Sendung vom 12. August 2014: Arbeit (Teil 2)

Ich begrüße euch, liebe Hörerinnen von FREIRAD! Am Mikrofon ist wieder Ewald Strohmar-Mauler mit einer neuen Ausgabe von „hinterfragt.“, dem kulturwissenschaftlichen Magazin.

Die heutige Sendung trägt den Titel: Arbeit. Das ist kein Arbeitstitel, sondern es handelt sich um den zweiten Teil einer Doppelsendung, deren ersten Teil ihr im Vormonat hören konntet. Wer die Sendung verpasst hat, kann sie natürlich auf der Website hinterfragt.at jederzeit nachhören oder nachlesen.

In der vergangenen Sendung ging es um die historischen Perspektiven auf Arbeit, heute kommt daher der status quo dran, also sozusagen »Arbeit heute«. Wobei ich den Begriff »heute« etwas weiter fasse und auch noch ein Stück 19. und 20. Jahrhundert mit hinein nehmen werde.

Musik:

COUCOU: Mégastress 4:15

Beitrag 1: Überblick

Ich wollte die Vorbereitung für diese Sendung mit einer Straßenbefragung beginnen, wie so oft auf der Maria Theresienstraße in Innsbruck, weil es dort vergleichsweise wenig Hintergrundlärm durch Verbrennungsmotoren gibt. Nun, Anfang August ist das keine so gute Idee, da mensch zu dieser Zeit hauptsächlich Touristinnen begegnet, und alle, die ich nicht in diese Gruppe einordnete, hatten entweder ein Telefon am Ohr, es eilig oder radelten an mir vorbei. Und alle anderen waren vermutlich auf Urlaub, hätten also sowieso vermutlich kein Interesse daran gehabt, über Arbeit nachzudenken. Also leider diesmal keine Straßenbefragung. Zudem habe ich auch leider keine Rückmeldungen via eMail oder ähnlichem erhalten, somit werde ich euch zum Einstieg wieder mal mit Definitionen beglücken müssen.

Ich hatte zum Einstieg zur vorigen Sendung eine Definition von Arbeit der Historikerin Andrea Komlosy angeboten, die eindeutig darauf abzielt, unter Arbeit nicht nur Erwerbsarbeit zu verstehen. Denn dies ist historisch gesehen ein durchaus wichtiger Aspekt, der bei der Beschäftigung mit dem Thema Arbeit auch heute im Hinterkopf behalten werden sollte. Zur Ergänzung habe ich heute wieder Definitionen aus Lexika usw. vorbereitet.

Zunächst mal die ubiquituose Wikipedia:

»Der Begriff Arbeit im volkswirtschaftlichen Sinne umfasst alle menschlichen Tätigkeiten, die unmittelbar der Einkommenserzielung dienen, unabhängig ob es sich bei diesem Produktionsfaktor um eine manuelle oder geistige Beschäftigung handelt. Arbeit kann aber auch als jede menschliche Tätigkeit definiert werden, die auf die Befriedigung der Bedürfnisse anderer Personen gerichtet ist. In diesem Sinne erfasst die volkswirtschaftliche Definition beispielsweise nicht die von Hausfrauen kostenlos erbrachte Arbeit sowie gemeinnützige oder ehrenamtliche Tätigkeiten, sondern reduziert den Begriff Arbeit auf Erwerbsarbeit.1«

Somit macht sogar die Wikipedia auf die Verengung des Begriffs Arbeit auf die Erwerbsarbeit aufmerksam. Der ›Brockhaus in fünfzehn Bänden‹2 tut das etwa nicht, er schreibt:

»Arbeit [ahd, ar(a)beit ›Mühe‹, ›Plage‹], 1) bewusstes, zielgerichtetes Handeln des Menschen zum Zweck der Existenzsicherung wie der Befriedigung von Einzelbedürfnissen; zugleich wesentl. Moment der Daseinserfüllung. In der Volkswirtschaftslehre wird A. als einer der Produktionsfaktoren erkannt, dem entscheidende Bedeutung für die Erzeugung wirtsch. Güter und Dienstleistungen zukommt. Im Einzelnen richtet sich die A. im ökonom. Sinn auf Vorproduktion (Gewinnung von Naturerzeugnissen), Gewerbe (Rohstoffveredlung und –verarbeitung), Vermittlung und Verteilung von Gütern (Handel, Verkehr), Wirtschaftsdisposition (Geldverkehr, Verwaltung) sowie Erzeugung und Pflege kultureller Werte. Die Grenze zw. körperl. und geistiger A. ist fließend.«

Hier interessant die Erwähnung der kulturellen Werte, aber wie gesagt trotzdem die verengte Darstellung.

