Sendung vom 8. Juli 2014: Arbeit (Teil 1)

Ich begrüße euch, liebe Hörerinnen von FREIRAD! Am Mikrofon ist wieder Ewald Strohmar-Mauler mit einer neuen Ausgabe von „hinterfragt.“, dem kulturwissenschaftlichen Magazin.

Heute geht es um ein Thema, aus welchem mensch eigentlich zwei Sendungen machen könnte. Daher habe ich mir überlegt, genau das auch zu tun. Es geht um das Thema Arbeit. Dieses werde ich allerdinge, weil es so umfangreich ist, auf zwei Sendungen verteilen.

Ich werde daher heute die historische Entwicklung einerseits der Arbeit, andererseits aber auch den Wandel der Begriffe, Bedeutung, Wertigkeit usw. betrachten. Das übliche Konzept der Sendung in Überblick, Einblick, Seitenblick und Ausblick wird heute durchbrochen, denn die historische Entwicklung der Arbeit erfordert eigentlich die ganze Sendung. Dennoch hoffe ich, dass auch Nicht-Historikerinnen dabei nicht langweilig wird.

In der nächsten Sendung folgt dann die Frage nach der »Arbeit heute« mit ihren interessanten Facetten.

Musik:

lefu 255 00:04:29

Beitrag 1: Überblick

Das Thema Arbeit ist sehr komplex, daher werde ich es auch, wie gesagt, auf zwei Sendungen verteilen. Heute möchte ich vor allem die historische Sicht darstellen, und zwar vorwiegend anhand der Ausführungen des brandneuen Buches »Arbeit : eine globalhistorische Perspektive / 13. bis 21. Jahrhundert« von Andrea Komlosy1. Darauf bin ich, wie schon so oft, über einen Artikel im Standard gestoßen, der sich nennt »Gesicherte Arbeit gab es immer nur für wenige«.2 Da ich schon seit längerem eine Sendung zum Thema machen Arbeit wollte, habe ich mir also das Buch besorgt und werde daraus und den vielen anderen Artikeln, die ich so in den letzten beiden Jahren zum Thema Arbeit gesammelt habe, dieses spannende Forschungsfeld hinterfragen.

Arbeit ist ja ein Begriff, der uns alle angeht. Wir begegnen ihm immer und überall, wir wissen alle, was damit gemeint ist. Ich werde für die nächste Sendung dann auch eine Straßenbefragung machen, um die gängigsten Gedanken hierzu abzufragen. Falls ihr mir nicht zufällig mit dem Aufnahmegerät in der Hand begegnet, könnt ihr mir eure Gedanken zur Arbeit aber auch per eMail zukommen lassen oder als Kommentar auf der Website oder facebook. Darauf werde ich aber am Ende der Sendung nochmal genauer hinweisen.

Nun aber möchte ich, um dem Begriff Arbeit ein Gesicht zu geben, einige Überlegungen von Andrea Komlosy zitieren:

Arbeit als Überbegriff für die »große Vielfalt von Tätigkeiten, die in jeder historischen Epoche dem Überleben und der Selbstfindung der Menschen dienten«, »umfasste und umfasst Tätigkeiten für den Markt und für die Selbstversorgung, für das nackte Überleben und für die Befriedigung von Luxus und Statusbedürfnissen, von kultureller Repräsentation und zur Demonstration von Macht und Glaube.« (Komlosy 2014, 7).

Damit haben wir bereits eine, für mich sehr wichtige, klare Bestimmung durchgeführt. Der Begriff der Arbeit ist nämlich nicht nur auf Erwerbsarbeit beschränkt. Wenn man aber fast jede beliebige Diskussion in den Medien zum Thema Arbeit verfolgt, könnte man tatsächlich meinen, von den Erfüllungsgehilfinnen von Wirtschaft und Politik wird unter Arbeit nur ein »außerhäusliches, bezahltes, rechtlich kodifiziertes, institutionalisiertes und sozial abgesichertes Beschäftigungsverhältnis« (Komlosy 2014,12) verstanden, bei welchem zudem der Idealtypus darin besteht, dass die Menschen möglichst mindestens 40 Stunden pro Woche damit verbringen und noch dazu ihren Lebenssinn darin erkennen. Doch dazu in der nächsten Sendung mehr, heute will ich ergründen, wie es denn überhaupt zu einer solchen Sicht kommen konnte.

