15. Sendung vom 10. Juli 2012: Was ist der Mensch?

Ich begrüße euch wieder, liebe Hörerinnen von FREIRAD 105.9, dem freien Radio in Innsbruck! Live am Mikrofon ist wieder Ewald Strohmar-Mauler mit der 15. Ausgabe von „hinterfragt.„, dem philosophischen Magazin, heute mit dem Thema “ Was ist der Mensch?“

Heute ist die letzte Frage von Immanuel Kant an der Reihe, nämlich jene nach der Anthropologie. Diese hat er ja nicht in der Kritik der reinen Vernunft, wo die ersten drei Fragen ebenfalls behandelt sind sondern erst später, in seinem Buch zur Logik, gestellt. Zur Erinnerung nochmals das Zitat:

Das Feld der Philosophie in dieser weltbürgerlichen Bedeutung läßt sich auf folgende Fragen bringen:
Was kann ich wissen?
2) Was soll ich thun?
3) Was darf ich hoffen?
4) Was ist der Mensch?
Die erste Frage beantwortet die Metaphysik, die zweite die Moral, die dritte die Religion und die vierte die Anthropologie. Im Grunde könnte man aber alles dieses zur Anthropologie rechnen, weil sich die drei ersten Fragen auf die letzte beziehen.1

Wie Kant selbst und andere Philosophen nach ihm diese Frage beantwortet haben, ist also Thema der heutigen Sendung.

Doch zuerst mal, wie immer, ein wenig Musik.

Musik 1:

Interpretin: Somewhere off Jazz Street, Track: Slippery Ground, Länge:03:35

Beitrag 1: Kant zur Einleitung

Es geht also heute um Anthropologie. Aber nicht um das, was man aus amerikanischen Fernsehserien kennt, also nicht etwa um cultural oder social anthropology, was im deutschen Sprachraum etwa die Ethnologie wäre, vormals Völkerkunde und Volkskunde genannt, oder gar um jene Bereiche der Anthropologie, die man bei uns als Paläontologie oder forensische Anthropologie kennt, die sich aus rein medizinisch- naturwissenschaftlichen Blickwinkeln mit dem Menschen beschäftigen. Wir wollen aber hier Philosophie betreiben – also: philosophische Anthropologie.

Und auch in dieser vierten Sendung zu Immanuel Kants Fragen lasse ich zunächst einmal ihn selbst zu Wort kommen. Er wird ja von manchen als der Begründer der modernen philosophischen Anthropologie bezeichnet. Ich sage, der modernen, weil sich natürlich auch in der Antike die Philosophinnen schon mit der Frage nach dem Wesen des Menschen beschäftigt haben.

Doch Kant hat bereits die Anfänge der modernen, aufgeklärten Wissenschaft zu seiner Unterstützung, und somit auch Gedanken der Naturwissenschaft, dass der Mensch sich irgendwie vom Tier unterscheidet. Der Unterschied scheint in der Vernunft zu liegen, und für Kant darin, dass sich der Mensch gefälligst in der Gesellschaft zu kultivieren und zu moralisieren habe. Das war jetzt übriges kein wörtliches Zitat.

In welchen seiner Werke beschäftigt sich Immanuel Kant konkret mit der Frage nach dem Menschen?

Außer denBeobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen und Über die Krankheit des Kopfes aus dem Jahr 1764 und Über die verschiedenen Rassen der Menschen  aus 1775 sowie Mutmaßlicher Anfang der Menschheitsgeschichte aus 1786 sind Kants Ideen zur Anthropologie natürlich vorwiegend in dem Buch mit dem Titel Anthropologie in pragmatischer Hinsicht aus dem Jahr 1798 zusammen gefasst.

Kant beschäftigt sich nicht im strengen Sinne mit dem, was heute als philosophische Anthropologie betrachtet wird. Vielmehr versucht er, auf empirischem Wege das Wesen des Menschen zu ergründen und touchiert dabei etliche andere Disziplinen, wie Psychologie, Pädagogik oder Völkerkunde, wobei er von verschiedenen Rassenmerkmalen spricht und auch die uns leider seit damals vertraute Überlegenheit der Europäer über Asiaten, Afrikaner und amerikanische Ureinwohner beschwört.

