Sendung vom 12. November 2013: MOOCs

Ich begrüße euch, liebe Hörerinnen von FREIRAD 105.9, dem freien Radio in Innsbruck! Am Mikrofon ist wieder Ewald Strohmar-Mauler mit „hinterfragt.„, dem kulturwissenschaftlichen Magazin.

Heute geht es um [sound einspielen Moo]

nein, nicht um Kühe, der Kollege hat eine etwas undeutliche Aussprache. Es geht um MOOCS.

Auch nicht besser, meint ihr? MOOC ist die Abkürzung für:

Massive Open Online Course. Zu deutsch also, wenig aufregend, einen Massiven Offenen Online Kurs. Ja, nicht einmal die Wikipedia bietet eine Übersetzung an, sondern nur die lapidare Erklärung:

Der Begriff Massive Open Online Course (MOOC) bezeichnet eine spezielle Form von Onlinekursen mit sehr vielen Teilnehmern.


Dafür gibt es eine nette kritische Grafik. Dazu aber mehr nach dem folgenden Musikstück:

Musik 1:

Interpretin: Master M, Track: 2, Länge 05:00

Beitrag 1: Überblick

Alle diejenigen, die sich in der Zwischenzeit die erwähnte Grafik in der deutschen Wikipedia angesehen haben, haben sich sicher über die 18 Fragezeichen in der Grafik gewundert, jeder der vier Buchstaben M-O-O-C wird hinterfragt. Grundsätzlich habe ich ja, wie ihr wisst, nichts gegen das Hinterfragen an sich, aber leider ist weder der Artikel noch die Grafik enzyklopädisch-neutral gehalten, sondern versuchen offenbar, uns die Fragwürdigkeit von MOOCs einzureden, und ich würde den Artikel gern zur Löschung vorschlagen.

Als Alternative werde ich euch jetzt mal am Besten einen Überblick darüber geben, was MOOCs tatsächlich sind und was wir davon haben können, wenn wir uns darauf einlassen.

MOOC ist also wie gesagt die Abkürzung für Massive Open Online Course. Der Begriff entstand offenbar im Vorfeld eines der ersten derartigen Kurse, den George Siemens und Stephen Downes im Jahr 2008 an der University of Manitoba gegeben haben1. Die einzelnen Bestandteile des Begriffs stellen sich wie folgt dar:

Massive bedeutet eine quasi unbeschränkte Anzahl möglicher Teilnehmerinnen. Also im Gegensatz von offline-Kursen, die auf 30 Menschen beschränkt sind, weil z.B. Seminarraum 5 eigentlich schon mit 20 überbelegt ist, aber den Seminarraum 8 braucht leider Professor X, das kennen wir ja vermutlich alle. Bei MOOCs fängt der Spaß bei 1000 Leuten erst so richtig an. Natürlich entsteht hier auch eine entsprechende Dynamik, doch davon später.

Open steht für fehlende Zugangsbeschränkungen: wenn man über einen Internetzugang verfügt, ist man dabei. Und die Kurse sind in der Regel kostenlos, die Teilnahme-Bestätigung gibt’s als PDF zum Herunterladen, bei manchen Kursen kann man aber für z.B. $49 ein „echtes“ Zertifikat mit Stempel und Unterschrift erwerben.

Online ist selbsterklärend, denke ich. Wobei es sich hier anbietet, kurz auf die üblichen Elemente dieser Kurse einzugehen: die einzelnen Kurseinheiten werden meist aus Videos in handlicher Länge von 5-15 Minuten bestehen, dazu meist auch weiter führende Literaturhinweise, weiters einem betreuten Forum für Fragen aller Art, thematisch oder auch technisch, meist bilden sich hier auch noch Grüppchen, etwa nach regionaler Nähe. Und dann gibt es natürlich auch verschieden gestaltete Testfragen und sonstige Aufgaben. Soweit also die online verfügbaren Kursbestandteile.