Dass die Aufteilung und auch der Begriff der Arbeit nicht in allen Ländern und zu allen Zeiten gleich verstanden wurde, sollte spätestens durch die obigen Überlegungen auch klar geworden sein. Im Gegenteil, die Wandlung des begrifflichen Umfeldes der Arbeit ist sogar eigentlich ziemlich umfangreich und unterliegt nach wie vor einer ständigen Bewegung durch die unterschiedlichsten wirtschaftlichen, politischen, gesellschaftlichen, religiösen und sozialen Veränderungen. Was bei der Arbeit im Gegensatz zu den meisten anderen kulturellen Erscheinungen aber noch hinzu kommt: es koexistieren meist mehrere verschiedene Formen und Sichtweisen zeitgleich neben einander.

Nach dieser kurzen Einleitung möchte ich einige Möglichkeiten der Einteilung von Arbeit vorstellen:

Zunächst nach dem Bezugsrahmen3:

Der ursprünglichste ist jener der Arbeit für Subsistenz, also Herstellung von Gebrauchswerten für den Eigenbedarf des Haushalts. Hier spielen Markt und Geld keine Rolle, diese Art der Arbeit unterliegt auch keinen institutionellen Regeln.

Die Arbeit für ein Kollektiv, eine Gemeinde oder Gemeinschaft kann verschiedene Formen haben, von Nachbarschaftshilfe bis zur Tätigkeit in der kommunalen Selbstverwaltung, sie kann bezahlt oder unbezahlt sein und war ursprünglich oft Zwangsarbeit. Eine Sonderform dieser tributären Arbeit sind die modernen Steuern auf Arbeit und Kapital, bei denen ein Teil des Geldwerts der Arbeit oder des Vermögens von der »politischen Oberherrschaft« (Komlosy 2014, 54) zur Verwirklichung deren Aufgaben abgeschöpft wird.

Die dritte Form der Arbeit ist jene zum »Verkauf am Markt« (Komlosy 2014, 54). Hier wird die Arbeit selbst zur Ware. Diese Form ist jene, die sich im Denken der meisten Menschen nach vorne gedrängt hat und die als die »eigentliche« Form der Arbeit angesehen wird. Diese werde ich aber in der nächsten Sendung besprechen.

Andere Einteilungsmöglichkeiten sind dann etwa nach Begriffspaaren wie selbständige und unselbständige Arbeit, freie und unfreie Arbeit, bezahlte und unbezahlte Arbeit, usw., Einteilungen nach Familienstand, Geschlecht, Alter oder Herkunft, oder auch die Erforschung des doch ziemlich umfangreichen Sprachfeldes zur Arbeit.

Die Geschichte der Arbeit wird natürlich wie viele andere Bereiche der Geschichte aus einer eurozentrischen Sicht geschrieben. Dies vor allem deshalb, weil nicht nur die Einstellung zur Arbeit, die wir heute haben, von Europa vorgegeben wurde, sondern auch, weil sich durch die Kolonialisierung seit der frühen Neuzeit auch die Arbeit sowohl in Europa als auch in den Kolonien weitaus rascher gewandelt hat als in den Jahrhunderten davor.

In den nächsten beiden Beiträgen werde ich die Entwicklung der Arbeit zur heute üblichen Lohnarbeit darstellen.

Musik:

Project System 12 Nightshift 00:05:02

Beitrag 2: Einblick 1

Betrachtet mensch die Geschichte der Arbeit als »eurozentrische Meistererzählung« seit der Antike, fällt folgendes auf:

In der griechischen polis hatte sich die ursprüngliche reine subsidiäre Familienarbeit in Haus und Feld bereits in die für diese neue Gesellschaftsordnung nötige Teilung von Arbeit für den eigenen oikos und jene für die polis geteilt. Durch die für die Griechen eigenartige Bestimmung des freien Mannes als eines Mannes, der nicht arbeitete oder Geschäfte betrieb, sondern die Früchte seines Landbesitzes genoss und sich ansonsten dem Dienst an der polis widmete, mussten Sklaven und die unfreien Haushaltsmitglieder diese Arbeit machen. Nicht nur die Sklaven, sondern auch Frauen und Kinder hatten überhaupt keinen Status in diesem System. Auch Handwerker und Händler waren nicht angesehen, ein wenig besser in der Hierarchie waren die Künstler, weil diese wenigstens etwas Besonderes hervor brachten.

