir heute natürlich gar nichts, also kein Auto, keine Mikrowelle und keine Tiefkühlpizza,.. Wir wären sogar vermutlich bereits ausgestorben.

Also, wir haben unsere Erfindungen und Entdeckungen, haben die Welt immer hinterfragt, haben jede Menge Zeug entwickelt, haben uns damit auch ein paar massive Probleme eingehandelt. Vermutlich könnte da jetzt auch nur dazu gesagt werden: das ist halt das Wesen des Menschen.

 

Vermutlich ist der Mensch auch dafür anfällig, sich gerade mit Dingen auseinander zu setzen, die er nicht wirklich versteht. Sonst wäre es ja auch langweilig.

Auch und gerade wir Philosophen, wir sind besonders anfällig für das Mysteriöse, denn (so habe ich neulich auf einem Werbefolder eines philosophischen Verlages gelesen): der Mensch [ist] das vom Paradox getriebene Tier, das sich Fragen stellt, die es nicht beantworten kann.

 

Und auch diese Sendung lebt ja vom Fragen stellen. Also, hier ein paar Fragen: Kann, soll, muss es irgendwo eine Grenze geben für die Verwendung von Technologien, die wir eigentlich nicht wirklich beherrschen können? Und wer legt diese Grenze fest? Und aus welchen Gründen könnten eventuell die Konsequenzen dieses Einsatzes von solchen Technologien akzeptiert werden?

 

Musik 3:

Interpret: Eisenlager, Album: TonAtom , Track: Ein-stein, Länge: 07:03, Link: http://www.jamendo.com/de/track/195225

 

Zwischenmoderation:

Für alle, die sich erst später zugeschaltet haben:

Hier ist „hinterfragt„, das philosophische Magazin für kritische Menschen auf FREIRAD 105.9 Mhz, dem freien Radio für Innsbruck! Mein Name ist Ewald Strohmar mit philosophischen Gedanken zu Themen unseres Alltags, zu denen ich gemeinsam mit euch versuchen will, konkrete Fragen an die Themen zu stellen und verschiedene Standpunkte heraus zu arbeiten.

 

Der heutige Beitrag trägt den Titel: Atomkraft nein danke? mit einem Fragezeichen dahinter, denn wir wollen ja Fragen stellen und nicht die ständig gleichen Ansichten wiederkäuen. die uns so in den Medien begegnen..

Bisher kamen zur Sprache: die Grundlagen, wie Atomkraft eigentlich funktioniert, die Katastrophen von Tschernobyl und Fukushima und dass es in einem Hochtechnologieland wie Japan umso mehr problematisch erscheint, wenn ein Kernkraftwerk zusammen bricht. Dann stellten wir die Frage, warum der Mensch eigentlich die viele Energie braucht und stellten fest, dass die Entwicklung der Kernenergie eine logische Folge der technologischen Entwicklung ist, dass der Mensch aber auch oftmals Dinge erfindet, deren er nicht wirklich Herr werden kann.

Beitrag 3: Grundrechte und ethische Probleme

„Der Urquell aller technischen Errungenschaften ist die göttliche Neugier und der Spieltrieb des bastelnden und grübelnden Forschers und nicht minder die konstruktive Phantasie des technischen Erfinders.“ meinte also Albert Einstein in dieser Rede zur Eröffnung der 7. Deutschen Funkausstellung im Jahre 1930 3, die ihr im Original im vorigen Musikstück im Hintergrund gehört habt.