Beispiel gefällig?

„Die Negers von Afrika kennen von der Natur kein Gefühl, welches über das Läppische stiege.“ 2

Auch Unterschiede zwischen Frauen und Männern und ähnliche Dinge, die uns seit dieser Zeit ideologisch im Wege stehen, werden von Kant in seinen Vorlesungen und den daraus entstandenen Büchern gelehrt. Mag es der damalige Stand der Wissenschaft oder der Zeitgeist sein, für die tatsächliche Ergründung des menschlichen Wesens ist es jedenfalls meiner Meinung nach wenig förderlich.

Kant-Experte und Philosoph Reinhard Brandt fragt:

Welches ist die leitende, einheitsstiftende Idee des Werks? „Anthropologie“ kündigt eine theoretische Untersuchung des Menschen an; „in pragmatischer Hinsicht“ dagegen eine Einschränkung auf die Befassung nur mit den praktischen Aspekten, und die „Vorrede“ fügt drittens eine moralische Pointe hinzu: Das Buch hat zum Thema, was der Mensch „als freihandelndes Wesen aus sich selber macht, oder machen kann und soll.“ (119,13-14)3

In der Tat ist es gerade die Pragmatik, die nach meiner Ansicht die Anthropologie Kants gegenüber anderen Werken wie z.B. der Kritik der reinen Vernunft wesentlich kraftloser wirken lässt. Die Einführung des kategorische Imperativs, der universell und absolut gültig ist, hat ein ganz anderes Gewicht als etwa ein pragmatischer Imperativ, der sich auf eine empirische Naturlehre bezieht, wie auch immer diese entwickelt wurde. Und im Falle Kants scheint dies unter anderem durch die Lektüre der damals sehr beliebten Reiseberichte und wohl auch die Theorien der damaligen „Naturforscher“ geschehen zu sein.

Doch zurück zu Brandts Analyse, zur „Leitidee“ des Werkes, also dem,

[…] “was er [der Mensch] als freihandelndes Wesen aus sich selber macht, oder machen kann und soll.” (119,14-15)

Interpretieren wir diesen Leitsatz mit einiger Freiheit, so stoßen wir auf drei Themenbereiche. Einmal wird vom faktischen Tun (und dessen psychologischer Motivation) gehandelt, sodann von der Klugheit des Handeln-Könnens, und drittens folgt eine Sphäre des Sollens. Diesen dreifachen Aspekt menschlichen Handelns finden wir tatsächlich in der Anthropologie. Sie bietet […] dem Menschen eine Orientierung im praktisch-klugen Umgang mit anderen Menschen, aber auch mit sich selbst […]. Daher der Titel: Anthropologie in pragmatischer Hinsicht. Tatsächlich enthält der Titel jedoch eine Unterbestimmung des Inhalts des Buches, denn die Schrift kulminiert in der Untersuchung der Bestimmung der menschlichen Gattung. Die Gattung im ganzen ist kein menschliches Subjekt, das mir in meinem pragmatischen Handeln in der Welt begegnen könnte; es gehört jedoch zum moralischen Selbstverständnis des Menschen, sich in Harmonie mit der Vernunft-Bestimmung der menschlichen Gattung zu wissen. Daher führt die “Summe der pragmatischen Anthropologie in Ansehung der Bestimmung des Menschen” (324,33-34) auf den das rein Pragmatische transzendierenden Zielpunkt des Handelnden, “sich der Menschheit würdig zu machen.” (325,4) . 4

Soweit also Brandt.

Wir finden also auch in der Anthropologie – und vielleicht gerade in ihr – den für Kant wesentlichen Aspekt der Moral, genauer, der Moralisierung, vor. Kant beschäftigt sich also damit, was der Mensch mit seinem Leben anfangen soll, was also seine Bestimmung ist. Jedoch wird die eigentliche Frage, „Was ist der Mensch“? nicht beantwortet.

