Sondersendung 15. Juni 2012

Titel: Freie Radios und lokaler Kulturbetrieb

Ich begrüße euch, liebe Hörerinnen von FREIRAD 105.9, dem freien Radio in Innsbruck! Live am Mikrofon ist Ewald Strohmar-Mauler mit einer Sondersendung von „hinterfragt.„, dem philosophischen Magazin. Heute, am Tag der Freien Medien, melde ich mich nicht primär als Philosoph, sondern mit einem kulturpolitischen Thema, über das ich auch eine Arbeit für mein kulturwissenschaftliches Studium geschrieben habe.

Der Titel lautet im Original etwas sperrig:

Freie Radios in Österreich

Ihre Entstehung und Bedeutung für den lokalen Kulturbetrieb

am Beispiel FREIRAD 105.9 in Innsbruck

Diese Arbeit habe ich nun für euch radiotauglich umgeschrieben, damit ich euch die Höhepunkte meiner Erfahrungen präsentieren kann, und so lautet nun die Kurzfassung des Titels für das Radio: Freie Radios und lokaler Kulturbetrieb.

Zunächst möchte ich in dieser Sendung einige Charakteristika von Freien Radios aufzeigen, dann auf die Geschichte der Freien Radios in Österreich eingehen, und zum Schluss speziell deren Bedeutung für den lokalen und regionalen Kulturbetrieb anhand meines Lieblingssenders – FREIRAD 105.9 – erläutern.

Trotz Sondersendung möchte ich aber meine Gewohnheiten beibehalten und wie immer zuerst ein wenig Musik spielen:

Musik 1:

Interpretin: Project System 12, Track: Gogol, Länge: 03:42

Beitrag 1: Einleitung

„Der Rundfunk wäre der denkbar großartigste Kommunikations­apparat des öffentlichen Lebens, ein ungeheures Kanalsystem, das heißt, er wäre es, wenn er es verstünde, nicht nur auszusenden, sondern auch zu empfangen. Also den Zuhörer nicht nur Hören, sondern auch Sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern in Beziehung zu setzen.“1

Dieses Zitat von Bertolt Brecht leitet die Broschüre mit dem Titel „Freies Radio Innsbruck FREIRAD“ ein, welche allen Interessentinnen die wichtigsten Informationen über FREIRAD 105.9, das Freie Radio in Innsbruck, nahe bringen soll. Diese Broschüre war auch jener Text, der mein Interesse an der besonderen Rolle von Freien Radios in der österreichischen Medienlandschaft und Kulturpolitik geweckt hat.

Wir Radiomacherinnen werden ja nicht einfach so auf die Menschheit losgelassen, sondern haben einige verpflichtende Kurse zu besuchen, um journalistisch, technisch und rechtlich auf unsere Arbeit mit dem Medium Radio vorbereitet zu sein.

Radio ist auch im 21. Jahrhundert noch ein wichtiges Medium, da es in vielen Weltregionen das einzige Informationsmittel für die Massen darstellt. Aber auch hier in Mitteleuropa präsentieren viele ethnische, sprachliche und andere Minderheiten ihre Anliegen via Radio einer breiteren Öffentlichkeit. Dies ist aber nur möglich, weil ihnen von den Freien Radios ein einfacher, unkomplizierter Zugang zum Medium Radio geboten wird.

Freie Radios als „dritter Sektor“ im Rundfunkbereich (neben öffentlich-rechtlichen und kommerziellen Sendern) haben einige wesentliche Aufgaben: sie stellen allen an der Produktion von Radiosendungen interessierten Initiativen, Gruppen und Einzelpersonen Infrastruktur in Form von Sendezeit, Basiswissen und Ausrüstung zur Verfügung. Dadurch fördern sie Meinungsvielfalt und sind so ein direktes Mittel zur Ausübung des Rechts auf Meinungsfreiheit und somit ein wichtiges Instrument der Demokratie. Weiters vermitteln Freie Radios auch Medienkompetenz, oder im Fachjargon media literacy

Dass diese Ziele und Prinzipien in Form der ausgestrahlten Sendungen von den Hörerinnen auch angenommen werden, zeigt eine aktuelle Studie aus 2011, wo es heißt:

Die […] Bevölkerung ist dem herkömmlichen Medienangebot gegenüber deutlich kritisch eingestellt. Mit Unabhängigkeit, Transparenz, Regionalität und vor allem Meinungsvielfalt vermissen sie genau das, wofür die Freien Radios stehen.2

Eine sowohl thematisch ausgewogene als auch für soziale, politische und kulturelle regionale Anliegen offene Radioarbeit in Österreich, die zudem Medienkompetenz vermittelt, kann derzeit meiner Meinung nach nur von Freien Radios angeboten werden, weil öffentlich-rechtlicher Rundfunk und kommerzielle Sender (aus jeweils unterschiedlichen Gründen) nicht in der Lage sind, diesen Mehrwert zu bieten.