Und der Duden online3 kennt folgende Bedeutungen von Arbeit:

1. Tätigkeit mit einzelnen Verrichtungen, Ausführung eines Auftrags o. Ä.

das Arbeiten, Schaffen, Tätigsein; das Beschäftigtsein mit etwas, mit jemandem

Mühe, Anstrengung; Beschwerlichkeit, Plage

Berufsausübung, Erwerbstätigkeit; Arbeitsplatz

2. (Sport) körperliche Vorbereitung auf bestimmte Leistungen; Training

3. (Pferdesport) der Ausbildung für den jeweiligen Verwendungszweck dienende Beschäftigung mit dem Pferd

(Jagdwesen) Abrichtung und Führung eines Jagdhundes, dessen Einübung in die Suche nach Wild

4.. als Ergebnis einer Betätigung entstandenes Werk; Erzeugnis, Produkt

Klassenarbeit

Werk in seiner Beschaffenheit, in der Art seiner Ausführung; Gestaltung

5. (Physik) Produkt aus der an einem Körper angreifenden Kraft und dem unter ihrer Einwirkung von dem Körper zurückgelegten Weg (wenn Kraft und Weg in ihrer Richtung übereinstimmen)

Und zum Abschluss eine Seite, die ich erst kürzlich entdeckt habe, nämlich definition-online.de4. Dort findet mensch folgendes zum Thema Arbeit:

Arbeit ist zielgerichtete geistige oder körperliche Tätigkeit zur Sicherung der wirtschaftlichen Existenz, zur Bedürfnisbefriedigung und zur sinnvollen Daseinsgestaltung.

Der volkswirtschaftliche Begriff der Arbeit bezeichnet einen Produktionsfaktor, dem eine zentrale Bedeutung bei der Produktion von Gütern und Dienstleistungen zukommt.

In der Betriebswirtschaft wird zwischen ausführender und dispositiver (planender und leitender) Arbeit unterschieden. Eigenverantwortliche selbständige Arbeit steht weisungsgebundener unselbständiger Arbeit gegenüber.

In der Physik bezeichnet Arbeit das Produkt aus Kraft und einer zurückgelegten Strecke. Das Produkt aus mechanischer Arbeit und Zeit wiederum beschreibt die physikalische Leistung.

Womit wir wieder bei der Physik gelandet wären. Wobei hier ja auch ein weiterer interessanter Begriff genannt wurde: jener der ›Leistung‹. Denn dieser Begriff wird ja nicht nur in der Physik verwendet, sondern eben gerade auch im Arbeitsleben und hat sich ja mittlerweile doch so sehr in den Köpfen festgesetzt, dass ich z.B. in meiner Tätigkeit als Altenfachbetreuer immer wieder von den betagten Menschen im Pflegeheim gehört habe, sie wären eigentlich zu nichts mehr nutze, weil sie keine Leistung mehr erbrächten.

Doch bleiben wir wirklich beim Begriff ›Arbeit‹. Da ein sehr beliebtes Präsentationsinstrument die so genannte Wortwolke ist, habe ich mich im Internet auf die Suche nach einer solchen zum Thema Arbeit gemacht. Bei einer solchen Wortwolke werden Begriff zu einem Thema in einem wolkenförmigen Gebilde je nach der Häufigkeit ihres Vorkommens größer oder kleiner dargestellt. Erhofft hatte ich mir, dass wissenschaftliche Institute, welche sich mit dem Thema Arbeit beschäftigen, ein solches Gebilde erzeugt hätten. Leider hat sich herausgestellt, dass eine solche Suche auch nur bedingt erfolgreich ist, denn primär findet mensch hier Agenturbilder, die offensichtlich von Grafikerinnen mit einem bestimmten Fokus zusammengestellt wurden. Und da ja diese Agenturbilder zum Verkauf bestimmt sind, haben die meisten den Fokus ›Job und Karriere‹, oder ›Management und Training‹ und ähnliches, was man nett als Augenfänger auf einer entsprechenden Website einbinden kann.

Auch über Bewerbungstipps, Karriere, Aufstieg, Erfolg findet man einiges.

Weitere Wortwolken beschäftigten sich mit der Kehrseite des Ganzen: Krank durch Arbeit (Burnout), Stress im Büro, Hartz IV, Rentenversicherung…

Doch auch eine Wortwolke in Form des deutschen Arbeitsamts-Logos konnte ich finden, mit Worten wie Arbeitsmarkt, Arbeitslosigkeit, Beratung und Existenz darauf.