Wenn ich auch der Ansicht bin, dass diese Darstellung ziemlich verengt ist, weil sie einerseits mehrere Jahrhunderte griechischer Geschichte zusammendrängt und andererseits noch dazu auf Athen und Umgebung beschränkt ist, weil sich die vorhandenen Quellen nun mal meist darauf beziehen, muss ich das für diese Sendung so stehen lassen. Komlosys Ansicht, dass sich die »negative Besetzung körperlicher Arbeit und die Verachtung von allem, was mit häuslicher Tätigkeit zu tun« (2014, 13) hat, hier grundgelegt wurde, möchte ich aber doch widersprechen, denn eine solche Nachwirkung der griechischen Philosophie kann ich nicht nachvollziehen, da gerade hier vieles vom nachfolgenden Christentum völlig anders gesehen wurde.

Doch wir wollen weiter gehen zu den Römern. Hier hatte sich, Cato sei Dank, die Landwirtschaft als ehrbare Tätigkeit für den freien Bürger durchgesetzt, wobei aber trotzdem Sklaven die meiste Arbeit machen mussten. Langsam erlebten auch Handel und Handwerk einen Anstieg in der Wertigkeit. Trotzdem war Sitz und Stimme im Senat an ein gewisses Vermögen gebunden (aber das ist eine andere Geschichte). Nicht anders als bei den Griechen war jedenfalls der Nicht-Status von Frauen und Kindern.

Da das Christentum sich über das gesamte römische Reich verbreitete, flossen auch christliche Denkmuster in die Sicht auf die Arbeit ein. Hier kommt eine seltsame Ambivalenz zum Vorschein: einerseits Arbeit als Mühsal aufgrund der mythischen Vertreibung aus dem Paradies, andererseits wurde Arbeit als vom christlichen Gott gesegnet und daher als Dienst an Gott angesehen. Diese Doppelbedeutung blieb bis zur Aufklärung im 18. Jahrhundert erhalten (Komlosy 2014, 14).

Das Christentum brachte aber auch neben dieser allgemeinen Sichtweise im Mittelalter noch eine weitere Errungenschaft mit sich: die Klöster als wirtschaftliche und kulturelle Zentren. Hier wurde ora et labora, also die beiden Möglichkeiten des gottgefälligen Lebens, zur Hochblüte getrieben, und die christliche Lehre räumte durch die scholastische Philosophie der Einteilung in eine vita activa und eine vita contemplativa dem beschaulichen Nicht-Arbeiten sogar einen gleichberechtigten Rang neben der körperlichen Arbeit ein. Dies war insofern praktisch, als die Bettel- und anderen beschaulichen Orden sich quasi als Gegengeschäft für die Almosen und Zuwendungen, die sie erhielten, um das Seelenheil der sündigen Menschen kümmerten.

Ganz besonders wesentlich für die wirtschaftliche Entwicklung im Mittelalter, und somit auch für die Geschichte der Arbeit, war die Herausbildung von Städten, im Gegensatz zu den ländlichen feudalherrschaftlich verwalteten Gebieten.

Städte waren rechtlich eigenständige und selbstverwaltete Gebilde. In ihnen bildete sich das Bürgertum heraus. Spezialisierte Handwerker schlossen sich zu Zünften zusammen, welche die Produkte und Preise definierten. Die handwerkliche Arbeitsleistung wurde gegenüber früher somit stark aufgewertet. Es entwickelte sich auch bereits langsam eine Arbeitsethik.

Die zweite wichtige Säule der Wirtschaft waren natürlich die Kaufleute, und die städtischen Märkte waren ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor für das ganze Land. Es wurden dort auch Produkte anderer, ferner Länder dargeboten.

Die in der Landwirtschaft tätigen Menschen waren von einem Grundherrn abhängig, leisteten Frondienste, arbeiteten als Leibeigene auf den Gütern ihres Herrn. Sie verrichteten ein breites Spektrum an Arbeitsleistungen: nicht nur Ackerbau und Viehzucht an sich, sondern sie stellten auch ihre Geräte selbst her, bauten und reparierten ihre Häuser und nahmen auch alle Tätigkeiten im Haushalt wahr. Die Arbeit wurde unter den zum Haushalt gehörigen Menschen nach Alter und Können aufgeteilt.