 

Abschließend möchte ich also mit Reinhard Brandt feststellen: es

[…] beantwortet die pragmatische Anthropologie auch nicht die Frage: “Was ist der Mensch?” Es läßt sich […] festhalten, daß weder die Vorlesungsnachschriften noch die Anthropologie von 1798 sich auf die Frage “Was ist der Mensch?” als ihr Leitproblem beziehen; sie erwähnen sie nicht einmal. Die pragmatische Anthropologie versteht sich also nicht als eine Antwort auf die seit Platon immer wieder erörterte Wesensfrage des Menschen; und das Kolleg, das Kant 1793 tatsächlich über 20 Jahre […] gelesen hat, hat zwar die Anthropologie zum Thema, und insofern ist die Feststellung richtig, aber es ist nicht die Anthropologie der vierten Frage. 5

In den beiden nächsten Beiträgen werden wir versuchen herauszufinden, ob andere Philosophinnen mit der Beantwortung der Frage „Was ist der Mensch?“ erfolgreicher waren, zuvor jedoch wieder ein wenig Musik.

Musik 2:

Interpretin: Tryad, Track: Arcadia, Länge: 03:39

Beitrag 2: Scheler

Da die Frage „Was ist der Mensch?“ in sich schon die Universalität birgt, nur Wesenseigenschaften aller Menschen zu suchen, kann ein Herunterbrechen auf einzelne Teilaspekte wie etwa die im vorigen Beitrag bei Kant genannten Rassen, nur der falsche Weg sein.

„In keinem Zeitalter sind sind die Ansichten über Wesen und Ursprung des Menschen unsicherer, unbestimmter und mannigfaltiger gewesen als in dem unsrigen. […] Wir sind in der ungefähr zehntausendjährigen Geschichte das erste Zeitalter, in dem sich der Mensch völlig und restlos problematisch geworden ist; in dem er nicht mehr weiß, was er ist, zugleich aber auch weiß, daß er es nicht weiß.“ 6

meint Max Scheler, einer der Begründer der neueren philosophischen Anthropologie.

Ich denke, wesentlich für die neueren Ansätze seit dem 20. Jahrhundert ist die weitgehende Abkopplung der Frage nach dem Wesen des Menschen von religiösen Vorgaben, die in den Jahrhunderten davor den Menschen immer als abhängig von Gott sahen und daraus weitere metaphysische Vorgaben ableiteten. Die neuere philosophische Anthropologie versucht dem gegenüber, ohne diese Prämissen auszukommen, auch auf die Gefahr hin, wesentliche Eigenschaften des Menschen auf physiologische oder psychologische Mechanismen zu reduzieren. Es wird also deutlich, dass die Einbeziehung der empirischen Wissenschaften in die philosophische Betrachtung des Menschen erst möglich war, nachdem die metaphysische Denkweise nicht mehr die vorherrschende war.

Lange Zeit war die philosophische Anthropologie besonders von drei Namen geprägt: Max Scheler, Helmuth Plessner und Arnold Gehlen . Ihre Hauptwerke sind: Scheler: Die Stellung des Menschen im Kosmos (1928), Plessner: Die Stufen des Organischen und der Mensch (1928), Gehlen: Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt . (1940)

Zunächst zu Max Scheler.

Scheler ortet eine zweifache Krise im Selbstverständnis des modernen Menschen, die es zu überwinden gilt: zunächst den Wesensunterschied zwischen Mensch und Tier. Diese Diskussion wurde ja spätestens seit den Theorien Charles Darwins erbittert geführt, weil Darwins Erkenntnisse einen Angriff auf die althergebrachte Rangordnung Gott – Mensch – Tier – Rest der Welt bedeuteten. Was heißt es also, wenn der Mensch vom Tier abstammt und Gott nicht mehr als direkter Schöpfer anerkannt wird? lautet plötzlich die wichtigste Frage.

Hinzu kam, dass sich plötzlich eine große Zahl von einzelnen Naturwissenschaften mit verschiedenen Aspekten des Menschen zu beschäftigen begannen, z.B. mit seinen Körpervorgängen, seinem Geist, seinem Verhalten, usw.

Außerdem konkurrierten drei Menschenbilder miteinander – ein theologisches, ein philosophisches und ein naturwissenschaftliches.