Es war leider nicht die erwartete Wolke mit dem Wortfeld Arbeit zu finden, aber ihr seht trotzdem, das Spektrum der Begriffe ist riesig, und es gäbe auch noch eine Menge sprachgeschichtlich interessanter Wörter für Arbeit zu nennen, da nicht nur in verschiedenen Teilen des deutschen Sprachraums unterschiedliche Begriffe für Arbeit verwendet werden, man denke an das Tirolische ›buggln‹, sondern auch noch viele Worte existieren, die gar nicht mehr verwendet werden, weil die entsprechenden Tätigkeiten nicht mehr oder nur selten zu finden sind. Dafür kennen wir Begriffe, die einem Menschen vor 200 Jahren nichts gesagt hätten, z.B. die vermutlich meisten Worte aus dem Umfeld von ›Job und Karriere‹.

Doch genug davon, nun wieder etwas Musik:

Musik:

Grace Valhalla: 99% 4:23

Beitrag 2: Einblick

Nun kommen wir zum Teil der Sendung, den ich den ›Einblick‹ nenne. Heute, zum Thema Arbeit, bedeutet dies, dass ich nun hinterfragen möchte, wie es eigentlich zu dem Bild von Arbeit kommt, das wir heute haben. Seit dem 19. Jahrhundert hat sich ja doch einiges getan, das unsere ›Arbeits-Welt‹ in der uns bekannten Weise geprägt hat.

Ich hatte ja gegen Ende der vorigen Sendung kurz erwähnt, dass Arbeit seit der Aufklärung immer mehr ökonomisiert worden war, sie wurde als Produktionsmittel verstanden. Dies hatte ja zu einiger Kritik geführt, so hatte etwa Hegel die Entfremdung der Menschen in dieser Knechtschaft, die durch die neuen Arbeitsverhältnisse entstanden war, beklagt, da diese den Menschen die Möglichkeit der Selbstverwirklichung rauben würde. Dazu gleich mehr.

Eine weitere Entwicklung, die ich in der vorigen Sendung ausgeführt hatte, war jene, dass durch die massiven, oft gewaltsamen Forderungen der Arbeiterinnenschaft die Staaten letztlich gezwungen waren, die Lebensbedingungen der Industriegesellschaft neu zu ordnen. So entwickelten sich seit den 1880er Jahren langsam gesetzliche Kranken- und Unfallversicherungen und seit dem 1. Weltkrieg dann auch Arbeitslosen- und Pensionsversicherungen. Wobei nochmals betont werden muss, dass diese Errungenschaften nur für jene Menschen relevant waren, die einen Arbeitsvertrag hatten. Dies waren aber nur ca. 10% der Bevölkerung, die Mehrheit wurschtelte sich mit einer wilden Mischung aus allerlei selbständigen und unselbständigen Arbeiten durchs Leben und befand sich daher jenseits aller Sicherheiten.

Dies war zur Erinnerung eine kurze Zusammenfassung des letzten Teiles der vorigen Sendung, weil diese Informationen nicht unwichtig für die Gegenwart der Arbeit sind.

Doch nun zu einem Mann, der sich einiges zum Thema Arbeit überlegt hat, und den ich bewusst in der letzten Sendung nur am Rande erwähnt habe: Karl Marx.

Er hatte sich ja mit Hegels Überlegungen auseinander gesetzt und kritisiert mit diesem die Entfremdung der Arbeiterinnen von der Arbeit. Marx schreibt etwa in ›Lohnarbeit und Kapital‹:5

»Die Arbeit ist aber die eigene Lebenstätigkeit des Arbeiters, seine eigene Lebensäußerung. Und diese Lebenstätigkeit verkauft er an einen Dritten, um sich die nötigen Lebensmittel zu sichern. Seine Lebenstätigkeit ist für ihn also nur ein Mittel, um existieren zu können. Er arbeitet, um zu leben. Er rechnet die Arbeit nicht selbst in sein Leben ein, sie ist vielmehr ein Opfer seines Lebens. Sie ist eine Ware, die er an einen Dritten zugeschlagen hat. Das Produkt seiner Tätigkeit ist daher auch nicht der Zweck seiner Tätigkeit. Was er für sich selbst produziert, ist nicht die Seide, die er webt, nicht das Gold, das er aus dem Bergschacht zieht, nicht der Palast, den er baut. Was er für sich selbst produziert, ist der Arbeitslohn, und Seide, Gold, Palast lösen sich für ihn auf in ein bestimmtes Quantum von Lebensmitteln, vielleicht in eine Baumwollenjacke, in Kupfermünze und in eine Kellerwohnung.«

Und dies kennen wir ja wohl alle. Und zwar so gut, dass es uns gar nicht mehr bewusst wird, dass wir es für ganz selbstverständlich halten, nicht für uns, sondern für andere zu arbeiten. Aber so selbstverständlich oder gar natürlich ist es eben nicht. Hinterfragen wir das doch noch genauer.

