Sendung vom 13. Mai 2014: 3 Jahre hinterfragt

Ich begrüße euch, liebe Hörerinnen von FREIRAD! Am Mikrofon ist wieder Ewald Strohmar-Mauler mit einer neuen Ausgabe von „hinterfragt.“, dem kulturwissenschaftlichen Magazin.

 

Die heutige Sendung trägt den Titel: 3 Jahre hinterfragt. Am 10. Mai 2011 startete diese Sendereihe, noch unter dem Titel hinterfragt. Das philosophische Magazin.

 

Ich werde ein wenig zurück blicken, was in diesen drei Jahren geschehen ist, was sich geändert hat, was gleich geblieben ist.

Eines möchte ich doch schon vorweg nehmen: als ich angefangen habe, hieß es hier noch FREIRAD 105.9 MHz, das freie Radio in Innsbruck. Seit einigen Wochen hat sich das Sendegebiet ja drastisch erweitert, daher heißt es nur noch FREIRAD ohne die Angabe der Frequenz und der Landeshauptstadt. Es ist nach wie vor ein freies Radio, also ein nichtkommerzielles Radio, geblieben, worauf wir, denke ich, stolz sein können.

  Auch ich habe der geänderten Sender-Bezeichnung Rechnung getragen und meine Signation bereits entsprechend verändert, wie euch vielleicht aufgefallen ist.   So, jetzt aber zum Einstieg wie immer, etwas Musik. Und zwar spiele ich zur Erinnerung die Signation der Sendung vor dem Relaunch. Und zwar erstmals in voller Länge. Das Musikbett stammt von Dan-O1 und ist wie alle Lieder, die ich spiele, unter einer Creative Commons Lizenz veröffentlicht.   Das Soundbett für die neue Signation ist übrigens Three 4 Ten von Triplexity     Musik: Ewald Strohmar-MaulerSignation »alt« 0:4:13       Beitrag 1: Überblick Im ersten Sendeblock werde ich erzählen, wie es überhaupt zu meiner Sendung gekommen ist und was in den drei Jahren eigentlich so alles Thema war. Die ursprüngliche Idee zur Sendung entsprang der Notwendigkeit, für mein kulturwissenschaftliches Studium eine Praktikumsarbeit in Philosophie zu erstellen, in welcher ein Text auf seine logischen und argumentativen Kriterien abzuklopfen war. Da ich auf der FernUni in Hagen studiert habe, in welcher üblicher Weise vornehmlich berufstätige Menschen studieren, welche nicht noch nebenbei eine Praktikumstätigkeit aufnehmen können, konnte dieser Text auch aus dem Bereich der Berufstätigkeit oder einer ehrenamtlichen Tätigkeit stammen. Ersteres fiel für mich aus, also musste eine ehrenamtliche Alternative gefunden werden. Nun kannte ich FREIRAD und dessen Geschäftsführer Markus Schennach bereits von meinen Ausflügen in die Tiroler Kulturszene, daher kam ich auf die Idee, mich dort mal näher zu informieren. Ich meldete mich zunächst mal zu einem Radiomacherinnen-Seminar an, völlig ahnungslos, auf was ich mich da einlassen würde. Wer konnte ahnen, dass mich die Materie Radio, und vor allem das Konzept der freien Radios, so dermaßen faszinieren würde, dass ich beschließen würde, dann tatsächlich eine philosophische Radiosendung zu machen? Dass ich in diesem Zusammenhang auch einen Text finden würde, der zerpflückenswert wäre, hat sich dann wie von selbst ergeben, und auf Grund meiner Analyse wurde dann später bei FREIRAD auch beschlossen, den von mir gewählten Text zu verbessern. Hamse???   Was aber wichtiger war, nach den erforderlichen offiziellen Präliminarien wie Besuch der Einführungsseminare, Erwerben der Mitgliedschaft beim FREIRAD-Trägerverein und der Präsentation des Sendungs-Konzepts vor der Programmgruppe inklusive Ausschnapsen einer geeigneten Sendezeit hatte dann ich meine eigene Radiosendung! Jeden zweiten Dienstag im Monat um 20 Uhr, diese Sendezeit ist tatsächlich seit Anbeginn gleich geblieben und auch nie aus irgend einem aktuellen Anlass ausgefallen, sogar eine Wiederholung am vierten Donnerstag um 9 Uhr vormittags habe ich gleich programmiert bekommen.   Im Verlauf dieser Sendung werde ich euch auch noch erzählen, wie so eine Sendung so eigentlich entsteht, jetzt will ich euch aber zunächst einen Rückblick über die bisherigen Sendungen geben.   Am 10. Mai 2011 war »hinterfragt. Das philosophische Magazin« zum ersten Mal mit dem Thema: »Atomkraft? Nein danke!« auf Sendung und kam dann regelmäßig bis zum 11. Dezember2012, also zwanzig Sendungen lang, plus einer Sondersendung zum Thema »Freie Radios und lokaler Kulturbetrieb«2 anlässlich des »Tages der freien Medien«. Ich glaube, es handelt sich somit um das am längsten ausgestrahlte philosophische Magazin im deutschsprachigen Raum, zumindest bei nicht-öffentlich-rechtlichen Radios.   