Sinngemäß gilt dies natürlich ebenfalls für alle anderen freien Medien, auch wenn nicht immer ganz klar ist, welche das denn wären, wie ein Standard-Artikel aus 20103 eindrucksvoll aufzeigt. Denn außer Zeitungen / Zeitschriften / Magazinen gibt es nur einige wenige in den letzten Jahren neu entstandene Fernsehsender, die wirklich „frei“ sind und trotzdem den Ansprüchen an guten Journalismus genügen.

Die einzigen Kriterien, die offenbar allen gemeinsam sind, die sich „freie Medien“ nennen, ist der partizipatorische, nicht-kommerzielle, aber trotzdem professionelle Charakter. Dass sich in diesem Zusammenhang in den „neuen“ Medien, also allen Medien im Dunstkreis des Internet, auch einiges entwickelt hat und noch mehr entwickeln wird, scheint mir selbstverständlich und notwendig.

Was aber jetzt auch notwendig ist: wieder ein Musikstück einzuspielen, und zwar

Musik 2:

Interpretin: Calaminus, Track: Latin bounce, Länge: 03:27

Beitrag 2: Die Geschichte der Freien Radios in Österreich

Die Geschichte der Freien Radios in Österreich beginnt wie in vielen europäischen Ländern Ende der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts4 mit dem Wunsch nach freiem Zugang zu Radiofrequenzen, die bis dahin nur vom jeweils staatlichen Rundfunk verwendet werden durften. Sie war (und ist) geprägt von „politischen Zielen und sozialem Engagement“5 und führte zunächst zur Bildung vieler kleiner Piratinnensender – in Innsbruck war es „Radio Radiator“, aus welchem 1993 dann der Verein FREIRAD hervor ging.

Nach dieser Piratinnenphase (bis 1993)6 folgte die Legalisierungsphase bis etwa 1998, welche auch von der Dachorganisation Fédération Européenne des Radios Libres unterstützt wurde. 1991 wurde die gesamtösterreichische „Pressure Group Freies Radio“ gegründet, die alle österreichischen Initiativen vereinte. Nach mehreren Beschwerden bis hin zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte wurde 1993 das Rundfunk-Monopol in Österreich aufgehoben. Zum Vergleich: in Deutschland erfolgte dies bereits 1984!

Ab 1995 wurden dann in Österreich die ersten Lizenzen vergeben, allerdings zunächst nur an kommerzielle Privatsender.

Daraufhin legten die Freien Radios Beschwerde beim Verfassungsgerichtshof ein, woraufhin die fraglichen Lizenzen wieder aufgehoben wurden. Der inzwischen gegründete Verband Freier Radios Österreich (VFRÖ) erreichte, dass eine Reihe dieser Lizenzen auch an Freie Radios vergeben wurden.

Wichtige Aufgaben dieses Verbands sind die Herbeiführung der gesetzlichen Verankerung der Freien Radios sowie von Gesetzesänderungen hinsichtlich ihrer Finanzierung, die Vertretung der medienpolitischen Interessen des nichtkommerziellen Rundfunks in relevanten nationalen und internationalen Gremien, technische und organisatorische Unterstützung vor allem in Hinblick auf ein gemeinsames Ausbildungsangebot, und ähnliche Anliegen.

Auf diese Legalisierungsphase folgten die Aufbauphase und die Etablierungs- / Expansionsphase, die bis heute bestehen und dadurch gekennzeichnet sind, dass sich die Freien Radios bereits in der Kulturlandschaft der jeweiligen Regionen verortet haben.

