Sendung vom 14. April 2015: Kunstraub – Privileg der Sieger?

Ich begrüße euch, liebe Hörerinnen von FREIRAD! Am Mikrofon ist wieder Ewald Strohmar-Mauler mit einer neuen Ausgabe von „hinterfragt.“, dem kulturwissenschaftlichen Magazin, auch bekannt als die Sendung mit den Fußnoten.

Die heutige Sendung trägt den Titel: Kunstraub – Privileg der Sieger?

Es handelt sich um den ersten Teil einer zweiteiligen Betrachtung eines Phänomens, das zugleich allgegenwärtig und verborgen zu sein scheint – die Wegnahme von Kulturgütern durch Eroberer, vulgo Beutekunst.

Im heutigen ersten Teil werde ich die Geschichte dieses Phänomens hinterfragen, von der Antike über die napoleonischen Kriege und die Weltkriege bis heute. Im zweiten Teil dann, der in einem Monat gesendet wird, beleuchte ich dann die heiklen sowie spannenden Aspekte derRestitution, also der Rückgabe der erbeuteten Kunstgegenstände.

Grundsätzlich werde ich aber der Natur dieser Sendung gemäß die kulturwissenschaftlichen Aspekte in den Vordergrund stellen und mich nicht sehr auf die juristische Seite des Themas einlassen.

Nach ein wenig Musik geht es also los mit dem »Kunstraub in der Antike«.

Musik:

Dapassorius: Low deep space now 03:11

Teil 1: Überblick

Heute geht es um Kunstraub. Allerdings nicht um den »gewöhnlichen« Kunstraub, bei dem ein oder mehrere Einbrecher sich nächtens über ein zufällig herum stehendes Baugerüst hangeln, um sich durch ein zufällig nicht von der Alarmanlage bewachtes Fenster Zugang zu einem Museum zu verschaffen und ein, zwei Bilder mitzunehmen, oder einen neoklassizistischen Salzstreuer, sondern um jene groß angelegte Art von Kunstraub, bei dem gleich das ganze Museum durch Besatzertruppen ausgeräumt wird. Dies wird auch mit dem Begriff Beutekunst bezeichnet.

»Beutekunst nennt man […] Kulturgüter, die sich jemand in einem Krieg oder kriegsähnlichen Zustand widerrechtlich aneignet«, steht in der Wikipedia1. Diese verweist dann auch auf den Artikel 56 der so genannten »Haager Landkriegsordnung«. Dabei handelt es sich um das »Abkommen betreffend die Gesetze und Gebräuche des Landkriegs«, welches am 18.Oktober 1907, also noch vor dem 1. Weltkrieg, in Kraft trat. Technisch handelt es sich um eine überarbeitete Fassung des Abkommens von 1899. Es wurde von ca. 50 Staaten unterzeichnet und wird heute als Völkergewohnheitrecht betrachtet.

In genanntem Artikel 56 ist zu lesen:

»Das Eigentum der Gemeinden und der dem Gottesdienste, der Wohltätigkeit, dem Unterrichte, der Kunst und der Wissenschaft gewidmeten Anstalten, auch wenn diese dem Staate gehören, ist als Privateigentum zu behandeln. Jede Beschlagnahme, jede absichtliche Zerstörung oder Beschädigung von derartigen Anlagen, von geschichtlichen Denkmälern oder von Werken der Kunst und Wissenschaft ist untersagt und soll geahndet werden.2«

Nun befinden wir uns aber eigentlich bereits im 20. Jahrhundert – und dort wollte ich eigentlich erst in ca. einer halben Stunde hin. Gehen wir also zunächst zu den Anfängen.

Kriegsbeute zu machen war ja seit jeher fester Bestandteil jedes Feldzugs.3 Die Gründe hierfür sind eigentlich recht einsichtig:

Erstens war die Beute für viele Eroberer überhaupt der Anreiz für ihre Unternehmungen, man denke an die Wikinger oder auch einen Großteil der Feldzüge, die zur Expansion des römischen Reiches unternommen wurden.