Mit welchen Themen durfte ich euch denn bei den ersten zwanzig Sendungen philosophisch unterhalten? Es waren dies: »Atomkraft, nein danke?«, »Der/die/das Fremde«, »Privatsache Religion?«, »Philosophie als Lebensform?«, »Wem gehören meine Daten?«, »Wie verrückt ist Auto fahren?«, »Geschieht was mit der Demokratie?«, »Begehren wir Bildung?«. Die meisten Titel tragen hinten ein Fragezeichen, getreu der Idee dieser Sendung, Dinge zu hinterfragen. Dann hatte ich, à propos Fragen, die Idee, Immanuel Kants berühmte vier Fragen in vier Sendungen zu behandeln, mit jeweils einer anderen Sendung dazwischen, so kam also im Januar 2012 die erste Frage an die Reihe: »Was kann ich wissen?«, zur Auflockerung gefolgt von einer Sendung mit dem Titel »Philosophie und Humor«, in welcher ich philosophische Witze thematisierte. Dann wieder Kant mit der Frage: »Was soll ich tun?«, und im April 2012 aus Krankheitsgründen eine reine Musik-Zusammenstellung. Dann die dritte Frage Kants: »Was darf ich hoffen?«. Danach eine Sendung zu »Kultur und Philosophie« und die Sondersendung: »Freie Radios und lokaler Kulturbetrieb« am 15.06.2012 zum Tag der Freien Radios. Im darauf folgenden Monat sendete ich meine Gedanken zur letzten von Immanuel Kants Fragen »Was ist der Mensch?«, gefolgt von einer weiteren Sendung über philosophische Witze, »Plato and a Platypus…«. Meine Beschäftigung mit Sozialphilosophie brachte mich zum Thema »John Rawls: A Theory of Justice«, danach behandelte ich »Japanische Philosophie« und die japanische Kampfsportart Kendo, welche indirekt damit zu tun hat. Ich war dann auch schon mitten in der Recherche für meine Abschlussarbeit, und eines der Nebenprodukte war die Sendung zur »Philosophie der Menschenrechte«, was ja dann letztlich auch Thema meiner Abschlussarbeit war, und die letzte philosophische Sendung galt dann der Theorie zur »Philosophie des Humors«.   Dann kam die intensive Beschäftigung mit der Abschlussarbeit meines Studiums, was ein halbes Jahr Pause vom Radio bedeutete. Und danach folgte am 11. Juni 2013 der Relaunch der Sendung unter dem neuen Namen »hinterfragt. Das kulturwissenschaftliche Magazin«. Die Gründe für die Ausweitung des Spektrums waren, dass ich vermehrt auch Themen aus »Geschichte und Gesellschaft, Literatur und Kunst, Alltag und Untergrund«, wie es so schön in der Signation heißt, aufgreifen wollte, und dies nicht nur aus rein philosophischer Sicht. Unter vorgehaltener Hand kann ich euch verraten, dass mir auch langsam die intensive Beschäftigung mit philosophischen Themen etwas zu anstrengend geworden war, denn die einfach zu bearbeitenden und vor allem auch einfach verständlich zu vermittelnden philosophischen Themen sind ja eher schwer zu finden. Und da somit eine Erweiterung in Richtung einer allgemeineren Beschäftigungen mit »Kultur« (im Sinne Hubertus Busches als »Kultur, in der man lebt3«) ohnehin notwendig geworden wäre, sollte sich diese auch in der Namensgebung der Sendung und somit in der Deklaration als kulturwissenschaftliches Magazin ausdrücken. Journalistische Gründe hatte ich auch: das Ganze sollte „magazinhafter“ werden, mit kleineren Beiträgen aus verschiedenen Bereichen in einer Sendung, und die Beteiligung der Hörerinnen soll verstärkt werden. Leider hat beides nicht geklappt. Die Bearbeitung mehrerer verschiedener Themen, so hat sich bereits in der ersten Sendung nach den geplanten neuen Konzept gezeigt, ist nicht so einfach zu realisieren. Dazu aber später mehr.   Die Sendungen als kulturwissenschaftliches Magazin, also ab Juni 2013, hatten dann auch folgende Inhalte: Zensur in Kinderbüchern, Ladenöffnungszeiten, Reliquienverehrung, Klosterfrauen im Tiroler Landtag, das Museum der Völker, Clowns, MOOCs, die Paradiesvögel-Ausstellung im Zeughaus, Steampunk, Kinder im Museum und zuletzt »das eBook im Selbstverlag«.   Das war ein kleiner Rückblick, und es geht in gewohnter Weise vor dem zweiten Beitrag weiter mit Musik. Musik: Electric Zoom For My Love 0:3:37   Beitrag 2: Einblick

Im nächsten Beitrag möchte ich versuchen, auf einzelne meiner bisher besprochenen Themenstellungen aus heutiger Sicht einzugehen. Was hat sich verändert nach 33 Sendungen, wenn mensch die Sondersendung mitzählt, sei es hinsichtlich der äußeren Gegebenheiten, sei es hinsichtlich meiner eigenen Einstellung?

