Sendung vom 10. Februar 2015: Verschwörungstheorien

 

Ich begrüße euch, liebe Hörerinnen von FREIRAD! Am Mikrofon ist wieder Ewald Strohmar-Mauler mit einer neuen Ausgabe von „hinterfragt.“, dem kulturwissenschaftlichen Magazin.

Die heutige Sendung trägt den Titel:

Verschwörungstheorien.

Das sind jene Theorien, die immer dann auftauchen, wenn irgend etwas passiert, was den Eindruck erweckt, dass dabei etwas vertuscht worden ist…. oder hätte werden können.

Ich werde also heute hinterfragen, um welche Theorien es sich dabei so handelt, welche Arten man unterscheiden kann, warum es diese gibt und dies natürlich mit jeder Menge Beispielen illustrieren.

Und ich muss sagen, ich habe selten eine Sendungsvorbereitung erlebt, bei der ich ich mich beim recherchieren so verzettelt habe wie diesmal. Zwischen Kopfschütteln und neugierig weiterlesen habe ich versucht, auch diesmal wieder eine kurzweilige Sendung für euch zusammen zu stellen. Das Ergebnis hört ihr gleich, nach etwas

Musik:

Raccoon Fink: I am Collective 4:08

Teil 1: Überblick

Eigentlich wollte ich ja diese Februar-Sendung als Faschings-Sendung gestalten, also so mit Interviews von Wampelern und deren Reitern, Spiegeltuxern, Hexen, Bären und ähnlichen Gestalten, welche sich derzeit in unseren Breiten so tummeln und dann wieder für ein Jahr in der Versenkung verschwinden.

Doch einerseits ist das nicht besonders originell und andererseits ist der Fasching bereits zur Ausstrahlung der Wiederholung vorbei. Und da mir bekannt ist, dass die meisten Hörerinnen diese Sendung sowieso in Form der Wiederholung am vierten Donnerstag jedes Monats um 9 Uhr, nämlich in der Arbeit, hören, spare ich mir also diese Faschingssendung lieber für ein anderes Jahr auf. Da könnte ich sie auch früher ansetzen, denn der Fasching beginnt ja am 11. 11. um 11 Uhr 11.

Warum das übrigens so ist, läßt sich leicht erklären: Fasching ist ja jene »fünfte Jahreszeit«, in welcher alles übertrieben wird, also über-hoben, quasi aus der Realität hinaus transzendiert. Und wenn Zehn die Zahl der Perfektion ist, wäre denn die Zahl 11 eine übersteigerte Zehn. Also ist der 11.11., 11 Uhr 11 gleich vier Mal überstiegert.

Außerdem ist die Zahl 11 die Zahlensumme des Namens von Maria Magdalena, sowohl in der hebräischen als auch der griechischen Zählweise. Und wer die Bibel nicht nur im Bücherregal stehen hat, damit die Perry-Rhodan-Hefte nicht umfallen, sondern auch schon mal drin gelesen hat, erinnert sich vielleicht, dass Maria Magdalena eine »Sünderin« gewesen war, die dann zur Jesus-Anhängerin konvertiert ist, aber trotzdem hat sie wohl, und das steht aus gutem Grund nicht mehr in der offiziellen Bibel, sondern in apokryphen Schriften, auch später ein bißchen Schwung in die triste Apostel-WG gebracht, also die Zehn des perfekten Jesus zur Elf übersteigert. Und Maria Magdalena ist letzlich auch jene Begleiterin von Jesus, über die in mehreren Legenden spekuliert wird, dass sie eigentlich Jesu Frau gewesen war und sogar seine Kinder geboren habe. Die heilige Familie ist dann nach dem fingierten Tod von Jesus nach Südfrankreich geflüchtet, wo das Herrschergeschlecht der Merowinger auf sie zurück geht.

Und schon sind wir mitten drin in der Handlung von Dan Brown’s Geschichte vom Da Vinci Code, die im deutschen Titel gar zum »Sakrileg« mutiert. Die Geschichte von den Kindern Jesu mit Maria aus Magdala ist an sich nicht neu, gar nicht neu ist es außerdem, in da Vincis Bildern seltsame Symbolhaftigkeiten zu entdecken. Dan Brown hat diese Dinge nur meisterhaft zu einer packenden Geschichte verknüpft, wie mensch es von ihm gewöhnt ist. Da vergisst mensch als Leserin oder Betrachterin der Verfilmung gerne auch, dass seine Prämissen keine fünf Minuten unter Ockhams Rasiermesser standhalten würden.

Aber, was ich eigentlich zeigen wollte: so einfach können Verschwörungtheorien entstehen. Mensch findet im Internet eine Unmenge Listen und Fotostrecken über die besten, plausibelsten, verrücktesten und langlebigsten Verschwörungstheorien.

