Sendung vom 8. Oktober 2013: Clowns

Ich begrüße euch, liebe Hörerinnen von FREIRAD 105.9, dem freien Radio in Innsbruck! Am Mikrofon ist wieder Ewald Strohmar-Mauler mit der Oktober-Ausgabe von „hinterfragt.„, dem kulturwissenschaftlichen Magazin, und auch heute wieder mit einem Thema. Und vielen Fußnoten.

Ja.

Eigentlich wollte ich ja im Sommer ein lockeres Sommerthema gestalten, aber das ging leider nicht, weil alle, die ich interviewen wollten, auf Urlaub waren. Aber ich war da auch auf Urlaub und gar nicht bei mir. darum hättet ihr mich auch gar nicht hören können, selbst wenn ich eine Sendung vorbereitet gehabt hätte, was ich aber eh nicht hatte. Darum hättet ihr mich dem entsprechend auch gar nicht hören können und hättet auch gar nicht gewusst, was ich jetzt sage.

 

Naja, der Sommer ist auch schon wieder vorbei. So schnell kann’s gehen. Jetzt fängt also die zweite Jahreszeit in Tirol an, die neun Monate Winter. Daher habe ich die Sendung einfach verschoben, damit ihr und ich und eh alle auch wirklich da sind. Ist das jetzt eigentlich paradox oder einfach nur blöd?

Wie dem auch sei, es erwartet euch (wider Erwarten) eine Sendung. Ich wollte mich eigentlich krank melden vor lauter Verzweiflung, aber ich habe doch eine Sendung für euch

und zwar über …

Clowns.

Ohne Witz.

Nein, das meine ich Ernst. Es wird kein einziger Witz erzählt. Und ich habe auch keinen Clown ins Studio eingeladen. Der Einzige, der sich hätte einladen lassen, war ein Pantomime. Also geh bitte, ein Pantomime im Radio. Das wäre ja wie ein Schwarzmaler im Tunnel.

[ohne Ankündigung]

Musik 1:

Interpretin: Pinatri, Track: Clown Konferanse, Länge: 02:44

Beitrag 1: zum Einstieg

[vorige Musik-Ankündigung nachholen: Das war…]

Ich habe dieses Stück zum Einstieg gewählt, weil es meiner Meinung nach ganz gut zum Ausdruck bringt, was viele Leute von Clowns halten: die ersten Worte, die mir zu dieser Musik eingefallen sind, waren: dumm – dusselig – düster. Diese Clowns tapsen schwerfällig durch ihr künstliches Leben und selbst ihre „Konferenz der Clowns“ kreist immer um dasselbe, was auch immer das sein mag, was der Komponistin oder dem Komponisten da eingefallen ist.

Das Wort Clown kommt aber anscheinend tatsächlich aus einer germanischen Wurzel, z.B. zu finden im Friesischen klönne für einen ungeschickten Menschen1, oder aber vom Lateinischen colonus, Bauer.Aber genau weiß man es nicht, alles bleibt ziemlich mysteriös.

Es war für mich jedenfalls ziemlich frustran, für diese Sendung passende Musik zu finden. Ich habe in Jamendo einfach den Suchbegriff „Clown“ eingegeben und war entsetzt, wie viele Musikstücke mit psychotischen, chaotischen oder sonstwie negativ anmutenden Clowns im Titel oder als Interpretinnen da im Ergebnis zu finden waren. Sogar ein alter Nazi-Kriegsverbrecher, der sich als Clown getarnt der Justiz entzieht, war dazu finden.

Die besten Stücke, die ich gefunden habe, werde ich natürlich im Laufe der Sendung spielen.

Nicht viel weniger frustran war dann auch die restliche Vorbereitung für die Sendung, denn es ist wirklich interessant, dass sich zum Thema Clown nicht so leicht etwas Brauchbares finden lässt wie erwartet. Was hatte ich denn erwartet?

Nun, eigentlich müsste ich sagen, erhofft.