Und das C vom MOOC, der Course ist eben der Kurs, die Lehrveranstaltung an sich. Wobei es sich eben nicht nur um eine mitgefilmte Vorlesung handelt, sondern um eigens produzierte, kürzere und didaktisch überlegte Einheiten, die den Vortragenden und ihren Teams dann doch einiges an zusätzlicher Zeitinvestition abverlangen. Dazu kommen natürlich noch die erwähnten Quizfragen und Aufgaben, die die Teilnehmerinnen erledigen müssen, um den Kurs erfolgreich abzuschließen. Die Auswertung dieser Tests ist unterschiedlich, von maschinell korrigierbaren Multiple‑Choice‑Frage‑bögen bis hin zu Aufgaben, die von den Kommili‑toninnen bewertet werden (peer assignments).

Über die Kurse an sich und die Kritik daran werde ich später in der Sendung noch zu sprechen kommen, vorher möchte ich jedoch noch einige Worte zur Geschichte der MOOCs und ihre Anbieter sagen.

Eigentlich ist ja Online Education nichts ganz Neues. Bereits 2007 hat die University of Phoenix ein online degree program gestartet2, aber erst seit 2012 hat sich die Wertigkeit solcher Kurse von „ganz interessant“ bis hin zum Begriff des „Bildungs-Tsunamis“ gewandelt. Das MIT und Harvard University haben nämlich das Unternehmen Coursera gegründet, um interaktive Kurse, eben MOOCs, anzubieten, und viele namhafte Universitäten bzw. deren Professorinnen bieten jetzt über diese Plattform Kurse in den verschiedensten Fachrichtungen an. Dass dies natürlich auch Anlass zu fachlichen Diskussionen über die Zukunft des tertiären Bildungsbereichs bietet, ist klar. Darüber möchte ich aber etwas später berichten. Ganz aktuell ist nämlich, dass dieser so genannte Bildungs-Tsunami mittlerweile auch Europa erreicht hat. Dies ist meiner Meinung nach aber weniger dem europäischen Bildungssystem zu verdanken, als eher der rasanten Entwicklung der social media, die ein wesentlicher Bestandteil gerade von MOOCs sind.

Denn es stehen zwar die Lektionen im Mittelpunkt, darum herum ist aber ein Netz kollaborativer Zusatzfeatures gesponnen, wie eben Foren-Teilnahme, die von „gerne gesehen“ bis „verpflichtend“ reicht, über Facebook- und Twitter-Accounts der Lehrenden, der Kurse und der Teilnehmerinnen, bis hin zu Blogs mit der selben Urheberschaft und Zielgruppe3. Und gerade diese interaktiven Möglichkeiten machen die Attraktivität der MOOCs aus, denke ich. Denn natürlich haben moderne Veranstaltungen auf Präsenzunis ebensolche zusätzlichen Möglichkeiten der Teilnahme, doch sind diese eingeschränkt auf die eingeschriebenen Studierenden und vor allem die technischen und somit auch finanziellen Möglichkeiten der anbietenden Universität, während bei den Anbietern von MOOCs offenbar Geld keine Rolle spielt, wenn man sich die technische Ausstattung etablierten Unternehmen wie Coursera oder edX ansieht.

Dies fällt vor allem bei einem Neuling auf dem Gebiet auf, bei dem offenbar ersten deutschen MOOC-Unternehmen iversity, das erst vor wenigen Wochen gegründet wurde4. Hier fallen den geübten MOOCern natürlich schon fehlende Untertitel oder eine wenig mitmachfreudige Strukturierung auf. Aber sowas kann im Forum sofort deponiert werden und Lösungen werden sehr schnell gesucht und manchmal auch schnell gefunden… an einer normalen Uni muss man hierzu vermutlich zunächst erst ein Formular ausfüllen und warten, bis der technische Dienst dann mal Zeit hat.

Wofür ihr aber kein Formular braucht, ist die nächste Musiknummer:

Musik 2:

Interpretin: Grace Valhalla, Track: Smiles, Länge 04:55

Beitrag 2:Selbstversuch

Warum ich eigentlich das Thema MOOC gerade jetzt aufgreife, hängt damit zusammen, dass ich selbst mit MOOCs in letzter Zeit ein wenig eigene Erfahrung gesammelt habe. Da meine Abschlussarbeit zum BA in Kulturwissenschaften derzeit in Hagen begutachtet wird, und ich noch nicht entschieden habe, ob und was ich weiter studieren will, habe ich mich mal zur Überbrückung in mehrere MOOCs eingeschrieben.

