Sendung vom 14. Januar 2014: Paradiesvögel

Ich begrüße euch, liebe Hörerinnen von FREIRAD 105.9 MHz, dem freien Radio in Innsbruck! Am Mikrofon ist wieder Ewald Strohmar-Mauler mit einer neuen Ausgabe von „hinterfragt.„, dem kulturwissenschaftlichen Magazin.

Im Hintergrund hört ihr Geräusche aus dem indonesischen Regenwald, denn heute geht es hier um Paradiesvögel.

Wieso?, fragt ihr vielleicht, schließlich handelt es sich hier ja um eine kulturwissenschaftliche und keine naturwissenschaftliche Sendung – was haben da Vögel zu suchen?

So ähnlich dachte ich auch, als ich den Titel der aktuellen Sonderausstellung im Zeughaus1 erstmals gelesen hatte, die am 22. November 2013 eröffnet wurde und noch bis zum 23. März 2014 zu sehen ist. Doch die Tiroler Landesmuseen haben ja die naturwissenschaftlichen Belange im Ferdinandeum konzentriert, das Zeughaus ist doch eigentlich für die historischen Dinge zuständig, so dachte ich.

Nun, ich war dort und habe mir die Ausstellung angesehen. darum kann ich euch versichern, die Paradiesvögel haben neben ihrer naturhistorischen natürlich durchaus auch eine sehr vielfältige kulturhistorische Bedeutung. Einige Bilder zur Ausstellung habe ich für die Website zur Sendung hinterfragt.at von der entsprechenden Downloadseite der Tiroler Landesmuseen2 übernommen, diese werden dann ab morgen mit dem Text zur Sendung auch online sein.

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Und an dieser Stelle auch noch der entsprechende Buchtipp: im Museums-Shop gibt es das Buch „Natur- und Kulturgeschichte der Paradiesvögel“3 zu kaufen, welches vom Münchner Museum Mensch und Natur anlässlich deren Paradiesvogel-Ausstellung im Jahre 2011 heraus gegeben wurde. Teile dieser Ausstellung wurden auch vom Zeughaus entliehen.

 

Nun aber ersten Musiknummer, bevor es mit den Beiträgen los geht.

Musik 1:

Musician Toy: Paradise: 00:04:20

Beitrag 1: Überblick

Die Geschichte der Paradiesvögel ist für Kulturwissenschaftler ebenso interessant wie diese Vögel aus ästhetischer Sicht schön sind.

Paradiesvögel, als gesamter Balg oder auch einzelne Federn, waren für die indigenen Völker ihrer Herkunftsregion, also den Regenwäldern im Norden Australiens, Neuguineas und der Molukken, seit jeher wertvolles Statussymbol, Kopf- und Halsschmuck der traditionellen Tracht, aber auch Handels- und Tauschobjekt, als „Wergeld“ zur Sühne für die Familie eines getöteten Feindes und bis heute als wichtiger Teil des Brautpreises. In Neuguinea findet man die Paradiesvögel heute auch auf Geldscheinen und Briefmarken.

Die große Bedeutung der Vögel für die Papua-Bevölkerung liegt aber nicht nur in den schönen Federn, sondern weitaus tiefer. Sie wurzelt nämlich in einer „Art Seelenverwandtschaft“4 zwischen den Vögeln und den Menschen, denn die Bewohnerinnen des Hochlands von Neuguinea gehen davon aus, dass die Seelen der Menschen sich als prächtige Vögel manifestieren. Interessant ist hier, dass nicht etwa Verstorbene gemeint sind, die als Vögel wieder geboren werden, sondern tatsächlich lebende Menschen. Der Paradiesvogel wird hier offenbar als Träger der Vitalität betrachtet. Und auch wenn man von einem Paradiesvogel träumt, deutet das auf künftige Gesundheit hin.5

Die traditionell mit den Paradiesvögeln geschmückten Tänzer ahmen dann auch vielfach die Bewegungen der Vögel nach, der Balztanz der Vögel wird so zum Balztanz der jungen Männer. Der Mensch und die ihn umgebende Natur sind hier noch eine Einheit.