Ein weiterer wichtiger Beweggrund, den wir vielleicht heute weniger verstehen, ist es, den Besiegten ihre Kultheiligtümer weg zu nehmen, ihnen sozusagen ihre Gottheit(en) zu stehlen und sie somit schutzlos zurückzulassen, was auch noch zusätzlich einen eminenten Gesichtsverlust bedeutete. Ein bekanntes Beispiel aus der Antike für ein Jahrhunderte dauerndes Hin und Her in diesem Zusammenhang bietet der Dauerdisput zwischen Griechen und Persern. Und älter und vielleicht weniger bekannt, aber dennoch bedeutsam die diversen Feldzüge der mesopotamischen Völker gegen einander. Einiges davon findet sich auch im älteren Teil der Bibel.

Diese Feldzüge scheinen zwar (auch) religiös zu bezeichnende Beute mit sich gebracht zu haben, die Beweggründe für die Kriege selbst dürften aber weniger religiös motiviert gewesen zu sein – also nicht wie die mittelalterlichen Kreuzzüge. Gut, das war jetzt ein Scherzchen am Rande. Grundsätzlich wird wohl bei den meisten kriegerischen Auseinandersetzungen die Habgier als Hauptmotivator anzusehen zu sein, gewürzt mit etwas Rache für irgend eine alte Geschichte.

Aber natürlich wurde bei der Eroberung einer feindlichen Stadt nicht nur Kunst und Religiöses, sondern alles mitgenommen, was sich mitnehmen ließ, und so finden Archäologinnen viele Gegenstände dann heute tausende Kilometer vom Ursprungsort entfernt… und haben keine Ahnung, wie die dort hingekommen sein mögen. Der Grieche Nikos hat es dem Perser Ataraxes im Kampf entrissen, dann seinem Kumpel Propes verkauft, welcher es beim fahrenden Händler gegen irgendwas eingetauscht hat. Diesem wurde es dann von phoinikischen Seefahrern geraubt, die brachten es nach Britannien, und irgendwann wurde es dann am Hadrian’s Wall ausgegraben…

Ein wichtiger Bestandteil der Kriegsbeute in der Antike waren Sklaven, die ja als wesentlicher Wirtschaftsfaktor außerst begehrt waren… abgesehen davon, dass der eroberte Gegner durch diese massive Reduktion seiner Bevölkerung extrem geschwächt wurde.

So interessant dieses Thema auch wäre, heute geht es nur um Kunstgegenstände. Ein erstes Beispiel von »Kunstbeute um der Kunst willen« findet sich bei Polybios, der beschreibt, wie Alexander der sogenannte Große bei der Eroberung Thebens ein besonderes Bild mitnahm. In diesem Text findet sich auch etwas Grundsätzliches:

Im Gegensatz zu den Griechen, die religiöse Gegenstände nämlich als etwas jedenfalls Heiliges, sprich im Eigentum der Göttern Stehendes, ansahen, und daher bei Tempelplünderungen noch eine gewissen Zurückhaltung aufwiesen,4 hatten die Römer in ihrer Konzentration auf ihre Stadt Rom keine solchen Skrupel: etwas Nicht-Römisches kann nicht heilig sein, also ist die Plünderung eines ausländischen Tempels auch kein Sakrileg. Außerdem assimilierten die Römer gern fremde Kulte – auch durch Raub von fremden Kultbildern. Sie nahmen ja an, dass die korrekte Verehrung der Schlüssel zum Segen wäre, und so holten sie sich auch den Segen der fremden Gottheiten ins Haus.

Die Schatzhäuser der griechischen (aber auch asiatischen) Tempel waren ja ursprünglich Lager für eigene Kriegsbeute gewesen. Und natürlich wurden nicht nur religiöse Gegenstände dort untergebracht, sondern auch allerlei anderes Goldschmiedegut, Töpferwaren, Waffen, usw. Was mensch halt damals so dem Tempel spendete, um dem eigenen Schicksal einen Schubs nach vorne zu geben. Für die Römer waren diese Schatzhäuser natürlich ein äußerst begehrtes Angriffsziel, und jeder Feldherr, der den Auftrag bekam, in einer entsprechenden Gegend einzufallen, konnte sich ins Fäustchen lachen, denn mit der Beute war ihm eine glänzende politische Karriere sicher. Eigentlich könnte man sagen, dass die Beutekunst im heutigen Sinn hier ihren Ursprung hat. Ursprünglich war diese Beutekunst auch öffentlicher Besitz, erst in der späteren Republik wurde es langsam Brauch, dass die Beutestücke dem Feldherrn zustanden, der auch Teile davon an seine Soldaten verteilte und sie dadurch enger an sich band.