Marx hat gleich vier ›Entfremdungen‹ heraus gearbeitet:6

Die Entfremdung der Arbeiterin vom Produkt ihrer Arbeit. Wir können das Produkt unserer Arbeit nicht mit nach Hause nehmen. Nicht nur, weil es rein rechtlich gar nicht uns gehört, ist es ja oft so, dass aus unserer Arbeit gar kein ›Produkt‹ mehr entsteht, sondern ein Teil eines Produktes oder sogar eine Dienstleistung, die sowieso immateriell ist. Den Arbeiterinnen der Frühindustrialisierung war es übrigens nicht leicht beizubringen, dass sie ihr Werkstück abends nicht mitnehmen durften, nicht mal Teile oder Abfälle. So selbstverständlich es also für sie gewesen wäre, das zu tun, so selbstverständlich ist für uns mittlerweile das Gegenteil geworden, nämlich für andere zu arbeiten anstatt für uns selbst.

Ein zweiter Faktor ist die Entfremdung der Arbeiterin vom Arbeitsprozess. Auch vom Prozess selbst wurden wir entfremdet, da nämlich fast jede Arbeit in immer kleinere Einheiten aufgeteilt wurde und somit fast niemand mehr ein komplettes ›Ding‹ erzeugt. Selbst im Handwerk werden vorgefertigte Teile und Halbzeuge zugekauft, die dann bloß vollendet werden. Was mir als Hobbysilberschmied nur recht sein kann, weil ich so schneller zu einem fertigen Produkt komme, lässt mich andererseits doch oft nachdenken, ob es nicht nur billig, sondern auch recht ist, wenn das Halbzeug aus billiger chinesischer Produktion stammt anstatt aus eigener Arbeit.

Doch wieder zurück zum Arbeitsprozess selbst: dieser ist natürlich genau eingeteilt, von der Arbeitszeit, die uns somit vorschreibt, wann wir morgens im Betrieb auftauchen müssen und somit auch vorgibt, wann wir aufstehen, frühstücken, und uns anziehen müssen, bis hin zu den Arbeitsschritten selbst einschließlich deren Protokollierung und Abrechnung. Denn letztlich ist der Sinn des Ganzen ja nur, die Arbeit insgesamt möglichst billig zu machen. Oder, um es noch drastischer zu sagen, den Wert der Arbeitskraft so weit wie möglich zu senken.

Wir werden darauf reduziert, Teile eines Systems zu sein, anstatt darüber zu bestimmen.

Dass bei monotonen manuellen Tätigkeiten von Kreativität der Produzentinnen dann nicht mehr viel übrig bleibt, liegt auf der Hand. Und selbst bei nichtkörperlicher Tätigkeit ist festzustellen, dass bei den meisten Menschen der Grad von Eigeninitiative und ›Lust an der Arbeit‹ durchaus auch am Lohn festzumachen ist, auch wenn uns Personalentwicklungs-Strateginnen weiszumachen versuchen, dass Geld bei der Arbeit nicht alles ist. Doch selbst das beste ›Betriebsklima‹ wiegt die Tatsache nicht auf, dass unser Wert als Arbeitskraft letztlich am Lohn gemessen wird, also an der Geldmenge, die wir den Unternehmerinnen und dem Arbeitsmarkt wert sind.

Eine dritte Art von Entfremdung, die Marx heraus gearbeitet hat, ist die Entfremdung der Arbeiterin von ihren Mitmenschen. In einem Vollzeit-Job sieht mensch die Kolleginnen, mit denen mensch zusammen arbeitet, so um die acht Stunden am Tag, d.h. meist länger als die eigenen Familienmitglieder. Trotzdem verbindet uns eigentlich mit ihnen meist nur das durch das System ›Arbeitsplatz‹ aufoktroyierte gemeinsame Interesse der Produktion. Auch viele andere Beziehungen sind vom Kapitalismus bestimmt, wir (ich zitiere jetzt mal von der Webseite linkswende.org) »treten […] zueinander in Verbindung über die Waren, die wir konsumieren. Unser Leben wird täglich von tausenden anderen Menschen berührt, die an der Produktion unserer Kleidung, Lebensmittel etc. beteiligt sind. Wir »kennen« diese Menschen aber nur durch die Objekte, die wir konsumieren. Sie wurden nur für den Markt produziert, nicht für uns. Wir kennen uns nicht als Individuen, sondern als Erweiterungen des Systems.7«. (Zitat Ende) Diese interessante Eigenschaft des Marktes gipfelt dann in den ›Partnerschaftsbörsen‹ und dem ›Heiratsmarkt‹ und in Gameshows, bei denen zur Belustigung des Fernsehpublikums Traumfrauen und -männer gesucht werden.