Doch zunächst, wie gewohnt, eine Definition, heute wieder mal aus der deutschen Wikipedia: (Zitat) »Als Verschwörungstheorie bezeichnet man im weitesten Sinne jeden Versuch, ein Ereignis, einen Zustand oder eine Entwicklung durch eine Verschwörung zu erklären, also durch das zielgerichtete, konspirative Wirken von Personen zu einem illegalen oder illegitimen Zweck. […] Prinzipiell unterschieden werden Verschwörungshypothesen, die im Grundsatz rationale und überprüfbare Aussagen über angenommene Verschwörungen machen, und Verschwörungsideologien, die ihre stereotypen und monokausalen Vorstellungen über Verschwörungen gegen kritische Revision immunisieren.« (Zitat 1Ende)

Zum Vergleich die aus der englischen Wikipedia: »A conspiracy theory is an explanatory proposition that accuses two or more persons, a group, or an organization of having caused or covered up, through secret planning and deliberate action, an illegal or harmful event or situation.2«

Hier steht also im Vordergrund die Anklage, dass eine oder mehrere Personen irgendwas verheimlichen, weniger die Theorie an sich. Dieses Phänomen zieht sich übrigens grundsätzlich durch die Szene (wenn es eine solche denn gibt). Ich habe bei meinen Rechnerchen festgestellt, dass in Europa eher die Theorien im Vordergrund stehen, während die US-amerikanische Berichterstattung lieber nach Schuldigen fahndet. Entsprechend unterschiedlich zwischen USA und Europa gestalten sich auch die Ranglisten der Verschwörungstheorien. Doch dazu im nächsten Teil der Sendung mehr.

Musik:

Somewhere off Jazz Street: Port Werth 3:13

Teil 2: Einblick

Nun also geht es, wie versprochen, ans Eingemachte. Welche Arten von Verschwörungstheorien gibt es also, wie präsentieren sich diese und was ist daran wahr?

Ich habe es ja bereits gesagt, die Amis sind allzu schnell bereit, Schuldige für alles möglichen realen und gedachten Missstände zu suchen und so findet sich in der englischsprachigen Wikipedia gleich zuoberst eine Typologie nach einem US-amerikanischen Autor einschlägiger Sachbücher, Jesse Walker.

Dieser identifiziert in seinem Buch »The United States of Paranoia: A Conspiracy Theory« vier »Feinde«, nämlich

»[the] „Enemy Outside,“ with devilish figures mobilizing outside the community and scheming against the community. The „Enemy Within“ finds the conspirators lurking inside the nation, indistinguishable from ordinary citizens. The „Enemy Above“ involves powerful people manipulating the system for their own gain. The „Enemy Below“ features the lower classes ready to break through their constraints and overturn the social order.3«

Und dann gibt es noch die »Gutmütigen Verschwörungen« („Benevolent Conspiracies“), bei denen quasi himmlische Kräfte am Werk sind, um die Welt zu verbessern.

Der Politologe Michael Barkun, welcher die Verschwörungstheorie definiert als »belief which explains an event as the result of a secret plot by exceptionally powerful and cunning conspirators to achieve a malevolent end4.« Er findet, dass diese Theorien deshalb so ansprechend sind, weil sie Dinge erklären, die nicht auf wissenschaftlicher Basis erklärt würden. Sie brächten Sinn in eine Welt, die sonst auf weiten Strecken sehr konfus wäre. Zweitens machen sie dies auf eine ansprechend einfache Weise, indem die Welt einfach in helle und dunkle Kräfte geteilt wird. Alles Böse wird auf eine einzige Quelle zurück geführt, nämlich die Verschwörerinnen und ihre Gehilfinnen. Drittens wird meist ein besonderes Geheimwissen, das der Öffentlichkeit nicht bekannt oder bewusst ist, und das nur die Verschwörerinnen kennen, vorausgesetzt.

Barkun unterscheidet zwischen folgenden Arten von Verschwörungen:

»Event conspiracy theories«: bei dieser häufigsten Form wird ein einzelnes oder wenige zusammen hängende Ereignisse betrachtet, auf welche sich die konspirativen Elemente beschränken, also etwa die Ermordung von J.F. Kennedy oder Prinzessin Diana.

»Systemic conspiracy theories«: hierbei werden größere Zusammenhänge vermutet, mit dem Ziel der Kontrolle über ein Land, einen Wirtschaftszweig oder gar die Weltherrschaft. Trotz der hohen Ziele steckt meist nur eine einzige dunkle Organisation dahinter, welche bestehende Organisationen infiltriert. Das können etwa Illuminaten oder Freimaurer sein, die katholische Kirche oder die Kommunisten bzw. auch die Kapitalisten.