Begonnen hat diese Leidenschaft eigentlich damit, dass ich im Internet schon in diesem Sommer nach in Frage kommenden Fernstudien bzw. distance learning gesucht hatte. Eigentlich war ich auf der Suche nach etwas im Bereich Kunstgeschichte, aber dann fand ich eine Plattform mit dem Namen Coursera, bei der vor kurzem etwas zum Thema Kunstvermittlung begonnen hatte, und zwar „Art and Inquiry: Museum Teaching Strategies For Your Classroom“ vom Museum of Modern Arts, wow.

Naja, mitten einsteigen wollte ich da nicht, aber der Kurs schien öfter angeboten zu werden, also registrierte ich mich mal und setzte den Kurs auf die Merkliste. Aber euer Hinterfrager wäre ja nicht er, wenn er dann auf Schließen geklickt und die Sache auf Eis gelegt hätte. Ich ging also die Kursliste durch und fand einen Kurs mit dem Titel „Archeology’s dirty little secrets“, welcher in Kürze beginnen sollte. Dieser acht Wochen dauernde Kurs sollte die Grundlagen des archäologischen Denkens vermitteln. Naja, dachte ich, acht Wochen, das geht ja.

Und das war mein erster MOOC, und ich kenne mich jetzt aus mit Stratigrafie, kann euch eine einfache Harris-Matrix zeichnen und weiß über die ethischen Implikationen der öffentlichen Ausstellung von Überresten Bescheid. Außerdem habe ich jetzt das US-Standard-Textbook zum Thema Archäologie im Regal und eine Teilnahmebestätigung von Coursera in der Schublade.

Aber damit nicht genug. Das mit der teilnehmenden Beobachtung ist ja so eine Sache… ich fand ja dort auch Sachen über die Architektur der Renaissance. Oje, wird von einer italienischen Uni angeboten, das kann dauern, bis der Kurs beginnt, egal, melden wir uns mal an. Und dann noch zu „The Modern World: Global History since 1760“, kann nicht schaden, das mal aus US-Sicht zu hören.

Oh, „Plagues, Witches, and War: The Worlds of Historical Fiction“. Das trifft sich gut, dachte ich, historische Romane sind eh die einzigen, die ich lese, vor allem, wenn sie Krimis sind. Und der beginnt in wenigen Tagen… schreib ich mich doch gleich ein!

Dies ist also einer der Kurse, die ich derzeit besuche, und genau wegen dieses Kurse habe ich auch dieses Thema für die heutige Sendung aufgegriffen. Der Professor wurde nämlich von einem Journalisten zum Thema MOOCs angesprochen, offenbar gab es an der University of Virgina, die diesen historical-fiction-MOOC veranstaltet, im Vorjahr einen Eklat wegen unterschiedlicher Ansichten zum Thema online courses zwischen verschiedenen Stellen an dieser Uni. Prof. Holsinger ersuchte uns Teilnehmerinnen an diesem Kurs, unsere Meinung zum Thema MOOC im Forum zu erläutern, und zwar genauer zu den Fragen (übersetzt und gekürzt):

a) In welchem Ausmaß sind deine Gefühle und Erfahrungen zu MOOCs von den Diskussionen darüber in den Medien beeinflusst? Siehst du MOOCs als zerstörerisch oder revolutionär für die Universitäten an?

b) Siehst du MOOCs als Beispiel der „digitalen Innovation“? Werden sie als eine solche innovative technologische Lösung beschrieben und vermarktet, und bezieht sich online education primär auf MOOCs?

c) Glaubst du, dass die Zeit , Energie und Ausgaben, die von Universitäten in MOOCs investiert werden, gerechtfertigt sind?

In den vier Tagen zwischen der Fragestellung und meinem Abspeichern des Forenthreads für die Sendungsvorbereitung kamen so viele Antworten dazu, dass ich 65 Seiten Ausdruck vor mir liegen habe.

Die Auswertung der Antworten gibt, glaube ich, ein gutes Bild von jenen Menschen, die MOOCs besuchen, ihren Beweggründen und Erwartungen. Denn da Prof. Holsinger explizit auf die persönlichen Erfahrungen abgestellt hat, kam hier natürlich auch sehr viel Persönliches. Zu beachten ist hier allerdings schon, dass es sich bei Plagues, Witches, and War: The Worlds of Historical Fiction natürlich um ein Thema handelt, welches im Bereich der Geisteswissenschaften angesiedelt ist und nicht in der Technik, Informatik oder Naturwissenschaften, wo man mit etwas anderem Publikum zu rechnen hat.