Primär hatte ich mir nämlich erhofft, dass ich mit den Ergebnissen einer einfachen Internet-Suche, vulgo Googlerei, die ganze Sendung in zwei Stunden vorbereitet hätte. Jetzt hat mich allein die Suche nach feiner Musik schon zwei Stunden gekostet, für den Rest der Sendung musste ich dann aber mehrere Tage aufwenden, weil es echt harte Recherchearbeit war.

Ein einfaches Experiment, um dies zu verdeutlichen: ich habe vorhin in Google einerseits das Wort „Clown“ eingegeben, andererseits das Wort „Blumentopf“. Und mal abgesehen, dass sich Google ja mittlerweile alles merkt und somit auch meine bisherigen Suchanfragen über Clowns kennt, und abgesehen davon, dass Google vermutlich mehr über mich weiß als ich selbst, denn Google vergisst im Gegensatz zu mir gar nichts… abgesehen also von diesen wissenschaftlich unhaltbaren Verfälschungen der Ergebnisse – ich wette, dass trotz des Wissensvorsprunges zum Thema Clown die Ergebnisse über Blumentöpfe mehr hergeben werden. Also, ich wende mich dem Browser zu und werte aus:

Bei den Blumentöpfen kommt oben eine bezahlte Anzeige, bei den Clowns gar keine – soviel also zum kommerziellen Interesse am Clownswesen. Dann, rechts gibt es ja seit einigen Monaten diese Wikipedia-Schnellinformation: beim Blumentopf findet man dort eine Hip-Hop-Band, beim Suchbegriff Clown: gar nichts. Auch die an der rechten Seite üblicherweise befindlichen Anzeigen sprechen eine klare Sprache: rechts findet man dann viele Blumentopf-Anzeigen, aber beim Clown ist der rechte Bereich so leer, dass man aus lauter Mitleid ein Post-it draufkleben möchte.

Nächste prominente Ergebnisdarstellung ist die von „Bilder zu….“ mit den Google images-Ergebnissen. Hier ist erstaunlicher Weise kein einziger Blumentopf zu finden, dabei hätte ich mir hier schon ein wenig Blumentopf-Kreativität erwartet. Hingegen bei den Clowns erkennt man Haarsträubendes: ein geschätztes Viertel aller Bilder stellt abstoßende Horror-Clowns dar, ein Drittel sind Zeichnungen, die meisten Fotografien sind solche von amateurhaft geschminkten Faschingsclowns, und kein einziges Bild ist zu finden, welches ernsthaft Forschenden zur Geschichte oder zur praktischen Ausübung des Clownswesens Auskunft gibt.

Soviel zu den Bildern, jetzt aber zurück zu den normalen Suchergebnissen: auf zur ersten Seite, die ja in Google die wichtigste ist, denn wer klickt schon, ohne verzweifelt oder besonders neugierig zu sein, auf die zweite oder gar dritte Seite der Suchergebnisse?

Hier findet man bei den Blumentöpfen zuoberst drei Eintragungen zur Hiphop-Gruppe Blumentopf (eine davon der genannte Wikipedia-Beitrag), darunter drei kommerzielle Einschaltungen für Pflanzgefäße, dann wieder vier Eintragungen zur Hiphop-Gruppe. Soweit die erste Seite zum Blumentopf.

Nun zu den Clowns:

„Geheimnisvoller Clown versetzt Northampton in Aufruhr “ titelt news.orf.at im ersten Suchergebnis, darunter der erwähnte Bildercocktail, dann folgen der obligate Wikipedia-Eintrag, zwei Ergebnisse zu buchbaren Partyclowns, und die Northampton-Story, diesmal vom Standard.

Darunter verkünden die Roten Nasen: So wird man Clown (ist übrigens doch nicht so einfach wie gedacht, dazu komme ich aber später), gefolgt von zwei weiteren Einträgen zum Clown, der Northampton in Angst und Schrecken versetzt, ein weiterer Clownkünstler und ganz unten das Circus- und Clownsmuseum in Wien. Bei den von Google unten angebotenen „verwandten Suchanfragen“ erscheint übrigens auch die „Coulrophobie“. Merkt euch dieses Wort, da komme ich später noch darauf zu sprechen.