Doch ich würde sagen, genug von der Antike, nach ein wenig Musik gehen wir weiter zu moderneren Ansichten über Beutekunst.

Nicht vorenthalten möchte ich euch aber, was Johann Wolfgang von Goethe in seiner XV. Römischen Elegie geschrieben hat:

»Wenig Hütten zeigten sie erst: dann sahst du auf einmal

Sie vom wimmelnden Volk glücklicher Räuber belebt.

Alles schleppten sie drauf an dieser Stätte zusammen;

Kaum war das übrige Rund deiner noch wert«.

Musik:

Ras Tilo: Le chant des sirenes en dub03:45

Teil 2: Einblick

Wenn wir nun in der Geschichte weiter gehen, drängt sich auch beim Thema Kunstraub bzw. Beutekunst ein Eindruck auf, der generell gerne unser Geschichtsbild dominiert: die Antike war ja noch einigermaßen zivilisiert und hat auch große Errungenschaften auf diversen Gebieten hervor gebracht, doch dann kam das finstere Mittelalter, da versank alles in religiös motivierter Dumpfheit. Erst seit dem 16., 17. Jahrhundert ging es wieder etwas bergauf, usw. Auch wenn dieser Eindruck heute nicht mehr von der Geschichtswissenschaft bestätigt wird, beim Thema Kunstraub scheint es tatsächlich so zu sein:

Erst kam mit dem Christentum der religiös motivierte Kunstraub, es wurden auf den diversen Kriegszügen, die Europa in den Jahrhunderten der Völkerwanderungszeit und danach durchzogen, viele religiöse Gegenstände zur Aussattung eigener Kirchen und Klöster, aber auch Reliquien, also die Gebeine von Heiligen, entwendet – für die dann prächtige Reliquiare geschaffen wurden, wie wiederum späteren Eroberern als Kriegsbeute dienen durften. Doch abgesehen davon verhielt gab es in diesen Jahrhunderten keinerlei nennenswerte Raubkunstpolitik, also keine herrscherlich verfügte Mitnahme von Kunstgegenständen, sondern eher die ganz normale kriegsbedingte Plünderung, die eben damals üblich war. In Streiotigkeiten, die religiöse Hintergründe hatten, war es außerdem eher üblich, die religiösen Stätten des Gegners gleich komplett dem Erdboden gleich zu machen. Bewegliche Gegenstände aller Art wurden bei allen Arten von Konflikten am liebsten zerlegt, eingeschmolzen oder, wenn die Mitnahme nicht lohnte, zerstört. Man kennt dies unter dem Begriff Ikonoklasmus, also das »Zerschlagen der Bilder«.

Doch obwohl gewisse ideologische Grundzüge, nämlich zB der Gedanke des Kunstwerkes als Symbol von Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe, auch hier zu finden sind, ist dies ja nicht Beutekunst in dem Sinn, den wir hier betrachten wollen, denn diese wäre ja, um den Rechtswissenschaftler Rainer Wahl5 zu zitieren:

»[…]Beutekunst aus Anlass von Kriegen unter den europäischen Mächten (auch Nordamerika), also um Kunstraub unter den sich selbst zu den zivilisierten Mächten rechnenden Staaten, um öffentlichen und politisch motivierten Kunstraub [,…] um Kunst im öffentlichen und politischen Raum.