»Superconspiracy theories«, also die Meta-Verschwörung schlechthin: alle möglichen Konspirationen sind eigentlich nur Elemente einer einzigen Riesen-Verschwörung. Aber natürlich so gut versteckt und getarnt, dass da nie jemand drauf gekommen wäre – außer natürlich jene Autorinnen, die seit den 1980ern gut an solchen Geschichten verdienen. Es scheinen nämlich gerade die US-Amerikanerinnen sehr stark auf solchen paranoiden Geschichten anzuspringen. Der Titel des ersten Kapitels in Jesse Walkers oben erwähntem Buch »The United States of Paranoia: A Conspiracy Theory« lautet dann auch »The Paranoid Style IS American Politics«.

Aber natürlich sind weder alle Verschwörungstheorien US-amerikanischen Ursprungs, noch sind sie nur dort beliebt. Doch, wie gesagt, der Fokus scheint ein anderer: wo sich die Amerikanerinnen lieber alle paar Meter vorsichtig umsehen und sich mit noch einer zusätzlichen Waffe versorgen, ist in Europa das Interesse eher ein akademisches. Wir ängstigen uns weniger und stellen lieber fest, dass es Verschwörungstheorien und -theoretikerinnen in allen Epochen der Geschichte gegeben hat. Manchmal auf der Suche nach einem Sündenbock für unerklärliche Phänomene, für die dann wahlweise z.B. »die Juden«, »die Christen«, »die Ketzer« oder »die Hexen« herhalten mussten. So mancher unerklärliche Todesfall wurde in der Vergangenheit zum Mordkomplott hochgespielt, wenn es dem politischen Zweck dienlich war. Wobei sich das christliche Abendland der Vormoderne weniger mit derartigen Theorien hervortat, denn unerklärliche Vorfälle wurden eher dem »Ratschluss Gottes« als den Machenschaften irgendeiner Geheimorganisation zugesprochen.5

Seit dem 17. Jahrhundert, also sozusagen frisch aufgeklärt, ging es aber so richtig los mit den Verschwörungen: hier war der Jesuiten-Orden mehrfach fälschlich als Agent verschiedenster Umsturzversuche verdächtig: als konservativ-katholischer Stoßtropp gegen die englische Krone, später auch durch den bekannten »Jesuiten-Staat« in Paraguay als Gegner der portugiesischen und spanischen Königshäuser. Sogar als vorbereitende Elemente für einen Staatsstreich in den USA, um dort einen Habsburger als Kaiser einzusetzen, mussten die Jesuiten herhalten.

Die Zeit der französischen Revolution bot auch viel Nahrung für Verschwörungstheorien. Robespierre vermutete offenbar hinter allem und jedem eine Verschwörung und vor allem die ausländischen Höfe schienen für ihn überall ihre Agenten eingeschleust zu haben, sogar in die Volksvertretung. So wütete die Guillotine dann auch entsprechend.

Da der Jesuitenorden 1773 wegen der vorhin erwähnten Anschuldigungen aufgelassen worden war, entwickelte sich Anfang des 19. Jahrhunderts dann ein umgekehrtes Phänomen: ehemalige Jesuiten und andere katholische Kräfte drehten den Spieß um und warfen den Proponentinnen der Aufklärung vor, gegen die sich langsam in Europa entwickelnden neuen Nationalstaaten vorgehen zu wollen. Aus dieser Zeit stammen die Verschwörungstheorien über Freimaurer und Illuminaten, welche ja aufklärerische Geheimgesellschaften sind, die antiklerikale Züge aufweisen. Diese werden bis heute immer vor den Vorhang geholt, wenn konservative Kräfte meinen, angegriffen worden zu sein.