Als Resumé könnte ich jetzt lapidar sagen: mit Google ist heute auch kein Blumentopf mehr zu gewinnen, oder: als wir noch jünger waren, hat Google viel bessere Ergebnisse geliefert. Auch Suchanfrage zu „Clown Geschichte“ und ähnliches brachten wenig zum Vorschein. Man findet die wirklich brauchbaren Ergebnisse jedenfalls nur durch eifriges Verfolgen der verlinkten Unterseiten, oder durch Abklappern der „üblichen Verdächtigen“, also jener fachspezifischen Seiten, die man ohnedies immer für seine Recherche verwendet. Und da waren es nur HistorikerInnen-Seiten, die überhaupt etwas Brauchbares lieferten. Und, interessanter Weise findet man das Meiste auch hierzu auf britischen und US-amerikanischen Seiten, man gewinnt den Eindruck, die Clownerie wäre in England erfunden worden und dann nach Amerika ausgewandert. Was auch nicht ganz falsch ist, wie ich bald erzählen werde, aber trotzdem scheint es, als gäbe es in Kontinentaleuropa keine Clowns, ganz zu schweigen von anderen Kontinenten wie Asien oder Afrika.

Ob das stimmt, erfahrt ihr nach dem nächsten Musikstück…

Musik 2:

Interpretin: CITY KAY, Track: Your Clown, Länge 3:43

Beitrag 2:Clowns-Geschichte

Genug des Rätselratens und Kopfschüttelns. Nun komme ich also zu den Grundlagen. Zunächst: was ist eigentlich ein Clown?

Für die deutsche Wikipedia ist ein Clown schlicht: „ein Artist, dessen primäre Kunst es ist, Menschen zum Lachen zu bringen“2. Die englische ist schon ein wenig ausführlicher: „Clowns are comic performers who employ slapstick or similar types of physical humour, often in a pantomime style. Clowns have a varied tradition with significant variations in costume and performance.“3

Gut, dies alles trifft auch auf Comedians und andere lustige Darstellerinnen zu, man kann also entweder die rote Nase, die Schminke und die lustigen Kostüme als Merkmal der Clowns ignorieren und alles, was lustig ist, als Clown bezeichnen, oder aber die Aussagen der Wikipedien ignorieren und zu besser qualifizierten Medien greifen. Auf Deutsch kann ich da leider nichts vorweisen, da es hochwertigere Online-Enzyklopädien wie den Brockhaus nur mehr gegen reichliche Bezahlung gibt. Im englischen Merriam-Webster findet man hingegen im Wörterbuch-Teil:

„Clown: someone who performs in a circus, who wears funny clothes and makeup, and who tries to make people laugh; a fool, jester, or comedian in an entertainment (as a play); specifically: a grotesquely dressed comedy performer in a circus.“

Und auf der selben Seite als Eintrag in der Concise Encyclopedia:

„Comic character of mime and pantomime and the circus. The clown developed from the bald-headed, padded buffoons who performed in the farces and mimes of ancient Greece and from the professional comic actors of the Middle Ages. The Italian commedia dell’arte introduced the harlequin, and the clown’s whiteface makeup was introduced with the 17th-century French character Pierrot. The distinctive clown costume of oversized shoes, hat, and giant ruff around the neck was established by the popular German clown character Pickelherring. The first circus clown, Joseph Grimaldi, appeared as “Joey” in England (1805) and specialized in pantomime, pratfalls, and slapstick. Famous 20th-century clowns included the Swiss pantomimist Grock (Adrian Wettach), the U.S. circus star Emmett Kelly, and the longtime star of the Moscow circus, Oleg Popov.“.4

Da haben wir eigentlich nicht nur die wesentlichen Merkmale des Clowns beisammen, sondern auch bereits ein wenig die Geschichte gestreift, auf welche ich gleich näher eingehen werde. Vorab aber noch einige professionelle Worte zur Frage, was ein Clown ist, frei übersetzt aus dem äußerst hilfreichen Buch „Creative Clowning“5, hg. von Bruce Fife, der selbst ein Profi-Clown ist und hier Kollegen eingeladen hat, Beiträge zu allen möglichen praktischen Clowns-Themen zu verfassen.