Mittlerweile existieren in Österreich ca. 15 Freie Radios und Radio-Initiativen in allen Bundesländern, die zumeist ein durchgehendes 24-Stunden-Programm anbieten (wenn auch manchmal zu wenige moderierte Sendungen vorhanden sind und vor allem nachts mit unmoderierter Musik „aus dem Computer“ aufgefüllt wird).

Die Sender sind grundsätzlich als Vereine organisiert und haben sich der Charta der Freien Radios Österreichs und die Ehrenkodex des österreichischen Presserats verpflichtet7, was die RadiomacherInnen in ihren Sendungs­verein­barungen auch schriftlich bestätigen müssen.

Nun komme ich zur besonderen Situation der Freien Radios in Österreich. 3:30

Da es eines der Hauptanliegen der Freien Radios ist, die Dreiteilung (also das „triale System“) des Rundfunks auch in der Gesetzgebung zu verankern, sollen hier die Unterschiede der Medienbereiche in Bezug auf Funktionen und Ansprüche noch einmal kurz erläutert werden8:

Der öffentlich-rechtliche Bereich ist den Normen „öffentliche Aufgabe / publizistische Vielfalt“ verpflichtet, der kommerzielle Bereich ist der Gewinnmaximierung verpflichtet und der nicht kommerzielle Bereich, also die Freien Radios, sind der Gemeinnützigkeit, der publizistischen Ergänzung und einem offenem Zugang verpflichtet.

Im Gegensatz zu anderen Ländern wie z.B. USA, Großbritannien oder Deutschland, in denen community radio bzw. „Bürgerradio“ schon seit Jahrzehnten üblich und als Teil der Medienlandschaft etabliert waren, wurde in Österreich als letztem Land in Europa das Rundfunk-Monopol ja erst 1993 abgeschafft und selbst nach der Freigabe von Frequenzen war und ist es für nicht kommerzielle Sender nicht immer einfach, einen durchgehenden Sendebetrieb zu gewährleisten. Dies ist aber nötig, um die immer auf zehn Jahre verliehene Frequenz auch bei einem erneuten Antrag wieder zu erhalten. Organisatorische und finanzielle Hürden müssen überwunden werden, um den Richtlinien der Sender entsprechende und möglichst qualitativ hochwertige Sendungen erarbeiten zu können.

Weiters fehlt nach wie vor eine gesetzliche Anerkennung des „dritten Sektors“, rechtlich sind Freie Radios den kommerziellen Privatradios gleich gestellt, ihre besonderen Leistungen haben noch keinen Eingang ins Rechtsverständnis gefunden. Im KommAustria-Gesetz (§29 Abs.3) findet sich lediglich eine Definition von „Nichtkommerziellen Veranstaltern“, deren Merkmale der offene Zugang und eben die Nichtkommerzialität sind, der weitere Mehrwert der Freien Radios im Vergleich zu den anderen Sparten wird ignoriert.

Vor allem die Finanzierung, so fordert der Verband der Freien Radios Österreichs, sollte durch Gebührensplitting aus den Rundfunkgebühren erfolgen, da die Freien Radios nicht nur eine wichtige kulturpolitische Rolle spielen , sondern auch „die Zivilgesellschaft im jeweiligen Land zu stärken. Beiträge zur partizipatorischen Demokratie“ (VFRÖ 2006b) leisten, sich aber nicht nicht durch Werbeeinnahmen selbst finanzieren können.

Derzeit ist die einzige von staatlicher Seite vorgesehene gezielte Förderung Freier Radios jene über den „Fonds zur Förderung des nichtkommerziellen privaten Rundfunks“, welcher 2009 durch eine Novelle des KommAustria-Gesetzes bei der Regulationsbehörde RTR eingerichtet wurde und aus Mitteln der Rundfunkgebühren beschickt wird. Förderungen von Ländern und Gemeinden (über „Kulturtöpfe“) sind weit stärker abhängig von (partei)politischen Entscheidungen hinsichtlich der Einschätzung der „Wichtigkeit“ der Freien Radios für die jeweils Entscheidenden.