Daher ist es nicht verwunderlich, dass die Kolonialmächte, sobald sie Fuß auf den Inseln gefasst hatten – Neuguinea war zwischen Holland und Deutschland aufgeteilt – sofort reges Interesse daran hatten, die Paradiesvögel wirtschaftlich zu verwerten. Sie waren in den Jahren 1885-1914 neben Kokosnüssen zweit wichtigstes Exportgut, bis die Jagd auf Paradiesvögel verboten wurde. Dazu aber etwas später mehr.

Viel interessanter ist für mich aber im Zusammenhang mit der Faszination für die Paradiesvögel, dass ja wohl nicht nur die bunten Federn eine Rolle gespielt haben werden – denn solche findet man auch bei anderen Vögeln, Regenwälder gibt es ja z.B. auch in Südamerika.

Und auch der allgemeine Reiz des Exotischen kann nicht Ausschlag gebend sein, denn auch diesen findet man in vielen anderen der neu entdeckten Länder. Es war – so denke ich – vielmehr die Paradies-Komponente, so eigenartig dies für uns vielleicht heute klingen mag. Denn man darf nicht vergessen, dass die Vögel in einer Zeit entdeckt wurden, als Wissenschaft und Religion wie zwei Geschwister, die aufeinander eifersüchtig sind, neben einander her gingen und sich gegenseitig misstrauisch beobachteten. Im Symbol des Paradiesvogels begegnen sie sich: der Gedanke einer Sehnsucht nach dem Paradies wird laut, der vielleicht auch immer ein wenig bei den Entdeckungsfahrten im Hintergrund mit dabei war, die Suche nach Ländern, in denen es einfach besser und schöner wäre als im frühneuzeitlichen Europa.

Diese Sehnsucht nach einem wie auch immer gearteten Paradies existiert ja nach wie vor, wenn auch in der Neuzeit weniger als christlich-religiöse Sehnsucht nach einem perfekten Gottesreich, sondern mehr im Sinne des kulturpessimistischen Wunsches nach einem von der Zivilisation unberührten Eiland, auf welchem die Welt noch so funktioniert, wie es sich die Natur wohl ursprünglich gedacht hat. Man findet dann gerade die Südsee als Idealmodell einer solchen Region, wenn man etwa an die Gemälde von Gauguin denkt6.

Auch in der Musik habe ich dieses Phänomen der Sehnsucht nach dem Paradies vorgefunden und z.B. daran ausmachen können, dass die Suche nach Musikstücken für die heutige Sendung ausnehmend einfach war: ich habe in Jamendo einfach nur den Suchbegriff „Paradise“ eingegeben und hatte sofort Dutzende Ergebnisse.

Die Lieder heute haben daher alle den Titel „Paradise“, ich habe natürlich nicht alle mitgebracht, sondern nur einige der interessanteren ausgewählt.

Doch wieder zurück zu den Paradiesvögeln. Ich denke, ein wenig Biologie muss an dieser Stelle auch mal sein.

Paradiesvögel kommen in 17 Gattungen in den Regenwäldern Australiens, der Molukken und vor allem Neuguineas vor, wo allein 39 der insgesamt 42 Arten leben. Sie sind mit den Krähen verwandt und leben von Insekten, Feigen und Muskatnüssen, also nicht vom Nektar des Himmels, wie im 16. Jahrhundert angenommen worden war. Dazu komme ich noch später.

Das auffällige Federkleid wird von den Männchen, wie wohl nicht anders zu erwarten, zur Balz verwendet, um die Weibchen auf sich aufmerksam zu machen. Dieses Federkleid hat schon Charles Darwin zum Grübeln gebracht, der sich zu seiner Theorie der Arten-Selektion durch Überleben der am besten geeigneten Tiere schon die Frage stellen musste, wie so eine auffällige Tracht, die jedes Raubtier aus einiger Entfernung erkennen muss, denn zum Überleben beiträgt. Aus welchem Grund haben sich diese Vögel, die mit unseren doch eher farblosen Krähen nahe verwandt sind, im Laufe der Zeit diese Federn zugelegt? Darwin hat im Laufe seiner Forschungen hier eine Antwort gefunden: es sind die Weibchen, die für das Überleben der Art verantwortlich sind, und diese bevorzugen eben jene Männchen mit den schönsten Federn. Denn wenn ein Tier trotz seines so auffälligen Aussehens überleben kann, dann beweist das doch gerade, wie fit es ist.