Zum Schluss des Beitrags noch die vierte Art von Entfremdung, die Marx gefunden hat: die Entfremdung von unserer eigenen menschlichen Natur. Diese nennt Marx unser ›Gattungswesen‹. Wir Menschen können unsere Umwelt ganz bewusst durch unsere Arbeit gestalten. Jedoch nimmt uns der Kapitalismus die Möglichkeit, dies frei und nach den eigenen Wünschen zu tun, wir werden ja dem Arbeitsprozess eingeordnet. Ich denke daran, dass ich eigentlich nur am Wochenende und vielleicht in den Abendstunden Zeit und Muße habe, all das zu tun, was mir Freude bereitet, was mich ausmacht.

Nur, aus dieser Entfremdung zu entkommen, etwa durch Reduktion der Arbeitsstunden, bedeutet auch weniger Geld und somit einen sinkenden Lebensstandard. Natürlich könnten die Arbeiterinnen kollektiv fordern, dass die Arbeitszeit gekürzt wird, das hat es ja schon mehrfach gegeben, sonst hätten wir ja nicht die 40-Stunden-Normarbeitswoche. Doch eine Reduktion würde zwar bedeuten, dass die einzelne weniger arbeitet und mehr Freizeit hätte, aber auch weniger Geld, und somit könnten wir mit der Freizeit auch weniger anfangen, denn schließlich gilt es ja auch hierbei, an allen Ecken und Enden Geld auszugeben. Praktisch können wir ohne Geld gar nichts mit unserer Freizeit anfangen, zumindest gilt dies für die meisten von uns, die irgendwelchen Hobbies nachgehen. Übrigens würde auch eine Reduktion von Arbeitszeit nicht bedeuten, dass für die übrigen Stunden neue Leute eingestellt würden, sondern zumeist würde wohl von den Unternehmerinnen ein Betriebsteil stillgelegt oder die Arbeit in Billiglohnländer ausgelagert werden.

Nach diesen umfassenden Überlegungen jedoch wieder etwas Musik:

Musik:

Tryad: The Rising 4:57

Zwischenmoderation

Für alle, die sich erst später zugeschaltet haben:

Hier ist „hinterfragt„, das kulturwissenschaftliche Magazin live auf FREIRAD, dem freien Radio Innsbruck! Mein Name ist Ewald Strohmar-Mauler.

Das heutige Thema ist Arbeit, genauer: die Gegenwart der Arbeit. Bisher habe ich einige Definitionen von Arbeit gegeben und über die Entfremdung von Arbeot bei Karl Marx gesprochen.

Leider ist der Teil mit Marx etwas lang ausgefallen, und dabei habe ich nur einen geringen Teil seiner frühen Gedanken zur Arbeit wieder gegeben. Eigentlich könnte ich eine ganze Sendung zu Marx und Arbeit machen.

Beitrag 3: Seitenblick

Im nächsten Teil geht es um einige alternative Konzepte von Arbeit. Diese stammen durchwegs aus Zeitungsartikeln, die mir im Laufe der letzten Monate bis Jahre so unter gekommen sind. Denn der Auslöser für die Idee, eine Sendung über Arbeit machen zu wollen, stammt eigentlich aus den Tagen8 vor dem 1. Mai, dem ›Tag der Arbeit‹ 2013. Da erschien im Standard-Album ein Feuilleton des österreichischen Schriftstellers Franzobel mit dem Titel »Warum wir die Arbeit abschaffen sollen?« (Fragezeichen).

Zitat: »Was machst du, ist die erste Frage, die wir neuen Bekannten stellen. Was arbeitest du? Bist du nützlich? Die Arbeit steht im Zentrum des Daseins. Arbeit. Arbeit. Arbeit. Wegen der Arbeit spielen wir nicht mit unseren Kindern, haben keine Zeit für Freunde, genießen unser Leben nicht, essen schnell, billig und schlecht, sind wir nicht mehr eins mit der Natur, schlafen kaum, sind gehetzt. Sogar mit unserem Körper sind wir unzufrieden, weil wir zu wenig abgearbeitet haben.«

Arbeit ist also, so meint Franzobel, wider die Natur, weshalb wir sie abschaffen sollten. Zitat: »Rücken wir die Arbeit aus dem Zentrum unserer Existenz. Machen wir etwas anderes. Machen wir uns von der Arbeit los, arbeitslos.«

Hat sie uns etwa frei gemacht? Nein! Zitat: »Wir sind die Sklaven der gemachten Bedürfnisse, die Sklaven unserer Telefone, E-Mail-Accounts, Kreditkarten, Sozialversicherungen, Elternvereine, Aktien-Portfolios, Lebenskonzepte und Weiß-der-Teufel. Wir sind nicht minder versklavt als die Leibeigenen vergangener Jahrhunderte.«

Das sage ich zwar auch schon immer, aber es ist fein, wenn es auch jemand anderes so sieht.