 

Ja, Einstein hat schon recht, auch diese Sendung können wir nur hören, weil irgend jemand so kreativ war und mal das Radio erfunden hat. Was er allerdings auch sagt, was durch die musikalische Bearbeitung leider untergeht:

„Sollen sich auch alle schämen, die gedankenlos sich der Wunder der Wissenschaft und Technik bedienen und nicht mehr davon geistig erfasst haben als die Kuh von der Botanik der Pflanzen, die sie mit Wohlbehagen frisst.“

 

Sind wir also Rindviecher, weil wir gedankenlos handeln, mit Techniken hantieren, deren Gefahrenpotenzial ungleich größer ist als der Nutzen? Na komm, Onkel Albert, werden sich da jetzt viele denken, beim Radio doch nicht, was soll da gefährlich sein? Höchstens, dass ich mir mal mit der Antenne ins Aug steche…

 

Es wird wohl kaum jemand auf die Idee kommen, dass das Radio irgendwie schädlich oder gefährlich werden könnte. Oder doch? Schließlich kann mit so einer Rundfunkverbreitungsvorrichtung ja nicht nur Musik und gute Laune, sondern auch totalitäres Gedankengut verbreitet werden, wie jedes Massenmedium ja für propagandistische Zwecke verwendet werden kann. Oder auch zB dafür, die Rindviecher 24 Stunden lang mit Werbung zu berieseln, auf dass sie alles kaufen mögen, was ihnen angeboten wird, um die Wirtschaft anzukurbeln (denn geht es dieser gut, geht es ja uns allen gut, behauptet zumindest die Werbung).

Dass die Wirtschaft diese vielen Güter ja nicht vom nächsten Baum pflückt, sondern eben diese Hochtechnologie benötigt, die diese viele Energie verbraucht, zu deren Herstellung wir dann wieder Reaktoren bauen, die uns um die Ohren fliegen, ja das wird in der Werbung nicht erwähnt.

Womit wir natürlich wieder mitten im Thema und auch in den ethischen Implikationen wären, deren Auflösung meiner Meinung nach eine der Hauptaufgabe der Philosophen ist. Es gibt also auch andere Schäden als die rein physischen, und die sind meist subtiler und weitaus schwieriger zu beschreiben. Doch auch sie sind Konsequenzen unseres kreativen Handelns.

 

Aber, wir wollen die Kirche im Dorf lassen und wieder zurück gehen zu den direkten Folgen der Herstellung von Atomenergie, und wer diese ausbaden muss: nämlich Hunderte von zukünftigen Generationen. Denn, wie schon erwähnt, die Halbwertszeit des Atommülls beträgt ja teilweise so 24.000 Jahre.

 

UDHR (Allgemeine Erklärung der Menschenrechte) Artikel 3 lautet: Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.

Diese sind ja offenbar bei den latenten Gefahren der Atomkraft weder für uns heute Lebende, noch für zukünftig lebende Menschen sicherzustellen, also könnte geschlossen werden, dass Kernkraft einem Grundrecht der Menschen widerspricht.

Ein möglicher Standpunkt wäre hier: Grundrechte sind nicht verhandelbar, daher müssen zwingend alle Kernkraftwerke abgeschaltet werden.

Andererseits kommt es hier zu einem Konflikt mit einem anderen Grundrecht: dem auf Eigentum, denn irgend jemandem gehören die Kraftwerke ja.

Ja gut, aber was sind da die Besitzrechte einiger weniger Kraftwerksbosse gegen die vielen Millionen Leben?

Leider ist es nicht so einfach, denn grundsätzlich hängen wir alle von der Energie ab, in allen Bereichen unseres Lebens, insofern hängen da auch jede Menge andere Interessen dran, sicherlich vorwiegend wirtschaftliche Interessen, die uns aber auch direkt oder indirekt betreffen – und nicht zu vergessen, natürlich auch die Arbeitsplätze jener, die in so einem Kraftwerk arbeiten. Also so einfach abschalten, ohne sinnvolle Alternative, geht dann also wohl doch nicht so einfach.

 

Solche Konflikte begegnen uns in der praktischen Philosophie ständig. Und sie aufzulösen ist nicht leicht. Die Juristen können es sich da einfach machen, die können sich auf das positive Recht, also die niedergeschriebenen Gesetze berufen und dann also auch manchmal sagen: Tja, also, aufgrund von Gesetz X, Paragraph Y, geht das nicht, Antrag abgelehnt.

 

Wir Philosophen machen es uns da nicht so leicht, wir zerlegen mal die Problematik in die Einzelteile und schauen, ob wir diese nicht vielleicht gesondert auflösen können.