Das Publikum dieses Kurses ist international, wenn auch überwiegend aus anglophonen Ländern. Die meisten haben einen Universitätsabschluss, hauptsächlich geisteswissenschaftlich, Sprachen, Lehrerinnen. Viele davon sind pensioniert und bezeichnen sich als lifelong learners. Der Kurs wurde aus Interesse gewählt, viele schreiben selber und erwarten sich zusätzliches Knowhow von den eingeladenen Gastautorinnen. Mehrere haben etwas völlig anderes studiert und gearbeitet, wollten aber immer schon schreiben usw

Interessant ist, dass doch die Mehrzahl noch keinen oder vielleicht einen MOOC besucht haben, die richtigen MOOCoholics findet man noch eher selten. Auch die Rezeption in den Medien scheint nicht nur in Europa, sondern auch in den USA eher gering zu sein, man entdeckt die MOOCs eher zufällig als gezielt. Und ja, es ist eine bildungstechnische Innovation, wird aber die klassischen Kurse nicht ablösen. Soweit also die Kommentare der Teilnehmerinnen. Vielleicht ist aber eine gewisse vorsichtige, fast konservative Haltung auch nur aufgrund des etwas höheren Durchschnittsalters zu finden.

Zum Abschluss dieses Beitrags noch schnell ein Wort zu meinen eigenen MOOC-Teilnahmen. Da inzwischen, wie erwähnt, auch iversity bereits aktiv ist, mit über 100.000 Teilnehmerinnen, habe ich mich auch dort für mehrere Kurse eingeschrieben, aktuell sind dies „The Future Of Storytelling“ und „Political Philosophy: An Introduction„.

Von einem anderen iversity-Kurs habe ich mich wieder abgemeldet, da dieser sich rein an Studierende richtet, die in Kleingruppen soziale Projekte verwirklichen wollen, für mich also leider nicht geeignet, außerdem wird hier das erste O, das „open“ des Akronyms MOOC, missachtet. Da höre ich mir lieber das nächste Musikstück an

Musik 3:

Interpretin: Stefano Mocini, Track: un viaggio lungo un sogno , Länge 03:17

Zwischenmoderation:

Für alle, die sich erst später zugeschaltet haben:

Hier ist „hinterfragt„, das kulturwissenschaftliche Magazin live auf FREIRAD 105.9, dem freien Radio in Innsbruck! Mein Name ist Ewald Strohmar-Mauler.

Und ich beschäftige mich heute mit dem Thema MOOCs oder Massive Open Online Courses, also frei zugängliche Lehrveranstaltungen aller Art im Internet. Bisher habe ich mal den Begriff ein wenig erläutert und meine eigenen Erfahrungen dazu auf den Plattformen Coursera und iversity.

Beitrag 3: Überlegungen

Jetzt kommen wir, wie angekündigt, zu den kritischen Überlegungen zum Thema MOOC. Handelt es sich wirklich um einen „Bildungs-Tsunami“? Was sind die Vorteile, die Nachteile zum klassischen Unterricht? Natürlich sollte man das jetzt nicht auf die Universitäten beschränkt sehen, wo man hier ja schon nicht mal die klassische „Vorlesung“, sagen wir mal in einem 1. Semester Jura mit vielleicht 300 Hörerinnen im Saal mit einem Master-Kolloquium vergleichen kann. Sondern ein wenig allgemeiner und auch mit dem Blick auf eine vielleicht nicht mal so ferne Bildungs-Zukunft.

Ich werde diese Überlegungen vielleicht wieder anhand der 4 Buchstaben M-O-O-C angehen.

M steht für Massive.

