19. Sendung vom 13. November 2012: Philosophie der Menschenrechte

Ich begrüße euch, liebe Hörerinnen von FREIRAD 105.9, dem freien Radio in Innsbruck! Live am Mikrofon ist wieder Ewald Strohmar-Mauler mit der 19. Ausgabe von „hinterfragt.„, dem philosophischen Magazin, heute mit dem Thema: Philosophie der Menschenrechte

Die Beschäftigung mit dem Thema Gerechtigkeit in der vorletzten Sendung hat mich auf die Idee gebracht, etwas weiter auszuholen und mich mit den Menschenrechten zu befassen, die ja immer öfter angerufen werden, wenn jemand meint, ungerecht behandelt zu werden. Ständig wird irgendwo das Recht auf freie Meinungsäußerung, auf Gleichbehandlung oder auf Privatsphäre erwähnt und gefordert.

Doch ist es wirklich so einfach? Was steckt hinter den Menschenrechten? Diesen Fragen werde ich heute nachgehen.

 

Doch zuerst mal, wie immer ein wenig Musik.

Musik 1:

Interpretin: Matt Pepper Trio, Track: Laissez laissez, Länge 3:37

Beitrag 1: Einleitung

Bevor ich zu den eigentlichen philosophischen Überlegungen zum Thema Menschenrechte komme, sollten wir uns dem Stoff zunächst mal begrifflich und historisch annähern.

Wenn man den Begriff „Menschenrechte“ hört, meint man ja wie selbstverständlich, zu verstehen, was damit gemeint ist. Hören wir selbst:

[Einspielung O-Töne 0:45]

Was bedeutet der Begriff „Menschenrechte“ denn nun wirklich?

Die begriffliche Bestimmung ist sehr schwierig, nicht nur im Alltagsverständnis, sondern auch in der Literatur gibt es unterschiedliche Auffassungen. Denn einerseits wird der Begriff der Menschenrechte oft aus ihrer Begründung abgeleitet, andererseits finden wir auch schon unterschiedliche Vorstellungen in den beiden Wortbestandteilen „Mensch“ und „Recht“.

Und es kommt erschwerend hinzu, dass der Katalog der Menschenrechte weder fixierbar noch einheitlich ist. Denn selbst wenn ich eine allgemein akzeptierte Herleitung hätte, würde daraus noch nicht automatisch eine Liste der Menschenrechte entstehen, und selbst mit einer vollständigen Liste würden die einzelnen Positionen der Liste sicherlich nicht von allen Menschen als gleichwertig empfunden: ich kann schwer das Recht auf Privateigentum mit dem auf freie Meinungsäußerung vergleichen. Noch ganz abgesehen von den vorprogrammierten Diskussionen bezüglich Gleichheit der Geschlechter, von Menschen mit Behinderungen oder vielleicht sogar von Tieren.

Jetzt aber weg von den vielen Fragen, ich stelle jetzt einfach eine lexikalische Definition in den Raum , die aus dem „Hoffmeister“:

Menschenrechte [sind] unveräußerliche, weil mit der Würde der Person untrennbar verbundene Rechte auf Anerkennung und Achtung ihrer wesentlichen Existenzbedingungen.

Und nun sollten wir uns kurz der Geschichte zuwenden, denn auch diese ist wichtig für das Verständnis des Menschenrechtsgedankens, und vielleicht wird uns dann auch einiges klarer sein.

Erste Überlegungen dazu, dass es eine Gleichheit der Menschen geben könnte, scheinen ja schon in der Antike aufgestellt worden zu sein. Ich sage „scheinen“, denn selbst wenn hier der eine oder andere Text von gleichen Rechten spricht, sind hier wie immer nur freie Männer gemeint, also keineswegs alle Menschen.