Wer sich über die biologische Seite der Paradiesvögel näher informieren will, dem sei das Birds of Paradise Project7 der Cornell University ans Herz gelegt, hier findet ihr Bilder, Infografiken, Videos, Tonaufnahmen und vieles mehr zum Thema. Den Link findet ihr dann auch auf hinterfragt.at.

Wir machen jedoch weiter mit den kulturhistorischen Aspekten des Themas, nach dem nächsten Musikstück.

Musik 2:

Slaikee Connection: Paradise 3:48

Beitrag 2:Einblick

Nun aber möchte ich näher auf die kulturhistorischen Aspekte des Themas eingehen, und beginne zunächst mit der Forschungsgeschichte.

Diese Geschichte begann aus europäischer Sicht vor etwa 500 Jahren, in der Hochblüte der Entdeckungsfahrten auf der Suche nach neuen Handelsrouten. Der Expedition des Portugiesen Fernão de Magalhães, zu deutsch Ferdinand Magellan, war auf der Suche nach einer Westroute zu den Gewürzinseln versehentlich die erste Weltumsegelung gelungen, er selbst war dabei auf den Philippinen verstorben. Seine Mannschaft brachte aber, als sie 1522 wieder in Europa landete, unter anderem auch Paradiesvogel-Bälge mit. Sie nannten sie Manucodiata, abgeleitet vom malaiischen Begriff manuk dewata, Vögel der Götter. Diese Vögel hatten eine besondere Eigenschaft, die sie von den in Europa bekannten Vögeln unterschied: sie hatten nämlich weder Beine noch Flügel, sondern gleiten ihr Leben lang ständig mit Hilfe ihrer großen Federn durch die Luft, leben vom Tau des Himmels, und wenn sie sterben, fallen sie einfach herab.

Soweit jedenfalls die verbreitete Ansicht über die Paradiesvögel bis weit ins 17. Jahrhundert hinein. Selbst in Enzyklopädien und Präsentationen namhafter Naturforscher herrschte diese Meinung vor, doch sie ist einfach nur ein Resultat der mangelnden Möglichkeiten der damaligen Zeit. Man hatte nämlich nur mitgebrachte Vogelpräparate zur Verfügung, und denen fehlten einfach deshalb die Flügel und Beine, weil die Eingeborenen der Ursprungsregionen die Vögel traditionell eben auf diese Art präparierten.

Hier haben wir also ein wunderbares Beispiel, wie die Wissenschaft in in Irre geführt werden kann, wenn die Fakten nicht ausreichend recherchiert werden. In diesem Fall war das größte Hindernis für die Recherche natürlich, dass Neuguinea nicht so wirklich um die Ecke ist.

Hinzu kommt natürlich jene schon im ersten Teil angesprochene religiöse Komponente, die damals auch in der Wissenschaft wie in allen Lebensbereichen dominant war. Man wollte sich einfach gerne vorstellen, dass die Herkunft dieser Vögel das Paradies wäre, nicht nur, um daraus z.B. Gleichnisse zu erstellen vom sündigen Menschen, der sterbend zu Boden stürzt, wenn er Gottes Gnade verlustig geht, wie es etwa ein katholischer Bischof angesichts einer Paradiesvogel-Beschreibung getan hatte. In einer Zeit, in der laufend neue Entdeckungen und Erfindungen gemacht wurden, versuchten natürlich die Vertreter der Kirchen, diese in irgend einem religiösen Sinn zu interpretieren, um nicht allzu viel an Einfluss an die Wissenschaften zu verlieren.

In der Universitätsbibliothek Innsbruck befindet sich ein Exemplar der Hist13_PARADIESVOEGEL_Vogelbuch_Gesne___oria Animalium von Conrad Gesner aus den 1550er Jahren, in welcher man neben einem sehr phantastisch anmutenden Bild eines Paradiesvogels, welcher eher wie ein vom LKW überfahrener Geier aussieht, den man in Seetang eingewickelt hat, auch eine ebenso seltsam anmutende Beschreibung des Brutverhaltens vorfindet. Da ja die Vögel immer durch die Luft schweben, ist das mit dem Brüten nämlich nicht so einfach wie sonst, daher hat das Männchen am Rücken und das Weibchen am Bauch eine Höhlung, in die die Eier reinkommen. Das Männchen fesselt dann das Weibchen mit den „wie Schuhmacherdraht“ aussehenden Federn an seinen Rücken, und so schweben sie gemeinsam dahin, bis die Eier ausgebrütet sind8.