Was ist „massiv“? Sind das 100, 1000 oder 10.000 Teilnehmerinnen? Allgemein wird hier wohl von mindestens 4-stelligen Teilnehmer­innen­zahlen ausgegangen. Jetzt fragt ihr euch vielleicht, wie man da als Lehrende noch den Überblick behalten soll. Einfache Antwort: gar nicht. Die Vortragsvideos sind natürlich Frontalvorträge, und je nach Kameraführung hat man vielleicht das Gefühl, der Professor sitzt bei dir im Wohnzimmer und erzählt dir persönlich sein Ding, oder eben im Gegenteil. Prof. Fulvio Cerutti z.B., der auf iversity den MOOC über politische Philosophie5 hält, meint lapidar zu Beginn „You can see me, but I can’t see you …“ und lässt auch keinen Zweifel daran, dass dieses Medium für ihn noch in den Kinderschuhen steckt. Trotzdem finde ich, dass es ihm hoch anzurechnen ist, dass sich er als Emeritus noch auf dieses Abenteuer einlässt.

Überblick gibt es also bei 10.000 MOOCern keinen, denn selbst mit Aufbietung aller möglichen Tutorinnen und studentischen Hilfskräften können die Foren nur sporadisch bearbeitet und die Arbeiten nur maschinell korrigiert oder durch peer reviews ausgewertet werden.

Der Buchstabe O für Open lässt für manche vielleicht an allen Ecken und Enden zu wünschen übrig. Verfechterinnen von Open Content, Open Source und Open Whatnot werden vermutlich mit den Zähnen knirschen, dass die Kursinhalte nicht in ihrem Sinne offen sind, sondern nach wie vor copyrighted material der Veranstalterinnen. Offen sind sie allerdings im Sinne von offenem Zugang, ohne Gebühren, Voraussetzungen usw. Theoretisch kann ich mich auch zwei Wochen vor Ende eines Kurses über höhere Versicherungsmathematik in diesen einschreiben. Ob ich auch nur ein Wort davon verstehe, ist meine Sache.

Das Online-O birgt ebenfalls einige interessante Aspekte: erstens habe ich festgestellt, dass im Gegensatz zur landläufigen Meinung, die davon ausgeht, dass die Leute sich ins Internet flüchten, um anonym ihren Trieben und Leidenschaften nachzugehen, dieser Drang nach Anonymität für MOOCs offenbar nicht gilt. Die Menschen registrieren sich mit ihren echten Namen (klar, wer will schon das Zertifikat auf Donald Duck ausgestellt haben) und sie kommunizieren in den Foren richtig und konstruktiv miteinander. Ohne Flamewars, blöden „Lies doch zuerst die FAQ“-Ansagen und andere bekannte Phänomene! Und auch der Drang zur Bildung von realen Lerngruppen ist immer zu finden. Das kannte ich zwar bereits von der Fernuni, aber ich war dann doch verwundert, dass sich das auch in einem 8-wöchigen Kurs so abspielt.

Und nun das C. Von einem Kurs auf universitärem Niveau erwartet man sich natürlich auch einiges. Das Zertifikat ist das Mindeste, manche gehen ja davon aus, dass möglichst viele solche Zettel bei der Jobsuche helfen. Stimmt zwar nach meiner persönlichen Erfahrung nicht, aber trotzdem finde ich, dass eine Teilnahmebestätigung schon drin sein sollte. Dass dann manche aber gleich nach anrechenbaren Punkten, etwa ECTS, rufen, finde ich dann schon ein wenig gewagt. Denn hierfür müsste man ja auch echte Prüfungen haben und vor allem die Gewissheit, dass diejenigen, welche den Test ausgefüllt haben, auch tatsächlich die sind, für die sie sich ausgeben, und alles auch allein und nur mit den angegebenen Hilfsmitteln etc blabla erarbeitet haben. Und wenn man ganz pingelig ist: echte Bildung ist das ja eh keine, so einen Multiple-Choice-Test ausfüllen und 3 Tage später kannst dich nicht mehr erinnern. Dafür geht das Ganze einfach zu schnell, vor allem als berufstätiger Mensch hat man kaum die nötige Zeit, sich intensiv mit der Materie zu beschäftigen.