Dabei ist zunächst der qualitative Sprung herauszuarbeiten, der zwischen einer staatlichen Kunstpolitik und -propaganda einerseits und dem staatlichen Kunstraub andererseits liegt. Staatlicher Kunstraub setzt die Vorstellung voraus, daß der Besitz von Kunst für einen Staat und für ein Regime wichtig und ein entscheidender Teil des Repräsentationsprogramms und der Propaganda ist.« (Zitat Ende)

Seine »These für die Beurteilung des politischen Kunstraubs«6 ist nämlich Folgendes: »[…] daß sich darin jeweils eine Ideologie der Macht und der Herrschaft niederschlägt. Staatlich motivierter Kunstraub und die Aneignung von Kunstschätzen sind in einer vielfältigen Weise mit Herrschaftsansprüchen verknüpft: Im Kunstraub drückt sich in anschaulicher Weise ein Superioritätsanspruch aus. Dieser dient zugleich der Scheinrechtfertigung der Beraubung. Damit ist ein umfassender und abstrakter Gesichtspunkt angesprochen, nämlich das ideologische Moment des Kunstraubs.«(Zitat Ende)

Kunstraub wird also zunehmend zum Ausdruck der Staatsideologie (wie auch Wahls Aufsatz betitelt ist).

Diese Sicht konnte sich erst nach dem dreißigjährigen Krieg ausbilden, so meint jedenfalls Rainer Wahl7. Die absolutistischen Herrscher der Aufklärung schienen zur Absicherung ihrer Macht lieber gezielte Heiratspolitik betreiben als Kriege führen zu wollen, und obwohl das Sammeln von Kunst im Barock zum Repertoire der fürstlichen Zeitvertreibe gehörte, wurden die Werke in der Regel brav angekauft. Es dürfte auch das ideologische Moment einer »Staatskunst« in dieser Epoche noch nicht ausgebildet gewesen zu sein.

So herrschte eine Kunstraub-Pause von etwa 130 Jahren, bis zur Französischen Revolution. Diese Periode gesellschaftlicher Umwälzung hatte das Thema Macht bzw. deren Umverteilung zum primären Thema, also wurde auch die Kunst dank ihrere Symbolträchtigkeit (wieder) zum Instrument der Mächtigen. Zunächst wurden viele Kunstwerke des verhassten Adels und Klerus von den Revolutionärinnen einfatch nur zerstört, in den Jahren nach 1793 entstand aber der Gedanke (ich zitiere wieder Rainer Wahl), »dass die Kunst, einst Privileg der Minderheit, dem ganzen Volk gehört. Im Frankreich der Revolution konsolidierte sich das nationale Selbstbewußtsein nicht zuletzt durch das Medium der Kunst. Der Ideologie der Französischen Revolution und des Kaisertums – daß Frankreich an der Spitze des Fortschritts stehe und daß es als Verkörperung der Ideen von Gleichheit und Freiheit den ersten Platz unter den Völkern zu bean spruchen habe – entsprechend, begann eine systematische Kunstpolitik. Sie wollte alles Wichtige nach Frankreich bringen, weil diesem nach dem eigenen Selbstverständnis die Rolle als Verwalter der Kulturgüter gebühre. Als die ersten Bildtransporte 1794 aus den gerade eroberten Niederlanden eintrafen, war inzwischen der Louvre als das Museum der Nation etabliert worden.«

Und weiter unten heißt es: »Später hat das Direktorium General Bonaparte und seinen Truppen den ausdrücklichen Befehl erteilt, berühmte Kunstwerke des Auslands zu beschlagnahmen. Man kann das Vorrücken der französischen Armee an den Kunstwerken ablesen, die nach Paris kamen.« (Zitat8 Ende).

Wir sind also mittlerweile bei einem der bekanntesten Feldherrn der Geschichte angelang, bei Napoléon I Bonaparte. Dieser ist auch, was die Beutekunst betrifft, wohl der bedeutendste Proponent staatlich geplanten Kunstraubs vor Adolf Hitler. Napoléon I machte zB die Übergabe bestimmter Kunstwerke immer zum Bestandteil von Friedensverträgen oder Waffenstillstandsabkommen.9 Trickreicher Weise wurden die Kunstwerke auf die Beträge der Reparationszahlungen angerechnet, somit wurde dem Vorwurf des Raubes hintangehalten. Welch ein Unterschied also auch im Stil zur Vorgehensweise vergangener Jahrhunderte!