 

Musik 4:

Interpret: Atomica, Album; Atomica, Track: Otra Dimension, Länge: 02:49, Link: http://www.jamendo.com/de/track/208299

 

Beitrag 4: Freiwillig? und das Gemeinwohl

Wir haben also die kulturphilosophische Tatsache, dass Menschen neben vielem anderen eben auch Technik entwickelt haben, um sich ihre Umwelt so einzurichten, dass sie darin möglichst gut leben können. Und sie machen dabei Fehler, weil sie oft einen kurzfristigen Vorteil in den Blick nehmen und vor lauter Begeisterung darüber die weiteren Überlegungen verdrängen.

Soll heißen, dass es immer wieder kritische Stimmen gibt, die aus verschiedenen Gründen dagegen wettern, die aber ungehört bleiben. Früher war es ja auch noch einfacher als heute, etwas zu vertuschen, wo wir es durch die moderne elektronische Medientechnik heute wesentlich leichter haben, uns Gehör zu verschaffen. Aber dennoch wird auch heute noch vieles vertuscht, zb wurde ja auch in Fukushima tagelang das tatsächliche Ausmaß der Katastrophe nicht preisgegeben.

Jedenfalls handeln wir Menschen nicht immer vernünftig, und das macht sich eben oft erst im Nachhinein bemerkbar, dann ist es aber vielleicht schon zu spät. Das macht ja nichts aus, wenn es dabei nur um das letzte Bier geht, das ich doch nicht hätte trinken sollen, ist aber eben bei Kraftwerken dann doch katastrophal.

Oder, wie eine meiner Lieblings-Weisheiten lautet: gut gemeint ist noch lange nicht gut gemacht.

Nun kommen wir an ein uraltes Lieblingsthema der Philosophen: was ist gut, was ist schlecht?

Wir werden das hier nicht auflösen, dafür ist die Sendezeit zu kurz, aber ich möchte doch einen zum Thema Atomkraft passenden Gedanken meines Lieblings-Philosophen, Platon, einbringen:

 

Niemand handelt freiwillig schlecht, meint Platon. Diese so genannte Unfreiwilligkeitsthese, die von seinem Lehrer Sokrates stammt, verteidigt Platon in allen Phasen seines Lebens4. Was meint er nun aber damit? Letztlich nichts anderes, als dass der Mensch, oder genauer gesagt, seine Seele, durchaus in der Lage ist, spontan zu entscheiden, was gut oder schlecht für ihn ist. Soviel moralischen Intellekt müssen wir ihm also nach Platon zubilligen – und natürlich werde ich mich kaum für etwas entscheiden, was für mich schlecht ist.

Trifft das aber auch für den Einsatz der Atomenergie zu? Kurzfristig erzeuge ich die Energie, die ich brauche, das ist gut. Dass mittelfristig vielleicht (ich betone, vielleicht) eine Gefahr besteht, dass das Kraftwerk defekt wird, nehme ich mal in Kauf, denn es passiert ja nur vielleicht. Und dass langfristig irgendjemand den Müll wegräumen muss, lassen wir mal ganz beiseite.

Wie verantwortungslos ist denn das? kann man jetzt natürlich fragen, aus der Perspektive dieser Unfreiwilligkeitsthese heraus. Wenn der Mensch freiwillig nichts tut, was für ihn schlecht ist, gibt es zwei Möglichkeiten: entweder tut er es unfreiwillig, also unter Zwang. Wer aber zwingt die Kraftwerks-Gesellschaften dazu, Atomkraft einzusetzen? Wohl niemand.

Also bleibt augenscheinlich die zweite Möglichkeit, die These stimmt nicht.

Da ich aber Platoniker bin, verteidige ich ihn und seine These natürlich.

Bleiben wir vielleicht bei dem Beispiel mit dem Bier: ich trinke also ein Bier zuviel, wohl wissend, dass es mir am nächsten Tag dann nicht so gut gehen wird. Ich trinke es trotzdem, es ist eine lustige Runde, die Kollegen trinken ja auch, und es schmeckt ja so gut…

Kurzfristig schmeckt es, also ist es gut. Mittelfristig habe ich dann morgen einen Kater und langfristig in 20 Jahren eine kaputte Leber. Hat bitte schon irgendjemand ein Bier nicht getrunken, weil er in 20 Jahren vielleicht eine Leberzirrhose kriegen könnte?