Wenn ich mir die einzelnen Themen so ansehe, stelle ich fest, dass in drei Jahren gleichzeitig viel und wenig passieren kann.   Zum Beispiel Atomkraft, das Thema meiner ersten Sendung, und gleichzeitig Thema seit vielen Jahrzehnten, die Problematik ist immer aktuell, und rückt medial immer wieder mal in den Vordergrund. In den 1970ern Zwentendorf, in den 1980ern Tchernobyl, und dann eben 2011 Fukushima. Jetzt hört mensch in den Medien kaum mehr davon. Wenn gerade kein Atomkraftwerk in die Luft fliegt, ist offenbar unser einziges Interesse, ob die Pilze oder die Fische, die wir essen, verseucht sind. Wer weiß, ohne im Internet nachzusehen, wie es den Menschen in der Umgebung von Fukushima jetzt eigentlich geht?   »Der/die/das Fremde« war Titel meiner zweiten Sendung. Zum Thema Fremde hat sich erwartungsgemäß gar nichts verändert. Nach wie vor die selben Ressentiments und die Ablehnung alles Fremden auf der einen, die Forderung nach Toleranz und Annahme auf der anderen Seite. Dieses Jahr ist übrigens das 50-Jahr Jubiläum des Anwerbeabkommens mit der Türkei. »Gastarbeiter« sollten in den 1960ern nur mal kurz Österreich beim wirtschaftlichen Aufbau helfen und dann wieder in ihre Heimat zurück kehren. So war der Plan. Die Arbeiterinnen sind aber geblieben, ihre Familien sind nachgekommen, und nun haben wir bereits eine dritte Generation von »Austrotürken«. Für viele »Österreicherinnen« sind diese durchaus noch »Fremde«.   Das nächste Thema ist eines, das ich gerne wieder in einer Sendung aufgreifen würde, allerdings ist es auch eines, bei welchem sich nach meiner Erfahrung seit Jahrzehnten kaum etwas bewegt: Die »Privatsache Religion?« habe ich im Juli 2011 hinterfragt, und dieser Tage kam wieder ein Fall ähnlich der Problematik »Kreuz im Klassenzimmer« zu Tage: in unseren Volksschulen werden wohl nicht nur im Religionsunterricht Lieder für die Erstkommunion geprobt, sondern auch in der Zeit, welche andern Unterrichtsgegenständen zur Verfügung stünde. Aufgekommen ist die Sache in einer Schule in Niederösterreich, doch ich kann vermuten, dass es bei uns in Tirol nicht anders ist, da erwiesenermaßen die katholische Indoktrination in beiden Bundesländern ziemlich ähnlich durchgängig ist und die Gummiparagraphen des Schulorganisationsgesetzes gleich interpretiert werden. Da allerdings jetzt in Niederösterreich der Leiter der Rechtsabteilung des Landesschulrats wegen einer nonkonformen Meinung strafversetzt wurde, könnte diese Geschichte eventuell höhere Wellen schlagen und die Frage der Religion als Privatsache wieder öffentlicher machen. Alle, die behaupten, dass Staat und Kirche bei uns getrennt sind, verweigern sich der Wahrheit. Und dieser Verfassungsbruch gehört endlich korrigiert.   Das nächste Thema, »Philosophie als Lebensform?« ist weitaus weniger emotional und war auch als »Abkühlung« konzipiert. Denn bereits das nächste Thema, »Wem gehören meine Daten?«, war dann schon wieder wesentlich heißer, und das war im September 2011, also noch vor Edward Snowdens Enthüllungen über die Machenschaften der NSA. Hier hat sich zwar hinsichtlich der Information der Weltbevölkerung und der damit verbundenen Aufschreie etwas getan, aber die Politik tut sich nach wie vor schwer mit der Aufarbeitung der Enthüllungen. Die USA wollen von der Überwachung nicht abgehen und betonen deren Wichtigkeit für die nationale Sicherheit, die EU will es sich mit den USA nicht wirklich verscherzen und versucht schaumgebremst, die Daten ihrer Bürgerinnen wenigstens auf dem Papier zu schützen. Im Hintergrund arbeiten die bekannten Datenkraken und sammeln Informationen über alle jene, die ihre »kostenlosen« Dienste in Anspruch nehmen. Nein, es hat sich hier nicht wirklich etwas geändert in den drei Jahren.   »Wie verrückt ist Auto fahren?«, fragte ich dann im Oktober 2011. Auch dieses Thema könnte ich wohl 1:1 heute wieder bringen. In Tirol »muss« mensch ja ein Auto haben, es »geht ja gar nicht anders«.   