So, ich denke, jetzt sollte ich wieder etwas Musik spielen:

Musik 3:

Interpretin: Ahk Point, Track: Mind talk, Länge: 06:14

Beitrag 3: Die Bedeutung der Freien Radios für den Kultur­betrieb

Max Ackermann schreibt im Kurs “ Kulturjournalismus im Radio“ der FernUni Hagen:

Das Radio scheint dafür [Einblicke in Prozeduren medialer Kulturarbeit zu geben, Anm.] besonders geeignet zu sein, weil es […] eine längere literarische und kulturjournalistische Tradition aufweist und der Kultur verhältnismäßig mehr Platz einräumt als beispielsweise das Fernsehen sowie zudem […] derzeit noch eine größere Vielfalt kultur­bezogener Programmformen und Ansprüche auf sich ver­sam­melt. 9(Zitat Ende)

Nun scheint es aber seit einigen Jahren im Bereich der öffentlich-rechtlichen und kommerziellen Sendeanstalten hier immer weniger Ambitionen zu geben, sich „kulturell“ zu engagieren. Bei den kommerziellen Sendern wäre dies ja noch eher zu akzeptieren, da diese zielgruppenorientierte Sendungen herstellen müssen, um Werbe­einnahmen zu lukrieren, aber es scheint doch zum Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu gehören, eine ausreichende Anzahl von „Kultur“programmen zu produzieren. Beim ORF fokussiert sich dies jedoch im Sender Ö1, welcher sich aber einer „Hochkultur“ verschrieben hat, die wesentlich Teile dessen, was im Rundfunk, speziell im Radio, an Kulturprogrammen möglich wäre, nicht abdecken kann oder will, sondern sich auf Übertragungen klassischer Konzerte und Opern, politische und wissenschaftliche Diskussionen und ähnliches konzentriert. Wesentliche Teile der Bevölkerung mit ihren jeweiligen Kulturen bleiben also ausgespart.

In diesem Zusammenhang ist auch der von Ackermann10 zitierte Artikel von Jurek Becker „Die Worte verschwinden“ (aus dem Jahr 1995) erwähnenswert, welcher bei den Öffentlich-Rechtlichen wesentliche Defizite feststellt, die sich letztlich in einer Angleichung (negativer Art) an die kommerziellen Programme zeigen: er konstatiert immer weniger Wortsendungen und somit einen immer höheren Musikanteil, wodurch die Menschen nicht mehr animiert würden, kritisch über Worte nachzudenken und ihre Phantasie zu bemühen. (Zitat)“Man nimmt, indem man das Programm den Debilensendern angleicht, den Hörern jede Alternative. „11

Ich denke aus mehreren Gründen, dass gerade Freie Radios hier gegensteuern können. Geht man von der Eigenkonzeption der Freien Radios aus, sind folgende Merkmale und sich daraus ergebenden Leistungen richtungsweisend für die Ergänzung hinsichtlich eines breiter gefächterten Kulturangebots im Radio:

a) Der offene Zugang

Wie bereits in der Einleitung angesprochen, ist es ein Grundgedanke der Freien Radios, Menschen von reinen Medienkonsumentinnen zu Medienproduzentinnen zu machen. Dies bedeutet, dass Freie Radios grundsätzlich jeder und jedem Interessierten das Angebot machen, ihre Einrichtungen zu nutzen, „um Radiosendungen zu gestalten und auf diesem Weg seine / ihre Themen und Inhalte zu transportieren und Meinungen zu verbreiten“ (so der Verband der Freien Radios Österreichs). Es sind also keine besonderen Qualifikationen nötig, um eine Sendung zu gestalten – und jene, die nötig sind, werden von den Freien Radios selbst vermittelt. Es wird nichts vom Sender aus redaktionell bearbeitet oder verändert, somit bleibt die volle Verantwortung für Gestaltung, Inhalt und Qualität bei der Radiomacherin. Eine andere Feststellung bei Becker (S.158) ist, dass (öffentlich-rechtliche) Sender keine (Zitat)“Spielwiese für den Privatgeschmack der Mitarbeiter“ wären. Bei Freien Radios ist jedoch genau das der Fall, denn mit dem Angebot des „offenen Zugangs“ ist auch gemeint, dass Radiomacherinnen in der Gestaltung ihrer Sendungen ungebunden sind und Experimente sogar erwünscht sind.