Doch weiter, Franzobel: »Arbeit, das sind wir – und sonst nichts mehr. Aber Arbeit ermüdet, und wir sind nicht dafür geschaffen. Kein Lebewesen verbringt die meiste Zeit seines Daseins mit Arbeit, die nichts mit seinem Heim, seiner Nahrung oder seiner Familie zu tun hat. Wir Menschen schon.«

Es wäre aber nicht Franzobel, wenn nicht zwischendrin noch schnell mit einigen wohlbekannten Phrasen gespielt würde: etwa ›Arbeit macht frei‹, ›Zeit ist Geld‹ usw. Franzobel:

»Arbeit macht frei? Kein Satz wurde je so pervertiert. Wegen Arbeit ist niemand freigekommen, aber Hunderttausende sind umgekommen. Gilt also der Umkehrschluss? Arbeit macht nicht frei, sie vernichtet. Arbeit hat uns gebändigt, willenlos gemacht. Arbeit demütigt, macht klein. So pervers das ist, muss man auch noch dem dankbar sein, der sie einem gibt. Verrückt!«

»Zeit, heißt es, ist Geld. Und Geld arbeitet. Aber nicht für uns. Wir sind es, die den Wohlstand erarbeiten, den man in den vergangenen 60 Jahren gelebt hat. Auf unsere Kosten hat die Vergangenheit stattgefunden. Oder ist es umgekehrt? Leben wir auf Kosten unserer Nachfahren?«

»Arbeit ist die neue Tugend, sagt man, dabei richtet sie nichts als Schaden an. Die meiste Arbeit dient doch dazu, etwas anders erscheinen zu lassen, als es ist. Arbeit ist Verschleierung. Ein Teil der Arbeit tut ja nur so, als ob sie Arbeit wäre – und die andere, die wirkliche Arbeit, bläst etwas auf zur Unwirklichkeit, macht es größer, als es ist. Darum sage ich: Arbeit ist Schwindel! Betrug!«

Und zum Abschluss: »Es sind längst nicht mehr die Arbeiter, die sich über Arbeit definieren, sondern die Manager, die Menschen in den Führungsebenen. Je weniger sich jemand die Finger schmutzig macht, desto mehr spricht er von offenen Baustellen. Heute sind es die Manager, die etwas aufbauen, nicht mehr die Bauarbeiter, nicht einmal die Vorarbeiter, schon gar nicht die Schwarzarbeiter. Heute wird jedes Bild, das wir zu sehen kriegen, nachbearbeitet. Es gibt nichts Unbearbeitetes mehr – das ist bedenklich.«

Leider folgt kein wirkliches Konzept, wie wir uns von der Arbeit frei machen sollten. Aber das erwartet mensch auch nicht von einem Schriftsteller.

Dafür gibt es ja Expertinnen, wie etwa Adelheid Biesecker, emeritierte Ökonomin von der Universität Bremen, welche im Februar dem Standard ein Interview gegeben hat.9

Sie geht zunächst davon aus, dass die entscheidenden Arbeiten ohnedies außerhalb der Märkte passieren: der komplette Bereich der Versorgung etwa, ohne den überhaupt keine Arbeit stattfinden könnte, oder auch die Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt in der Erziehung. So fordert Biesecker eine Neubewertung dieser Arbeiten, indem sie zunächst mal ebenfalls als Arbeit anerkannt werden. Also der gesamte Bereich Haushalt, Erziehung, Ehrenamt sollte umbewertet werden. Wichtig hierzu wäre auch, dass Männer vermehrt in diese Bereiche hinein genommen würden, meint sie. Dazu wäre allerdings eine starke Reduktion der Erwerbsarbeit nötig, da derzeit sich ja Männer im klassischen Modell von ›Ernährer und Hausfrau‹mit der Ausrede davor drücken, keine Zeit dafür zu haben.

Biesecker meint, die großen Krisen unserer Zeit, wie Klimakrise oder Armutsfalle, wären Krisen der Reproduktion, da der Markt, wenn er sich seine Arbeitskräfte holt, davon ausgeht, dass diese fertig vorhanden sind. Woher deren Subsistenz und Ausbildung kommt, kümmert den Markt nicht. Sie werden, wie andere Rohstoffe auch, vorausgesetzt. Doch ebenso wie Rohstoffe knapp werden können, wird dies langfristig mit Arbeitskräften ebenso geschehen, da hilft auch ein Ausweichen in andere Länder nicht viel.

Neue Arbeitszeitmodelle benötigen laut Biesecker Arbeitszeitverkürzung und ein Grundeinkommen. Dies bedarf aber eines Umdenkens der Staaten, einer Umverteilung des Geldes, welches derzeit ja von den Finanzmärkten in abenteuerlicher Weise als Spielgeld eingesetzt wird. Und diese werden ja durch ihre Lobbyarbeit von der Politik geschützt und gehätschelt.

