Sendung vom 11. Februar 2014: Steampunk

Ich begrüße euch, liebe Hörerinnen von FREIRAD 105.9 MHz, dem freien Radio in Innsbruck! Am Mikrofon ist wieder Ewald Strohmar-Mauler mit einer neuen Ausgabe von „hinterfragt.„, dem kulturwissenschaftlichen Magazin.

In der heutigen Sendung werde ich mich mit dem Phänomen Steampunk beschäftigen.

[cyril pereira: le cercle maudit]

Als ich vergangene Woche noch schnell in einer Innsbrucker Buchhandlung ein wenig zusätzliche Literatur zum Thema suchen wollte, kassierte ich zunächst einen ratlosen Blick, den vielleicht euch einige von euch jetzt haben.

Steampunk – was ist das? Bevor ich also in die Details gehe, hier schon vorab eine mögliche Definition des Genres aus dem deutschen Steampunk-Blog „Clockworker“:

„Steampunk begann in den 80er Jahren als Literaturgattung und Kunstgenre und weitete sich zu einer echten Subkultur aus. Das viktorianische Zeitalter wird hier idealisiert und verfremdet wiedergegeben, erweitert durch die Ideenwelt einer detailverliebten Phantastik. Steampunk ist Kunst und Krempel, ist Lebensgefühl, ist Seelenurlaub von der allzu glatten Gegenwart.“1

Jetzt aber ein wenig Musik, und natürlich ist auch diese heute passend zum Thema, und natürlich wieder unter einer Creative-Commons-Lizenz.

Musik 1:

Soul of the machine: I Can’t Fix The World, But I Can Choose Not To Be A Part Of It

Beitrag 1: Überblick

Vor ungefähr einem Jahr konnte man eine Pressemeldung lesen, nach welcher sich Steampunk zu einem Design-Megatrend für 2013/2014 entwickeln würde. Der Computerkonzern IBM hatte dies durch Analyse einer halben Million von Meldungen auf Blogs, in Foren und sozialen Netzwerken wie facebook oder Twitter festgestellt2.

Beschrieben als eine Mischung aus Science fiction und Fantasy, welche sich technischer und gesellschaftlicher Elemente aus der viktorianischen Ära bedient, würden sich die Fashion-Designer dieser Welt der Steampunk-Ästhetik bedienen, um ihre Kreationen diesem Trend anzupassen.

Was ist aber nun Steampunk genau und wo liegen seine Ursprünge?

Einige Adjektive, die im Zusammenhang mit Steampunk gerne verwendet werden, sind „retro-futuristisch“ oder „neo-viktorianisch“.

„Steampunk ist eine paradoxe Zauberwelt: industriell und doch verklärt; nostalgisch und doch Science Fiction; schön aber nutzlos,“ hat der Spiegel3 im Jahre 2007 konstatiert, und das Zitat geht weiter: Ästhetisch befassen sich Steampunks mit der Idee, wie die heutige Welt aussähe, wenn Dampf statt Elektrizität sie in Bewegung hielte. Wenn nicht nur Eisenbahnen mit Dampfmaschinen angetrieben würden, sondern auch Computer, Raumschiffe und Luftfahrzeuge. Wenn überall dort Messing und Kupfer zu finden wäre, wo heute Plastik drinsteckt. Es ist im Prinzip unsere Welt, sie ist nur in der Vergangenheit einmal anders abgebogen.“ 4

Die Theorie des Steampunk stammt allerdings nicht von Designern, sondern aus der literarischen Welt: doch obwohl die Werke von Jules Verne oder H.G. Wells Technologien beschreiben, welche im Steampunk zu finden sind, kann man sie nicht als Steampunk-Literatur im eigentlichen Sinn bezeichnen, denn sie wurden ja tatsächlich in der viktorianischen Zeit geschrieben. Der erste eigentliche Steampunk-Roman wurde 1979 von K. W. Jeter verfasst und nennt sich „Morlock Night“. Aus dem Titel erkennt man bereits die Anklänge an H.G. Wells‘ Time Machine, dessen Grundidee von einer die Menschheit in der fernen Zukunft unterjochenden Rasse, den Morlocks, hier weiter geführt wird.