Mit »Geschieht was mit der Demokratie?« habe ich dann die diversen demokratischen »Empört euch!«-Bewegungen hinterfragt, die ja doch einiges bewegen konnten. Manches hat sich dann auch wieder in Richtung des Ausgangspunktes zurück-bewegt, manches ist geblieben. Echte demokratische Institutionen sind in vielen Regionen aber bis heute Wunschdenken geblieben. In vielen Ländern wird etwa die Pressefreiheit, jene Ausprägung der Meinungsfreiheit, welche ein wesentliches Standbein der Demokratie darstellt, gezielt unterdrückt. »Keine Freiheit ohne Pressefreiheit« steht auf der Stofftasche von »Reporter ohne Grenzen«, die ich als Unterstützer dieser Tage zugesandt bekommen habe. Meinen Kindern musste ich die Bedeutung dieses Satzes erklären, vielleicht sollten das auch andere Eltern tun. Zensur findet übrigens auch in Österreich statt, wenn auch auf recht subtile Weise, etwa durch Vorenthalten von Presseförderungen oder über Inserateschaltungen, die an Bedingungen geknüpft werden.   Demokratie benötigt Bildung, und »Begehren wir Bildung?« war dann anlässlich des Bildungs-Volksbegehrens auch mein nächstes Thema. Hier hat sich erwartungsgemäß nichts getan, das Volksbegehren war jetzt nicht so der riesige Erfolg, und die Bildung pfeift in Österreich auf dem letzten Loch, auch wenn mir als Gegenbeispiel von einem Bezirksschulinspektor versichert wurde, dass Österreich ja doch sehr viele Nobelpreisträger habe, was ich denn also wolle. Kritik wird abgeschmettert, unser Schulwesen versteckt sich hinter Paragraphen, die einzuhalten offenbar einen Großteil der intellektuellen Leistungen der Bildungsverantwortlichen aufbraucht. Der Rest wird für Beschönigung verwendet.   Nach diesen ebenso aktuellen wie heißen Themen kam irgendwie ein thematischer Bruch, als ich für 2012 nämlich beschlossen hatte, weniger Politik und mehr direkte Philosophie zu betreiben. Also Kant, Nietzsche und Co. stärker zu bemühen, anstatt Themen aus den Schlagzeilen philosophisch zu hinterfragen.   Prominent natürlich Immanuel Kant, der wohl nicht nur auf dem philosophischen Institut in Hagen rauf- und runter georgelt wird. Mit der Thematisierung seiner berühmten vier Fragen: »Was kann ich wissen?«, »Was soll ich tun?«, »Was darf ich hoffen?«, und »Was ist der Mensch?« habe ich versucht, das ganze Spektrum seiner Philosophie abzudecken. Ein anderer Themenkreis, quasi als Gegenpol zum gestrengen Königsberger, kam in der Betrachtung der humorvollen Seite der Philosophie zum Ausdruck, welcher mir persönlich sehr wichtig ist, in allen drei Ausprägungen als »Philosophie des Humors«, »Philosophie mit Humor« und den unzähligen Witzen über Philosophen und ihre Theorien. Denn oft ist es einfacher, eine solche Theorie mit einem Witz oder einer humorvollen Geschichte begreiflich zu machen als mit einem Originaltext.   Einen anderen philosophischen Schwerpunkt hatten die Sendungen zum Thema Menschenrechte mit »John Rawls: A Theory of Justice«, und »Philosophie der Menschenrechte«, wie gesagt, als Succus meiner Beschäftigung mit diesem Thema anlässlich meines Studiums. Genug des Rückblicks, nun wieder ein Stück Musik: Fortadelis Jazz Momentum 0:6:3   Zwischenmoderation Für alle, die sich erst später zugeschaltet haben: Hier ist „hinterfragt„, das kulturwissenschaftliche Magazin live auf FREIRAD, dem freien Radio in Tirol! Mein Name ist Ewald Strohmar-Mauler.   Das heutige Thema ist 3 Jahre hinterfragt. Einen Rückblick über die 33 bisherigen Sendungen habe ich bereits gegeben, die letzten beiden Beiträge beschäftigen sich mit der Frage, wie eigentlich so eine Sendung entsteht und einigen Überlegungen für die Zukunft.     