Zunächst mal ist ein Clown ein „Kurzbesuch in einer Welt von Fantasie und Spaß, ein Botschafter des Humors, ein lebender Cartoon, eine Fleisch gewordene Animationsfigur“6. Er weiß aus alltäglichen Dingen etwas Spaßiges zu machen, das Publikum soll mit ihm einfach eine schöne Zeit haben und sich selbst und seinen Alltag vergessen.7

Nun zum Ursprung des Clownens. Wer die ersten Clowns waren, dazu gibt es verschiedene Meinungen, berichtet wird je nach Quelle von altägyptischen Clowns im Jahre 2270 v.Z.8, von amerikanischen Ureinwohnern9, antiken Griechen10 oder von Etruskern gesprochen. Alles richtig, denn, wie in Creative Clowning11 steht: „Clowning, in one form or another, is found in almost every culture and in every age.“

Prominent fallen uns natürlich die Hofnarren des Mittelalters und der frühen Renaissance ein, die nicht nur für Unterhaltung sorgten, sondern auch eine wichtige Kontrollfunktion innehatten, da sie den Herrscher auch unverblümt kritisieren konnten, ohne Sanktionen fürchten zu müssen, sie hatten ja „Narrenfreiheit“ (wobei auch diese ihre Grenzen hatte). Aus dieser Zeit scheinen auch die bizarren Kostüme ursprünglich zu stammen12, die dann ihre weitere Ausgestaltung erfuhren, als die Spaßmacher nicht mehr umherziehende Straßenkomödianten waren, sondern als festes Programm ins Theater übersiedelten (z.B. in der Commedia dell’arte). Es entwickelten sich die heute bekannten Figuren wie Harlekin, Pierrot usw., mit festen Rollen, also als professionelle Schauspielerinnen. Im 16. Jahrhundert wurde dann in England das Wort Clown geprägt, aber es dauerte noch bis ins 19. Jahrhundert, bis der Clown seinen heutigen Platz im Zirkus fand, da dieser erst im 18. Jahrhundert erfunden worden und zunächst auf Tierdressur-Attraktionen beschränkt war. Doch Anfang des 19. Jahrhunderts tingelten bereits mehrere Zirkusse mit Tieren, Akrobaten, und Clowns durch Europa und erreichten bald auch die Neue Welt, wo Großzirkusse wie Barnum & Bailey und Ringling Bros. viele bekannte Clowns hervorbrachten, die als Vorbilder heutiger Clowns gelten.

Musik 3:

Interpretin: Francy Nassuato, Track: Walkin‘ like a clown, Länge 04:10

Zwischenmoderation:

Für alle, die sich erst später zugeschaltet haben:

Hier ist „hinterfragt„, das kulturwissenschaftliche Magazin live auf FREIRAD 105.9, dem freien Radio in Innsbruck! Mein Name ist Ewald Strohmar-Mauler.

Heute behandle ich erstmals Clowns.

Also, nein, ich behandle nur das Thema Clowns, keine echten Clowns. Ich bin ja kein Arzt. oder Psychiater.

Andererseits bin ich auch kein DJ und habe trotzdem immer wieder Musik für euch.

Beitrag 3: Clowns-Philosophie

„So ist das Leben, sagte der Clown mit Tränen in den Augen und malte sich ein Lächeln ins Gesicht.“

Diesen Satz habe ich im Internet gefunden, und zwar so mehrmals, dass ich ihn ganz bewusst nicht in einer Fußnote zitiere. Für mich ist der Satz einfach public domain, author unknown.

Aber, warum ich diesen Satz eigentlich hier reingenommen habe: ich finde ihn eigenartig. Wieso sollen Clowns traurig sein? Ist Traurigkeit etwa als Charakterzug eine Voraussetzung? Schwer glaublich, wenn Clowns ja, wie wir gehört haben, Humor verbreiten wollen.