K. W. Jeter prägte in einem späteren Brief5 an ein Science Fiction-Magazin den Begriff Steampunk für Geschichten, die im, wie er es nennt, „gonzo-historischen“ viktorianischen Stil geschrieben sind und bezieht darin auch die Bücher seiner Autorenfreunde Tim Powers und James Blaylock mit ein. Tim Powers‘ Roman The Anubis Gates (1983) ist ebenfalls eine Zeitreisegeschichte, in welcher der Protagonist aus dem Jahre 1983 ins London von 1810 befördert wird, welches von Machtspielen rund um den ägyptischen Gott Anubis heimgesucht wird.

Der dritte Roman am Beginn des Steampunk ist Homunculus (1986) von James Blaylock, in welchem es um ein herrenloses Luftschiff, einen schiffbrüchigen Alien, Untote und einen Londoner Club geht: eine Satire auf das viktorianische England.

Es folgten viele weitere Romane und Kurzgeschichten bekannter und weniger bekannter Science Fiction-Schriftstellerinnen, sowie Comicbücher und natürlich Filme.

Der erste wirkliche Steampunk-Film ist Brazil von Terry Gilliam (1985), der eine Liebesgeschichte in einer totalitären, übertechnisierten Welt erzählt.

Eine Comicbuchreihe, die vermutlich durch ihre Verfilmung 2003 die weltweite Popularität des Steampunk stark befördert hat, ist The League of Extraordinary Gentlemen. Hier wurden Elemente aus viktorianischen Erzählungen über Dr. Jekyll und Mr. Hyde, Dracula, Sherlock Holmes, Allan Quatermain und Captain Nemo in neue Geschichten verwoben, in welchen diese gemeinsam gegen ihre jeweiligen Widersacher aus den Originalgeschichten und weitere Bösewichte vorgehen. Dass die Verfilmung, u.a. mit Sean Connery, dann eine breitere Öffentlichkeit mit der Steampunk-Ästhetik vertraut gemacht hat, ist meiner Meinung nach einer der Gründe für die derzeitige Popularität des Genres.

Eine Variante des Steampunk, die sich etwa im Film Wild Wild West mit Will Smith erkennen lässt und sich der selben technischen Elemente wie der viktorianische Steampunk bedient, nennt sich Weird West und ist im Nordamerika des 19. Jahrhundert angesiedelt.

So hat sich, nach Angaben des Steampunk Magazine die Steampunk-Bewegung seit etwa 2006 aus einer rein literarischen zu jener Kunst- und Design-Bewegung weiter entwickelt, die wir heute beobachten können: Steampunk-Mode und Accessoires fließen in die Jugendmode ein, es gibt Steampunk-Musik bis hin zu ganzen Musicals, und natürlich weiterhin Filme und TV-Serien – man denke hier etwa an Warehouse 13. Auch als Episode von TV-Serien eignen sich Steampunk-Settings sehr gut, wie z.B. in der Krimiserie Castle6, wo das Opfer mit einer 200 Jahre alten Bleikugel getötet wurde und die Handlung sich bald in der New Yorker Steampunk-Szene wieder findet. Castle, der ja immer für allerlei Spielereien zu haben ist, fühlt sich hier gleich wohl und erklärt Detective Beckett, was Steampunk ist: “a subculture that embraces the simplicity and romance of the past and at the same time couples it with the hope and promise and sheer supercoolness of futuristic design,”. Die Folge wurde auch in der Steampunk-Szene als sehr authentisch und die Bewegung sehr positiv darstellend gewürdigt7.