Scheler dazu:

Fragt man einen gebildeten Europäer, was er sich bei dem Worte „Mensch“ denke, so beginnen fast immer drei unter sich ganz unvereinbare Ideenkreise in seinem Kopfe miteinander in Spannung zu treten. Es ist einmal der Gedankenkreis der jüdisch-christlichen Tradition von Adam und Eva, von Schöpfung, Paradies und Fall. Es ist zweitens der griechisch-antike Gedankenkreis, in dem sich zum erstenmal in der Welt das Selbstbewußtsein des Menschen zu einem Begriff seiner Sonderstellung erhob in der These, der Mensch sei Mensch durch Besitz der ‚Vernunft‘[…] Der dritte Gedankenkreis ist der auch längst traditional gewordene Kreis der modernen Naturwissenschaft und der auf die Entwicklung bezogenen Psychologie, es sei der Mensch ein sehr spätes Endergebnis der Entwicklung des Erdplaneten – ein Wesen, das sich von seinen Vorformen in der Tierwelt nur in dem Komplikationsgrade der Mischungen von Energien und Fähigkeiten unterscheide, die an sich bereits in der untermenschlichen Natur vorkommen. Diesen drei Ideenkreisen fehlt jede Einheit untereinander. So besitzen wir denn eine naturwissenschaftliche, eine philosophische und eine theologische Anthropologie, die sich nicht umeinander kümmern – eine einheitliche Idee vom Menschen aber besitzen wir nicht. 7

Schelers Ziel war es also, diese drei Sichten durch Schaffung einer neuen, übergeordneten Sicht zu vereinheitlichen. Seine Anthropologie arbeitet also die Verwandtschaft des Menschen mit „Pflanze und Tier“ heraus, verweist aber dennoch auf seine „Sonderstellung“. Im Gegensatz zu seinen Nachfolgern Plessner und Gehlen ist seine Sicht jedoch eine etwas metaphysischere, da er seinen Menschen nicht in der Natur, sondern im Kosmos positioniert. Der Mensch gehört zur Natur und ist als Teil der biopsychischen Welt dadurch quasi ein Tier, aber er hat eben auch etwas Besonderes, das ihn zum Menschen macht, ihm eine besondere „Stellung“ verleiht, und das ist für Scheler die Teilhabe des Menschen am Geist des Kosmos, was dann eben ein metaphysisches Prinzip darstellt und den Menschen zu Selbstbewusstsein, Weltoffenheit und einer Persönlichkeit befähigt.

Musik 3:

Interpretin: J P Mounier, Track: Pleine Lune, Länge: 05:35

Zwischenmoderation:

Für alle, die sich erst später zugeschaltet haben:

Hier ist „hinterfragt„, das philosophische Magazin live auf FREIRAD 105.9, dem freien Radio in Innsbruck! Mein Name ist Ewald Strohmar-Mauler mit philosophischen Gedanken zu zeitlosen Fragen und aktuellen Themen.

Die heutige Sendung trägt den Titel: Was ist der Mensch? und beschäftigt sich mit den Fragen der philosophischen Anthropologie. Bisher habe ich die Ansichten von Immanuel Kant und Max Scheler betrachtet.

Beitrag 3: … und die anderen

Ich möchte weiter gehen zum nächsten Klassiker, Helmuth Plessner.

Für Plessner, ursprünglich Mediziner und Zoologe, wirkt die Außensicht Schelers auf den Menschen, die das Leibliche quasi als notwendiges Übel und bloß empirisches Faktum betrachtet, als Flucht in die altbekannten Bereiche absoluter Werte, die in der romantischen Tradition stehen. Plessner hingegen will alles Transzendente als menschliche Erfindung entlarven und seine Theorien rein auf naturwissenschaftlich fundierten Fakten gründen. Seine Anthropologie will „den Menschen und die Welt nicht von Gott her, sondern umgekehrt Gott und Welt vom Menschen her“ begreifen. Das Bild, das der Mensch von sich hat, kann nicht absolut, also außerhalb der geschichtlichen Erfahrung, gesehen werden, sondern muss immer im kulturhistorischen Kontext stehen. Dies schützt dann aber auch davor, unbewusst normative Maßstäbe anzulegen, bei denen man selbst „das Maß aller Dinge“ ist.