 Geschichten wie diese, so eigenartig und unlogisch, ja unsinnig sie für uns auch heute klingen, machten aber natürlich die Paradiesvögel umso interessanter für die damalige Bevölkerung. Heute ist es ja leider so, dass sogar die Kinder eh schon alles im Fernsehen gesehen haben und kaum noch mit etwas zu überraschen sind.

Selbst die Tatsache, dass die Paradiesvögel doch Beine und Flügel hätten, was dann Anfang des 17. Jahrhunderts bekannt wurde, tat der Faszination keinen Abbruch. Ab dieser Zeit begann es auch für Naturforscher interessanter zu werden, Informationen über die Vögel in ihrer natürlichen Umgebung zu erhalten anstatt nur auf Grund von Präparaten irgendwelche Annahmen zu tätigen. Eine wichtige Frage war etwa: wozu dienten die langen Federn wirklich? Hier waren dann oft Angestellte der Handelsgesellschaften hilfreich, die sich dann sogar teilweise als Hobby-Biologen betätigten und den Forschern zuarbeiteten. So entstand nach und nach doch ein etwas vollständigeres und wissenschaftlich abgesicherteres Bild von den Paradiesvögeln.

Ab dem 19. Jahrhundert dann war es für die Naturforscher auch schon leichter möglich geworden, selbst in die Regenwälder zu reisen und möglichst viel über die Tiere heraus zu finden, so wurden dann auch nach und nach immer mehr Arten entdeckt und beschrieben, die phantasievollen Geschichten wichen wissenschaftlicher Nüchternheit.

Immerhin wurde endlich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Funktion der Schmuckfedern für die Balz heraus gefunden. Auch die veröffentlichten Bücher beinhalteten nun wunderschöne exakte Illustrationen, die alleine vom künstlerischen Gesichtspunkt her schon erwähnenswert sind.

Damit kommen wir von der Forschungsgeschichte gleich zur Kunstgeschichte.

Bereits ziemlich bald, nachdem die ersten Paradiesvögel in Europa bekannt geworden waren, beschäftigten sich die Künstler mit dem Thema. Die älteste bekannte Darstellung ist bereits ungefähr 1525 entstanden, eine Skizze mit Silberstift auf Papier von Hans Baldung Grien. Zunächst waren es auch nur die Illustratoren der Enzyklopädien, die sich des Vogels annahmen, später auch, als immer mehr Präparate nicht nur in naturwissenschaftliche Sammlungen, sondern auch private Kuriositätenkabinette Eingang fanden, konnten sie auch von Künstlern betrachtet und gezeichnet werden. So gibt es etwa Paradiesvogel-Skizzen von Rembrandt.

Langsam fanden die Vögel als dekorative Elemente Platz auf Tapisserien und Buchmalereien, und schließlich auch auf Gemälden, etwa wenn es um Allegorien ging, z.B. der vier Elemente oder der Erdteile, natürlich auch wenn das Paradies dargestellt werden sollte, die Erhebung über das Irdische, etwa in Himmelfahrts-Darstellungen, oder einfach, wenn Künstler möglichst viele verschiedene Tiere darstellen wollten, etwa in Brueghels Vogelkonzert, in dem sogar zwei Paradiesvögel zu sehen sind.

 

Musik 3:

Alexander Frost: Paradise 3:30

Zwischenmoderation:

Für alle, die sich erst später zugeschaltet haben:

Hier ist „hinterfragt„, das kulturwissenschaftliche Magazin live auf FREIRAD 105.9, dem freien Radio in Innsbruck! Mein Name ist Ewald Strohmar-Mauler.

Und ich beschäftige mich heute mit dem Thema Paradiesvögel, angeregt von der gleichnamigen Sonderausstellung im Innsbrucker Zeughaus, die noch bis 23. März 2014 zu sehen ist.

Bisher kamen einige überblicksartige Fakten über die Paradiesvögel zur Sprache, sowie die Forschungsgeschichte und kunsthistorische Aspekte. Im nächsten Teil werde ich etwas über die Modeerscheinung Paradiesvogel, über Jagd und Naturschutz, erzählen.