Weiters findet man nicht nur mittlerweile auch einige Sekundärliteratur über Steampunk, vor allem aus den letzten paar Jahren, sondern natürlich auch weiterhin jede Menge Steampunk-Primärliteratur, was vor allem durch die von vielen literarisch mehr oder weniger begabten Menschen genutzte Möglichkeit, ohne viel Aufwand selbst eine Kurzgeschichte, einen Roman oder sogar eine Serie als eBook veröffentlichen zu können und diese um wenige Cent oder sogar kostenlos zum Download anzubieten, sehr stark gefördert wird.

Und da sich in diesem Genre Wissenschaft und Magie problemlos mischen können, Zeitreisen mit ihren üblichen Verwicklungen an der Tagesordnung sind und die bunte Vielfalt des langen 19. Jahrhunderts, reduziert um die weniger angenehmen sozialen Missstände dieser Zeit, ausreichend Stoff bietet für vielerlei Abenteuer, Romantik und Spannung, wird wohl die Popularität des Steampunk in den nächsten Jahren oder gar Jahrzehnten auch weiterhin gewährleistet sein.

Musik 2:

SEGFULT: Steampunk

Beitrag 2:Einblick

Was macht aber die Faszination des Steampunk aus? Welche Menschen werden zu „Steampunkern“ und warum?

In der „Steampunk Bible“8 werden zwei „gute Gründe“ genannt, warum Leute Steampunk mögen:

erstens ist es eine großartige Möglichkeit, sich in einer coolen, verrückten Art anzuziehen, die die Normalbevölkerung verblüfft. Und zweitens sehen natürlich die Steampunk Designs großartig aus: die industrielle Revolution ist ja mittlerweile in die Jahre gekommen, daher wirken Maschinen, die von den Romantikern damals als satanisch angesehen wurden, heutzutage durchaus bereits selbst romantisch.

Wenn man sich den ersten der genannten Gründe ansieht, fallen vielleicht Parallelen zu einer anderen Subkultur auf, die sich cool/verrückt und gleichzeitig verwirrend kleidet: die Gothic-Szene. Und tatsächlich sind die Grenzen dieser beiden Subkulturen durchaus locker, und es wurde sogar scherzhaft behauptet9, dass Steampunk entstand, als die Goths die Farbe braun entdeckt haben. Auf Goth-Festivals wird man auch Steampunks finden, die bekannteste Steampunk-Band Abney Park war ursprünglich Goth, usw. Und tatsächlich, sieht man sich etwa die Fotos des jährlich stattfindenden deutschen Wave Goth Treffens in Leipzig an, kann man oft nur an der Farbgebung der Kleidung oder der Art der Schminke erkennen, um welche der beiden Subkulturen es sich handelt.

Natürlich sind es nicht nur konvertierte Goths, die sich mit Steampunk beschäftigen, auch Techno-Romantiker, Fans der Abenteuergeschichten von Jules Verne, und vor allem Bastler werden vom Steampunk offenbar geradezu magisch angezogen.

Denn Steampunk ist nicht nur eine Modeerscheinung oder ein literarisches Subgenre der Science Fiction, es steckt auch eine Menge Ideologie dahinter:

Zwei Punkte haben die Steampunks mit den Punks gemeinsam: ihre Vorliebe für Do-it-yourself und die grundsätzliche Ablehnung sozialer Normen. Letzter werden im Steampunk wohl eher gebeugt als abgelehnt, sowie mit einer idealisierten Ausgabe viktorianischer Ethik gekreuzt.

Steampunks sind Heroinnen, die nicht aus den unterdrückten Massen des 19. Jahrhunderts stammen, sondern diese im besten Fall retten wollen, im schlechtesten Fall ignorieren. Sie sind vom Idealismus, welcher aus den genannten Abenteuergeschichten à la Jules Verne heraus gelesen werden kann, inspiriert, von einem Optimismus, dass es eine bessere Welt geben kann, wenn wir sie uns nur selbstmachen. Womit wir wieder beim Do-it-yourself wären.