Plessners Antwort darauf ist eine minimalistische Anthropologie, welche versucht, (ich zitiere)

das eigentlich Menschliche mit einer Struktur zu decken, die formal und dynamisch genug sein muß, um die in der ganzen Breite ethnologischer und historischer Erfahrung ausgelegte Mannigfaltigkeit [menschlicher Existenzformen] als mögliche Modi des Faktisch-werdens dieser Struktur sichtbar zu machen“.

 

Plessners Leitidee wird die Positionalität: so sind lebendige Organismen „Wesen , die ihre eigene Grenze (Membran, Haut) gegen ihre Umwelt “ behaupten , im Gegensatz zu leblosen Gegenständen, die nur Raum ausfüllen. Plessner untersucht nun die „Stufen des Organischen“ aus diesem Blickwinkel als Formen der im Verlauf der Evolution erfolgten Differenzierung der Positionalität, also dieses Prinzips der Selbstgrenzsetzung : offene Positionalität der Pflanzen, geschlossene Positionalität der Tiere und zuletzt die exzentrische Positionalität des Menschen. Diese bedeutet die Fähigkeit des Menschen, sich von außerhalb seiner selbst beobachten zu können . Hier kann man natürlich Parallelen zu Schelers Überlegungen zur Weltoffenheit finden.

Plessner formuliert weiters drei „Gesetze“ der Anthropologie, die ich nur kurz anführen möchte:

Das Gesetz der natürlichen Künstlichkeit , das Gesetz der vermittelten Unmittelbarkeit und das Gesetz des utopischen Standorts . Schon diese Bezeichnungen lassen ahnen, was Plessners Kritiker vor allem sehen: ein Menschenbild, das dem Anspruch, eine kulturneutrale, offene Darstellung zu bieten, nicht gerecht werden kann, weil die exzentrische Positionalität irgendwie das Bild eines Menschen weckt, der nicht ganz bei sich ist, und ein wenig an Woody Allens Stadtneurotiker erinnert.

Weiter zu Arnold Gehlen:

Sein Hauptwerk trägt, wie bereits erwähnt, den Titel Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt . Man merkt gleich, hier erfolgt schon im Titel ein Angriff auf den „Kosmos“, in welchem Scheler den Menschen vorzufinden vermeint.

Gehlen sieht das Scheitern bisheriger anthropologischer Theorien darin, dass einerseits der Dualismus Leib/Seele nie hatte überwunden werden können und andererseits immer nur isolierte Teilbereiche des Menschlichen betrachtet worden waren. Gehlen hingegen versucht eine Gesamtdarstellung unter einem leitenden, philosophischen Standpunkt.

Für ihn ist der Mensch rein biologisch zunächst ein Mängelwesen mit gehörigen Überlebensschwächen, die kompensiert werden müssen. Da wären zunächst enorme morphologische Mängel zu nennen: eine unspezialisierte Lebensweise, keine besonderen Angriffs-, Flucht- oder Schutzmöglichkeiten, reduzierte Instinkte und eine relativ lange Periode der Unfertigkeit des Heranwachsenden. Hinzu kommt Reizüberflutung durch die Weltoffenheit und dadurch bedingt eine „Orientierungsnot“ und „Zuchtbedürftigkeit“.

Somit musste der Mensch Kompensations-Strategien entwickeln, diese bilden als schöpferische Antwort das eigentlich Menschliche, die Kultur. Und zwar Kultur im Sinne von durch Weltorientierung und Handlung erworbenen Mitteln, um sich die Natur ins Lebensdienliche umzuarbeiten. Einige dieser Methoden, das Mängelwesen zu kompensieren, seien hier noch genannt: natürlich die Sprache, die Hemmung und Verlagerung von Bedürfnissen, die Bewegungsphantasie (also die Fähigkeit, Bewegungsabläufe in Gedanken vorweg zu nehmen), die letztlich zur Planung komplexer Abläufe und zum technischen Fortschritt befähigt, sowie die Entwicklung gesellschaftlicher Institutionen, und letztlich Riten, Mythen, Wertorientierung.