Zuvor noch ein kurzes Stück Paradies-Musik, diesmal von SRX, der Titel, ganz klar: Paradise.

Beitrag 3: Seitenblick

Jetzt folgt wie versprochen der Seitenblick auf die Kulturgeschichte des Naturschutzes in Deutsch-Neuguinea sowie im deutschen Kaiserreich. Diese ist eng verknüpft mit den Themen Mode und Emanzipation, und natürlich mit dem Paradiesvogel.

Es begann alles damit, dass sich, wie ja bereits erwähnt, die Einheimischen seit jeher zu zeremoniellen Zwecken mit Paradiesvogelfedern und -Bälgen schmückten, dies10_PARADIESVOEGEL_Huli_2_c_Ernst____e als Zahlungsmittel verwendeten und so weiter. Sie bildeten einen wesentlichen Bestandteil ihrer Kultur, in allen Bereichen des Lebens. Wobei hier auch die besondere Beziehung zu den Vögeln, diese Seelenverwandtschaft, eine große Rolle spielt.

Und dann kamen die Kolonisten9.

Der Nordosten Neuguineas gehörte zum deutschen Kaiserreich und nannte sich auch Kaiser-Wilhelms-Land. Die deutsche Neuguinea-Compagnie bildete dort die Handelsvertretung. Sie war vom deutschen Reich mit der Verwaltung und Ausbeutung der Insel betraut worden und begann 1885, für den europäischen und amerikanischen Markt die Paradiesvögel zu bejagen. Allerdings nur bis 1889, als das Reich die Hoheit wieder selbst übernahm, weil die Compagnie das Land zu rücksichtslos ausgebeutet hatte.

Die ersten, die sich und ihre Häuser mit Federn und Bälgen schmücartid1883_combinedkten, waren die Angestellten der Compagnie, die Siedler und Missionare. Schiffsbesatzungen und Reisende nahmen sie als Andenken mit, aber auch die von der Compagnie geprägten Silbermünzen mit einem Paradiesvogel auf der Rückseite schienen ein begehrtes Souvenir gewesen zu sein. Sind sie offenbar noch heute – oder jetzt erst recht, ich habe kein Angebot unter € 350 gefunden10.

Die indigene Bevölkerung hat natürlich die Paradiesvögel nie so intensiv bejagt, dass sie gefährdet gewesen wären. Die Vögel kamen bis in die Küstenregionen vor, dies änderte sich jedoch durch die Eingriffe der Europäer. Nicht nur, dass zum Zweck des Anbaues von Süßkartoffel, Kaffee oder Palmöl intensiv gerodet wurde11, zogen sich die scheuen Vögel immer mehr in die Bergregionen zurück – auch natürlich wegen der zunehmenden Jagd-Aktivitäten.

Natürlich war so eine Jagd nicht mit einer heutigen Jagd im Wald am Bichl hinterm Haus zu vergleichen. Urwälder sind dicht und daher schwer begehbar, es wimmelt von gefährlichen Tieren, usw. Die Jäger konnten auch nicht einfach losmarschieren, sie benötigten, der deutschen Gründlichkeit sei Dank, auch eine besondere Lizenz, die jährlich erneuert werden musste und immer teurer wurde.

Dann war natürlich auch noch ein Einheimischer erforderlich, der sich erstens im Wald auskennen und zweitens das Gewehr schleppen musste. Denn der eigentliche Jäger war der Melanesier, der Europäer organisierte den Jagdzug und kassierte am Ende. Außer den Einheimischen gingen auf diese anstrengenden, wochenlangen Jagden meist ehemalige australische Goldsucher oder ähnlich harte Burschen mit. Nicht wenige davon bezahlten ihre Abenteuerlust mit dem Leben, wenn sie etwa in Eingeborenendörfer kamen und es zu Kämpfen kam. Natürlich ist es schwer, festzustellen, wer wen angegriffen hat und aus welchem Grund, aber die Jagdgesellschaften werden wohl nicht besonders zimperlich gewesen sein, wenn sie nach tagelangem Marschieren im feuchtheißen Klima endlich auf ein Dorf getroffen waren. Da wurde dann kurzerhand ein Schwein erlegt, und so kam es zur Eskalation mit den Bewohnerinnen. Die Behörden waren dann natürlich auf Seiten der Jäger und schickten Strafexpeditionen in die betreffenden Dörfer. Doch im Allgemeinen verhinderten diese Ereignisse nicht, dass weiterhin mehr oder weniger ungehemmt auf die Paradiesvögel Jagd gemacht wurde und Zehntausende tote Vögel pro Jahr nach Europa exportiert wurden. Was geschah mit ihnen?