Und hier ist schon ein wichtiger Fehler zu erkennen, den viele machen, die nachweisen wollen, dass die Menschenrechte in der Geschichte schon oft und in jeder Epoche anzutreffen waren: es wird von ihnen nur zu gerne übersehen, dass Grundbedingungen voraus gesetzt werden, die es damals nicht gab, weil sie neuzeitliche Entwicklungen sind. So kannten z.B. die antiken Griechen keinen Staat im heutigen Sinn, dieser wurde erst im 18./19. Jahrhundert „erfunden“. Oder auch an Texten aus dem Mittelalter können wir feststellen, dass diese keine Vorläufer unserer Menschenrechte beinhalten. Die Magna Charta wird da gerne als Beispiel hergenommen, wenn es dort etwa heißt, dass

kein freier Mann verhaftet, gefangen gehalten, seines Vermögens beraubt, für vogelfrei erklärt, verbannt oder in anderer Weise bestraft werden darf ohne den Spruch eines Richters 1

dann handelt es sich aber leider nur um einen Vertrag zwischen dem Lehnsherrn und seinen Vasallen, ohne Gültigkeit für andere Menschen, und schon gar nicht für Nicht-Adelige.

So streng genommen entsteht der Gedanke der Menschenrechte erst mit John Locke und Samuel Pufendorf, vielleicht könnte man auch noch Thomas Hobbes hinzurechnen – jedenfalls entwickelten alle drei ihre Ideen erst im späten 17. Jahrhundert.

Kurz gesagt, ging es ihnen darum, dass den Menschen bestimmte Rechte zukommen würden, weil sie als vernunftbegabte Wesen eine naturgegebene Würde besitzen. Sie sind in einem angenommenen Naturzustand frei und gleich.

Im 18. Jahrhundert dann wurden diese Gedanken von George Mason in Virginia aufgegriffen und zur „Virginia Bill of Rights“ verarbeitet, in der die Menschen ebenfalls als frei, unabhängig und Träger gewisser Rechte gesehen wurden, allerdings bezog sich das wohl nicht auf die zahlreichen Sklaven. Jedenfalls folgte kurz darauf, 1776, die Abfassung der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung mit den Gedanken „Life, liberty and the persuit of happiness“, und deren Verfasser Thomas Jefferson war 1789 als US-Botschafter bei der Unterzeichnung der französischen Erklärung der Menschenrechte dabei.

Und so ging es dann weiter, immer mehr Staaten ließen sich von der Idee der Menschenrechte anstecken, bis schließlich nach dem 2.Weltkrieg die UNO 1948 die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte beschloss. Doch dazu später mehr.

Im nächsten Beitrag geht es um die Geltung der Menschenrechte, doch zuvor noch schnell etwas Musik:

Musik 2:

Interpretin: ?, Track: Smoking Chutney, Länge 04:58

Beitrag 2:Geltung der Menschenrechte, Universalität

Wie wir aus der Geschichte gesehen haben, ist es auch bezüglich der Geltung der Menschenrechte nicht so einfach, wie wir uns wünschen würden. Mal gelten sie nur für Adelige, mal für freie Bürger, mal für alle außer den Sklaven, usw.

Daher sollten wir uns jetzt darüber Gedanken machen, wie solche Geltungsansprüche eigentlich gebildet werden oder wurden, und das führt zur Frage, wie Menschenrechte als solche eigentlich legitimiert werden können.

Ohne jetzt allzu tief in die Rechtsphilosophie einzutauchen, möchte ich doch darauf hinweisen, dass es ja viele verschiedene Ansichten darüber gibt, wie und durch wen definiert werden kann, was „Recht“ ist und wie es zu Stande kommt.

Da gibt es z.B. Ansätze, die sich auf gottgewollte Ordnungen berufen; andere, die die naturrechtliche Bestimmung des Rechts bevorzugen, es gäbe also natürliche Rechte, die dem Menschen qua Menschsein zukommen; andere, die wiederum keine Rechtsnormen aus dem menschlichen Sein ableiten wollen, sondern das positive Recht vertreten, also jenes Recht, das die Menschen sich selbst setzen, z.B. aus einem bestimmten Modell der Gerechtigkeit heraus. Wieder andere sehen das Recht nur als Ergebnis der politischen Macht oder auch als Ergebnis eines idealen Diskurses.

Schon dieser schnelle Überblick über die Theorien der Rechtsphilosophie macht eines deutlich:

die Idee der Menschenrechte lässt sich eigentlich nur in einem kleinen Bereich dieser Theorien verorten, nämlich in den naturrechtlichen Theorien, und jenen Theorien, die die Menschenrechte aus der Vernunft erklären.