Auch die kleinstädtischen Handwerker führten meist nebenher noch eine kleine Landwirtschaft, wobei es hierbei oft zu einer Aufteilung zwischen dem Mann, welcher das Handwerk besorgte und der Frau, welche für den Haushalt verantwortlich war, kam, wobei hier die Grenzen noch sehr flexibel waren. In den größeren Städten ging das dann nicht mehr, da die Zünfte ja strenge Vorschriften das Handwerk betreffend einführten, wodurch nur mehr der ausgebildete Handwerker das Werk durchführen durfte. Das Erwerbsleben wurde also immer mehr vom Haushalt losgelöst, auch wenn sich zu dieser Zeit wenigstens noch immer alles unter einem Dach befand.

Erwähnen möchte ich noch, dass der Haushalt nicht nur die Familien an sich umfasste, sondern auch noch (je nachdem) Knechte und Mägde bei den Bauersfamilien bzw. Lehrlinge und Gesellen sowie wandernde Handwerksburschen beim gewerblichen Haushalt. Diese waren auf Dauer ihres Dienstverhältnisses dem Haushaltsvorstand untergeordnet, hatten dafür aber auch Anrecht auf Kost und Logis.

Daneben gab es noch Menschen ohne Haushaltszugehörigkeit, die Fahrenden. Diese waren oft geschickt in verschiedenen Reparaturtätigkeiten, besonders aber in der Metallverarbeitung und dem Umgang mit Pferden, und wurden daher auf ihren Reisen von ansässigen Menschen für diese Dienstleistungen angestellt.

Die beginnende Neuzeit brachte mehrere neue Phänomene mit sich.

In aller Kürze: durch die Entdeckung und Eroberung der neuen Welt erschlossen sich neue Ressourcen, durch die als Wirtschaftsfaktor immer stärker werdenden Städte musste der Adel um seine Rentenerträge bangen, was den Druck auf die Bauernschaft erhöhte. Aus Sicht der Arbeitsforschung bedeutete dies – global gesehen – das gleichzeitige Auftreten von Lohnarbeit, Fronarbeit und Sklaverei.

In Europa wurde das Feudalsystem langsam von einem Pachtsystem abgelöst, wodurch die Bäuerinnen zwar ideell ihre Freiheit erlangten, tatsächlich konnte dies aber auch bedeuten, dass sie das Land verlassen und sich anderswo verdingen mussten. Dies war zB oft in England der Fall, wenn Grundeigentümer das Land für die extensive Zucht von Schafen benötigten. Daher entwickelte sich in England auch das erste Armenrecht (Poor Law 1601) zur sozialen Unterstützung einer verarmten Ex-Landbevölkerung, die in die Städte drängte.

In Zentraleuropa war die Veränderung nicht so krass, allerdings wollten auch hier immer wieder adelige Landeigentümer je nach Wirtschaftslage die Abgaben erhöhen oder der bäuerlichen Bevölkerung Rechte entziehen, was im 16. Jahrhundert vermehrt zu Unruhen und »Bauernkriegen« führte.

Eine besondere Stellung nahm der Bergbau ein, welcher ja auch für Tirol von besonderer Bedeutung war: die »Silberstadt« Schwaz war im 15. Jahrhundert die zweitgrößte Gemeinde Österreichs, allerdings noch keine Stadt, weil die weit verstreuten Knappensiedlungen den Bau einer Stadtmauer verhinderten. Die Knappen und Bergfrauen befanden sich in einer Art Vorstufe zur industriekapitalistischen Lohnarbeit (Komlosy 2014, 116), was man an ihren Organisationsformen erkennen kann. Sie arbeiteten gegen Zeitlohn, als »Lehenhäuer« (wie Bauern, nur in der Grube) oder gar als selbständige Kleinunternehmer.

Jenseits des großen Teichs tobten sich die Eroberer noch in ausbeuterisch-feudaler Manier aus, als in Europa bereits langsam erste Ansätze in Richtung einer Entwicklung zur Industrialisierung zu erkennen waren.

Doch davon mehr im nächsten Beitrag.

Musik:

COUCOU Dolce Minuta 00:03:10

Zwischenmoderation

Für alle, die sich erst später zugeschaltet haben:

Hier ist „hinterfragt„, das kulturwissenschaftliche Magazin live auf FREIRAD, dem freien Radio in Tirol! Mein Name ist Ewald Strohmar-Mauler.