 

Also scheint es ja doch nicht ganz zu unfreiwillig zu sein mit der Atomkraft. Nicht jedes Land schafft es wie Österreich, sich per Volksentscheid gegen ein Kernkraftwerk zu wehren. Typisch österreichisch war es zwar, dass sie das Ding zuerst gebaut und dann gefragt haben, aber so war das eben.

Was mich zum Thema Gemeinwohl bringt: natürlich hinkt das Bier-Beispiel, weil es nur mich betrifft, aber Kernkraftwerke mindestens eine, wenn nicht mehrere, ganze Nationen, insofern hätten eigentlich die gewählten Volksvertreterinnen die Pflicht, entsprechende Gesetze zu verabschieden, dass das Gemeinwohl5 eben gewahrt ist. Da es viele, teilweise widersprüchliche, Definitionen davon gibt, was Gemeinwohl sein soll, sagte ich der Einfachheit halber: was im Interesse aller Menschen eines Gemeinwesens liegt. Und da wir in Europa in demokratisch regierten Staatengebilden leben, sind es eben diese, die es betrifft.

Also: sind Atomkraftwerke im Interesse aller Mitglieder aller europäischen Staaten? Den Strom verwenden zumindest alle, auch jene, die wie Österreich, keine eigenen Kernkraftwerke haben. Aber sonst?

Ein Artikel in der deutschen Legal Tribune Online stellt zB fest, dass Atomkraft spätestens seit Fukushima verfassungswidrig wäre, seit nämlich das Gefährdungspotenzial nicht mehr nur im Bereich theoretischer Vermutungen ist6. Also ist das Gemeinwohl doch nicht mehr gewährleistet.

Nicht heute und schon gar nicht für die künftigen Generationen, die die radioaktiven Abfälle von heute erben und los werden müssen. Der kurzfristige Energiegewinn rechnet sich also insgesamt für die Menschheit in der Geschichte überhaupt nicht. Denn ich denke, wir müssen in der heutigen Zeit der Globalisierung den Begriff Gemeinwohl durchaus nicht nur räumlich sehr weit fassen (also zumindest in europäischer Dimension), sondern auch zeitlich ausdehnen, und zwar ziemlich weit in die Zukunft. Die Konsequenzen unseres Tuns reichen sehr weit!

 

 

Musik 5:

Interpret: Epsilone Project, Album; Atomic Land, Track: Atomic Land, Länge: 04:15, Link: http://www.jamendo.com/de/track/501193

 

Beitrag 5: Fazit

Wir müssen leider langsam zum Ende kommen, es sind nur mehr wenige Minuten Sendezeit.

Zur Zusammenfassung: das Problem, soweit wir es bisher herausgearbeitet haben, besteht darin, dass wir mit der Kernkraft eine Technologie haben, die wir nicht mehr überschauen können und die dadurch nicht nur potenziell, sondern durchaus auch real gefährlich ist. Wollen wir diese Gefahr abwenden, wäre die Konsequenz, nur noch Technologien anzuwenden, deren Folgen absehbar sind.

Oder anders gesagt: wenn die Atomkraft die einzige Möglichkeit zur Energiegewinnung wäre, würde der Nutzen den möglichen Schaden überwiegen (wenn der Atommüll mal ausgeklammert wird). So aber gibt es ja Alternativen, vor allem solche, die einen weitaus höheren Wirkungsgrad, also Energiegewinn, haben, als die Atomkraft mit einem Wirkungsgrad von nur 33%, im Gegensatz zB zu Wasserkraftwerken, die ca. 80-90% Wirkungsgrad haben, also doch ziemlich viel von der gesamten Energie des Wassers ausnutzen.