Denn fundamentale Rechte, die jedem Menschen qua seines Menschseins zustehen, sind eben nicht von Menschen konstruiert, entstammen keinem Diskurs, noch sind sie von Gott gegeben, wobei man darüber vielleicht so gar noch am ehesten diskutieren könnte. Also scheinen sie entweder von der Natur (nach Locke) oder von der menschlichen Vernunft (nach Kant) vorgegeben zu sein.

Warum auch immer, dieser Naturrechts-Gedanke scheint sich still schweigend durchgesetzt zu haben.

Und so beginnt auch die Präambel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der UNO mit den Worten:

Da die Anerkennung der angeborenen Würde und der gleichen und unveräußerlichen Rechte aller Mitglieder der Gemeinschaft der Menschen die Grundlage von Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden in der Welt bildet…

was zu der Frage führt: Werden diese Rechte denn wirklich allgemein anerkannt, und sind Staaten, die dies nicht tun, gegen Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden?

Ich sage: Staaten, denn natürlich sind es in der Praxis Staaten und deren Gesetze, auf die es bei der Beurteilung der Frage nach Anerkennung einzelner oder aller Menschenrechte ankommt, nicht Einzelpersonen. Denn letztlich steht und fällt der Gedanke der Menschenrechte mit ihrer Anerkennung durch die Gesetze eines Staates, nur durch staatliche Legitimation ist es nämlich möglich, sie auch einzuklagen. Somit stehen wir vor zwei Problemen: einerseits haben Menschenrechte nur jene Rechtskraft, die ihnen vom jeweiligen Staat zugebilligt werden. Denn im Staat A könnte etwa das Menschenrecht X nicht oder nur eingeschränkt Gültigkeit haben, weil dieser Staat sich weigert, es gesetzlich zu schützen. Es gab ja während der Erstellung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte jede Menge Diskussionen, einige totalitäre Staaten haben Umformulierungen beantragt, und wenn man sich den Text aus der Entstehungsgeschichte heraus näher ansieht, stellt man hier einige Zahnlosigkeiten fest.

Andererseits existiert auch noch die Frage der Zwischenstaatlichkeit: gilt das Menschenrecht X nur für Bürger des Staates A, oder auch für alle anderen Menschen, die sich im Staat A aufhalten? Oder umgekehrt: kann eine Bürgerin des Staates A, wo dieses Recht anerkannt ist, es auch für sich fordern, wenn sie sich im Staate B befindet?

Oder ganz generell: wie universell sind die Menschenrechte denn nun wirklich? Besitzen wir sie unabhängig davon, was der jeweilige Staat dazu meint, als unveräußerliche Rechte qua Menschsein? Wenn ja, was würde das bringen, wenn wir sie nicht einklagen können?

Letztlich ist der ursprüngliche Gedanke, der dahinter steht, jener des Schutzes der Einzelnen vor der Willkür des Staates. Der Wunsch danach ist sicherlich so alt wie die Idee des Staates. Ein künstliches Gebilde, das, anders als vorherige territoriale Gebilde, die aus Herrschaftsformen wie etwa dem Feudalwesen entstanden waren, plötzlich Staatsgebiet, Staatsvolk und Staatsgewalt definiert. Nun war man also Staatsbürgerin und mit vielen Pflichten und einigen Rechten – und zumeist eben dem Gefühl, einer Willkür seitens des Staates ausgesetzt zu sein, die der Willkür des fürstlichen Grundherrn sehr nahekam, mit dem Unterschied, dass „der Staat“ wesentlich undurchschaubarer war als die natürliche Person „Grundherr“.

Hier wurde schnell als Schutzmechanismus der Gedanke entwickelt, dass Menschen eine persönliche „Würde“ besäßen, die man ihnen nicht nehmen kann. Ist dies aber eine anthropologische Konstante, oder ein „kulturell bestimmtes Verständnis“2?