Also, womit haben wir es wirklich zu tun? Was ist die Philosophie des Clowns? Ich greife zum Buch: Clown. Zur Phänomenologie des Stolperns. von Constantin von Barloewen13, einem der wenigen umfassenden Bücher, die ich zu dem Thema finden konnte.

Zunächst mal ist es offenkundig, dass der Clown eine Protestfigur ist gegen eine „beengende und verpflichtende Umwelt“14, er ist ein Kulturheros und „inspired madman“15, greift die religiöse und profane Ordnung auf und karikiert sie, in seinem Aussehen und seinen Handlungen, er baut eine Gegenwelt auf16. Er ist weder Mann noch Frau.17 Wo er sich aufhält, herrscht Unordnung, er hinterfragt, denn die Fragwürdigkeit ist für ihn „Grundzug jeder Wirklichkeit“18.

Der Clown – und das halte ich für eine ganz wichtige Aussage – ist eine anthropologische Konstante mit transkultureller Gültigkeit19.

Jedoch muss man diese allgemeinen Aussagen noch genauer an die jeweiligen Clownstypen anpassen, so ist der Weißclown noch am ehesten regelkonform und repräsentiert die gesellschaftliche Ordnung, der August hingegen stellt diese auf den Kopf – die Kritik wird nur in ihrem gemeinsamen Wirken sichtbar.

Zitat von Barloewen: „Der Clown steigt über nationale und geographische Grenzen hinweg. Seine Kunst ist eingesenkt in den historischen Prozess, ist auch Ergebnis der Kulturwelt, der sie sich einfügt.“20.Andererseits sollte man nicht außer Acht lassen, dass Humor durchaus kulturrelativ ist, Lachen ist eng verknüpft mit einem sprachlichen Habitus und tradierten gesellschaftlichen Normen21.

Die Dramaturgie des Clowns ist eine Dramaturgie des Scheiterns. Er stolpert durch die Szene, sein Leben.

In von Barloewens Worten: „Aus dem Fehlschlag geboren, schafft der Clown Affirmation“22. „Clowns gründen ihre Komik in starken Maße auf den Körper.“23.

Diese Körperlichkeit hat sicher eine ihrer Ursachen in der praktischen Überlegung, dass es in einem großen Theater oder Zirkuszelt (ohne moderne Ton-Übertragungstechnik) schwer ist, Sprache überall hörbar zu machen, aber große Gestik ist durchaus auch in der Entfernung erkennbar. Andererseits ist es auch wesentlich leichter, das Moment des Scheiterns körperlich darzustellen als verbal darüber zu philosophieren. Auch sind viele der von den Clowns karikierten Sachverhalte körperlicher Natur: ich kann mich z.B. auch wesentlich leichter über ein Halteverbotsschild lustig machen als über die Zeichenkombination „§24 Zahl 1a StVO“.

Ein weiteres wesentliches Element bei der Körperlichkeit des Clownesken ist auch das Absurde, das für das Lachen über die Handlungen des Clowns wesentlich ist24. Der Clown will eigentlich gar nicht verstanden werden, meint von Barloewen, „er sucht vielmehr die Freiheit des Unverstandenen“25.

Von Barloewen versucht dann das Scheitern, das Versagen des Clowns existenzphilosophisch zu deuten, denn gerade in „tragischen Existenzmomenten [liegt] eine komische Dimension verborgen“, wobei er etwa auf Charlie Chaplin verweist, der ja ein Meister in der Darstellung solcher Momente ist. Und:“[d]ie Clowns sind Herren von allem, was sie zerschlagen“, denn „was sie nicht zerschlagen, könnte sie beherrschen“26.

Die Wahl zwischen Möglichkeiten, die uns alle ja immer wieder betrifft, ist im Falle des Clowns oft auch eine Nicht-Wahl, doch trifft er sie dank seines karikativen Charakters natürlich viel öfter als wir, die wir uns gerne darum drücken. Der Clown scheitert, und wir lachen. Der Clown hat durch seine Wahl die Freiheit erlangt, und wir mit ihm, durch unser Lachen.