Ein weiterer wesentlicher Unterschied der Freien Radios zu „herkömmlichen“ Sendern ist die gezielte Förderung von Programmen für sprachliche, soziale und andere Randgruppen und Minderheiten, also jene Menschen, „die in kommerziellen und öffentlich rechtlichen Medien unterrepräsentiert sind “ (so die Broschüre von FREIRAD 105.9). Kommerzielle Privatsender, die zielgruppenorientiert senden, um ihre Werbeeinnahmen zu erhöhen, können mit Randgruppen nichts anfangen, weil sie zu diesem Sendeverhalten naturgemäß konträr laufen, und leider hat auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk immer weniger Interesse, benachteiligten Personengruppen Sendezeit zur Verfügung zu stellen – aus welchen Gründen auch immer.

Für die Freien Radios ist es jedenfalls ein wichtiges Anliegen, diese Personen zu animieren, ihre Anliegen selbst öffentlich zu vertreten und ihnen die nötige Medienkompetenz zu verleihen.

Zwischenmoderation:

Für alle, die sich erst später zugeschaltet haben:

Hier ist „hinterfragt„, das philosophische Magazin live auf FREIRAD 105.9, dem freien Radio in Innsbruck! Mein Name ist Ewald Strohmar-Mauler mit philosophischen Gedanken zu aktuellen Themen.

Heute zum Tag der Freien Medien gibt es eine Sondersendung zum Thema: Freie Radios und lokaler Kulturbetrieb und ich habe bisher neben einigen Grundlagen über die Geschichte der Freien Radios und vor allem von FREIRAD 105.9 erzählt. Danach habe ich über die Bedeutung der Freien Radios für den Kulturbetrieb zu erzählen begonnen, und dort setze ich nach der folgenden kurzen musikalischen Pause auch fort.

Musik 4:

Interpretin: Underlivinline, Track: Be on the funk, Länge: 4:44

Beitrag 4: (Fortsetzung)

Ein weiterer Punkt zum Thema „offener Zugang“ ist natürlich ganz allgemein die Förderung von Meinungsvielfalt als praktische Auswirkung des Rechts auf Meinungsfreiheit, ausgehend vom Gedanken, dass das gesetzliche Recht auf freie Meinungsäußerung auch in einer entsprechenden praktischen Möglichkeit, dieses auch tatsächlich ausüben zu können, münden muss, bzw. diese Möglichkeit überhaupt erst geschaffen werden muss.

Um diese Zielsetzungen erreichen zu können, wird von den Freien Radios viel in Ausbildung zur Medienkompetenz, gezielte Projekte zur aktiven Mitgestaltung, und Schaffung von Zugang zum Medium Radio für die genannten Gruppen investiert. Nicht immer sind diese Bemühungen auch langfristig von Erfolg gekrönt, so kommt es immer wieder vor, dass viel versprechende Projekte nach einigen Jahren keine engagierten Radiomacherinnen mehr finden, um das Projekt fort zu führen – dies hängt allerdings oft auch mit geänderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zusammen.

Welche konkreten Ausbildungsangebote es für Radiomacherinnen gibt, ist von Sender zu Sender unterschiedlich, und richtet sich nach den jeweiligen finanziellen, personellen und organisatorischen Möglichkeiten. Grundsätzlich wird aber von allen Sendern angestrebt, ein möglichst hohes Qualitätslevel der Ausbildung aufrecht zu erhalten. Vom Fonds für nichtkommerziellen Rundfunk werden Ausbildungskosten auch besonders gefördert.

Diese Maßnahmen zur Förderung der Medien­kompetenz sollen ganz besonders jenen Menschen zu Gute kommen, die in den „herkömmlichen“ Medien nicht, nur selten oder ungenügend Gehör finden, sie gehören also zur so genannten „Gegenöffentlichkeit“.

Auf der Website gegenoeffentlichkeit.at ist zu lesen: „Der Begriff der Gegenöffentlichkeit meint also viel: zielgruppen- und themenspezifische Öffentlichkeiten abseits der Medien, Informationen, die im Medienmainstream nicht vorkommen bzw. unterdrückt werden, Methoden und Werkzeuge, eigene und autonome Publikationen und freie Medien zu schaffen“

Auch die gesellschaftliche Vielfalt ist ein Teil des freien Zugangs: „Freie Radios sind Plattformen lokaler Musik-, Kunst- und Kulturproduktion und für gesellschaftspolitische Initiativen und laden zur aktiven Beteiligung ihrer HörerInnen ein. […] Die Freien Radios spiegeln die gesellschaftliche, kulturelle und sprachliche Realität und Vielfalt ihrer Ausstrahlungsgebiete wider.“, so eine Studie von Judith Purkarthofer und Kolleginnen zum Nichtkommerziellen Rundfunk12