Nun haben wir uns aber eine Kaffeepause verdient:

Musik 3:

Interpretin: Fortadelis, Track:Coffee break, Länge 05:04

Beitrag 3:Gerechtigkeit und Menschenrechte

Die vorhin genannten Menschenrechte als Schutz vor staatlicher Willkür nennt man „negative Freiheitsrechte“, doch es gibt auch „positive Teilnahmerechte“, die die Partizipation an der politischen Meinungsbildung beinhalten, sowie „soziale Teilhaberechte“, die sich um die annehmbaren Lebensbedingungen bemühen.3

Diese letzteren „sozialen Menschenrechte“ sind nach manchen Auffassungen die historisch jüngsten, und sie sind es, die wohl die prekärste Situation vorfinden, denn kaum ein Staat hat es bisher möglich gemacht, sie flächendeckend und vollständig in positives Recht umzuwandeln, weil es eben nicht gar so einfach ist, gerechte Lebensbedingungen für alle zu schaffen:

denn wo z.B. im Jahre 1969 die Länder Europas Feuer und Flamme waren, die Europäische Sozialcharta, die z.B. Arbeitnehmerinnen­Sicherheit garantieren soll, zu unterzeichnen und auch in den eigenen Ländern zu ratifizieren, waren 30 Jahre später zwar die meisten schnell beim Unterschreiben, aber die Ratifizierung lässt bei manchen bis heute auf sich warten. In 30 Jahren haben sich wohl die Umgebungsbedingungen der Arbeit ziemlich verändert…

Andererseits hat sich in den Jahren seit dem 2. Weltkrieg ja auch einiges getan, was für die Entwicklung allgemeiner Menschenrechte förderlich war, vom Entstehen neuer, mehr oder weniger demokratisch regierter Staaten aus totalitären Systemen, bis hin zur Weiterentwicklung von Tendenzen zur Gleichberechtigung in allen möglichen Hinsichten: Rassismus wird weitgehend bekämpft, Frauen und Menschen mit allen Arten von Behinderungen erfahren immer mehr Gleichberechtigung. Auch wenn vieles noch zu tun ist, eine Tendenz zu einem gerechteren Denken ist schon ein wenig zu spüren. Vor allem die Sensibilisierung der Mitbürgerinnen für diese Themen trägt sehr viel dazu bei.

Aus einer anderen Richtung kommt allerdings eine Gegenbewegung: Durch die Globalisierung, vor allem durch weltweit agierende Riesenkonzerne, die durch ihre Ressourcenaufteilung versuchen, nationales Recht zu umgehen, entsteht nämlich weiterer Handlungsbedarf gerade hinsichtlich sozialer Menschenrechte. Natürlich gibt es offiziell keine Sklaverei mehr in jenen Staaten, die sich den Anschein einer modernen Gesetzgebung und Regierung geben wollen, aber nützt das auch denen, die zur Sexarbeit oder zur Arbeit in Fabriken mit gesundheitsgefährdenden Arbeitsbedingungen gezwungen werden?

Soziale Menschenrechte basieren im wesentlichen natürlich auf der Achtung der Menschenwürde sowie einem Prinzip der Verteilungsgerechtigkeit. Stefan Gosepath4 gibt gleich drei Begründungen an:

und zwar auf der Basis entweder des Prinzips der größtmöglichen Freiheit oder des Prinzips der Befriedigung von Grundbedürfnissen oder des Prinzips der (Prima-Facie-)Gleichverteilung von Ressourcen.

Zum ersten Punkt: wenn die größtmögliche Freiheit gefordert wird, bedingt dies eine Gleichverteilung von Primärgütern, um die – hauptsächlich materielle – Basis für diese Freiheit zu schaffen. Banales Beispiel: einem Menschen, der kurz vor dem Verhungern ist, wird ein Stück Brot wichtiger sein als seine Meinungsfreiheit – mache ich ihn satt, kann und wird er aber sehr wohl an dieser Freiheit interessiert sein.

Jedoch kann man diese Überlegungen auch weiterführen und kommt letztlich zur Überzeugung, dass es unmöglich ist, allen Menschen alle Freiheiten zu gewähren, denn einerseits hört ja bekanntlich meine Freiheit auf, wo die der nächsten Person beginnt, und andererseits ist nicht jede Abwesenheit von irgend etwas auch zugleich eine (sinnvolle) Freiheit. Freiheit bedingt immer auch Gerechtigkeit, und umgekehrt.