Vogelfedern waren ja eigentlich schon immer als Schmuck bei den Menschen beliebt gewesen, nicht nur bei den Eingeborenen auf Neuguinea oder in Süd- und Nordamerika. Federn wurden auch in Europa etwa als Rangabzeichen und Statussymbol getragen. Man denke an die wallenden Federbüsche auf Ritterhelmen oder später den Dreispitzen der k.u.k. Offiziere, oder auch auf den diversen Trachtenhüten.

In der Männermode war die Verwendung von Federn außer im militärischen und Trachtenbereich rückläufig, und ab dem 18. Jahrhundert schmückten nur mehr Frauen ihre Hüte mit Federn, gerne wurden hierzu Pfauen- oder Straußenfedern verwendet, wobei deren Einsatz – ursprünglich wegen diverser Standesregeln, später wohl eher auch aus Kostengründen – den höheren Ständen vorbehalten blieb, die einfachen Bürgerinnen mussten mit Hühner- , Elster-, Rebhuhn- oder Fasanenfedern auskommen12. Im 19. Jahrhundert nahm dann die Verwendung von Federn für Damenhüte auf Grund der verbesserten Transport­möglichkeiten enorme Dimensionen an, sodass weltweit viele Vogelarten an den Rand der Ausrottung getrieben wurden.

Doch noch vor dem ersten Weltkrieg brachte dies die Vogelschützer auf den Plan, der Deutsche Bund für Vogelschutz wurde gegründet, um dem „Vogelmord für Modezwecke“13 Einhalt zu gebieten. Man kann hier eine langsam wachsende veränderte Einstellung zur Natur erkennen, die Sensibilität für das Thema Naturschutz begann sich langsam zu entwickeln. Vogelkadaver auf Damenhüten wurden nicht mehr von allen als ästhetisch oder gar begehrenswert empfunden, die Natur nicht mehr selbstverständlich als unerschöpfliches Rohstofflager angesehen.

Der Vogelschutzbund hatte es allerdings mit der Modeindustrie zu tun, die damals wohl eine ähnliche Macht hatte wie heute die Automobilindustrie. Hier wurde auch damals schon viel Geld für Werbung in die Hand genommen, und hier galt es gegen zu steuern. Der Vogelschutzbund sah dies von Anfang an ein, es bedurfte hier mehr als einiger Handzettelverteilerinnen! Und so wurde die ganze Palette der Werbung ausgenützt, von Vortragsreihen mit namhaften Rednerinnen aus Wissenschaft und Politik, über die gesamte Printpalette mit Plakaten bekannter Künstlerinnen, Büchern und natürlich jeder Menge Broschüren und satirischen Pamphleten, mit Radiosendungen bis hin zu Werbefilmen in den Lichtspieltheatern.

Thematisch bewegte sich der Kampf von Anfang an im emotionalen Bereich, die unschuldigen Frauen würden von der Modeindustrie verführt, usw. , denn mit reinen Sachargumenten kämpft man im Bereich Umweltschutz damals wie heute vergebens geben die Industrie-Lobbies.

Die Modehersteller argumentierten damit, dass die Vögel auf absehbare Zeit nicht aussterben würden, es gäbe keine Beweise hierfür – auch dies hört sich nicht anders an als heutige Argumente der Industrie.

Nun kam aber ein weiterer Punkt hinzu: die Emanzipation der Frauen begann mitzuspielen. Das neue Argument lautete: die moderne selbstbewusste Frau brauche keinen Federputz, um sich einen Mann zu angeln, und sie wird ganz sicher nicht den Massenmord an Vögeln unterstützen. Das Thema Vogelschutz wurde also mit dem Thema Frauenwahlrecht verknüpft, und so zu einem heißen Politikum, und nicht nur in Deutschland. Die USA verboten ab 1912 die Einfuhr von Federn wild lebender exotischer Vögel, und die europäischen Länder zogen auf Grund des politischen Drucks ziemlich schnell nach.