Doch zu den Kursen ganz allgemein: hier gibt es etwa die Kritik, dass

[…] none of the major MOOC providers have hired anyone trained in […] the learning sciences, educational technology [etc]. They are hiring a lot of programmers“ 6

Und ich möchte hinzufügen: „and web designers“, denn die Seiten sehen alle sehr professionell aus, und die Video-Einbettung funktioniert gut, eine schnelle Internet-Verbindung vorausgesetzt. Was übrigens in vielen nicht so westlichen Ländern leider nicht der Fall ist, wodurch der Online-Aspekt etwas leidet, wenn sich Teilnehmerinnen aus Indien die Filme erst runterladen müssen, weil Streaming einfach nicht funktioniert. Dann gibt es oft auch keine Untertitel, was z.B. bei eingespielten Interviews via Skype aber vielfach nötig wäre, usw.

Aber ich denke mir dann immer: „vor 20 Jahren hätte es so ein MOOC nicht mal ansatzweise geben können, also was soll’s!“

Diese Sendung hat es übrigens vor 20 Jahren auch nicht gegeben.

Musik 4:

Interpretin: Paolo Pavan & Pasqualino Ubaldini, Track: Passeggiata _La Promenade, Länge 04:33

Beitrag 4: Conclusio

Nun, die Zeit ist schon einigermaßen fortgeschritten, aber es bleibt uns nur noch ein bisschen für Schlussfolgerungen.

Ich bin ja kein Experte für Bildungsfragen, aber ich denke, wir können uns alle ungefähr vorstellen, wie die Geschichte weiter gehen kann.

Fakt ist ja, dass bereits einige US-amerikanische Universitäten dazu über gegangen sind, einige der 101s, also der Einsteigermodule ihrer Präsenz-Kurse, durch MOOCs zu ersetzen, wenn also z.B. Stanford den Jura-Einstiegskurs online anbietet, warum sollte da nicht eine staatliche Winzig-Uni im Mittelwesten etwa, die notorisch Geldmangel hat, diesen nicht anbieten. Ich denke, dass dies im Bereich der Studieneingangsphase doch auch bei uns durchaus auch Sinn machen könnte. Nur für die Prüfungen muss man sich dann natürlich was einfallen lassen. Eine Vorauswahl vielleicht durch die Tests im MOOC – wer diese nicht besteht, sollte sich vermutlich ohnedies ein anderes Studium suchen – und die Übrigen machen dann eben den Test vor Ort.

Wie so etwas funktionieren kann, sieht man an einer Art Zwischenform: in Österreich bietet die Johannes-Kepler-Uni in Linz das Diplomstudium in Rechtswissenschaften als multimediales Fernstudium an7, bei welchem die Studieninhalte auf DVDs geliefert werden und einige Tests auch über eine Software laufen. Ähnlich ist es ja auch bei anderen Fernstudien, etwa auf der FernUniversität in Hagen, die schon seit den 70er Jahren Studienmaterial auf Papier nach Hause sendet, aber ebenfalls langsam zu multimedialen und online-Inhalten übergeht.

Aber es geht eben bei diesem Modell trotzdem nicht ganz ohne Präsenzphasen und Präsenzprüfungen. Das ist mir persönlich zwar für Prüfungen klar, denn hier geht es ja um Nachvollziehbarkeit, aber was nun für die Studierenden die großen Vorteile von Präsenzveranstaltungen sein sollen, die nur dazu da sind, Professorinnen und Kommilitoninnen kennen zu lernen, entzieht sich meinem Verständnis. Diskutieren kann man auch in einem Forum, wie man nicht nur in den MOOCs, sondern etwa in den Moodles der Fernuni sieht. Und es gibt sogar zwei von der Fernuni unabhängige private Foren für Fernuni-Studierende, wo nun wirklich alles diskutiert wird, von Fachlichem und Organisatorischem bis hin zu privaten Dingen, wie in jeder beliebigen Präsenz-Uni-Mensa. Ist es etwa nicht echt, wenn man die Menschen nicht angreifen kann? Wenn man sich nicht abends wo trifft und dann nach Rauch stinkend nach Hause kommt?

Manchmal habe ich schon auch selbst oder aus Forenbeiträgen den Eindruck gewonnen, dass ein Fernstudium und erst recht ein MOOC weniger Anerkennung in der Öffentlichkeit findet als ein Präsenzstudium oder sogar ein Kurs auf der Volkshochschule.