Ein weiterer Unterschied zu früher und zugleich ein besonderes Merkmal Napoleóns I ist hier zu finden: vor allem später, als er sich zum Kaiser ausgerufen hatte, war ihm wichtig, den Anschein einer gewisse Kontinuität zum Römischen Reich und seinen Kaisern zu geben. Somit waren auch ganz besonders die Werke der Antike für ihn von Bedeutung, welche er in Italien en masse vorfand und natürlich mitnahm. Diese Sichtweise entsprach auch ganz der damaligen Meinung der Kunsthistorikerinnen, welche die Antike in künstlerischer Hinsicht für das Maß aller Dinge gehalten hatten.

So fanden etwa die Pferde von San Marco und der Bronzelöwe aus Venedig, die Quadriga vom Brandenburger Tor, der Apoll von Belvedere, die Laokoon-Gruppe und die Venus Medici aus den Uffizien10 ihren Weg in den Louvre, damals also das »Super-Museum« schlechthin… und somit auch wirkmächtiges Symbol der Vorherrschaft der »Grande Nation«. Nicht zu vergessen jener Obelisk, der aus Rom auf die Place Vendôme verbracht wurde. Doch auch aus politischen Kalkül wurden Kunstgegenstände geraubt. Wie einst die Meinung vorherrschte, dass ein Volk geschwächt wird, in dem ihm seine Götter entzogen werden, so kam nun der selbe Gedanke nationalistisch verbrämt daher:

aus Aachen, der alten fränkischen Pfalzstadt Karls des Großen, wurden etwa u.a. dessen Armreliquiar oder auch der Sakrophag, der als seine Grabstätte gilt, entwendet. Somit ging die Macht der deutschen Kaiser symbolisch auf den Franzosenkaiser über… bzw die Macht Deutschland aud Frankreich. Oder sie wurde in den anderen Reichsteil verlagert, wenn man es sich vom frühmittelalterlichen Frankenreich aus überlegt.

Doch in diesen Zusammenhängen dachten die Menschen damals gar nicht, es wurden ja im langen 19. Jahrhundert gerade die Grenzen der Staaten Europas und auch viele Grenzen in den Köpfen der Menschen neu verteilt.

Musik:

Music For Your Media: Keep It Up AC2 03:22

Zwischenmoderation

Für alle, die sich erst später zugeschaltet haben:

Hier ist „hinterfragt„, das kulturwissenschaftliche Magazin live auf FREIRAD, dem freien Radio Innsbruck! Mein Name ist Ewald Strohmar-Mauler.

Das heutige Thema ist

Kunstraub- Privileg der Sieger?

Es geht um die Kunstwerke, die bei kriegerischen Auseinandersetzungen so mitgenommen werden, vor allem die Entwicklung hin zum staatlich geplanten Kunstraub.

Bisher habe ich die Antike und die Zeit der Französischen Revolution und Napoléons I näher betrachtet, im zweiten Teil der Sendung folgen jetzt die Entwicklungen im 19. und 20. Jahrhundert.

Teil 3: Seitenblick

Ich hatte ja schon im ersten Block der Sendung die Haager Landkriegsordnung erwähnt. Diese ist, denke ich, mit ein Ergebnis der ständigen Kriege, Aufstände und Revolutionen, welche das 19. Jahrhundert neben den vielen anderen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umbrüchen so stark gekennzeichnet haben. Es wurde also beschlossen, die Kriege, wenn schon nicht abzuschaffen, so doch wenigstens menschlicher zu machen. Ein Aspekt war dann eben auch, die öffentlichen Kulturgüter als Privateigentum zu festzulegen.Und dieses darf nach Art. 46 nicht eingezogen werden. Art. 47.besagt dann auch: “Die Plünderung ist ausdrücklich untersagt.” Die seither durchgeführten Kriege haben gezeigt, dass auch diese gut gemeinten Worte der menschlichen Gier nicht standgehalten haben.

Es folgte diesen guten Vorsätzen der Erste Weltkrieg, zu welchem mir in Hinsicht auf Beutekunst keine besonderen Vorkommnisse bekannt wären, sowie der Zweite Weltkrieg.