Das infifferent-bedrohliche Konglomerat »Freimaurer und Illuminaten« lässt sich ja nach Wunsch erweitern um Gnostiker, sufistische Assassinen, Freidenker, Sozialisten, Satanisten. Und natürlich Juden, diese tauchen aus irgend einem Grund immer auf, wenn verschwörungstheoretisiert wird. Hierzu existiert sogar ein Schlüsseltext des Antisemitismus, die sogenannten »Protokolle der Weisen von Zion«, die Ende des 19. / Anfang des 20. Jahrhunderts von Unbekannten verfasst wurden, um das Schreckensbild eines Weltjudentums zu zeichnen, das die bestehende Weltordnung (was immer das jetzt sein mag) durch die Kontrolle der Medien und Finanzmärkte, außer Kraft setzen will. Die Wirkung dieser Fälschung scheint jedenfalls vor allem gewesen zu sein, dass Hitler seine Weltanschauung darauf aufbaute und bis heute im Mittleren Osten die Angst vor diesem Weltjudentum umgeht. So gesehen wäre auch der Nationalsozialismus eine Verschwörungstheorie, die angenommenen jüdischen Verschwörer sind in diesem Fall nicht ideologisch, sondern angeboren Teil der Konspiration. Kein Wunder also, dass die Nazis nicht aussterben, wenn die Angst vor dem Weltjudentum noch immer umgeht. In diesen Dunstkreis gehören dann wohl auch die Menschen, die den Holocaust und die Gaskammern als Gerücht und Teil einer Verschwörungstheorie abtun. Denn schließlich würde durch diese Lüge ja Deutschland immer mit einem schlechten Gewissen ausgestattet sein, und so hätten die Juden hier leichtes Spiel und könnten sich alles erlauben.

Den Juden werden natürlich nach wie vor alle möglichen Verschwörungen angedichtet, von der Schweinegrippe bis hin zu den Chemtrails. Vor allem, wenn viel Geld im Spiel ist, können für manche ja nur die Juden dahinter stecken. Und die Freimaurer, die stecken mit den Juden ja unter einer Decke. Erkennbar ganz einfach dan den Dollar-Scheinen, die vor jüdisch-freimaurerischen Symbolen nur so wimmeln.

Jetzt aber genug davon, ich spiele euch wieder ein wenig

Musik:

Triplexity: That Feeling 5:19

Zwischenmoderation

Für alle, die sich erst später zugeschaltet haben:

Hier ist „hinterfragt„, das kulturwissenschaftliche Magazin live auf FREIRAD, dem freien Radio in Tirol! Mein Name ist Ewald Strohmar-Mauler.

Das heutige Thema ist

Verschwörungstheorien

Im ersten Teil habe ich ein wenig darüber theoretisiert und einige historische Fakten erzählt, nun geht es weiter mit weiteren Beispielen und den abschließenden Überlegungen.

Teil 3: Seitenblick

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert wimmelte es dann natürlich vor weiteren Theorien, schon alleine wegen der Medien, die solche Dinge immer rascher zu den Leserinnen und Hörerinnen, dann natürlich auch Zuseherinnen befördern konnten. Wenn mensch in den Episoden der X-Files den Agenten Mulder bei der Lektüre von Sensationsblättchen beobachtet, die Schlagzeilen von zweiköpfigen Rindern und Papst-Babies aufweisen, weiß mensch, was ich meine. Die Achtziger Jahre waren auch die Blütezeit von UFO-Beobachterinnen und dem ganz paranormalen Wahnsinn, so auch von Verschwörungstheorien in Buchform.

Hier einige populäre Theorien der letzten Jahrzehnte:

Zunächst mal einige Umweltsünden: etwa die Chemtrails, also die bewusstseinsverändernden Chemikalien, die durch die Flugzeuge über uns ausgestreut werden. Nein, diese Streifen sind kein Kondenswasser, das wird uns nur eingeredet. Und das Fluor im Trinkwasser ist nicht wegen der Zahngesundheit, sondern ebenfalls, um unser Bewusstsein zu steuern. Dann natürlich, die globale Erwärmung. Die ist natürlich nur ein Schwindel, in Wahrheit geht es nur um Steuererhöhungen und Zwangsumbauten an den Autos, die mehr Geld für die Industrie bringen. Auch die Erdölknappheit ist nur ein Gerücht, damit die Ölkonzerne die Preise nach Belieben steuern können.

Dann die Katastrophen: der AIDS-Virus ist entweder von der CIA oder dem KGB als chemische Waffe gezüchtet worden, um die jeweils andere »Supermacht« auszurotten. Am Tsunami von 2004 im Indischen Ozean sind für Verschwörungstheoretikerinnen im Mittleren Osten die Israelis und Amerikaner schuld, die geheime Atombomben-Experimente durchgeführt haben.

Dass Pearl Habor von den USA bewusst zugelassen worden wäre, damit das Dritte Reich endlich den USA den Krieg erklärt und diese endlich kämpfen können, gehört zu den konspirativen Erklärungen für kriegerische Handlungen, ebenso wie die Bomben in den Moskauer Appartments, damit Russland gegen Tschetschenien vorgehen kann. Und ist der Irakkrieg nun doch wegen des Öls oder wegen etwas ganz anderem geführt worden? Und übrigens können die Türme im World Trade Center wegen eines mickrigen Flugzeugs gar nicht so zerstört worden sein. Ohrenzeugen berichten von Explosionen, viel weiter unten, …

Und, sind euch nicht auch schon manchmal schwarze oder unmarkierte Hubschrauber aufgefallen, die scheinbar ziellos über euch herumschweben? Was könnten die bloß vorhaben?