So wurde 1914 in Neuguinea die Vogeljagd verboten und die Paradiesvögel konnten wieder aufatmen. Und nach dem ersten Weltkrieg waren dann Federhüte sowieso kein Thema mehr in der Mode, und so hatte sich dieses Kapitel dann endgültig erledigt.

Musik 4:

Thiossan Libre: Paradise 3:40

Beitrag 4: Ausblick

Und so kommen wir auch schon zum Ausblick.

Das Thema Paradiesvögel hat sich ja dann doch, wie versprochen, zu einem ziemlich umfassenden kulturhistorischen Gegenstand entwickelt. Ich kann euch daher den Besuch der Ausstellung im Zeughaus wirklich empfehlen, zumal hier nicht nur Exponate aus dem Museum Mensch und Natur zu sehen sind, sondern auch einige Stücke Tiroler Provenienz, nämlich aus der naturwissenschaftlichen Sammlung des Ferdinandeum, Leihgaben der Universitätsbibliothek, des Naturmuseums in Bozen, des Gymnasiums am Adolf-Pichler-Platz, und auch die Ferrarischule hat sich mit dem Thema Paradiesvögel und Mode beschäftigt und einige Stücke bereitgestellt.

Zusammenfassend bleibt mir zu sagen, dass die Paradiesvögel auf vielerlei Ebenen interessant sind: angefangen von der Biologie, wo man sich mit Darwin wundern kann, dass so ein Prachtvogel im Dschungel überhaupt überleben kann, oder auch nur mit den Forschern von der Cornell University begeistert über die Vielfalt der Arten mit ihren verschiedenen Federkleidern, Balztänzen und Gesängen sein.

Der Paradiesvogel kann auch durchaus als Spiegel der menschlichen Kulturgeschichte herhalten.

Wir haben die Alltagskultur der melanesischen Urbevölkerung Neuguineas betrachtet, mit diesem einzigartigen Konzept der Seelenverwandtschaft zwischen Vogel und Mensch, die sich in den Kostümen, Masken und Tänzen ausdrückt.

Wir haben die Forschungs- und Kunstgeschichte hinterfragt, wo zwischen dem 16. und dem 18. Jahrhundert viele Paradiesvögel als Präparate nach Europa gebracht und erforscht sowie gezeichnet und gemalt wurden, ohne und mit Beinen und Flügeln, je nach Forschungsstand. Wir haben hier auch die Entwicklung der Forschung vom phantasievollen Bestiarium über die normativen Federzähler bis hin zum Interesse an der Lebensweise der Tiere mit verfolgen können, also den gesamten Bogen der Wissenschaftsgeschichte „von wundergläubiger Religiosität zu moderner Rationalität“14 am Beispiel des Paradiesvogels miterlebt.

Wir haben den Paradiesvogelaber auch als Sinnbild für den Kulturpessimismus entdeckt: die Sehnsucht nach einem unberührten Paradies wird wohl kaum besser symbolisiert als durch diesen Vogel im schillernden Federkleid. Kein Mensch hat wohl je das Paradies am Südpol oder ähnlichen lebensfeindlichen Gegenden verortet. Dann schon eher im Kopf eines bayrischen Königs gesucht, es gibt tatsächlich ein Musical mit dem Titel „Ludwig II. – Sehnsucht nach dem Paradies.

Der Kulturpessimismus war dann wohl auch berechtigt, wenn man sich die Auswirkungen der europäischen Kultur und hier speziell der Kolonialisierung auf die natürlichen Lebensräume der Paradiesvögel ansieht, dass sie fast ausgerottet wurden für Damenhüte.

Doch auch die daraus resultierende Gegenbewegung haben wir gesehen: den Beginn der Naturschutzbewegung und der weiblichen Emanzipation, die für mich beide lebendige Beispiele für die aufgeklärte Moderne sind, für den Einsatz der Vernunft gegen die zerstörerischen Elemente der, man muss es wirklich sagen, männlich dominierten geldgesteuerten Wirtschaft.

Was soll die Zukunft für die Paradiesvögel bringen? Natürlich steht hier die Frage im Vordergrund, ob sich auf Dauer der indonesische Regenwald wird erhalten lassen können, oder ob der Raubbau fort schreiten wird, die Rodungen der Urwälder zum Anbau von Ölpalmen für Biodiesel auch in den nächsten Jahrzehnten noch durchgeführt werden.