Das heutige Thema ist Arbeit. Ich werfen einen Blick auf die historische Entwicklung der Arbeit und einige damit verbundenen Problemfelder.

Beitrag 3: Einblick 2

Ich habe den letzten Teil mit dem Bergbau abgeschlossen, der ersten Art von Tätigkeit, die außerhalb des Kontextes des »Hauses« durchgeführt wurde, ab dem 18. Jahrhundert kam hier das nächste Phänomen hinzu: jenes der Manufaktur.

Ausgehend von dem Siegeszug der Baumwolle auch in Europa und der damit einher gehenden Nachfrage nach textilen Produkten entstand ein Problem: die Zünfte in den Städten hatten ihre qualitätssichernden Regeln so eng gefasst, dass der billig produzieren wollende Textilbaron keine Chance hatte. Selbst lamdesfürstliche Ausnahmegenehmigungen halfen hier wenig. So wurde die Produktion in ländliche Regionen verlegt, wo ohnedies viele freigesetzte Landarbeiterinnen nach Arbeit suchten. Dies geschah entweder in einer Kombination von Heimarbeit, wo die arbeitsintensiven Handgriffe durchgeführt wurden (sog. »Verlagswesen«), wobei sich die Manufaktur dann nur mehr auf Verwaltung, Endfertigung und Vertrieb beschränkte, oder in der klassischen Manufaktur, in welcher erstmals die Arbeit in Teilschritte zerlegt wurde, wovon jede Arbeiterin nur einen durchführte. So mussten sie nicht mehr den gesamten Produktionsprozess kennen, und waren dadurch nur mehr angelernte Hilfskräfte und somit billiger. Hier begann also bereits das spätere Fabrikswesen seinen Anfang zu finden.Und die bestens ausgebildeten Handwerker in den Zünften schauten durch die Finger.

In dieser Zentralisierung der Manufakturen erkennen wir also eine zweifache Herauslösung, ich würde sogar sagen, Entfremdung: einerseits der Arbeit vom Haushalt und andererseits der »Tätigkeit vom Wissen um den Produktionsprozess« (Komlosy 2014, 126). Vielleicht solltet ihr diesen Gedanken im Auge behalten, in der nächsten Sendung werde ich diese Entfremdung noch genauer betrachten.

In der Praxis scheint es aber nur wenige echte Manufakturen (als merkantilistische Vorzeigebetriebe) gegeben zu haben (Komlosy 2014, 126), weil eine große Menge an Arbeitskräften nur in den Ballungszentren zu finden war, und so war das Verlagswesen wohl eher die Regel. Kaufleute konnten so ohne teure eigene Produktionsstätten billig zu absatzfertiger Ware kommen. Wieso waren diese so billig? Alleine deshalb, dass die Arbeit im eigenen Haus durchgeführt werden konnte, oft sogar mit ohnehin vorhandenem Handwerkszeug, dass diese Arbeit neben der normalen subsidiären landwirtschaftlichen Tätigkeit durchgeführt wurde und geringere Löhne kein Problem war, weil die Arbeiterin ja nicht alleine davon leben musste. Kaufmännisch gesprochen profitierte der Unternehmer »nicht nur vom Mehrwert aus der gewerblichen Beschäftigung […], sondern auch vom Transferwert aus der unbezahlten Subsitenzarbeit« (Komlosy 2014, 127). Dass hier überwiegend Frauen und Mädchen zum Einsatz kamen, liegt übrigens daran, dass sie die geschickteren Hände haben, nicht daran, dass sie für andere Arbeit entbehrlicher gewesen wären. Diese mussten sie trotzdem weiterhin durchführen, falls sie nicht an andere Familienmitglieder verlagert werden konnte. Insgesamt war aber eine große Flexibilität des Hauses nötig, um mit dieser Entwicklung mithalten zu können, und oft wurde die Landwirtschaft sogar teilweise aufgegeben. Die »Nebenerwerbslandwirtinnen« sind also kein Phänomen der Moderne, früher hatten sie nur putzigere Namen wie Häusler, Käthner oder Keuschner.