Interessant ist ja, dass Gewerkschaften aufheulen, wenn es um Arbeitszeitverkürzung geht. Denn offenbar sind diese noch in der alten Denke verhaftet,was ihnen durchaus zusteht, denn sie müssen sich ja um gegenwärtige Interessen kümmern, anstatt zukünftige Modelle zu entwerfen. Doch die IG Metall in Deutschland denkt bereits für 2015 über eine verkürzte Arbeitszeit nach, und wir wissen, dass diese starke Gewerkschaft die Tendenz zur Vorreiterin hat.

Nachhaltigkeitsstrategien für den Arbeitsmarkt gibt es interessanter Weise durchaus auf europäischer Ebene, sogar auf Bundesebene, aber leider bleiben sie dort hängen und finden keinen Eingang in die konkrete Tagespolitik.

Das waren stellvertretend für viele andere Wissenschaftlerinnen einige Gedanken der Ökonomin Adelheid Biesecker.

Musik:

Akh-Point: Foundin‘ Faith 3:25

Beitrag 4: Ausblick

Kommen wir nun zum letzten Teil der Sendung mit einigen wichtigen Punkte, dich ich noch erwähnen will.

Zum Beispiel das eigenartige und vor allem unzeitgemäße Entlohnungsmodell, das bei uns üblich ist, bei welchem unwirklich niedrige Einstiegsgehälter gezahlt werden, die dann stark ansteigen. Dies ist erstens unrealistisch, weil gerade die Jungen ja mehr Geld brauchen, um eine Familie zu gründen, Wohnraum zu schaffen, usw. Ergebnis ist dann, dass die Familiengründung fürs erste verschoben und der Wohnraum von der Bank finanziert wird. Die andere Seite ist dann auch, dass lieber ältere Arbeitnehmerinnen durch billige junge ersetzt werden. Auf die Erfahrung der Älteren wird heute ja ohnedies meistens kein Wert mehr gelegt.

Unzeitgemäß ist dieses Modell außerdem, weil wie vor fünfzig Jahren davon ausgegangen wird, dass man 40 Jahre im selben Unternehmen arbeitet, was ja heute wirklich unrealistisch ist. Also fangen eben dann etwa auch 35-Jährige von Null bei einem neuen Unternehmen an und nicht nur 18-Jährige. Die haben aber dann im vorigen Unternehmen mehr verdient und ihr Leben entsprechend eingerichtet. Natürlich nimmt dann die Personalchefin lieber die billigere Junge, bzw wird bei der Bewerbung Älterer ohnedies davon ausgegangen, dass diese zu viel verlangen werden und gleich von vornherein ausgesiebt. Hier sollte also unbedingt ein zeitgemäßes Umdenken stattfinden!

Was ich auch bedenklich finde, ist die ständige Erreichbarkeit. Es wird verlangt, dass man für das Unternehmen auch in der Freizeit und im Urlaub erreichbar ist. Und das nicht nur, wenn die Firma Computer und/oder Telefon zur Verfügung stellt. Dieses Damoklesschwert, womöglich den Urlaub unterbrechen zu müssen oder aus seiner Erholung gerissen zu werden, weil irgendwas vorgeblich wichtiges in der Arbeit zu erledigen wäre, zeigt mir die Kurzsichtigkeit der Unternehmen. Denn die Erholungsphasen sind für die Gesundheit der Arbeiterinnen wichtig, und wenn ein Unternehmen es nicht der Mühe wert findet, rechtzeitig für jemanden zu sorgen, der diese Tätigkeit ebenfalls durchführen kann, spart es am falschen Ende.

Da braucht es einen dann auch nicht zu wundern, dass ›Stress am Arbeitsplatz‹ und ›Burnout‹ so oft thematisiert werden, ich erinnere an die Wortwolken vom Beginn der Sendung!

Apropos Freizeit und Urlaub:

Im Juli/August 20er ist ein Artikel zu lesen ›Tourismus in Frauenhand‹. Hier haben wir wieder ein Beispiel für Frauenarbeit, die nicht anerkannt wird, die Privatzimmervermietung. Im Gegensatz nämlich zu gewerblicher Zimmervermietung in Hotel und Gastgewerbe gibt es ca. 17.000 (ja, ich habe auch gestaunt über diese Zahl) Privatzimmervermieterinnen in Tirol, die ein Viertel aller Nächtigungen bestreiten. Hier haben wir einerseits eine klassische Tätigkeit, die von den Frauen neben Haushalt und Kindererziehung ›geschupft‹ wird, wie in der Vormoderne eben. Allerdings ist es eigentlich ein Vollzeitjob, der morgens um sechs Uhr mit dem Gang zum Bäcker um Frühstückssemmeln für die Touristinnen beginnt. Und heute auch mit der Nutzung von Buchungsplattformen im Internet, Sprachkenntnissen und vielen Managerinnenaufgaben verbunden ist. Und trotzdem keine Wertschätzung findet. Nicht angestellt und nicht gewerblich. Und somit weder sozial- noch pensionsversichert.