Und dieser hat mich eigentlich erst überhaupt auf die Idee gebracht, mich mit diesem Thema auseinander zu setzen. Vermutlich wegen des plakativ rot umrandeten Umschlages mit den großen roten Lettern »Auf Befehl des Führers«, darunter, kleiner, schwarze Blockbuchstaben: »Hitler und der NS-Kunstraub«, stieß ich nämlich auf das Buch der Kunsthistorikerin Birgit Schwarz aus 2014. Ich zitiere den Klappentext:

»Kunstraub war ein Kernstück der Kulturpolitik Hitlers. Mit dem »Anschluss« Österreichs 1938 räumte sich der kunstbesessene Diktator das Recht ein, über jedes hochrangige Kunstwerk, das beschlagnahmt wurde, persönlich zu verfügen. Die Beute stammte aus jüdischen Privatsammlungen wie aus kirchlichem und staatlichem Besitz in den annektierten Ländern. Sie sollte auf die Museen des Großdeutschen Reiches, insbesondere in den neuen Ostgebieten, verteilt werden. Mit der Durchführung des Programms betraute Hitler den Direktor der Dresdner Gemäldegalerie Hans Posse. Was Hitler und Posse als »Geheimsache« behandelten, wird in diesem Buch erstmals aufgedeckt: Der NS-Kunstraub war von Hitler zentral gelenkt. Birgit Schwarz ist ausgewiesene Expertin für die NS-Kunstpolitik und hat bereits zahlreiche Veröffentlichungen zum Thema vorgelegt.11«

Nun ist die ganze Geschichte im Druck 320 Seiten lang, daher geht es sich unmöglich aus, in dieser Sendung auch nur annähernd in die Details zu gehen. So werde ich hier nur einige Hinweise geben.

Zunächst fällt mir auf, dass die Tendenz im zitierten Klappentext eher dazu neigt, eine deutsche Sicht zu präsentieren, während Birgit Schwarz die Sache sehr stark aus österreichischer Sicht betrachtet. So war etwa Hitlers Lieblingsprojekt ein Führer-Museum in Linz, seiner Heimatstadt, welches, wenn es realisiert worden wäre, in den Dimensionen locker mit dem British Museum oder dem Louvre hätte konkurrieren können, oder diese sogar noch übertroffen hätte.

Die Kunstwerke für dieses Museum zusammen zu stellen war die Aufgabe einer inoffiziellen Organisation, welche »Sonderauftrag Linz« genannt wurde. Diese operierte von Dresden aus, da ihr Leiter Hans Posse dort Direktor der Gemäldegalerie war und deshalb von Hitler als Experte ausgewählt worden war. Überhaupt wurden für den »Sonderaufrag« überwiegend Kunstexperten angestellt und es kam Hitler offenbar weniger darauf an, dass sie eifrige Anhänger der Nazi-Ideologie waren.

Das wichtigste Instrument für den »Sonderauftrag« und zugleich ein Indikator dafür, wie wichtig die Angelegenheit für Hitler persönlich war, war der so genannte »Führervorbehalt«. Hierbei handelt es sich um (ich zitiere Birgit Schwarz)12

»ein Erstzugriffsrecht auf Raubkunst, das sich Hitler selbst eingeräumt hatte. Zum ersten Mal formulierte ein Rundschreiben der Reichskanzlei vom 18. Juni 1938 diesen Anspruch, und zwar hinsichtlich der in Österreich nach dem „Anschluss“ an das Deutsche Reich beschlagnahmten jüdischen Kunstsammlungen.« (Zitat Ende)

Der Wortlaut des Schreibens:

»Bei der Beschlagnahme staatsfeindlichen, im besonderen auch jüdischen Vermögens in Österreich sind u.a. auch Bilder und sonstige Kunstwerke von hohem Wert beschlagnahmt worden. Der Führer wünscht, dass diese zum großen Teil aus jüdischen Händen stammenden Kunstwerke weder zur Ausstattung von Diensträumen der Behörden oder Dienstzimmern leitender Beamter verwendet, noch von leitenden Persönlichkeiten des Staates und der Partei erworben werden. Der Führer beabsichtigt, nach Einziehung der beschlagnahmten Vermögensgegenstände die Entscheidung über ihre Verwendung persönlich zu treffen. Er erwägt dabei, Kunstwerke in erster Linie den kleineren Städten in Österreich für ihre Sammlungen zur Verfügung zu stellen.