Der nächste Schritt war dann die Industrielle Revolution. Die Handarbeit wurde durch die Maschinen in den Fabriken abgelöst, so lautet zumindest die verkürzte Definition. Dass in Wahrheit nur ein geringer Teil der Bevölkerung von dieser Revolution direkt betroffen war, wird oft verschwiegen.

Es begann tatsächlich eine Periode verschiedener Modelle und Gegenmodelle, in welchen ausprobiert wurde, wie sehr man die Arbeiterinnen ausbeuten kann, wieviel Freiheit man ihnen geben kann, usw.

Wesentlich ist jedoch, dass tatsächlich die vorindustrielle Einbettung der Produktion in den »familienwirtschaftlichen Haushalt« (Komlosy 2014, 136) sukzessive aufgelöst und die im Haushalt übrig bleibende Arbeit als unbezahlte Hausfrauenarbeit in den Bereich des Privaten verschoben wurde.

Die Abhängigkeit der Bäuerinnen von herrschaftlicher Zugriffsgewalt ging ab 1800 ebenso definitiv zurück wie die Sklaverei (Komlosy 2014, 139).

Doch zurück zu den Errungenschaften der aufkeimenden Industrie: die Baumwollspinnereien als erste industrielle Produktionsstätten boten Arbeitsplätze für so viele Menschen, dass nicht nur die örtliche Bevölkerung, sondern auch Arme, Waise, und im Familienverband entbehrliche Kinder und Jugendlichen in die Fabriken geschickt wurden, wo sie dann ungeregelte, bis zu 16-stündige Arbeitstage verbrachten. Wohnheime und Wohnsiedlungen für die Arbeiterinnen wurden errichtet, und durch die Erfindung der Dampfmaschine entfiel schließlich sogar die örtliche Bindung an die Wasserkraft.

Die Handspinnerei wurde durch die Mechanisierung nicht mehr benötigt, was den Totalausfall dieser Verdienstmöglichkeit für tausende Mädchen und Frauen bedeutete. Somit kehrten viele Haushalte dann wieder zum ursprünglichen landwirtschaftlichen Haupterwerb zurück, in einigen Gegenden wurde erfolgreich eine Spezialisierung auf neue landwirtschaftliche Produkte durchgeführt (zB Wein im NÖ Weinviertel).

Wer da nicht mithalten konnte, wanderte in die Städte ab, nahm eine Saisonarbeit in der Landwirtschaft oder eine gewerbliche Tätigkeit auf, ging als Dienstbotin in bürgerliche Haushalte oder eben in die Fabrik. Vielen gelang dann auch keine stabile Familienbindung mehr, und so waren sie meilenweit entfernt vom bürgerlichen Familienideal, welches sich damals heraus bildete: der Mann als Erhalter und Haushaltsvorstand, die Frau als Mutter und zuständig für den Arbeitsablauf im Haushalt, in welchem die Dienstbotinnen die schwere Arbeit übernahmen. Eine klare Trennung von Erwerb und Familie also auch hier! Doch selbst kleinbürgerliche Haushalte ohne Bedienstete konnten bei diesem Ideal nicht mithalten und die Hausfrau musste die Arbeit selbst machen, welche aber – wie gesagt – bereits als Privatbereich aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden und entsprechend wertlos geworden war.

Mit der Aufklärung und dem Übergang zum Kapitalismus war Arbeit als Möglichkeit des Menschen, die ihn umgebende Natur zu seinen Gunsten auszunutzen, angesehen worden, und in weiterer Folge zum Mittel der Erreichung einer utilitaristischen Glückseligkeit geworden. Arbeit wurde nun ökonomisiert, bewertbar gemacht, als Produktionsmittel verstanden. Ziel war die Vermehrung von Kapital. Der Ökonom Adam Smith sah in ihr die wahre Quelle des Reichtums. (vgl Komlosy 2014, 15).

Doch durch die Entwicklungen der Industriellen Revolution kam es auch zur Kritik an dieser: konservative Kritiker sehnten wieder die ständisch-patriarchalen Zustände herbei, und frühsozialistische Stimmen im Gefolge der Französischen Revolution wollten die Arbeit anstelle des Eigentums zum Faktor des Wohlstandes einer Gesellschaft erklären.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel beklagte die Entfremdung der Menschen in der Knechtschaft, die ihnen die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung rauben würde, was von Karl Marx übernommen wurde. Doch dazu in der nächsten Sendung mehr.