Dann die kulturellen Verschwörungen: Elvis lebt, dafür ist Paul McCartney längst tot. Und der Verfasser von Shakespeares Stücken war gar nicht er selbst, sondern wahlweise Francis Bacon, Christopher Marlowe, William Stanley oder Edward de Vere. Ich denke, dazu muss ich nicht mehr sagen.

Meine liebsten Verschwörungstheorien sind allerdings die folgenden:

Die Reptilien-Elite. Als ich davon gelesen hatte, fielen mir natürlich sofort die Silurians bei Doctor Who ein, jene Nachkommen der Saurier, die sich in die Tiefen der Erde zurückgezogen haben, um dort auf ihre Chance, die Welt wieder zurück zu erobern, zu warten. Für die Reptilien-Theoretiker ist es aber so, dass diese sich längst unter uns befinden, gut verkleidet, und immer mehr Machtpositionen besetzen. Ich denke allerdings, dass die bei uns in Tirol sofort auffallen würden, weil bei der Saukälte, die gerade herrscht, kommt so ein wechselwarmes Reptil nicht weit. Und niemand kriegt jeder Jahr von Oktober bis April Urlaub, um in den Süden zu fahren.

Dass die Erde hohl ist und innen irgendwelche geheimen Kräfte auf ihre Chance warten, ist auch nicht neu. Unter der Antarktis befindet sich z.B. ein riesiger Reichsflugscheiben-Hangar, aus welchem irgendwann die Überbleibsel des Dritten Reiches die Welt erobern wollen.

Apropos Scheiben: wusstet ihr, dass der UFO-Absturz in Roswell im Jahre 1947 unmittelbar danach von den US-Behörden sogar offiziell zugegeben worden und erst nach einigen Tagen dementiert worden war?

Und weil wir bei USA und Space sind: meine liebste Verschwörungstheorie überhaupt ist ja die Mondlandung. Diese ist natürlich nur eine Fälschung, um den Russen etwas voraus zu haben. Denn seitdem ist ja nicht wirklich etwas weiter gegangen in dieser Hinsicht. Jede Menge Fehlschläge, defekte Space-Shuttles, verklemmte Marsroboter, alles keine großen Erfolge. Nur eine Menge Müll in der Erdumlaufbahn. Und dass die Mondlandung fingiert ist, sieht mensch ja sofort den seltsamen Schatten, der Fahne, die für 1/6 der Erdanziehungskraft schon sehr komisch flattert. Klar, in den 60ern war die Tricktechnik eben noch nicht so weit wie heute, wo man das alles ohne Probleme korrekt rendern könnte. Inklusive einem Mondkalb, das hinter einem Felsen hervorgrinst. Das grinst vermutlich deshalb, weil sich Neil Armstrong bei seinem Text mit dem großen Sprung für die Menschheit auch noch versprochen hat, was natürlich vertuscht wurde.

Übrigens, Tricktechnik und vertuscht: obwohl Walt Disney eine panische Angst vor dem Tod hatte, wurde er nicht eingefroren, sondern ist ganz normal verstorben und wurde eingeäschert. Es weiss nur niemand, weil für die Nachwelt soll bei Disney alles so weiter laufen, als ob er noch leben würde.

Ich muss sagen, dass ich von vielen dieser Theorien erstmals beim Recherchieren für diese Sendung gehört habe. Das kann natürlich auch damit zusammen hängen, dass die meisten doch ihren Ursprung bzw. ihre Wirkung in den USA haben und uns in Europa sozusagen nichts angehen. Es ist ja leider so, dass vieles, was jenseits des Teiches für Wirbel sorgt, bei uns gerade mal in einer unbedeutenden Randspalte einer Tageszeitung landet. Oder erst nach Wochen und viel Internet-Rummel bemerkt wird. Umgekehrt ist es allerdings noch schlimmer – die Amis ignorieren uns ja förmlich. Die meisten wissen nicht mal, wer bei uns Bundeskanzler ist!

Vorenthalten kann ich euch natürlich auch die literarischen und filmischen Aufarbeitungen von Verschwörungstheorien nicht. Denn wo sich Abgründe menschlicher Korruption, Geheimnistuerei und eben Verschwörungen auftun, da sind die professionellen Storyteller nicht weit. Vor allem, wenn sie die eigentlichen Stories quasi schon vorgekaut erhalten.