Beitrag 3: Seitenblick Jubiläen und Rückblicke bieten auch immer eine gute Gelegenheit, das Publikum ein wenig hinter die Kulissen blicken zu lassen, so will ich das jetzt auch tun. Eine Radio-Sendung gestaltet sich nämlich nicht von selbst, vor allem nicht neben einem Vollzeit-Job, einem Studium und einer Familie. Schließlich muss mensch zuerst mal eine Idee für die Sendung haben, dann dazu recherchieren, dann auf die Straße, wenn Straßenbefragungen sinnvoll erscheinen, alternativ oder auch zusätzlich auch noch Interviews mit Fachleuten.   Also die volle Palette journalistischen Know-hows, das auch erst mal erworben werden muss. Die Seminare bei FREIRAD bieten hier ja wirklich geeignete Unterstützung, begonnen beim Radiomacherinnen-Seminar, welches ja verpflichtend ist, bevor mensch überhaupt ins Studio darf. Aber auch Seminare zum Sprechtraining, zum Medienrecht oder zu verschiedenen Fragen der journalistischen Arbeit werden angeboten, bis hin zu einer Radiojournalismus-Lehrredaktion.   Wer es schon mal gemacht hat, weiß, wie mensch sich bei der ersten Straßenbefragung, die mensch durchführen möchte, ins Hemd macht, bis mensch dahinter kommt, dass die Leute eh nicht beißen. Das schlimmste, was dir passieren kann, ist ein »Nein!« zu hören, eventuell von »… ich will nicht!«, »… ich hab jetzt keine Zeit!« oder »… ui, da kenn ich mich aber gar nicht aus!« begleitet. Aber viele Leute freuen sich ja doch, wenn sie befragt werden, schließlich haben sie dann auch ihre paar Sekunden Ruhm, sind ganz kurz jemand Wichtiges, weil ihre Meinung gefragt ist. Das sollte mensch nicht unterschätzen, für mich ist dieser Aspekt auch ganz wichtig, ich glaube schon, dass alle Menschen zu allen Themen eigentlich auch eine Meinung haben, oder zumindest haben sollten. Und irgendwie findet mensch bei den Straßenbefragungen auch immer wieder Leute, die repräsentativ sind. Warum sich die immer auf der Maria Theresien-Straße rumtreiben, wenn ich sie brauche, weiß ich auch nicht. Diese Straße eignet sich wegen ihrer hohen Frequenz von Passantinnen und der guten demografischen Durchmischung sehr gut für den Zweck. Sogar am Montag nach 18 Uhr, wenn ich die Kinder in ihr Sport-Training gebracht habe, kann ich dort wunderbar befragen…   Interviews gestalten sich da schon trickreicher in der Organisation. Nicht alle Menschen, die zu interessanten Themen etwas zu sagen hätten, haben nach meinem Büroschluss noch Zeit für ein Interview. Und es kann immer eine plötzliche Terminverschiebung geben, weil jemand krank wird. Ist natürlich bitter, wenn das Interview bereits für die nächste Sendung geplant gewesen wäre. Aber wenn mensch mal dort sitzt und gut vorbereitet ist, machen Interviews meist großen Spaß. Wichtig ist nur, dass frau ihren oder man seinen Interview-Partnerinnen vorab einen möglichst detaillierten Interview-Leitfaden geschickt hat, damit diese wissen, worum es dir geht. Denn einen Vortrag über ihr Forschungsgebiet halten können Fachleute üblicherweise immer, aber das ist ja nicht immer das, was für die Fragestellung der konkreten Sendung relevant ist. Und für die kleinen Neben- und Nachfragen ist es auch immer gut, selbst mit unmöglich viel Material ausgestattet zu sein, nicht nur die obligaten ZDFs, also Zahlen, Daten, Fakten, über die interviewte Person, deren Institution, und natürlich die Forschungsfrage, sondern vielleicht auch noch die eine oder andere Hintergrundinformation, die der Gegenüberin zeigt, dass du dich wirklich interessierst und informiert hast. Dann erzählen sie noch viel lieber, und das macht dann ein spannendes, lebendiges Interview aus. Im Idealfall eines, das du ungeschnitten senden kannst.   À propos geschnitten. Es lohnt sich, mit einem Schnittprogramm wie Audacity umgehen zu können. Straßenbefragungen müssen auf jeden Fall geschnitten und manchmal auch nachbearbeitet werden, denn da werden viele Nebengeräusche mitgenommen. Und die Leute sind, weil sie überfallen werden, unvorbereitet und stammeln oft herum. Da lohnt es sich, die »Äh«s heraus zu nehmen. Und die Abfolge der einzelnen Meinungen kann ja auch nicht bei der Aufnahme gesteuert werden, sondern erst bei der Nachbearbeitung. Und ein ganzer, gut zusammen gestellter Block ist dann beim Abspielen im Studio übersichtlicher als sieben kleine Einzeldateien.   