Und im nachfolgenden Beitrag komme ich abschließend noch zu einigen Errungenschaften, die sich aus den unterschiedlichen Vorstellungen von Unternehmerinnen und Arbeiterinnenschaft ergeben hatten.

Musik:

J.P.Mounier Automat 00:03:58

Beitrag 4: Ausblick

Im späten 19. Jahrhundert kamen dann die Vorstellungen der Arbeiterinnen, wie die Bedingungen ihrer Arbeit auszusehen hatten, mit jenen der Unternehmerinnen in Konflikt. Dies führte an vielen Orten zu Kundgebungen, Streiks und Polizeieinsätzen. Die Politik reagierte daraufhin mit neuartigen Gesetzen zur Regelung der Lebensbedingungen in der Industriegesellschaft. So wurden in einigen Ländern Europas in den 1880er Jahren bereits gesetzliche Kranken- und Unfallversicherungen eingeführt, die einen gesetzlichen Anspruch aufgrund eines bestehenden Arbeitsvertrages bedeuteten. Sie wurden durch Beiträge der Beschäftigten und Unternehmen sowie des Staates finanziert und bedeuteten soziale Absicherung unabhängig vom Bezug der Armenhilfe und der Familie.

Somit erhielt Arbeit nun noch eine zusätzliche, soziale Bedeutungskomponente. Für manche Autorinnen entstand hier überhaupt erst der moderne Begriff der Arbeit.

Arbeit wurde nun auch zum juristischen Begriff, musste kodifiziert, reglementiert und verwaltet werden, es entstanden eigene Interessenvertretungen, Behörden und Institutionen, die sich mit Arbeit beschäftigten, sie klassizifierten, statistisch erfassten, überprüften, usw. Arbeit wurde im Sinne der kapoitalverwertung instumentalisiert und auf den Kostenfaktor reduziert (Komlosy 2014, 159f.).

Ebenso wurde aber auch die Nicht-Arbeit thematisiert, also all jene Arbeit, die nicht in gesetzlich definierte Standards der bezahlten, geregelten, sozial abgesicherten Arbeit passte. Fakt ist jedoch, dass ein sehr großer Teil der Bevölkerung sich durch eine wilde Kombination aus unselbständiger und selbständiger Arbeit, diversen formellen und informellen Arbeitsverhältnissen, gerade so durch brachte. Diese fielen dann auch bei Kranken- und Unfallversicherung durch den Rost. Dies betraf etwa 90% der Bevölkerung. Arbeitslosen- und Pensionsversicherung wurden übrigens erst nach dem 1. Weltkrieg eingeführt. Und seltsamerweise ist die Sozialversicherung überhaupt ein rein europäisches Thema, außerhalb Europas gibt es diese Leistungen offenbar kaum und Eigenvorsorge ist der Regelfall.

Doch zurück zu den 90%. Diese konnten natürlich auch dem bürgerlichen Familienideal nicht entsprechen. Dieses bestand ja überspitzt gesagt darin, dass der Mann den Haushaltsvorstand spielte und die Frau die Bediensteten managte. Im Fall der Unternehmerfamilie war das kein Problem, und der Herr Chef konnte auch problemlos die Arbeit in den Haushalt einfließen lassen, wenn dort etwa Geschäftsfreunde Abends oder am Wochenende bewirtet wurden. Auch allerlei Charity-Events (wie man heute sagen würde) konnte das Unternehmerpaar veranstalten und durch dieses Netzwerken Arbeit und Haushalt ohne Schwierigkeit verbinden, und die Kinder wurden hier ebenso einbezogen. Klingt ziemlich nach vormodernem Haushalt, nicht?

Anders jedoch die Arbeiterinnen und die ebenfalls im Zuge der Industriellen Revolution neu aufgekommene Klasse der Angestellten. Diese mussten ihre außerberuflichen Interessen in die Freizeit verlegen, also alle politischen, gesellschaftlichen oder Vereins-Interessen nach der Arbeit erledigen. Da das heute noch ebenso ist, merke ich mir diesen Gedanken auch für die nächste Sendung vor.