Aus meiner Schulzeit erinnere ich mich an John Buchans »The Thirty-Nine Steps« von 1951, wo Elemente einer Verschwörungstheorie mit dem Topos »Mann auf der Flucht« verwoben werden. Graham Greene schrieb 1943 seinen Roman »Ministry of Fear«, welcher bereits 1944 von Fritz Lang verfilmt wurde, und bereits alle Elemente von Paranoia und Verschwörung mitführte, welche später so populär wurden, plus das damalige Kriegsszenario.

Da in den USA in den 1960er und 70ern eine Reihe von Skandalen und Auseinandersetzungen stattfanden, war das natürlich Nahrung für Verschwörungtheorertikerinnen: der Vietnam Krieg, die Ermordungen von John F. Kennedy, Robert Kennedy und Martin Luther King, der Watergate Skandal und der Rücktritt des Präsidenten Nixon. Richard Condon verfasste in dieser Periode der amrikanischen Geschichte eine Reihe von Thrillern, darunter den ebenfalls verfilmten »Manchurian Candidate«.

Besonders populär wurde auch die Illuminatus! Trilogie (1969–1971), von Robert Shea und Robert Anton Wilson. In diesen Büchern werden ausgiebig, wild und humorvoll Elemente aus Science Fiction, psychedelischen Erfahrungen, Mystery und Horror mit konspirativen Ideen gemixt.

Eines meiner persönlichen Lieblingsbücher ist Umberto Ecos »Foucault’sches Pendel« (1988), in welchem die Angestellten eines okkulten Buchverlag eine Verschwörung erfinden, die ihnen dann aber entgleitet und sich verselbständigt.

Der bereits erwähnte Dan Brown darf hier natürlich auch nicht fehlen, denn seine Bücher sind eigentlich fast ausnahmslos irgendwelchen Verschwörungsstoffen entnommen. Hier haben wir also seinen Erstling »Digital Fortress« (1998), in welchem es um digitale Überwachung der Bürgerinnen durch die Regierung geht. Heute ein aktuelles Thema, aber 1998 offenbar noch nicht interessant genug, um ein Erfolg zu werden. Das Thema Außerirdisches Leben behandelt Brown in »Deception Point« (2001), hier wird ein Meteorit gefunden, welcher Beweise für nichtirdische Lebensformen in sich trägt – was natürlich vertuscht wird.

Größere Popularität erlange Brown jedoch mit seinen Bücher über den Symbolforscher Robert Langdon, zunächst erschien hier »Angels & Demons« (2000), zu deutsch »Illuminati«, über gestohlene Antimaterie, entführte Kardinäle und einen größenwahnsinnigen Papst-Sekretär. Noch bekannter ist die am Anfang der Sendung bereits erwähnte zweite Geschichte mit Robert Langdon, »The Da Vinci Code« (2003), deutsch »Sakrileg«, wo es um die Blutlinie Jesu, den Opus Dei und allerlei Konspiration innerhalb der katholischen Kirche geht. Weiter geht es mit »The Lost Symbol« (2009), in welchem Langdon die Sehenswürdigkeiten in Washington DC nach verschwundenen Symbolen abklappert, und das bislang letzte Buch ist »Inferno« (2013), wo Florenz und Dante Alighieri an der Reihe sind. Browns Romane sind spannend geschrieben, die Handlungen sind meist in einen, zwei Tage zusammen gedrängt (irgendwo im Hintergrund tickt immer eine tatsächliche oder metaphorische Zeitbombe), aber literarische Meisterwerke sind es halt keine. Man sollte Ecos Pendel vielleicht nicht unmittelbar vorher lesen.

Im Bereich der Science Fiction sind auch mehrere Verschwörungs-Romane zu finden, das Genre hat den Vorteil, größere Beweglichkeit bei den Themen bei gleichzeitig geringerem Wunsch der Leserinnen nach Nachprüfbarkeit zu haben.

Musik:

Fortadelis: Sky Jump 3:58

Teil 4: Ausblick

Natürlich gibt es noch eine Reihe Spielfilme über Verschwörungstheorien, die keine oder keine bekannte Romanvorlage aufweisen. »Conspiracy Theory« (1997) mit Mel Gibson und Julia Roberts hat das schon im Titel, weites sind noch bekannt »The Bourne Identity« (2002) oder »The Fugitive« (1993), deutsch »Auf der Flucht« mit Harrison Ford. Das Muster ist einfach: ein Opfer oder Zeuge einer Verschwörung muss flüchten und deckt dabei das ganze Komplott auf. Ein weiteres beliebtes Thema ist die Bewusstseinskontrolle, da kann mit Filmtechnik viel dargestellt werden: Vor- und Rückblenden, die sich dann als unechte Erinnerungen herausstellen, usw. Oder bei Science Fiction-Filmen, wo den Menschen eine wunderbare Welt vorgegaukelt wird, die sich hinter den Kulissen als Lüge entpuppt (»Logans‹s Run« 1976, und natürlich »1984«), oder bei der plötzlich auftretende Fehler vertuscht werden müssen (»Minority Report« 2002).