Letztlich ist die Freiheit als alleinige Basis zur Begründung von Menschenrechten aber nicht haltbar.5

Der Ansatz der Befriedigung primärer Bedürfnisse hat schon mal ein Problem damit, dass diese Bedürfnisse ja individuell verschieden sind, noch stärker sieht man dies, wenn man etwa die Bedürfnisse von Menschen in westlichen Ländern mit denen in Afrika vergleicht. Noch dazu werden uns ja von den Marketingmenschen Bedürfnisse eingeredet, die wir sonst gar nicht hätten. Welche Bedürfnisse sollten also unter Berücksichtigung moralischer Kriterien befriedigt werden, nach welchen Regeln sollte diese Verteilung organisiert werden?

So scheint es wohl am sinnvollsten zu sein, soziale Menschenrechte aus einem Prinzip der Verteilungsgerechtigkeit abzuleiten, da hierbei kein besonderes Kriterium, wie Autonomie bzw Freiheit oder Bedürfnisse heran gezogen werden, sondern das alleinige Kriterium ein moralisches ist, oder mit Ronald Dworkin gesprochen „equal concern and respect„.

Es wären alle Betroffenen gleich zu behandeln, und alle etwaigen Unterschiede müssten moralisch begründet sein. So entsteht eine Kooperation von gleich berechtigten Partnerinnen sowohl auf dem Gebiet der politischen Partizipation, als auch der bürgerlichen Freiheiten, der sozialen Chancen und der Wirtschaft.6

Zwischenmoderation:

Für alle, die sich erst später zugeschaltet haben:

Hier ist „hinterfragt„, das philosophische Magazin live auf FREIRAD 105.9, dem freien Radio in Innsbruck! Mein Name ist Ewald Strohmar-Mauler mit philosophischen Gedanken zu zeitlosen Fragen und aktuellen Themen.

Der heutige Beitrag trägt den Titel: Philosophie der Menschenrechte, und nach ein wenig Musik geht es weiter mit der Frage nach der Demokratie in Verbindung mit den Menschenrechten.

Musik 4:

Interpretin: Tryad, Track: Our Lives Change, Länge03:07

Beitrag 4: Demokratie und Menschenrechte7

In dem Buch „Philosophie der Menschenrechte“, aus welchem ich hier schon mehrfach zitiert habe, fragt Ernst-Wolfgang Böckenförde: Ist Demokratie eine notwendige Forderung der Menschenrechte?

Natürlich fühlen wir uns wohl und geborgen, wenn wir an Demokratie denken, und so scheinen auch die Menschenrechte irgendwie zu diesem positiven Gefühl dazu zu gehören. Auch historisch scheinen diese beiden Begriffe Hand in Hand zu gehen: die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte im Frankreich des Jahres 1789 war zugleich eine Forderung nach Volkssouveränität, ebenso die Virginia Bill of Rights, die ebenfalls demokratische Prinzipien forderte.

Trotzdem, so Böckenförde, besagt dies „nichts über eine theoretisch-thematische Zusammengehörigkeit“8. Auch wenn man die historischen Zusammenhänge näher betrachtet, fällt auf, dass das Recht auf Mitbestimmung in Frankreich und den sich formierenden USA nur männlichen Bürgern mit einer bestimmten Steuerleistung bzw. Besitz zukam. Selbst Immanuel Kant bindet das Staatsbürgerrecht an die Selbständigkeit:

Er schreibt:

Derjenige nun, welcher das Stimmrecht in dieser Gesetzgebung hat, heißt ein Bürger (citoyen, d.i. Staatsbürger, nicht Stadtbürger, bourgeois). Die dazu erforderliche Qualität ist, außer der natürlichen (daß es kein Kind, kein Weib sei), die einzige: daß er sein eigener Herr (sui iuris) sei, mithin irgend ein Eigentum habe (wozu auch jede Kunst, Handwerk, oder schöne Kunst, oder Wissenschaft gezählt werden kann), welches ihn ernährt; d.i. daß er, in denen Fällen, wo er von andern erwerben muß, um zu leben, nur durch Veräußerung dessen was sein ist erwerbe, nicht durch Bewilligung, die er anderen gibt, von seinen Kräften Gebrauch zu machen, folglich daß er niemanden als dem gemeinen Wesen im eigentlichen Sinne des Worts diene.9

 

Somit werden nach diesen Vorstellungen gerade diejenigen, die am meisten von einer Mitbestimmung im Staat zur Förderung ihrer Lebensbedingungen profitieren würden, davon ausgeschlossen, und irgendwie drängt sich angesichts der aktuellen politischen Lage der Verdacht auf, dass gewisse Kräfte auch heute wieder genau wieder in diese Richtung arbeiten: die Reichen und ohnehin schon Mächtigen kumulieren immer noch mehr Einfluss, und diejenigen, denen es nicht so gut geht, resignieren und verzichten auf ihre Mitbestimmung durch Nichtteilnahme an politischen Entscheidungsfindungsprozessen, weil es angeblich „eh wurscht“ ist.