Hier, weil es gerade passt, einige Worte zur Musik. Zwar hat FREIRAD mit der AKM eine Pauschalvereinbarung, so dass auch vergebührungspflichtige Musik gespielt werden darf, ich verwende aber von Anfang an nur Musik, die unter einer Creative Commons Lizenz steht. Denn ich sehe meine Sendung als Gesamtheit an, bei welcher die Musik durchaus dazu gehört und nicht bei anderer Verbreitung, etwa beim Bereitstellen des Mitschnitts auf der Website, heraus geschnitten werden müsste. Bei den meisten Sendungen habe ich auch die Musik nicht willkürlich ausgewählt, sondern gezielt zum Thema auch die Musiknummern recherchiert. Es gab sogar eine Sendung, nämlich jene mit der Frage »Geschieht etwas mit der Demokratie?«, bei welcher die Musik komplett von der spanischen Gruppe Logical Disorder stammte. Ich zitiere mich selbst: »Diese sympathisieren nämlich auch mit der 15.Oktober-Bewegung, darum habe ich ihnen versprochen, eine ganze Sendung lang nur ihre Musik zu spielen. Den Link zur ersten Nummer (Democracy…) haben sie mir dann auch gleich begeistert zukommen lassen4.«. Soviel zur Musik   Und dann will so eine Sendung auch noch geschrieben werden. Ich schreibe die kompletten Texte zur Sendung nieder, meist am Wochenende davor, und kontrolliere die exakte Länge mit einer Stoppuhr. Dies hat einen einfachen Grund: wenn ich frei spreche, ufere ich aus. Es gibt immer noch den einen oder anderen Seitengedanken, die eine oder andere Nebeninformation, die mir kurz vor der Sendung oder sogar während einer Musiknummer noch schnell einfällt. Wenn ich die auch noch alle erzähle, dann wird mir hinten raus die Zeit zu knapp und ich muss »hudeln«. Das macht die Sache nicht verständlicher, auch wenn es Menschen gibt, die mich auch bei höherer Sprechgeschwindigkeit verstehen. An dieser Stelle fiele mir z.B. mein Sohn Kilian ein, welcher einer dieser wenigen Menschen ist, und in weiterer Folge die Überlegung, dass ich eigentlich auch einmal eine Sendung mit ihm gemeinsam machen möchte, in die Richtung »Philosophieren mit Kindern«, usw. Und so verplaudert sich locker eine Minute, und dann irgendwo eine zweite und dritte, dann müsste ich mich womöglich blitzschnell entscheiden, eventuell eine Musiknummer vorzeitig abzuwürgen oder an anderer Stelle Text rauszustreichen… aber wo? Jeder Satz ist doch gleich gut überlegt und alle sind sie gleich wichtig… Ihr versteht die Problematik?   Ich möchte die Gelegenheit des Rückblickes aber auch nutzen, auf meine eigene Einstellung zu den von mir bearbeiteteten Themen einzugehen.   Ich habe diese Themen ja nicht von einer Redaktion vorgegeben bekommen, ich bin ja schließlich selbst Redaktion, Moderation und Technik in einer Person. Die Themen habe ich gewählt, weil sie mir zum Zeitpunkt der Bearbeitung wichtig waren und großteils auch heute noch sind.   Darum ist meine Gestaltung auch nicht in dem üblichen neutralen Ton abgefasst, den wir vom deutschsprachigen Nachkriegsjournalismus gewöhnt sind5. Diese übertrieben »objektive« Ausdrucksweise in der Berichterstattung hat sich ja als Gegenposition zu dem propagandahaften Journalismus im Dritten Reich entwickelt. Um keinen Preis eine eigene Meinung oder gar Wertung äußern, war danach die Devise. Eine eigene Meinung durften nur die Autoren der Feuilletons von sich geben. Ich mache keine Nachrichtensendung, keine Reportagensendung, sondern ein Magazin, in welchem ich zwar versuche, möglichst alle Standpunkte zu einem Thema anzuführen, in welchem ich aber durchaus meine eigene Meinung zum Thema vertrete und auch dazu stehe. Oder anders herum, ich bearbeite nur Themen, zu denen ich nicht nur eine eigene Meinung habe, sondern die auch entsprechend Material dafür bietet, verschiedene andere Sichtweisen gegen einander zu stellen, sie zu vergleichen, und gegebenenfalls auch die eigene ursprüngliche Ansicht zu korrigieren. Das gilt für mich selbst ebenso wie für meine Hörerinnen. Diese Möglichkeit im freien Radio, das Recht auf freie Meinungsäußerung auch tatsächlich ausüben zu können, halte ich für extrem notwendig. Darum finde ich auch Sendungen so wichtig, die sich genügend Zeit nehmen, ein Thema auch wirklich zu bearbeiten und nicht nur in einer kurzen Nachrichtenspalte abzuhandeln.   