Man sieht sich an, wie etwas gemacht wurde, sei es ein Uhrwerk, oder auch eine Regierung, und macht es nach, verändert es, verwendet es für etwas anders als ursprünglich gedacht10. „Anwendung und Adaption“ ist das Motto bei diesem „makerism“.

Ein weiteres Stichwort wäre „innovention“, zusammen gesetzt aus „innovation“ und „invention“, welche Hand in Hand mit dem makerism geht. Es ist ein Geist des wissenschaftlichen Fortschritts und der Entdeckungslust, welcher hier zu spüren ist. Das gibt natürlich viel Stoff für Geschichten her, vor allem, wenn Experimente verrückter Wissenschaftler schief gehen und dadurch die Welt bedroht wird.

Natürlich finden sich Idealismus und Romantik aus der viktorianischen Epoche auch in reichem Maße im Steampunk wieder. Wenn also hier eine Heldin oder Schurkin das Regierungsgebäude in die Luft sprengen will, dann ganz sicher aus ihren edelsten Motiven heraus und nicht des schnöden Mammons wegen.

Und wenn wir schon beim In-die-Luft-sprengen sind: auch Rebellion ist ein Charakterzug des Steampunk. Diese ist nicht so anarchistisch wie in anderen Punk-Varianten, weil ja auch keine nihilistischen Überlegungen dahinter stecken, sondern sie macht Vorschläge, fordert die Gesellschaft heraus, fordert aber auch sich selbst heraus, um über sich hinaus zu wachsen, um sich in der dann hoffentlich besseren Gesellschaft einen Platz zu verdienen.

Steampunk ist also der richtige Ort für romantische Weltverbesserinnen, abenteuerliche Nostalgikerinnen und Menschen, die sich nicht nur ihre Kleidung, sondern auch ihre Welt am liebsten selbst basteln wollen.

 

Ein ganz anderer Aspekt ist, dass sich Steampunk nicht unbedingt mit der Vergangenheit als solcher beschäftigt, sondern eigentlich unsere Gegenwart reflektiert, in welcher wir ja bereits ganz stark eine gewisse Instabilität erkennen können: Rohstoffe, die nicht erneuerbar sind, werden in Unmengen verwendet bzw verschwendet; Technologien und Ideen, die vor vierzig Jahren als Eier legende Wollmilchsäue hochgejubelt wurden, werden heute bereits längst als hoffnungslos veraltet belächelt; andererseits werden wir durch den Markt gezwungen, neue Dinge zu verwenden, die selbst auf veralteten und somit auch meist gefährlichen Technologien beruhen, denen man ein modernes Mäntelchen verpasst hat, und um den entstehenden Sondermüll sollen sich doch bitte spätere Generationen kümmern.

Wir leben in einer Gesellschaft, die auf Technologie basiert, ohne Plastik, Strom und Internet geht heute gar nichts mehr. Doch wie lange noch?

Bruce Sterling entnimmt aus diesen Überlegungen in der „Steampunk Bible“11 eine weitere Funktion der Steampunk-Bewegung: Sie nimmt das langsame Sterben unserer Kultur wahr, bereitet sich bereits auf ihr Begräbnis vor und zelebriert es durch ihre spezielle Aufmachung – womit wir eine Ähnlichkeit zur Gothic-Szene hätten. Sterling führt die Popularität des Steampunk auch zu einem Teil auf diese Sensibilität für den Niedergang unserer technischen Kultur zurück, er meint, dass ein Begräbnis den Verstorbenen nichts mehr nützt , es sei „Theater für die Lebenden. Steampunk ist Begräbnis-Theater“.

Und, so finde ich, auch ein Stück weit auch inszenierter Protest gegen die technokratischen Mogule mit ihren globalen Konzernen.

Musik 3:

progetto sommossa: The Warehouse

Warenhäuser sind übrigens auch eine urbane Erfindung des 19.Jahrhunderts.