Doch wieder zurück zum Thema Menschenrechte.

Wenn wir die Demokratie als Voraussetzung für die Verwirklichung der Menschenrechte betrachten, müssten wir die Demokratie dann auch als genauso universal ansetzen wie die Menschenrechte.

Dies ist natürlich hinsichtlich der Definition von Demokratie als „Herrschaft des Volkes“ unmöglich, denn es ist immer nur ein bestimmtes „Volk“, das hier herrscht, mit zugehörigen politischen, ethischen und soziokulturellen Voraussetzungen, die nie universell, also für alle Menschen allgemein gültig sein können.

Hinzu kommt, dass demokratische Strukturen, oder allgemeiner, „politische Ordnungsstrukturen“10, ja immer auf bestimmte Zwecke hin gerichtet, und kein Selbstzweck sind, die Menschenrechte als solche aber eigentlich autonome Rechte ohne direkten Zweck darstellen.

Demokratie kann aber als Voraussetzung für die Umsetzung der Menschenrechte im jeweiligen Land betrachtet werden, dann ist allerdings eine „Schwächung des Geltungsanspruches der Menschenrechte“11 in Kauf zu nehmen. Und umgekehrt, wenn nur in einer Demokratie eine Verwirklichung der Menschenrechte möglich wäre, würde dies natürlich der eigentlichen Intention der Menschenrechte zuwider laufen.

Soweit die Ansichten von Böckenförde.

Die These von Robert Alexy einige Seiten später lautet hingegen, „dass die beste Konzeption der Menschenrechte auf nationaler Ebene am besten im demokratischen Verfassungsstaat realisiert werden kann12.

Rechte, so meint Alexy, „sind normative Relationen zwischen drei Elementen: dem Träger, dem Adressaten und dem Gegenstand“13. Bei den Menschenrechten ist es aber eher so, dass kein Adressat genannt wird:

z.B. „jeder Mensch (Träger) hat ein Recht auf irgend etwas (Gegenstand)“. Von wem kann mensch dann also sein Recht einfordern?

Menschenrechte unterscheiden sich von anderen Rechten dadurch, dass sie universell, moralisch, fundamental, vorrangig und abstrakt sind14, somit ist für Alexy ihre Institutionalisierung sowohl auf internationaler als auch auf nationaler Ebene geboten. Er zählt drei Gründe auf: „das Durchsetzungs-, das Erkenntnis- und das Organisationsargument“15.

Und er erkennt im demokratischen Verfassungsstaat die besten Voraussetzungen für die Durchsetzung dieser Argumente.

Ich kann hier leider nicht mehr näher darauf, oder auf die anderen interessanten Artikel im Buch eingehen, was ich aber jetzt kann: ein wenig Musik spielen, nämlich:

Musik 5:

Interpretin: Calaminus, Track: Cheering up, Länge 03:19

Beitrag 5: Fazit

Die Beschäftigung mit den Menschenrechten zeigt uns sicherlich einiges:

Menschenrechte sind ist eine wichtige Errungenschaft in der Entwicklung der Menschheit. Oder besser gesagt, ihre Ausformulierung ist es, denn die Menschenrechte an sich existieren ja per definitionem auch unabhängig von ihrer Formulierung, sie sind ja universell gültig.

Und, was wir auch gesehen haben, sie sind nicht so einfach fassbar, und offenbar noch schwerer in die Realität umzusetzen. Hier gibt es große Reibungsverluste durch Definitionsfragen, juristische Spitzfindigkeiten und Hintertürchen, oder auch Fragen nach der Zuständigkeit in der Umsetzung. So sehr dies auf nationaler Ebene gilt, gilt es umso mehr auf der Bühne der internationalen Beziehungen. Da kann die UNO noch so viele Resolutionen entwerfen, wenn diese nicht von den betreffenden Staaten akzeptiert werden, sind sie zahnlos. Und offenbar sind jene Staaten eher unterschreibewillig, bei denen die Menschenrechte ohnehin in großem Umfang beachtet werden.