Was aber auch in dieser Zeit historisch grundgelegt wurde und bis heute wirkt, ist die Tatsache, dass die meisten Arbeiterfrauen berufstätig sein mussten, damit unterm Strich das Familieneinkommen stimmte. Da aber die Arbeit der Frauen durch dieses bürgerliche Familienideal nur als außergewöhnliches, vorübergehendes Dazuverdienen angesehen wurde, lag dessen Lohn unter dem der Männer, meint zumindest Andrea Komlosy (2014, 164).

Jedenfalls scheint nicht angenommen worden zu sein, dass die Frauen etwa geringer qualifiziert wären. Was aber sicherlich bis heute stimmt, ist die Wahrnehmung von »typischer« Frauenarbeit, wie etwa der Kindererziehung oder der Kranken- und Altenpflege, die nach wie vor irgendwie nach häuslicher Arbeit aussieht und daher natürlich aus Nächstenliebe getan wird und somit nicht so hoch entlohnt werden muss.

Somit komme ich zum Ende dieser Sendung. Ich habe mich heute mit persönlichen Kommentaren eher zurück gehalten und versucht, eine möglichst geraffte, aber doch umfassende Darstellung der Geschichte der Arbeit zu geben. Das Buch von Andrea Komlosy, »Arbeit. Eine globalhistorische Perspektive«, noch mehr zu straffen, war eine echte Herausforderung, die ich auch nur durchführen konnte, weil ich ihre globalhistorischen Überlegungen schweren Herzens fast völlig unterdrückt habe. Ich hoffe, nichts durcheinander gebracht und nichts wirklich Wichtiges übersehen zu haben.

Und wenn mir bei der Vorbereitung des zweiten Teils etwas auffallen sollte, werde ich euch dies natürlich präsentieren. Außerdem werde ich die offen gelassenen Themen im zweiten Teil natürlich auflösen, wenn ich die rezenten Verhältnisse im Spiegel der historischen Entwicklung betrachte. Seht diese heutige Sendung vielleicht also als Grundlagenwissen oder Einführung in das Thema Arbeit an!

Übrigens erfahrt ihr in der nächsten Sendung auch, warum ich heute immer Arbeiterinnen und nicht Arbeitnehmerinnen gesagt habe, falls das jemenschen aufgefallen sein sollte..

Musik:

Grace Valhalla Feeling Scattered 00:04:07

Abmoderation

So, aber nun genug hinterfragt für heute. Ich danke euch herzlich fürs Zuhören und hoffe, die Sendung hat euch wieder gefallen.

Und nochmals der Hinweis auf die Internet-Seiten zur Sendung:

Kritik, sowohl negative als auch positive, Wünsche und Anregungen könnt ihr gerne an mich per eMail senden: radio@hinterfragt.at.

Und wer die Sendung nachlesen möchte: die begleitende Website ist zu finden unter hinterfragt.at, dort findet ihr auch alle Links, könnt Kommentare zur Sendung abgeben oder auch den Newsletter abonnieren. Außerdem könnt ihr mir auch auf Twitter folgen @hinterfragtAT oder auf Facebook unter hinterfragt.

Außerdem möchte ich euch, wie schon eingangs, ersuchen, eure eigenen Gedanken zum Thema Arbeit per eMail zukommen lassen oder als Kommentar auf der Website oder facebook, damit ich sie vieleicht in die nächste Sendung einarbeiten kann!

Doch nun verabschiede ich mich und wünsche euch noch eine gute Zeit.

Das war Ewald Strohmar-Mauler mit der Sendung hinterfragt. Das kulturwissenschaftliche Magazin.

Abspannmusik

Special Quartet Concept 00:09:37

Sendung anhören

1 Komlosy, Andrea. Arbeit: Eine Globalhistorische Perspektive ; 13. Bis 21. Jahrhundert. Wien: Promedia, 2014. Print.

2 DerStandard vom Mi., 28.05.2014, Seite 18: „Gesicherte Arbeit gab es

immer nur für wenige“

3 Eine andere Darstellung: »reziproke Arbeit in Familien oder Sippen, die nicht entlohnt wird und der Subsistenz dient; tributäre Arbeit für Staaten oder kleinere Gemeinwesen und Institutionen, sei es unter Zwang, sei es, wie im Fall von herrschernahen Eliten, mit hohem Status versehen; kommodifizierte, im Marxschen Sinn zur Ware gewordene Lohnarbeit und deren Entsprechung, das selbständige Wirtschaften für den Markt.« Q: https://www.gerda-henkel-stiftung.de/?page_id=77495