Misslingen oder Erfolg ist für die clowneske Form der Selbstfindung nicht wesentlich. Darum ist es vermutlich auch offenbar modern geworden, Clowns als Trainerinnen bei Manager-Kursen einzusetzen, mitunter wohl auch mit dem Motto „Scheitern als Erfolgsprinzip“.

Musik 4:

Interpretin: Magliano DJ, Track: She was a clown, Länge 05:21

Beitrag 4: Clowns in der Praxis

Nun, wir haben die Geschichte des Clowns kurz beleuchtet, auch wenn hier noch vieles zu erzählen gewesen wäre, vor allem aus der Vormoderne. Wir haben ein wenig über Clowns philosophiert, aber wie sieht es nun in der Praxis aus?

Angenommen, ich bin ein lustiger Kerl und will Clown werden. Clowns findet man traditionell in zwei Haupt-Bereichen vor: im Zirkus und im Film. Erschwerend kommt hinzu, dass ich z.B. irgendwo in Tirol wohne und nicht in Kalifornien, wo viele Zirkusse ihr Winterquartier haben, und eh alle Filme gemacht werden. Also lassen wir das lieber.

Also, ein bisschen Nebenerwerbs-Clownerie, so eine Wochenend-Show vielleicht, Kindergeburtstage und Firmenfeiern? Oder auch einfach nur als Hobby, ohne Absicht, davon reich zu werden? Mal sehen.

Wenn man keine Clowns in seinem Freundeskreis hat, wobei ich Profis meine und nicht den üblichen Scherzkeks aus dem Kreis der Arbeitskolleginnen oder vom Stammtisch, dann tut man sich schwer. Denn, wie eine einfache Recherche ergibt: Clowns-Kurse sind in der Regel sauteure Ein- oder Mehr-Wochenend-Veranstaltungen. Und da geht es nicht darum, „wie werde ich Profi-Clown mit Mega-Show“, sondern eher nur darum, den eigenen inneren Clown zu entdecken und den im Alltag einzusetzen, wofür auch immer. Vielleicht noch als Ergänzung zu einer Theater-Ausbildung. Viele dieser Kurse richten sich sowieso nur an Kinder und Jugendliche (vermutlich ist es nämlich einfacher, diese Zielgruppe dazu zu bringen, die Sachen zu machen, die ein Clown eben so macht).

Wer es sich leisten kann, besucht eine der Clownschulen in Deutschland. Die sind natürlich dann im vierstelligen Kostenbereich zu finden.

Die Alternative wäre ja Training on the Job. In den letzten Jahrzehnten ist nämlich noch ein weiterer Bereich hinzu gekommen: die Klinik. In fast allen größeren Krankenhäusern findet man so genannte Klinik-Clowns. Und wer sich noch an den Einstieg vor ca. einer Dreiviertelstunde erinnern kann, eines der Google-Suchergebnisse handelte ja von den Rote-Nasen-Clinic-Clowns. Da stand doch was von „Wie wird man Clowndoctor?“

Mal sehen, da gibt’s vielleicht eine Ausbildung?

Falsch geraten:

„ROTE NASEN Clowndoctors sind Künstler aus dem Bereich der darstellenden Kunst (Schauspiel, Kindertheater, Kabarett, Musik, Pantomime, Akrobatik,..) mit Spielerfahrung. Wenn Sie interessiert sind ROTE NASEN Clown zu werden und die entsprechende Ausbildung sowie Berufserfahrung mitbringen, bewerben Sie sich bitte bei unserem Clownmanagement.“

Clown-Management… ja, die überlassen nichts dem Zufall, die nehmen keinen x-beliebigen Komiker von der Straße. Und in einer dreimonatigen Zusatz-Ausbildung lernt man dann das klinische zu seinem Clown dazu. Auch das sind Vollprofis, also nichts für ehrenamtliche Hobbyclowns. Ich habe übrigens bei einer der deutschen Clownschulen sogar die Möglichkeit gefunden, die Clowns-Ausbildung mit einem (etwas kryptischen) Bachelor-Studium zu verbinden, wo man dann so etwas wie ein akademischer Clinic-Clown wird.