Zwischenmoderation:

Für alle, die sich erst später zugeschaltet haben:

Hier ist „hinterfragt„, das kulturwissenschaftliche Magazin live auf FREIRAD 105.9, dem freien Radio in Innsbruck! Mein Name ist Ewald Strohmar-Mauler.

Das heutige Thema ist Steampunk, jene Subkultur, die das viktorianische Zeitalter idealisiert und überzeichnet, sich in mit phantastischen Accessoires bestückten Gewänder kleidet und dadurch unsere technokratische Gegenwart kritisiert.12

Bisher kamen Definitionsversuche und die Ideologie des Steampunk zur Sprache, nun geht es gleich weiter mit kritischen Stimmen und im letzten Beitrag mit einem Blick auf die Steampunk-Szene in Österreich.

Musik ZM

Steam Machine: Let’s Play Rock ’n‘ Roll

Beitrag 3: Seitenblick

Natürlich gibt es auch kritische Stimmen zur Steampunk-Bewegung. Bereits in der ersten Nummer des Steampunk Magazine13 wird einer der meist gehörten Kritikpunkte artikuliert:

„Unfortunately, most so-called “steampunk” is simply dressed-up, recreationary nostalgia: the stifling tea-rooms of Victorian imperialists and faded maps of colonial hubris. This kind of sepia-toned yesteryear is more appropriate for Disney and suburban grandparents than it is for a vibrant and viable philosophy or culture.“

Und weiter: „Too much of what passes as steampunk denies the punk, in all of its guises. Punk—the fuse used for lighting cannons. Punk—the downtrodden and dirty. Punk—the aggressive, do-it-yourself ethic. We stand on the shaky shoulders of opium-addicts, aesthete dandies, inventors of perpetual motion machines, mutineers, hucksters, gamblers, explorers, madmen and bluestockings. We laugh at experts and consult moth-eaten tomes of forgotten possibilities. We sneer at utopias while awaiting the new ruins to reveal themselves. We are a community of mechanical magicians enchanted by the real world and beholden to the mystery of possibility. We do not have the luxury of niceties or the possession of politeness; we are rebuilding yesterday to ensure our tomorrow. Our corsets are stitched with safety pins and our top hats hide vicious mohawks. We are fashion’s jackals running wild in the tailor shop.“14

Es tut mir Leid, dass ich es im Original vorlesen musste, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, keine brauchbare Übersetzung liefern zu können, die die Energie dieses Textes wirklich wieder gibt.

Also, der erste Kritikpunkt ist nicht am Steampunk als solchem, sondern an jenen, die nur so tun als ob, und die den „Punk“ vermissen lassen.

Natürlich kommt auch Kritik am Genre an sich auf:

Zunächst mal daran, dass Versatzstücke aus der viktorianischen Zeit genommen und in einen völlig unpassenden neuen Kontext gesetzt werden, aber so, dass Menschen aus jener Zeit wohl peinlich berührt bis verärgert darüber wären15. Hier wird dann auch gern behauptet, dass wir ja gar nicht wissen könnten, wie es damals wirklich war. Nun, ich denke, die Zeit ist noch nicht so lange her, dass wir keine verlässlichen historischen Quellen hätten, schließlich kamen damals sogar schon Photographie und Film auf, ganz zu schweigen von den zigtausend schriftlichen Quellen. Daher ist auch die Folgebehauptung, dass Steampunk nur auf Vermutungen, wie es damals vielleicht war, basiert, nicht haltbar.

Dann schon vielleicht eher die These, dass Steampunker von Filmen aus den 50er und 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts beeinflusst worden wären. Denn es ist ja bekannt, dass auch das Antikebild, das viele Menschen haben, von Sandalenfilmen aus jener Zeit mitgezeichnet wurde. Warum dann nicht also auch das Bild des 19. Jahrhunderts.