Ich habe beim Zusammenstellen dieses Rückblickes gemerkt, dass mich die Brisanz mancher Themen nach wie vor berührt, und ich bei einigen davon durchaus das Bedürfnis verspüre, eine zweite Sendung zu diesem Thema zu gestalten. Andererseits denke ich, dass meine eigene Einstellung dazu vermutlich in den meisten Fällen eher unverändert sein würde, vor allem bei jenen Themen, in welchen sich keine neuen Entwicklungen ergeben haben. Hier böte sich vielleicht an, im Rahmen von Expertinnen-Interviews das Thema erneut aufzugreifen.   Musik: Jay P. BakerWe As Us 0:4:26     Beitrag 4: Ausblick Wir sind beim letzten Block der Sendung angelangt, der unter dem Titel »Ausblick« meist eine Zusammenfassung der wesentlichen Inhalte der Sendung bietet und dann kritisch versucht, Anregungen für ein Weiter-Denken anzubieten. Zusammengefasst habe ich heute schon ausreichend, denke ich. Ich gehe also gleich zur kritischen Reflektion über.   Bei der Zusammenstellung der Sendung habe ich so einige Notizen gemacht. Eine davon betraf die Frage: Was hat sich in den drei Jahren so an äußeren Umständen geändert? In der Welt, in Österreich, in Tirol? Die Welt betreffend habe ich schon die eine oder andere Bemerkung von mir gegeben. In Österreich hat sich… gar nichts geändert, außer dass es einige zusätzliche Skandale gab. Die Regierung ist noch immer rot-schwarz und übt sich im »business as usual«. In Tirol ist zwar die Regierung jetzt schwarz-grün, und die Grünen scheinen sich wacker zu bemühen, ihre Linie auf Kurs zu bekommen, aber mir würde so spontan leider nichts einfallen, was sich bisher bereits greifbar verändert hätte. Aber so etwas dauert halt.   Eine andere Notiz betrifft eine Sendung auf ORF2 vor einigen Tagen, bei welcher Teddy Podgorski einen Rückblick auf 90 Jahre Rundfunk in Österreich gegeben hat. Nette Sendung, aber leider ohne jede Erwähnung von privaten Radiosendern, geschweige denn, freien Radios.   Die nächste Notiz lautet »positive Erlebnisse«. Was hat mir am meisten Spaß gemacht bei der Gestaltung der Sendungen? Ich denke, es waren die Interviews, einfach weil es immer Freude macht, wenn Leute begeistert über ihre Arbeit, ihre Forschung, ihre Ansichten erzählen. Und weil es nicht so selbstverständlich ist, einem ehrenamtlichen Journalisten ein Interview zu geben, wo mensch ja nie weiß, was dabei heraus kommt. Ich denke, wenn ich z.B. eine eMail von einem mir unbekannten Blogbetreiber erhalten würde, der mich für sein Blog interviewen wollte, würde ich mir dieses zunächst mal ganz genau durchlesen, bevor ich antworte. Doch offenbar hat FREIRAD einen sehr guten Ruf, gerade was Sendungen im Kulturbereich betrifft, was mir natürlich auch das Anfragen von Interviews erleichtert. Und außerdem kann ja jede sich meine Website ansehen, da sieht sie gleich, woran sie ist.   Die nächste Überlegung, die ich mir so gemacht habe: Was hat nicht so geklappt, wie ich es mir vorgestellt hatte? Ich habe es ja schon kurz angedeutet, die Sendungen nach dem Relaunch sollten »magazinhafter« werden, mit kleineren Beiträgen aus verschiedenen Bereichen. Das hat gar nicht funktioniert, weil ich von meinem bewährten System, die Sendung genau zu formulieren, abgekommen bin. Ich wollte ohne Skript, nur mit Stichworten, die Sendung moderieren, auch um mehr Zeit für Befragungen und Interviews zu gewinnen, wenn ich nicht ungefähr zehn Stunden am Schreiben sitze. Gut, das hat nicht funktioniert, ich bin wieder zur alten Methode zurück gekehrt.   