Kritisch ist anzumerken, dass das Mangelhafte am Mängelwesen Mensch eher Produkt der Kultivierung als deren Ausgangsbasis ist. Außerdem ist eine Theorie, die das Schöpferische des Menschen nur als Mängelkompensation ansieht, doch ziemlich einseitig, da z.B. das Element des Spielerischen, des Genießens, usw, also alles, was man nicht direkt zum Überleben benötigt, völlig ignoriert wird.

 

Musik 4:

Interpretin: Project System 12, Track: Broken Wings, Länge: 03:56

Beitrag 4: weitere Theorien und Gedanken

Im folgenden Beitrag möchte ich einige grundlegende Fragestellungen und Grundprobleme der philosophischen Anthropologie erwähnen.

Hauptthemen waren und sind folgende:

Wer bin ich? ist vermutlich die erste bedeutende anthropologische Frage, die ein Mensch stellen kann, Ich in Abgrenzung zum Du, Ich als jemand, der überhaupt befähigt ist, diese Frage zu stellen, weil ich mich durchaus auf mich selbst beziehen kann, aber auch, weil ich mich quasi von außen betrachten kann – wir erinnern uns, die exzentrische Positionalität.

Die Frage nach dem Wesen des Menschen, die ja Thema dieser Sendung ist, folgt dann logisch der ersten nach. Sie kann aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden, je nachdem, welchen Schwerpunkt ich setzen will. Ist der Mensch für mich das animal rationale des Aristoteles, weil ich die Vernunft hervorheben und erforschen will, oder ist für mich der homo faber, also der Aspekt der Arbeit und des Schaffens, im Vordergrund? Interessiert mich mehr der homo passionis und die Kategorie des fühlenden Erlebens, das zoon politikon mit der sozialen Komponente, oder das animal symbolicum, die Sprache und andere Symbole, die der Mensch entwickelt hat?

Auch eine Reihe von Einzelfragen kann man im Bereich der Anthropologie stellen:

Ist der Mensch grundsätzlich gut oder böse? Egoistisch oder altruistisch? Oder sind das nur Ergebnisse einer bestimmten Sozialisation?

Welche Eigenschaften sind uns angeboren, also dem Menschen wesensimmanent, welche kulturell erworben?

Was ist das Verhältnis des Ich zum Anderen?

… um nur einige dieser Fragen zu nennen.

Es existieren auch mehrere grundsätzliche Probleme, die bei der Erforschung anthropologischer Fragen immer wieder auftauchen:

einerseits die Zeitgebundenheit – oftmals erfährt man in der Arbeit eines philosophischen Anthropologen mehr vom Wissensstand seiner Zeit als über den eigentlichen Forschungsgegenstand, den Menschen. Andererseits birgt die Fülle an Informationen, die aus den unterschiedlichen Spezialperspektiven der einzelnen Wissenschaften stammen, ein enormes Kapazitätsproblem, sodass man leicht den Fokus auf die Ganzheitlichkeit des Menschen verliert. Zudem kommt noch hinzu, das man den kulturhistorischen Blick nicht verlieren darf, denn allzu leicht neigt man gerade bei anthropologischen Fragen dazu, zu generalisieren, und „den Menschen“ quer durch die Jahrhunderte gleich zu betrachten. Vor allem ist hier oft die eigene kulturelle Prägung im Weg, wenn man z.B. unreflektiert das jüdisch-christliche Menschenbild mit dem Leib-Seele-Dualismus als absolute Wahrheit voraussetzt, oder aber zum anderen Extrem neigt und etwa ein mechanistisches Weltbild bevorzugt.

Im nächsten Beitrag kommen dann abschließend noch einige Philosophen zu Wort, vorher jedoch noch etwas Musik:

Musik 5:

Interpretin: Master M, Track: 3, Länge: 04:55

Beitrag 5: Fazit

Es gäbe noch über so viele Theorien und Gedanken aus der philosophischen Anthropologie zu berichten, aber die Sendezeit ist knapp. Fakt ist jedenfalls, dass sich der Mensch schon seit jeher Gedanken über den Menschen und sein Wesen gemacht hat.