Leider ließen sich trotz längerem Suchens keine demografischen Daten finden, aus welchen ich auf das Bildungsniveau der Steampunks schließen könnte, aber ich gehe davon aus, dass dieses eher gehoben sein wird, wodurch auch eine gewisse kritische Haltung dem gegebenen Filmmaterial gegenüber angenommen werden kann. Nur, weil die Zeitmaschine in einem Film aus 1950 ein bestimmtes Aussehen hat, muss das ja nicht stimmen. Man lese bei Wells nach und denke sich seinen Teil…

 

Eine andere Kritik am Steampunk , die auf dessen Rolle als Gegenkultur anspielt, finde ich ganz interessant: vielleicht ist es gerade die moderne Gleichgültigkeit, die manche Menschen abstößt: keine klaren Regeln, alle wursteln irgendwie vor sich hin, man läuft in T-Shirt und Trainingshose herum, wirft Abfall einfach auf den Boden, Höflichkeit oder gar Galanterie sucht man vergeblich , usw.

Kurz gesagt: früher war einfach alles besser.

Anderen fehlt vielleicht die Ästhetik, die Romantik, das Abenteuer: Das Leben ist ihnen zu langweilig, zu gewöhnlich.

 

Wieder andere haben das Gefühl, ihr Leben nicht unter Kontrolle zu haben: alles ist globalisiert, man wird überwacht, und wie alles funktioniert, weiß eh schon lange niemand mehr. Und wie man etwas selbst macht, interessiert auch keinen mehr, man kann ja alles irgendwo im Internet billig bestellen.

 

Ich habe hierzu wieder ein Zitat, und zwar aus einer Masterarbeit16:

„Steampunk seems to be created and defined from the bottom up in that it tries to collapse hierarchies, use creativity and innovative thinking to solve problems and to challenge limits, and uses anachronism, retrofuturism, speculative and alternate realms to inspire individuals and groups to re-imagine and redress the issues and paradigms which have limited them.“

 

Ist Steampunk tatsächlich tauglich als Gegenbewegung zu diesen Gegebenheiten? Sind echte oder erfundene viktorianische Regeln für uns heute sinnvoll und anwendbar? Wäre das nicht ein Rückschritt? Oder gar ein Schritt nach rechts? Da wäre dann der Spruch von den Goths, die die Farbe braun entdeckt haben, plötzlich gar nicht mehr so lustig.

Aber, ich will trotzdem was Lustiges zum Abschluss des Beitrags haben: In den USA wurde tatsächlich ein Mann an einem Flughafen wegen Terrorismus-Verdachts verhaftet, weil er eine Steampunk-Uhr, so ein aufgedrehtes Teil mit -zig unnötigen Zahnrädern und Kolben mit sich führte.17

Musik 4:

Maciej Bether: Street

Beitrag 4: Ausblick

Zum Abschluss möchte ich mich mit euch auf die Suche machen nach den Menschen hinter Steampunk. Vielleicht fragt ihr euch ja auch schön langsam, wo man diese Steampunker bei uns treffen kann. Auf der Maria-Theresien-Straße habe ich jedenfalls noch keine gesehen, soviel steht fest.

Die meisten findet man natürlich in den Vereinigten Staaten. Nicht nur, dass ja viele Trends dort erfunden werden, ist es ja tatsächlich so, dass die ersten echten Steampunk-Romane, wie erwähnt, US-amerikanischen Ursprungs sind. Ebenso die genannten Hollywood-Filme, die die Ästhetik des Steampunk einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht haben. Und auch das Steampunk Magazine, das es seit 2006 gibt, stammt von dort, und und und.

Europa ist wieder mal Zweite hinter Uncle Sam.

Und, wie sollte es anders sein, der nicht-englischsprachige Teil Europas kommt sowieso erst einige Jahre später hinterher. In Österreich ist die erste Erwähnung von Steampunk in Google Trends Mitte 2009 zu verzeichnen, in Deutschland ein wenig früher.