Wird auch hier die Vernunft wieder siegen können, wie vor hundert Jahren? Fragt sich, wer hier nun Interesse haben könnte, das Thema aufzuwerfen und ein Politikum daraus zu machen. Derzeit sieht es leider schlecht aus, denn die Naturschützerinnen haben alle Hände voll zu tun, von der Antarktis bis zum Amazonas alle möglichen Tierarten zu Land, zu Wasser und in der Luft vor dem Aussterben zu bewahren. Und im Vergleich zu den Weltmeeren und dem südamerikanischen Regenwald, unseren primären Sauerstoff-Produzenten, ist Neuguinea doch ziemlich klein, klebt unauffällig an Australien dran und meldet sich – noch – nicht.

Aber, vielleicht erhält es ja doch aus irgendeinem Grund wieder mehr Aufmerksamkeit, vielleicht wird ein Hollywood-Film dort gedreht, oder eine esoterische Schriftstellerin entdeckt die Seelenverwandtschaft mit den Vögeln als neuen Weg zur Erleuchtung, eine neue Zurück-zur-Natur-Bewegung entsteht, und plötzlich ruft alle Welt wieder „Rettet die Paradiesvögel!“

Musik 5:

Jim Tersol: Paradise 04:02

Abmoderation:

So, aber nun genug hinterfragt für heute. Ich danke euch herzlich fürs Zuhören und hoffe, die Sendung hat euch wieder gefallen.

Und nochmals der Hinweis die Internet-Seiten zur Sendung:

Kritik, sowohl negative als auch positive, Wünsche und Anregungen könnt ihr gerne an mich per eMail senden: radio -at hinterfragt -punkt- at.

Und wer die Sendung nachlesen möchte: die begleitende Website ist zu finden unter hinterfragt.at, dort könnt ihr auch Kommentare zur Sendung abgeben. Außerdem könnt ihr mir auch auf Twitter folgen @hinterfragtAT oder auf Facebook unter hinterfragt.

Und nun verabschiede ich mich und wünsche euch noch eine gute Zeit.

Das war Ewald Strohmar-Mauler mit der Sendung hinterfragt. Das kulturwissenschaftliche Magazin live auf FREIRAD 105.9, dem Freien Radio in Innsbruck.

Abspannmusik:

Ghost DJ Paradise 6:27

Sendung anhören

1http://www.tiroler-landesmuseen.at/userupload/​12973_Medieninformation_PARADIESV__GEL_PK_1311.pdf

2http://www.tiroler-landesmuseen.at/html.php/de/tiroler_landesmuseen/presse/​pressefotos/ausstellungen/2034

3Apel, Michael, Kathrin Glaw, and Gilla Simon. Natur- und Kulturgeschichte der Paradiesvögel. München: Museum Mensch und Natur, 2011.

4vgl. M. Appel in Apel, Michael, Kathrin Glaw, and Gilla Simon. Natur- und Kulturgeschichte der Paradiesvögel. München: Museum Mensch und Natur, 2011, 72.

5vgl.Appel 2011, 64.

6vgl. hierzu etwa den Ausstellungskatalog Belgin, Tayfun. Sehnsucht nach dem Paradies : Von Gauguin bis Nolde. 1. Aufl. [Krems an der Donau]: Kunst. Halle. Krems, 2004.

7http://www.birdsofparadiseproject.org/content.php?page=98 und http://www.youtube.com/user/LabofOrnithology#

8vgl. Apel 2011,14f., Faksimiles von Gesner 1600 siehe http://www.humi.keio.ac.jp/treasures/nature/Gesner-web/bird/html/thumbnail/t30.html

9siehe auch Klein in Apel 2011, 73ff.

10„Diese Münzen gehören heute zu den gesuchtesten und teuersten aller deutschen Münzen“ (http://www.numispedia.de/Neuguinea-Mark)

11vgl. Riedel in Apel 2011, 40.

12näheres zur Feder als Werkstoff siehe z.B. http://www.materialarchiv.ch/#/materialgruppe/598/federn, und zu den Paradiesvögeln als Modeerscheinung Apel in Apel 2011, 81ff.

13Apel 2011, 83

14Apel 2011, 9.

 

 

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