Deshalb haben gerade die Freien Radios eine besondere Bedeutung für die österreichische – regionale und lokale – Kulturszene, denn sie initiieren „mediale, kulturelle, künstlerische und gesellschaftspolitische Projekte. Besonders in den ländlichen Regionen sind sie wichtige Unterstützer der Regionalentwicklung und sind in historisch belasteten Gebieten wichtige Plattformen kultureller und sozialer Begegnung“ (ebd.). Durch die Vernetzung verschiedener Kulturprojekte bzw. deren Betreiberinnen wird zudem ein wesentlicher kultureller Mehrwert geschaffen.

Auch auf politischer Ebene spielen Freie Radios eine Rolle: das Kriterium des offenen Zugangs erfüllt eine wichtige Funktion in einer demokratischen Gesellschaft, so kann man Freie Radios auch als „Public Service Broadcaster“ (VFRÖ 2007) betrachten, die politische Partizipation und gesellschaftliche Integration betreiben. Die in den Programmen sich selbst repräsentierenden Gruppen und Personen setzen sich mit gesellschaftlich relevanten „Themen auseinander, die wegen ihrer gesellschaftlichen Marginalisierung oder sexistischen und rassistischen Diskriminierung in den traditionellen Medien kaum oder gar nicht zu Wort kommen.“(so wieder Purkarthofer). Im Gegensatz dazu sind herkömmliche Medien nicht demokratisch oder partizipatorisch organisiert, und auch die in den Freien Radios vorhandene Aufhebung der „Trennung zwischen Produzenten/-innen und Konsumenten/-innen“ (Purkarthofer, S.15) ist nicht gegeben.

b) Die Nichtkommerzialität

In aller Kürze möchte ich hier noch auf die zweite Säule der Freien Radios zu sprechen kommen: Freie Radios sind nichtkommerziell, das bedeutet, sie „sind von kommerziellen Verwertungsinteressen unabhängige, werbefreie Radios und auf einen kommunikativen Mehrwert ausgerichtet. Um ihre Existenz und Unabhängigkeit gewährleisten zu können, finanzieren sie sich durch öffentliche Förderungen, Kooperationen, Projekte, Spenden oder Sponsoring „(VFRÖ 2007)

Das heißt in der Praxis, dass die Finanzierung primär durch Mitgliedsbeiträge, Spenden und Förderungen von Bund (hier zu einem großen Teil natürlich aus dem bereits erwähnten Fonds), von Ländern und Gemeinden erfolgt. Aber natürlich ist die unentgeltliche, ehrenamtliche Tätigkeit der Radiomacherinnen ein unverzichtbarer Bestandteil für die Existenz der Freien Radios. Auch für Organisation und Technik müssen die Sender mit sehr wenig angestelltem Personal (meist Teilzeitkräften) das Auslangen finden.

Jedoch bewirkt dieses Finanzierungsmodell auf der anderen Seite auch die Unabhängigkeit von der Einflussnahme „von staatlichen, kommerziellen und religiösen Institutionen und politischen Parteien “ (VFRÖ 2006a), was vor allem für die Freiheit in der Programmgestaltung unabdingbar ist.

Musik 5:

Interpretin: Revolution Void, Track: City Lights at Night, Länge: 4:31

Beitrag 5: Fazit

Abschließend möchte ich noch kurz ganz konkret auf den Beitrag von Freirad 105.9 zum regionalen Kulturgeschehen und zur gelebten Demokratie zu sprechen kommen.

Im Bundesland Tirol bemüht sich FREIRAD 105.9, anfangs noch als Piratinnensender „Radio Radiator“, seit Anfang der 1990er Jahre um die Förderung der Meinungsfreiheit und Meinungsvielfalt. Seit der offiziellen Vergabe der Frequenz 105.9 Mhz im Jahre 2002 hat sich der Sender – ich zitiere aus der Selbstdarstellung des Senders in der Informationsbroschüre – „zu einer ernsthaften Alternative in der Tiroler Radiolandschaft entwickelt. Das Programm bietet einem breitgestreuten Publikum vielfältige Informationen über das regionale und lokale Geschehen. Das Freie Radio Innsbruck FREIRAD 105.9 ist aber auch über die Grenzen Innsbrucks und Tirols hinaus als nichtkommerzielles Community Medium und zivilgesellschaftlicher Akteur bekannt. [Der Sender hat sich] einen ausgezeichneten Ruf als Projekt- und Kooperationspartner erworben und ist im regionalen Zusammenhang Medienpartner vieler Veranstaltungen und Festivals im Kultur- und Sozialbereich“ (Zitat Ende).