Oder dienen Präsenzveranstaltungen etwa nur zur Rechtfertigung des universitären Personalaufwandes? Die Lehrpersonen müssen natürlich in realiter vorhanden sein, Prof. Avatar geht eben nicht, aber man findet auch den kompletten akademischen Mittelbau bis hin zu studentischen Hilfskräften, sogar in weniger belegten Fächern wie etwa Philosophie. Hier könnte man schon stutzig werden. Was machen die denn den ganzen Tag, wenn sie nur ab und zu mal eine Präsenzveranstaltung haben?

Ich weiß durch persönliche Gespräche mit Professorinnen der Fernuni in Hagen, dass es gerade dieser Umstand ist, welcher sie sogar gute Angebote von renommierteren Unis ablehnen ließ: man hat viel mehr Zeit für Forschung, wenn die Lehre nicht soviel Zeit auffrisst. Abgesehen davon sind Fernstudierende meist älter und reifer und stehen im Berufsleben, was durch eine andere Motivationsbasis auch eine ganz andere Ebene der Kommunikation zulässt.

Apropos motiviert: ich sollte auch noch einen anderen, ganz wichtigen Effekt von online-Studien erwähnen. In Ländern, deren tertiärer Bildungssektor aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen noch nicht so entwickelt ist, sind Fernkurse und MOOCs oft die einzige Möglichkeit für die Menschen, an Bildung heran zu kommen, bei MOOCs sprechen die Teilnehmerinnenzahlen von Menschen aus Asien und Lateinamerika hier eine ganz klare Sprache. Und diese Menschen sind wirklich motiviert.

Dieser Ausflug in meine persönlichen Fernkurs-Erfahrungen bringt mich auch schon zum meinem Schlusswort:

ich wünsche mir mehr Fernkurse, separat für bestimmte Wissensgebiete oder auch als Teil von Studienfächern. Ich wünsche mir die offizielle und gesellschaftliche Anerkennung von Fernkursen, und auch deren Integration in langfristige Pläne für das europäische Bildungssystem. Für mich wäre es eine wunderbare Sache, mir mein Studium aus verschiedenen Modulen in verschiedenen Ländern zusammen zu stellen. Vielleicht kommen wir da ja noch mal hin.

Von der Zukunftsmusik zu richtiger Musik:

Musik 5:

The Nuri – Polar bear – 05:45

Abmoderation:

So, aber nun genug hinterfragt für heute. Ich danke euch herzlich fürs Zuhören und hoffe, die Sendung hat euch wieder gefallen.

Und nochmals der Hinweis die Internet-Seiten zur Sendung:

Kritik, sowohl negative als auch positive, Wünsche und Anregungen könnt ihr gerne an mich per eMail senden: radio -at hinterfragt -punkt- at.

Und wer die Sendung nachlesen möchte: die begleitende Website ist zu finden unter hinterfragt.at, dort könnt ihr auch Kommentare zur Sendung abgeben. Außerdem könnt ihr mir auch auf Twitter folgen @hinterfragtAT oder auf Facebook unter hinterfragt.

Und nun verabschiede ich mich und wünsche euch noch eine gute Zeit.

Das war Ewald Strohmar-Mauler mit der Sendung hinterfragt. Das kulturwissenschaftliche Magazin live auf FREIRAD 105.9, dem Freien Radio in Innsbruck.

Und nun viel Spaß mit den Legends of Rock.

 

Sendung anhören

1vgl. Robes, Jochen (2002): Massive Open Online Courses: Das Potenzial des offenen und vernetzten Lernens. In: Handbuch E-Learning, 42.Erg.-Lfg Juni 2012. Köln: Dt. Wirtschaftsdienst, S. 1–19.

2BROOKS, DAVID (2013): The Campus Tsunami. Online verfügbar unter http://www.nytimes.com/2012/05/04/opinion/brooks-the-campus-tsunami.html?_r=0, zuletzt geprüft am 26.10.2013.

3Somit ist für mich persönlich auch der Unterschied zwischen xMOOCs und cMOOCs, dem man auf theoretischen Seiten über MOOCs immer begegnet, obsolet geworden und nur eine Fußnote wert.

4Dörner, Stephan (2012): Der Bildungstsunami erreicht Europa. Online verfügbar unter http://www.wsj.de/article/SB10001424052702304106704579137090526155418.html.

5https://iversity.org/c/24?r=86a80

6vgl. Siemens 2012

7http://www.linzer.rechtsstudien.at/de/2.html

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