Aber, wenn man diese Möglichkeiten nicht hat, oder nicht nutzen möchte, sondern einfach nur Spaß am Clownen haben? Einfach nur ausprobieren hat leider den Nachteil, dass man da vermutlich nicht besonders authentisch rüberkommen wird, wenn man nicht gerade ein Naturtalent ist – und dann hat man sowieso vermutlich schon längst eine Schauspiel-Ausbildung.

Das Clownswesen aus Büchern zu lernen, ist vermutlich höchstens als Plan C geeignet, aber besser als nichts. Das erwähnte Buch Creative Clowning ist hier schon mal ein guter Anfang. Man findet nämlich viele wichtige Grundsätze und Überlegungen, auf die man selbst nicht sofort gekommen wäre, etwa zum Thema Kleidung und Ausrüstung. Und natürlich zur Erstellung seines einzigartigen persönlichen Clowns-Charakters. Und die vielen Regeln, die man beachten muss, um als Clown positiv rüberzukommen. Man will ja die Leute zum Lachen bringen und nicht zum Weinen.

Apropos: egal, wie und wo man im Netz nach Clowns sucht, ein Begriff taucht leider immer wieder auf: die Coulrophobie. Offenbar scheint es viele Menschen zu geben, die Angst vor Clowns haben. Vermutlich liegt es daran, dass die übertriebene Schminke und die auffällige Kleidung auf manche abschreckend wirkt. Zumindest ist sie deplatziert. Und das soll sie ja auch sein. Im geschützten Umfeld des Zirkus oder Theaters macht das wohl weniger aus, weil man dort ja auf Ungewöhnliches eingestellt ist, aber auf der Straße kann man sich schon manchmal wundern, wenn da ein Clown auftaucht. Darum ist es umso wichtiger für Clowns, sich darauf ein

Jetzt aber von der Coulrophobia zur Zoophonia:

Musik 5:

Interpretin: COUCOU, Track: Fharmony (zoophonia), Länge 3:49

Beitrag 5: Fazit

Am Ende der Sendung bleibt mir nur noch festzustellen, dass es sich um ein umfangreiches Thema handelt, alleine mit der Geschichte des Clownens in der Vormoderne könnte man eine ganze Sendung füllen. Leider gibt es dafür kaum Material zur Gegenwart im Hier und Heute. Die berühmten Clowns sind schon alle Geschichte, im Zirkus und auch im Film. Heute ist diese Art von Humor offenbar nicht mehr so gefragt wie in den vergangenen beiden Jahrhunderten.

Ist die Kritik an der Gesellschaft verschwunden oder hat sie nur andere, vielleicht sogar weniger lustige, Formen angenommen? Hat das Scheitern keinen Raum mehr, weil wir alle perfekt sein wollen? Oder müssen die Clowns sich diesen Raum erst wieder zurück holen? Traut man sich nicht mehr zu lachen? Oder sind die Vehikel des Humors andere geworden – wurde der körperliche Clown durch etwas Virtuelles ersetzt?

Auch diese Fragen – die natürlich zutiefst kulturwissenschaftlich sind – müssen gestellt werden. Aber nicht mehr in dieser Sendung.

Übrigens: Einer der Gründe, warum ich so lange zur Vorbereitung dieser Sendung benötigt habe, ist, weil ich leider zwischendurch immer wieder Witze lesen musste, die heimtückisch zwischen den Texten verstreut waren, manchmal waren sogar ganze Witz-Seiten verlinkt.

Und noch ein übrigens: der Grund, warum ich meine Sendungen am liebsten komplett vorschreibe ist schlicht der, dass auch die guten Comedy-Programme peinlich genau vorgeschrieben werden, geprobt und abgeändert und immer verbessert.

Im gar nicht so tiefsten Innern bin ich auch nur ein Clown, der euch unterhalten will und in der Spontan-Moderation könnten die ganzen schönen Sätze und Bemerkungen und Seitenhiebe und all das nie so präsentiert werden.