 

Derzeit sind rund 450 ehrenamtliche RadiomacherInnen tätig, die über 100 verschiedene Sendungen in zwölf Sprachen betreuen. Die Sendungen reichen dabei von Gesellschaft, Kultur und Politik über Unterhaltung und Kinder- und Jugendsendungen bis zu reinen Musikprogrammen.

Im Vordergrund steht natürlich auch bei FREIRAD 105.9, wie bei allen Freien Radios, die Unterstützung von „gesellschaftlich marginalisierten oder unterrepräsentierten Gruppen“13, hier sind vor allem diverse sozial engagierte Vereine wie etwa AIDS-Hilfe Tirol, der Verein „Tafie“ (Tiroler Arbeitskreis für integrative Entwicklung), oder die Drogenberatungsstelle „Ex und Hopp“, zu nennen, weiters Gruppen für geschlechterspezifische Anliegen (z.B. Kinovi[sie]on oder der Verein „Mannsbilder“ sowie die Innsbrucker Gender Lectures in Zusammenarbeit mit der Universität Innsbruck), aber auch in anderen Bereichen agierende Institutionen wie die ATTAC (Netzwerk für eine demokratische Kontrolle der Finanzmärkte) oder die bildungskritische „Uni brennt“-Bewegung.

Natürlich sind auch sprachliche Minderheiten vertreten, denn es leben doch Menschen aus 147 Nationen in Innsbruck, daher gehören fremdsprachige Sendungen natürlich ebenfalls ins Programm, wenn man dem Anspruch der Vielfalt gerecht werden will.

Kritisch angemerkt werden muss hier aber, dass trotz der Vielfalt, die derzeit vorhanden ist, einige in anderen Medien ebenfalls unterrepräsentierte Bevölkerungsgruppen nicht vertreten sind, weil von ihnen das Angebot, Radio zu machen, trotz einiger Bemühungen nicht angenommen wird, wie z.B. von Seniorinnen . Auch hinsichtlich einer – von Außenstehenden vielleicht erwarteten – „typisch Tiroler“ Volkskultur, etwa Volks­musik­sendungen, ist im derzeitigen Programm wenig bis gar nichts zu finden, was aber dennoch im Sinne der Vielfalt wünschenswert wäre, denn auch auf diesem Gebiet findet man auf „herkömmlichen“ Sendern ja einen Mainstream, der sich bereits weit von der ursprünglichen Volksmusik und Volkskultur entfernt hat.

Die Ursache für diesen Mangel scheint vor allem im Fehlen von Ressourcen zu liegen, um für die Anliegen von FREIRAD 105.9 zu werben und so weitere Interessierte zu finden. Der Sender hat zwar einen hohen Bekanntheitsgrad in Innsbruck und Umgebung, wird aber nur als Sender „zum Hören“ wahrgenommen, nicht als Sender „zum Mitmachen“. Dies vermutlich deshalb, weil von Medien leider ja generell angenommen wird, sie wären Konsumgüter.

Eine Sendung zu gestalten, ist eine aber ganz besondere Herausforderung, und die Fertigkeiten dazu lernt man, wie überhaupt im Bereich des Journalismus üblich, am besten „on the job“.

Und dazu eignen sich Freie Radios natürlich ganz besonders gut, da hier keine Profis als Radiomacherinnen erwartet werden und immer Raum für Experimente bleibt. Durch die alleinige Verantwortung, die man für seine Sendung hat, muss man sich mit allen Aspekten des Radios auseinander setzen: ob es die Studiotechnik ist, die man beherrschen muss, oder der besondere Schreibstil, der für das Radio, also das „Hören“ nötig ist, oder Interviewtechnik mit Audioschnitt und Transkription, all das sollte beherrscht werden.

Der Lohn ist die Gewissheit, zu einem wichtigen Bestandteil der kulturellen Öffentlichkeit zu gehören und hier etwas beizutragen, sowie das Feedback der Hörerinnen, welches zeigt: deine Sendung wird gehört.