Mir ist schon klar, dass nicht alle Regionen dazu die Möglichkeit haben, Wasserkraftwerke zu bauen, weil ihnen schlicht die Berge fehlen, und nicht überall geht der Wind, nicht immer scheint die Sonne.

 

Aber es sollte langsam einsichtig sein, dass Energie aus nicht erneuerbaren Rohstoffen zeitlich begrenzt ist, und letztlich werden auch mal die Uranvorkommen für die Atomenergie erschöpft sein.

Die Lösung kann also meiner Meinung nach nur eine gemeinsame Bemühung aller Menschen sein, alle möglichen erneuerbaren Ressourcen gemeinsam einzusetzen, um dem Dilemma zu entkommen. Die wichtigste Ressource ist hier sicherlich das Gehirnschmalz.

 

Apropos Gehirnschmalz: vielleicht sind es ja auch die gedanklichen Grundvoraussetzungen, die falsch sind?

Es sieht nämlich so aus, als ob dieses Denken, dass mit Wissenschaft und Technik alles machbar ist, mit an diesem Dilemma Schuld ist. Diese Denkweise ist jedoch schon einige Hundert Jahre alt, sie hat den Schwenk vom Mittelalter zur Neuzeit bewirkt – die ja auch gar nicht mehr so neu ist. Und auch ihre Ideale sind nicht mehr so neu, und wirken teilweise schon ziemlich abgegriffen. Wir bemerken nämlich schön langsam, dass es ja eben doch nicht so einfach ist, wie im 16. Jahrhundert über die Wissenschaft, im 18. Jahrhundert über die Politik und im 20. Jahrhundert über die Religion gedacht wurde. Leider können wir weder Galilei noch Montesquieu als Studiogäste einladen, aber trotzdem werde ich in zukünftigen Sendungen gerne näher auf diese Thematik eingehen.

Für das heutige Thema Atomkraft sei nur mehr so viel gesagt: es ist nicht von heute auf morgen zu lösen, aber wir werden um ein Umdenken in Energiedingen nicht herum kommen: also einerseits sind alternative Energieformen gefordert, andererseits aber auch die Anstrengung von uns allen, sich an der Nase zu nehmen und mal zu fragen, wo Energie eingespart werden könnte. Und wir als Konsumentinnen könnten ja damit beginnen. Nicht nur damit, Geräte bei Nichtgebrauch auszuschalten, sondern auch damit, der Wirtschaft klarzumachen, dass wir nicht alles benötigen,was produzierbar ist, und dem Handel zu sagen, dass es nichts bringt, in der Nacht die Geschäfte zu erleuchten, wenn eh keiner einkaufen geht.

 

Abmoderation:

So, nun aber: diese Sendung geht ihrem Ende zu, ich hoffe, sie hat euch gefallen und ihr fandet sie ausreichend interessant.

Mir ist klar, dass es sicher Verbesserungsbedarf gibt, ich mache das schließlich zum ersten Mal. Kritik, sowohl negative als auch positive, Wünsche und Anregungen könnt ihr gerne an mich per eMail senden: radio {at} hinterfragt {punkt} at, ich wiederhole: radio at hinterfragt punkt a t. Und hier nochmals der Hinweis auf die begleitende Website: auf hinterfragt.at könnt ihr auch Kommentare abgeben.

 

Weiterführende Literatur findet ihr, damit ich sie hier nicht vorlesen muss, ebenfalls auf dieser Website. Und nun verabschiede ich mich, wünsche ich noch eine gute Zeit.

Das war Ewald Strohmar mit der Sendung hinterfragt. auf FREIRAD 105.9 Mhz, dem Freien Radio für Innsbruck.

 

Abspannmusik:

Interpret: DJ Hyzone, Album; Energy, Track: Electricity, Länge: 4:20

http://www.jamendo.com/de/track/717692

 

(Die Sendung wird am 26.5.2011 um 9:00 Uhr wiederholt!)

 

2 zumindest behauptet das der Artikel ….

4 mehr dazu im Beitrag von Christoph Horn in: von Ackeren, Platon verstehen, Darmstadt 2004

 

 

Weitere Bücher zum Thema:

 

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