Dann hatte ich euch ja noch die Erklärung versprochen, warum ich in der vorigen Sendung immer von ›Arbeiterinnen‹ und nicht von ›Arbeitnehmerinnen‹ gesprochen hatte. Dies kommt aus einer Ansicht verschiedener Kapitalismus-Kritikerinnen, dass die Begriffe ›Arbeitnehmerin‹ und ›Arbeitgeberin‹ verkehrt herum verwendet werden. Der Begriff für das Unternehmen als ›Arbeitgeber‹ kann als Euphemismus für die Rolle eines gönnerhaften Sozial-Patriarchen betrachtet werden, und die Arbeitnehmerinnen sind dann die Bedürftigen, die mit Arbeit ausgestattet werden. Umgekehrt wäre es aber so, dass jene, die die Arbeitskraft anbieten, diese ›geben‹ und die Unternehmen sie benötigen und daher ›nehmen‹. Ihr seht, selbst solche völlig geläufigen Begrifflichkeiten zeigen auf, in welche Richtung beim Thema Arbeit gedacht wird und könnten ruhig öfter hinterfragt werden.

Expertinnen fordern also alles mögliche, von einer Revolution des Arbeitsmarktes, einer Neubewertung der Arbeit, neue Arbeitszeitmodelle, ein bedingungsloses Grundeinkommen, usw.

In der Praxis ist von einer Entwicklung in diese Richtung leider wenig zu sehen, denn nicht nur die Arbeitgeberinnen-Vertreterinnen, sondern auch jede der Arbeitnehmerinnen sträuben sich dagegen. Natürlich aus unterschiedlichen Gründen.

So lange Teilzeitarbeit als Arbeit zweiter Klasse und ehrenamtliche Tätigkeiten gar nicht als Arbeit, sondern als Hobby angesehen werden, wird hier wohl auch nicht viel geschehen. Doch ich kann euch versichern, ich nehme die Gestaltung dieser Sendung, die mich genauso viel Zeit kostet wie jede ›hauptberufliche‹ Radiomacherin auch, also ca. 20 Stunden, durchaus als Arbeit wahr. Als Arbeit zwar, die mir Freude macht, aber trotzdem möchte ich manchmal ›den Hut drauf hauen‹, wenn es mich bei einem Teilthema gerade ›fuxt‹. Dass ich das dann doch nicht mache, liegt dann daran, dass ich über solche Themen wie das heutige schreiben und erzählen kann und mir hoffentlich jemand dabei zuhört. Von mir aus auch während der Arbeit.

Musik:

Electric Zoom: Free Mind 3:12

Abmoderation

So, aber nun genug hinterfragt für heute. Ich danke euch herzlich fürs Zuhören und hoffe, die Sendung hat euch wieder gefallen.

Und nochmals der Hinweis auf die Internet-Seiten zur Sendung:

Kritik, sowohl negative als auch positive, Wünsche und Anregungen könnt ihr gerne an mich per eMail senden: radio@hinterfragt.at.

Und wer die Sendung nachlesen möchte: die begleitende Website ist zu finden unter hinterfragt.at, dort findet ihr auch alle Links, oder könnt Kommentare zur Sendung abgeben. Außerdem könnt ihr mir auch auf Twitter folgen @hinterfragtAT oder auf Facebook unter hinterfragt.

Das war Ewald Strohmar-Mauler mit der Sendung hinterfragt. Das kulturwissenschaftliche Magazin.

immer am zweiten Dienstag im Monat um 20 Uhr auf FREIRAD, dem Freien Radio Innsbruck, und die Wiederholung am 4. Donnerstag um 9 Uhr Vormittag.

Und nun verabschiede ich mich und wünsche euch noch eine gute Zeit.

Abspannmusik

Revolution Void: Nebulous Notions: 6:58

Sendung anhören

1 http://de.wikipedia.org/wiki/Arbeit_(Volkswirtschaftslehre)

2 Leipzig – Mannheim 1997 Band 1: A-Bau 234f

3 http://www.duden.de/rechtschreibung/Arbeit

4 http://definition-online.de/arbeit/

5 MEW Band 6 (1961), Seite 400

7 ebd.

8 der Standard, Album, 27.April 2013, Print

9 DerStandard vom Mi., 26.02.2014, Seite 14: „Wir brauchen eine Reduktion der Erwerbsarbeit»