Abschließend noch einige Worte zu der Plausibilität von Verschwörungstheorien. An sich ist ja schon der Begriff problematisch, denn als Theorien im wissenschaftlichen Sinn taugen die wenigsten von ihnen. Grundsätzlich wäre ja auch bei ihnen das gute alte Rasiermesser von Ockham anzuwenden. Es sollte also unter den möglichen Erklärungen eines Phänomens jene ausgewählt werden, welche mit den wenigsten Hypothesen auskommt. Gerade das scheint aber den Proponentinnen von Verschwörungstheorien oft nicht zu schmecken, denn je verwickelter diese werden, bis hin zur Meta-Verschwörung, desto schwieriger ist es, sie nachzuprüfen … und desto besser verkaufen sich die Bücher.

Vom Standpunkt des Historikers gesehen – wenn man mit dem amerikanischen Philosophen Brian L. Keeley6 Verschwörungstheorien als Erklärungen von Ursachen von Phänomen der Vergangenheit betrachtet – sehe ich die Sache etwas gelassener, denn sehr oft hat sich lange nach einem Ereignis heraus gestellt, dass die zunächst als unwahr »bewiesenen« Vorwürfe von Gegnern sehr wohl richtig und die gegenteiligen »Beweise« nur von der herrschenden Macht manipuliert worden waren. Oft ging und geht es ja doch nur um die Suche nach Sündenböcken, um von eigenen Fehlern abzulenken und die Macht nicht zu verlieren. Gruppen von radikalen Gegnerinnen bieten sich ja da geradezu selbst auf dem Silbertablett an.

Eine mögliche Erklärung für das Entstehen von Verschwörungstheorien im Sinne von Adornos »Dialektik der Aufklärung« bietet der deutsche Historiker Dieter Groh an. Er vermutet, dass sie eine Gegenbewegung zu der beobachtbaren rasanten Entwicklung von Aufklärung und Säkularisierung sind. Seit dem 19. Jahrhundert werden ja irrationale Welterklärungen, etwa durch »Gottes Ratschluss«, durchwegs durch allgemein verfügbares, rationales Wissen ersetzt, es wird behauptet, dass alles wissenschaftlich erklärt werden kann. Dadurch wächst laut Groh die »Neigung, unerfreuliche Phänomene den Machenschaften einer Verschwörergruppe zuzuschreiben, da irgendjemand ja dafür verantwortlich sein muss.7«

Interessant hierzu auch die Untersuchungen von J. Clyde Mitchell bei der Volksgruppe der Yao in Sambia. Er hat festgestellt, »dass mit der Unübersichtlichkeit des sozialen Wandels dort die Anklagen wegen witchcraft (allgemeiner magischer Schädlichkeit) zunahmen, wohingegen die angeblichen Fälle von sorcery (konkretem Schadenzauber) abnahmen: Sie dienen offenkundig dazu, soziale oder stammespolitische Konflikte auszutragen.8«

Also eine Flucht in die nicht-rationalen, schwammig-diffusen Erklärungen durch das Überhandnehmen von wissenschaftlichen Erklärungen in der Welt. Da fühle ich mich mit meine kultur-wissenschaftlichen Magazin gleich schuldig. Vielleicht sollte ich von nun an lieber Märchen erzählen anstatt Dinge zu hinterfragen?

Oder ist das vielleicht nur eine Verschwörung der eingeweichten Illuminaten vom Goldenen Zweig? Dann waren wahrscheinlich die das, die es im letzten Monat schon mal versucht und mir bewusstseinsverändernde Drogen in den Kaffee gemischt hatten, damit ich meine Zutrittskarte vergesse und nicht ins Studio kann! Die boykottieren also meine Sendung!

Genug gescherzt, ich würde gern noch eine echte österreichische Verschwörungtheorie, die ich seit den 1990ern kenne, präsentieren. Nein, nicht, warum der Landhausplatz zubetoniert ist, das ist ja einfach erklärt: wegen der Wärmebunker für die Reptilien-Elite.