Gibt es jetzt eigentlich eine „Steampunk-Szene“ in Österreich?

Ich sage mal, vermutlich gibt es sie. Nicht so ausgeprägt wie in England oder Frankreich, aber es gibt wohl einige Menschen, die sich an ihre deutschen Kolleginnen anhängen. Ob man das jetzt als Szene bezeichnen kann, weiß ich nicht. Leider habe ich es nicht geschafft, auf meine entsprechende Anfrage in einer österreichischen facebook-Gruppe eine Antwort zu erhalten. Darum stützen sich meine Aussagen auf das, was ich im Internet herausfinden konnte – und das ist eben nicht viel.

Leider konnte ich keine statistischen Daten auftreiben: wie alt sind die Leute, sind es mehr Frauen als Männer, mehr urban als ländlich? Und wo sind ihre Interessen? In der Literatur, der kreativen Bastelei, im Besuch von Veranstaltungen?

Offenbar konzentriert sich die Szene, so es eine ist, in Wien, wie es halt oft so ist in Österreich. An Konzerten und Festen scheint es nichts speziell Steampunkiges zu geben, man orientiert sich da offenbar eher am Goth-Angebot, besucht aber auch gerne mal Museen (wie das Technische) und Ausstellungen zur Epoche (was natürlich ebenfalls in Wien leichter ist als etwa in Tirol), und sonst wird hauptsächlich gebastelt. Ideologische Diskussionen konnte ich auf keiner der facebook-Präsenzen finden.

Abseits von Facebook gibt es als schlechtes Beispiel die „First Viennese Anachronistic Society – A place for all steampunk lovers in Central Europe“: letzter Eintrag November 2010.

Aber eine europäische Steampunk-Convention scheint sich zur etablierten Einrichtung zu entwickeln, die EuroSteamCon wird offenbar mittlerweile jährlich parallel an mehreren europäischen Orten ausgetragen. Und auch an anderen Conventions (Stichwort Science Fiction) scheint man sich zu treffen, also vielleicht habe ich ja Glück dieses Jahr auf der FedCon, die ich wahrscheinlich für euch Ende Mai besuchen werde.

Printmedial ist nicht wirklich Präsenz des Themas Steampunk zu bemerken. Der eingangs erwähnte Spiegel-Artikel aus 2007 dient seither allen deutschsprachigen Artikeln zum Thema Steampunk als Folie, wesentliche neue Erkenntnisse sind nicht zu finden. Das Thema eignet sich wohl gerade mal für Wochenend-Beilagen… weil die Bilder ja doch sehr reizvoll sind.

Lediglich ein Artikel der Online-Presse18 aus 2013 nennt konkrete Zahlen zur Steampunk-Szene: von 500 Menschen in Österreich, davon 220 in Wien, ist die Rede, nach Schätzung eines Steampunks.

Wo ist also der Reiz dieses kreativen Anachronismus, den wir doch im Laufe der Sendung begegnet sind, zu finden in diesem unserem Land?

Braucht die Insel der Seligen keine Steampunks? Dabei wären sie doch sehr nett anzusehen und wirken auch gar nicht so gefährlich wie andere Gruppierungen.

“As a subculture, we are not the spawn of Satan,” wird z.B. in der New York Times eine Steampunkerin auf einer Convention zitiert, “People smile when they see us. They want to take our picture.” Und Robert Brown, von der erwähnten Gruppe Abney Park, pflichtet ihr bei:. “Steampunk is not dark and spooky […] It’s elegant and beautiful.”19

Aber natürlich, das Aussehen ist nicht alles, wie wir gesehen haben. Schließlich sollte es sich ja um eine Bewegung handeln, und da geht es auch um Ideologie. Wie ist es mit dieser bestellt?

Will man nicht, hat man keine? Ist anachronistische Gewandung bei uns wirklich die einzige Ausdrucksform des Steampunk, und dies auch nur abseits der Öffentlichkeit, im Schutz von Conventions und Goth-Konzerten?