 

Das beginnt schon in der Antike mit Sätzen wie

Der Mensch ist das Maß aller Dinge. 8

oder den Gedanken über die Vernunftbegabtheit des Menschen im Unterschied zum Tier. Theorien von einem Dualismus von Leib und Seele erzeugten in weiterer Folge im Christentum den Gedanken, dass der Leib schlecht wäre und nur die Seele gut, weil göttlich.

Ebenfalls aus der Antike stammt die Überlegung, der Mensch wäre ein ζῷον λόγον ἔχον, lat. animal rationale, also das vernunftbegabte Tier, sowie ein ζῷον πολιτικόν, ein soziales Wesen.

 

Martin Heidegger meint:

Der Mensch zeigt sich als Seiendes, das redet9

und Ernst Cassirer spricht vom animal symbolicum.

So hat jeder seinen Schwerpunkt. Viele wollen auch die Anthropologie als Leitdisziplin der Philosophie sehen:

z.B. Ludwig Feuerbach, welcher meint :

Die neue Philosophie macht den Menschen mit Einschluß der Natur, als der Basis des Menschen, zum alleinigen, universalen und höchsten Gegenstand der Philosophie – die Anthropologie also, mit Einschluß der Physiologie, zur Universalwissenschaft.10

Und wieder Martin Heidegger

„[…] weil alles Wirkliche zuerst und zuletzt auf den Menschen bezogen wird, muß die Philosophie des Menschen, die philosophische Anthropologie, alle übrigen philosophischen Probleme wie in einem Becken sammeln. Philosophische Anthropologie als Grunddisziplin der Philosophie.“ 11

Womit wir wieder, zum guten Abschluss, bei Kant und seinen vier Fragen wären:

Die erste Frage beantwortet die Metaphysik, die zweite die Moral, die dritte die Religion und die vierte die Anthropologie. Im Grunde könnte man aber alles dieses zur Anthropologie rechnen, weil sich die drei ersten Fragen auf die letzte beziehen.12

Musik 6:

Interpretin: Walter Mazzaccaro, Track: FantaJazz, Länge: 03:58

Abmoderation:

So, nun sage ich wie immer an dieser Stelle: genug philosophiert für heute. Ich danke euch herzlich fürs Zuhören und hoffe, die Sendung hat euch wieder gefallen.

Und nochmals der Hinweis die Internet-Seiten zur Sendung:

Kritik, sowohl negative als auch positive, Wünsche und Anregungen könnt ihr gerne an mich per eMail senden: radio {at} hinterfragt {punkt} at.

Und wer die Sendung nachlesen möchte: die begleitende Website ist zu finden unter hinterfragt.at, dort könnt ihr auch Kommentare zur Sendung abgeben. Außerdem könnt ihr mir auch auf Twitter folgen @hinterfragtAT oder auf Facebook unter hinterfragt.

Und nun verabschiede ich mich und wünsche euch noch eine gute Zeit.

Das war Ewald Strohmar-Mauler mit der Sendung hinterfragt. Das philosophische Magazin live auf FREIRAD 105.9, dem Freien Radio in Innsbruck.

Abspannmusik:

Interpretin: xxx, Album: xxx, Track: xxx, Länge: mmss, Zero-project: Neverending dream (09:27)

1Immanuel Kant: Logik (AA IX 25).

2Über das Gefühl des Schönen und Erhabenen,vierter Abschnitt, A 102

3http://www.online.uni-marburg.de/kant/webseitn/kommentar/einleitung1.html

4Brandt, S.3

5Brandt,S.8

6Scheler, Mensch und Geschichte (1926)

7Scheler, Die Stellung des Menschen im Kosmos, S.7

8Protagoras , zit. nach Platon, Theait.

9Sein und Zeit, 165

10http://www.zeno.org/Philosophie/M/Feuerbach,+Ludwig/Grundsätze+der+Philosophie+der+Zukunft

11Martin Heidegger, Der Deutsche Idealismus (Fichte, Schelling, Hegel) und die philosophische Problemlage der Gegenwart [Vorlesung Sommersemester 1929], Gesamtausgabe, Bd. 28 (Frankfurt/Main: Klostermann 1997), 18.

12Immanuel Kant: Logik (AA IX 25).

 

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