Doch von der Nabelschau zum Fazit der Sendung:

Der Clown ist ein wichtiger Bestandteil aller Kulturen, zu allen Zeiten. Er oder sie oder es hält der Gesellschaft einen Spiegel vor, das Scheitern, das Versagen bringt uns zum Lachen, zeigt aber auch, dass es auch anders geht, dass diese Welt nicht perfekt ist und wir auch nicht.

Aber mit dem Clownen verhält es sich in Österreich offenbar wie mit dem Journalismus: es gibt eigentlich keine Ausbildung dafür, man muss es einfach machen. Ich stelle jetzt einfach mal die Forderung in den Raum, so etwas wie FREIRAD für Clowns müsste sich entwickeln.

Vielleicht entsteht das ja aus dem Clowns-Café, einer offenen Veranstaltung, die derzeit am letzten Sonntag jedes Monats ab 15 Uhr im Café Dezentral stattfindet. Da können alle hinkommen, die spielen, lachen und Spaß haben wollen. Verkleidung ist vorhanden, wer selbst was mitbringt, umso besser. Das gilt auch für Essen und Getränke.

Und ich wünsche mir Gratis Clown-Kurse. Denn es sollten viele Leute den Clown in sich entdecken, damit die Welt ein wenig fröhlicher wird.

Und jetzt mein cooler Schluss-Satz27:

„Clowns machen sich eine Freude, durch prälogische Paradoxien zu verblüffen und uns verwirrt zurückzulassen“.

Abmoderation:

So, aber nun genug hinterfragt für heute. Ich danke euch herzlich fürs Zuhören und hoffe, die Sendung hat euch wieder gefallen.

Und nochmals der Hinweis die Internet-Seiten zur Sendung:

Kritik, sowohl negative als auch positive, Wünsche und Anregungen könnt ihr gerne an mich per eMail senden: radio -at hinterfragt -punkt- at.

Und wer die Sendung nachlesen möchte: die begleitende Website ist zu finden unter hinterfragt.at, dort könnt ihr auch Kommentare zur Sendung abgeben. Ihr findet hier auch wieder reichlich Fußnoten, denn hinterfragt. das kulturwissenschaftliche Magazin ist die Sendung mit den Fußnoten.

Außerdem könnt ihr mir auch auf Twitter folgen @hinterfragtAT oder auf Facebook unter hinterfragt.

Und nun verabschiede ich mich und wünsche euch noch eine gute Zeit.

Das war Ewald Strohmar-Mauler mit der Sendung hinterfragt. Das kulturwissenschaftliche Magazin live auf FREIRAD 105.9, dem Freien Radio in Innsbruck.

Abspannmusik:

Interpretin: Mario Torre, Track: IL CLOWN E L’ANGELO, Länge: 07:12

Sendung anhören

1Q: Merriam Webster Dictionary

2http://de.wikipedia.org/wiki/Clown, zuletzt geprüft am 06.10.2013.

3http://en.wikipedia.org/wiki/Clown, zuletzt geprüft am 06.10.2013.

4http://www.merriam-webster.com/dictionary/clown?show=0&t=1381060492, zuletzt geprüft am 06.10.2013.

5Fife, Bruce (Hg.) (1991): Creative clowing. Colorado Springs, CO: Piccadilly Books.

6ebd. S.13

7vgl. ebd. S14

8ebd.

9Barloewen, Constantin von (1981): Clown. Zur Phänomenologie d. Stolperns. Königstein/Ts: Athenäum, S. 9ff.

10vgl. Anm.4

11S.14

12vgl. ebd. S.15

13wie Anm. 9

14ebd. S.11

15ebd. S.12

16 vgl. ebd. 36

17 ebd. S.16

18ebd. S. 15

19ebd. S.39

20ebd. S.47

21vgl. ebd. S.83

22ebd. S.93

23ebd. S.94

24vgl. ebd. S.107

25ebd.121

26ebd. 125

27Constantin von Barloewen. ebd. S136

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