 

„Sci-fi is usually designed by a master architect, be it George Lucas or H.P. Lovecraft, someone who has created a world […] Steampunk is completely different; the fans create the world.20

 

Wo sind sie also, die Welten, die ihr kreieren sollt?

Wo sind die Geschichten, die Lieder, die Filme?

Ich hätte ja auch sehr gerne darüber berichtet, doch leider…

Musik 5:

Loneload: Alan Turing

 

Turing, der britische Computer-Experte, ist zwar jetzt nicht gerade einer der üblichen Helden des Steampunk, aber trotzdem passt das Stück, finde ich.

Abmoderation:

So, aber nun genug hinterfragt für heute. Ich danke euch herzlich fürs Zuhören und hoffe, die Sendung hat euch wieder gefallen.

Und nochmals der Hinweis die Internet-Seiten zur Sendung:

Kritik, sowohl negative als auch positive, Wünsche und Anregungen könnt ihr gerne an mich per eMail senden: radio@hinterfragt.at.

Und wer die Sendung nachlesen möchte: die begleitende Website ist zu finden unter hinterfragt.at, dort findet ihr auch alle Links, könnt Kommentare zur Sendung abgeben oder auch den Newsletter abonnieren. Außerdem könnt ihr mir auch auf Twitter folgen @hinterfragtAT oder auf Facebook unter hinterfragt.

Und nun verabschiede ich mich und wünsche euch noch eine gute Zeit.

Das war Ewald Strohmar-Mauler mit der Sendung hinterfragt. Das kulturwissenschaftliche Magazin live auf FREIRAD 105.9, dem Freien Radio in Innsbruck.

Abspannmusik

Spiky: The Pandemonia Train 7:08

Sendung anhören

1Q: http://clockworker.de/cw/2014/01/13/?literarisches-steampunk-tripel-im-februar/

2vgl z.B. http://www.prnewswire.com/news-releases/?ibm-social-sentiment-index-predicts-new-retail-trend-in-the-making-186773131.html, https://www.pressetext.com/news/20130116002

3http://www.spiegel.de/netzwelt/tech/?retro-kunst-die-wundersame-welt-der-steampunks-a-491918.html

4ebd.

5vgl. http://steampunkworkshop.com/nine-novels-defined-steampunk sowie http://steampunkscholar.blogspot.co.at/2010/08/?history-of-steampunk-by-cory-gross.html

6Season 3, Episode 4

7http://www.tor.com/blogs/2010/10/castles-qpunkedq-a-love-letter-to-the-steampunk-community

8VanderMeer, Jeff, and S J. Chambers. The Steampunk Bible: An Illustrated Guide to the World of Imaginary Airships, Corsets and Goggles, Mad Scientists, and Strange Literature. New York: Abrams Image, 2011. Print.; hier: S.12

9z.B. http://www.steampunk.com/what-is-steampunk/

10vgl. http://ageofsteam.wordpress.com/2011/01/10/?the-punk-in-steampunksteampunk-ideology/

11VanderMeer and Chambers, 2011, 13

12ja, diese Definition ist von mir

13S.4, downloadbar unter http://www.steampunkmagazine.com

14zit. nach http://steampunkscholar.blogspot.co.at/2010/08/?history-of-steampunk-by-cory-gross.html

15vgl. http://austinsirkin.tumblr.com/post/20317870381/what-is-steampunk-its-come-to-my-attention

16http://bir.brandeis.edu/bitstream/handle/10192/24059/burk_steampunk_aug10.pdf

17http://tsanewsblog.com/7452/news/steampunk-art-is-now-terrorism-according-to-the-tsa/

18http://diepresse.com/home/leben/mode/1342986/Steampunks_Hansdampf-in-fremden-Welten

19http://www.nytimes.com/2008/05/08/fashion/08PUNK.html?_r=0

20http://www.tfponline.com/news/2012/jul/06/steampunk/

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