Auch gibt es einen Unterschied zwischen Menschen– und Bürgerinnenrechten, denn letztere kommen natürlich nur Bürgerinnen des jeweiligen Staates zu.

Ich weise immer wieder darauf hin, dass dieses Denken in Nationalstaaten aus dem 19. Jahrhundert stammt, als versucht wurde, eine rigide Ordnung herzustellen, um die Folgen der revolutionären Aufschwünge des 18. Jahrhunderts einzudämmen, da diese ja in Bürgerkriegen und Chaos ausgeartet waren. Dass wir heute noch immer so denken, ist mir persönlich ein Rätsel, denn auch aus dieser Über-Organisation und diesem Nationalismus ist doch in den 30er und 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts eine destruktive Bewegung hervorgegangen, die heute noch ihr Unwesen treibt. Und genau solche Strömungen sind es doch, die die Verbreitung und Stärkung der Menschenrechte verhindern, die sie bestenfalls selektiv für ihre eigenen Zwecke instrumentalisieren, wenn sie sich weltoffen geben, in Wirklichkeit aber gegen jede Art von größerem Zusammenschluss von Staaten zu Gunsten der Bevölkerung sind.

Kleinkarierte Egomanen sind der natürliche Feind der Menschenrechte, und dabei bräuchten wir dringend offene Menschen, die auf andere zugehen, auch über Grenzen hinweg. Menschenrechte sind in dieser Hinsicht Wegweiser für uns alle.

Abschließend möchte ich noch, im englischen Original und der deutschen Übersetzung, den ersten Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vorlesen:

All human beings are born free and equal in dignity and rights. They are endowed with reason and conscience and should act towards one another in a spirit of brotherhood.

 

Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.

Musik 6:

Interpretin: Underlivinline, Track: like we do, Länge 05:08

Abmoderation:

So, nun sage ich wie immer an dieser Stelle: genug philosophiert für heute. Ich danke euch herzlich fürs Zuhören und hoffe, die Sendung hat euch wieder gefallen.

Und nochmals der Hinweis die Internet-Seiten zur Sendung:

Kritik, sowohl negative als auch positive, Wünsche und Anregungen könnt ihr gerne an mich per eMail senden: radio {at} hinterfragt {punkt} at.

Und wer die Sendung nachlesen möchte: die begleitende Website ist zu finden unter hinterfragt.at, dort könnt ihr auch Kommentare zur Sendung abgeben. Außerdem könnt ihr mir auch auf Twitter folgen @hinterfragtAT oder auf Facebook unter hinterfragt.

Und nun verabschiede ich mich und wünsche euch noch eine gute Zeit.

Das war Ewald Strohmar-Mauler mit der Sendung hinterfragt. Das philosophische Magazin live auf FREIRAD 105.9, dem Freien Radio in Innsbruck.

Abspannmusik:

Interpretin: Zero Project, Track: the lower dungeons, Länge: 06:48

Sendung anhören

1nach Wesel, S.8

2Lohmann/Gosepath in: Gosepath/Lohmann, Philosophie der Menschenrechte,Frankfurt/M 1998, S.11

3vgl z.B. Metzler Lexikon Philosophie, S.369

4Gosepath, Stefan, in: Gosepath/Lohmann, Philosophie der Menschenrechte,Frankfurt/M 1998, 148

5siehe auch Gosepath, ebd. 167

6vgl. ebd.176

7vgl. hierzu: E.-W. Böckenförde, in: Gosepath/Lohmann, Philosophie der Menschenrechte,Frankfurt/M 1998, 233ff

8ebd. 234

9Kant, Immanuel: Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis, 150f (http://www.zeno.org/Philosophie/M/Kant,+Immanuel/%C3%9Cber+den+Gemeinspruch%3A+Das+mag+in+der+Theorie+richtig+sein,+taugt+aber+nicht+f%C3%BCr+die+Praxis; 6.11.2012)

10ebd.240

11ebd.241

12Alexy, Robert, in: Gosepath/Lohmann, Philosophie der Menschenrechte,Frankfurt/M 1998, 244ff

13ebd.244f

14ebd.254

15ebd.

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