Nein, ganz was anderes, die Wiener Reichsbrücke, welche am 1. August 1976 um 4:43 eingestürzt ist. Ich zitiere von der Seite reichsbruecke.net9, der offiziellen Seite der für die Überwachung der Wiener Reichsbrücke zuständigen Stellen:

»Der Einsturz der Reichsbrücke im Jahr 1976 hatte große Konsequenzen für die Verkehrsinfrastruktur der Stadt Wien. Die Donauschifffahrt war unterbrochen, ein zentrales Bindeglied zu den bevölkerungsreichsten Bezirken Floridsdorf und Donaustadt war gekappt. Noch im Dezember 1976 wurde daher ein internationaler Wettbewerb zu Errichtung der neuen Reichsbrücke, basierend auf der aktuellen stadtplanerischen Leitlinie, ausgeschrieben. Der Zeitpunkt für die Neuerrichtung war denkbar günstig, denn ursprünglich war nahe der alten Reichsbrücke eine eigene U-Bahn-Brücke über die Donau geplant. Durch den Einsturz konnten sämtliche neuen Verkehrswege in den Neubau integriert werden. Außerdem konnte die Höhe des neuen Stromtragewerkes gleich auf ein hohes Stauziel der Donau ausgerichtet werden und damit ein Donaukraftwerk im Raum Wien mit berücksichtigt werden.«

Mensch lese und staune: zufällig ist die Brücke zum richtigen Zeitpunkt zusammengekracht: U-Bahnbau und Staustufe Freudenau standen vor der Tür… Und wenn mensch weiß, dass die Ampeln vor der Brücke aus unerfindlichen Gründen über eine Viertelstunde auf Rot standen, dass der Linienbus, welcher für diesen Kurs verwendet werden sollte, ganz hinten in der Garage zugeparkt war, und daher nur durch zu schnelles Fahren überhaupt zum Zeitpunkt an der Brücke hatte sein können, und dass die Ausschläge am Seismografen auf der Hohen Warte genauso von einer Explosion als von einem Einsturz stammen könnten, dann fragt mensch sich halt schon ein wenig. Damit, dass der Busfahrer mit dem leeren Bus rast und ein PKW-Fahrer die rote Ampel missachtet und die beiden Fahrzeuge in die Donau stürzen, wobei der PKW-Lenker stirbt, war natürlich nicht zu rechnen.

Verschwörungstheorie oder Tatsache? Vielleicht wird das ja nochmal genauer untersucht, dann erfahren wir möglicherweise mehr.

Und was steckt wirklich hinter den Bilderberg-Treffen, die in keiner Liste der Verschwörungs-Theorien erwähnt wurden und auch sonst recht totgeschwiegen werden?

Heute erfahren wir es nicht mehr, denn die Sendezeit ist leider fast vorbei, und die Legends of Rock warten schon vor dem Studio.

Ich kann euch aber trotzdem noch ein Stück Musik spielen…

Musik:

Grace Valhalla: Still Noxed 5:44

Abmoderation

So, aber nun genug hinterfragt für heute. Ich danke euch herzlich fürs Zuhören und hoffe, die Sendung hat euch wieder gefallen.

Und nochmals der Hinweis auf die Internet-Seiten zur Sendung:

Kritik, sowohl negative als auch positive, Wünsche und Anregungen könnt ihr gerne an mich per eMail senden: radio@hinterfragt.at.

Und wer die Sendung nachlesen möchte: die begleitende Website ist zu finden unter hinterfragt.at, dort findet ihr auch alle Links, oder könnt Kommentare zur Sendung abgeben. Außerdem könnt ihr mir auch auf Twitter folgen @hinterfragtAT oder auf Facebook unter hinterfragt.

Das war Ewald Strohmar-Mauler mit der Sendung hinterfragt. Das kulturwissenschaftliche Magazin.

… immer am zweiten Dienstag im Monat um 20 Uhr auf FREIRAD, dem Freien Radio Innsbruck, und die Wiederholung am 4. Donnerstag um 9 Uhr Vormittag.

Und nun verabschiede ich mich und wünsche euch noch eine gute Zeit.

Abspannmusik

conFusion: ENZYM’UT 8:45

Sendung anhören

1 http://de.wikipedia.org/wiki/Verschw%C3%B6rungstheorie

2 http://en.wikipedia.org/wiki/Conspiracy_theory

3 http://en.wikipedia.org/wiki/Conspiracy_theory

4 Ebd.

5 Zur Geschichte der Verschwörungstheorien siehe etwa http://de.wikipedia.org/wiki/Verschw%C3%B6rungstheorie

6 http://links.jstor.org/sici?sici=0022-362X%28199903%2996%3A3%3C109%3AOCT%3E2.0.CO%3B2-E

7 http://de.wikipedia.org/wiki/Verschw%C3%B6rungstheorie#.E2.80.9EDialektik_der_Aufkl.C3.A4rung.E2.80.9C

8 Ebd.

9 http://www.reichsbruecke.net/geschichte.php