Die zweite Geschichte, die nicht funktioniert hat, und die mich weitaus mehr stört, ist die Beteiligung der Hörerinnen an der Sendung. Diese ist nämlich nicht vorhanden. Ich biete seit der ersten Sendung folgende Möglichkeiten zur Kommunikation mit mir an: Die eMail-Adresse radio@hinterfragt.at, welche sowohl auf der Website hinterfragt.at zu finden ist als auch auf der Seite zur Sendung auf FREIRAD. Die Website selbst bietet eine Kommentarfunktion bei jedem Artikel. Die Hinweise auf facebook und twitter gebe ich auch nicht, weil es gut klingt, sondern weil man auch hierüber Kontakt mit mir aufnehmen kann. Genutzt worden ist alles dies in den letzten drei Jahren eigentlich kaum bis gar nicht. Es gibt zwar einige Abonnenten auf facebook und twitter, es kam aber bislang keine ernsthafte thematische Kommunikation zustande. Ich habe in der letzten Sendung zu Testzwecken einen Gutscheincode zum Gratis-Download meiner ersten veröffentlichten short story hinterlegt, auch dieser wurde nicht genutzt. Soll ich daher annehmen, dass ohnehin niemand diese Sendung hört? Dann ist es auch kein Wunder, dass keine Beteiligung von Hörerinnen stattfinden kann.   Falls doch jemand zuhört: nehmt doch die Gelegenheit wahr und meldet euch über einen der genannten Kanäle, egal ob ihr Ideen für eine Sendung habt, oder eine Kritik, eine Frage, oder mal auch als Studiogästinnen mitreden wollt. Das Projekt »hinterfragt« ist ja nicht nur eine Radiosendung, sondern dahinter steckt auch noch eine Webpräsenz, über die ich auch noch einige Worte loswerden will: 12 Kategorien findet mensch hier, wie Alltag und Untergrund, Geschichte und Gesellschaft, Kunst und Kultur, eine eigene Kategorie Museum, Politik und Philosophie und neuerdings auch Rezensionen, die allerdings erst aktiv wird, wenn ich die Rezension zu einem Science Fiction Sammelband fertig gelesen und etwas darüber geschrieben habe, was in einigen Tagen wohl soweit sein wird. Die Hauptkategorie ist natürlich »Artikel zu den Sendungen«, wo mensch alle Sendungen im Wortlaut nachlesen und auch, ganz wichtig, meist bereits am Tag nach der Sendung den Mitschnitt herunter laden kann, falls mensch keine Zeit oder technische Möglichkeit hatte, die Sendung live zu hören. Am rechten Rand schwebt eine mittlerweile schon riesige Wortwolke mit 188 Schlagworten zu allen Themen.   Nun wieder Musik. Dazu ein wenig Statistik: ich habe, inkl. dieser Sendung bereits 1 Tag 16 Minuten 19 Sekunden Musik gespielt!   Musik: Philos Deploys Monomex 0:3:18   Abmoderation So, aber nun genug hinterfragt für heute. Ich danke euch herzlich fürs Zuhören und hoffe, die Sendung hat euch wieder gefallen.   Und nochmals der Hinweis auf die Internet-Seiten zur Sendung: Kritik, sowohl negative als auch positive, Wünsche und Anregungen könnt ihr gerne an mich per eMail senden: radio@hinterfragt.at.   Und wer die Sendung nachlesen möchte: die begleitende Website ist zu finden unter hinterfragt.at, dort findet ihr auch alle Links, könnt Kommentare zur Sendung abgeben oder auch den Newsletter abonnieren. Außerdem könnt ihr mir auch auf Twitter folgen @hinterfragtAT oder auf Facebook unter hinterfragt.   Und nun verabschiede ich mich und wünsche euch noch eine gute Zeit.   Das war Ewald Strohmar-Mauler mit der Sendung hinterfragt. Das kulturwissenschaftliche Magazin.     Addendumimmer am zweiten Dienstag im Monat um 20 Uhr auf FREIRAD, dem Freien Radio Innsbruck. Via Äther zu empfangen auf 105.9 MHz im Raum Innsbruck, 89.6 MHz von Hall bis Schwaz, 106.2 MHz zwischen Völs und Telfs, im Kabelnetz von UPS Tirol auf 88.8 MHz und natürlich via livestream auf freirad.at. Abspannmusik Laufer CONTINUUM 0:8:36 Sendung anhören

1 (…)

2 http://hinterfragt.at/531/sondersendung-15-juni-2012/

3 http://hinterfragt.at/die-kulturwissenschaftliche-ecke/was-ist-kultur/

5 (…)