Freie Radios scheinen mir die Antwort zu sein auf die Forderung Bertolt Brechts aus der Einleitung zu dieser Sendung. Menschen werden zu Medien-Produzentinnen, anstatt sie nur zu konsumieren. Sie werden „in Beziehung gesetzt“ (Brecht) zu diesem Medium, wenn sie das Angebot der Freien Radios annehmen.

Freie Radios sind mittlerweile unverzichtbare Bestandteile nicht nur des österreichischen Kulturbetriebs, sondern auch ein demokratiepolitisch wichtiges Instrument der Meinungsvielfalt für Menschen, die Anliegen vertreten, die im öffentlich-rechtlichen als auch im kommerziellen Rundfunk nur selten die Darstellungsform finden, die für sie wünschenswert wäre, weil sie in deren Programmschemata nicht hinein passen.

Offener Zugang und Nichtkommerzialität als wesentliche Merkmale bringen aber auch einige Probleme mit sich, vor allem hinsichtlich der Finanzierung der Sender. Der Faktor der Ehrenamtlichkeit der Radiomacherinnen birgt eine hohe Ausfallsrate, die Vergabe der Frequenzen ist aber an gewisse Qualitätsstandards gebunden, die daher nur durch entsprechende koordinierende und planende Maßnahmen erreicht werden können.

Wünschenswert wäre daher eine breitere Anerkennung durch Politik und Öffentlichkeit, was erreicht werden kann durch die aktive Teilnahme vieler weiterer Bürgerinnen an diesem kulturpolitisch und demokratiepolitisch wichtigen Medium.

Musik 6

Interpretin:Project System 12, Track:Good to be born, Länge: 2:20

Abmoderation:

Soviel meine Gedanken zum Thema Freie Medien, Freie Radios.

Ich danke euch herzlich fürs Zuhören und hoffe, die Sendung hat euch gefallen.

Und nochmals der Hinweis die Internet-Seiten zur Sendung:

Kritik, sowohl negative als auch positive, Wünsche und Anregungen könnt ihr gerne an mich per eMail senden: radio@hinterfragt.at.

Und wer die Sendung nachlesen möchte: die begleitende Website ist zu finden unter hinterfragt.at, dort könnt ihr auch Kommentare zur Sendung abgeben. Außerdem könnt ihr mir auch auf Twitter folgen @hinterfragtAT oder auf Facebook unter hinterfragt.

Und nun verabschiede ich mich und wünsche euch noch eine gute Zeit.

Das war Ewald Strohmar-Mauler mit der Sendung hinterfragt. Das philosophische Magazin live auf FREIRAD 105.9, dem Freien Radio in Innsbruck.

Abspannmusik:

Interpretin: JP Mounier, TrackMistral, Länge:07:20

1 Brecht, Bertolt (1967): Der Rundfunk als Kommunikationsapparat. Rede über die Funktion des Rundfunks, in: Bertold Brecht: Schriften zur Literatur und Kunst, Bd. 1., S.134

2http://www.radiowoche.de/index.php?p=news&area=1&newsid=10810 (23.8.2011)

3http://derstandard.at/1287099296445/Freie-Medien-als-Gegengewicht-zum-Einheitsbrei

4wenn man von den Aktivitäten diverser Arbeiterinnen-Sender in den 20er und 30er Jahren gegen das Sendemonopol der staatlichen RAVAG absieht

5(Purkarthofer 2008. S.13)

6dieses Phasenmodell folgt Winter (2005), S.62, eine andere Lesart siehe Dorer (2004)

7FREIRAD 2008, Pkt.1.3.4.6

8eine genauere, systematische Gegenüberstellung in Dorer (2004), S.12

9Ackermann, Max: Kulturjournalismus im Radio. Kurs 4564 der FernUniversität in Hagen, 2008, S.10

10ebd., S. 50ff

11Becker, Jurek: Die Worte verschwinden. In: Der Spiegel 2/1995,S.156-161, hier: S.160

12Purkarthofer, Judith; Pfisterer, Petra; Busch, Brigitta: Nicht­kom­mer­zieller Rundfunk in Österreich und Europa, Studie 1. Schriftenreihe der Rundfunk und Telekom Regulierungs-GmbH. Wien 2008, S.17

13Bescheid der KommAustria, S.1

 

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