Indem ich Ihnen hiervon Kenntnis gebe, bitte ich im Auftrag des Führers, die erforderlichen Anordnungen zu treffen, damit eine Verfügung über das in Österreich beschlagnahmte Vermögen bis auf weiteres unterbleibt.« (Zitat Ende)

Hitler hatte also vermutet, dass seine Unterläufer sich die Bilder vielleicht selbst unter den Nagel hätten reißen können und wollte dies schon im Vorfeld unterbinden. Und auch, wenn es sicher spannend wäre, darüber zu spekulieren, welch geringes Vertrauen Hitler in seine Leute hatte, und wen denn nun eigentlich die Haager Landkriegsordnung interessiert, im Moment steht der »Führervorbehalt« auf dem Programm.

Ich zitiere weiter aus dem Buch von Birgit Schwarz:

»Ein Jahr später wurde der Anspruch Hitlers auf jene Kunstwerke ausgedehnt, die nach Maßgabe des österreichischen Denkmalschutzgesetztes sichergestellt waren, und bald darauf auch auf den Kunstbesitz der aufgelösten österreichischen Klöster und Stifte erweitert. Durch Rundschreiben vom 9. Oktober 1940 wurde der „Führervorbehalt“ für das übrige Reichsgebiet und durch Erlass vom 18. November 1940 für die besetzten und noch zu besetzenden Gebiete ausgesprochen. Am Ende des Dritten Reiches stand die gesamte Raubkunst Europas unter „Führervorbehalt“ und die „Führerauswahl“ daraus, die Hitler für sein Verteilungsprogramm zur Verfügung stand, betrug nicht 560 Objekte, wie die offizielle deutsche Datenbank angibt, sondern annäherungsweise das Hundertfache.«

Hitlers erster Beweggrund für die Sammlung von Kunstwerken und für den dafür eingesetzten »Führervorbehalt« war jedoch nicht, wie etwa für Menschen vom Typ Hermann Göring, sie in seinen persönlichen Besitz zu bringen, sondern vorrangig, sie dem »deutschen Volk« zur Verfügung zu stellen, also »deutsche Kunst für das deutsche Volk«. Sowohl das Linzer Museumsprojekt als auch die Bestückung anderer deutscher Museen hatten alleine den Zweck, den Deutschen »ihre« Werke zurück zu geben.

Und dies wäre ja eigentlich ähnlich der Ideologie Napoléons I., der die wichtigsten Werke der europäischen Kunst für die Grande Nation sichern wollte. Nur ging es eben im Nationalsozialismus nicht nur darum, dem Deutschen Reich den vorrangigen Platz in Europa zu sichern, den sie sich einbildeten, und dieses sogar tausendjährig zu machen, sondern es wurde ja überhaupt nur mehr das Deutsche, das »Germanische«, das »Arische« akzeptiert, und alles andere wäre minderwertig und auszurotten. Diesem Rassenwahn fielen ja bekanntlich auch Hunderttausende zum Opfer, aus rassischen Gründen wie Juden und Roma, aber auch aus anderen Gründen, durch welche viele Menschen der selbst ernannten »Herrenrasse« zu minderwertig zum Leben erschienen war. Und natürlich hatten diese Minderwertigen keine Rechte mehr auf ihren Besitz, dieser wurde eingezogen.

Da die Juden traditionell von vielen Berufen ausgeschlossen waren und sich daher vermehrt im Bereich Handel und Finanzwesen beschäftigten, fiel hierunter natürlich auch der Kunsthandel. Hier war ja weitaus mehr zu holen als im Privathaushalt, sieht man von den großen Kaufmanns- und Bankiersfamilien ab, die teilweise Kunstsammlungen von Weltruhm ihr Eigen nannten, bekannt ist hier etwa der Name Rothschild. Teilweise konnten sich diese ihre Flucht ins Ausland mit der Abtretung ihrer Kunstwerke erkaufen.

Um welche Kunst ging es hier aber? Mensch kennt ja den Begriff der »entarteten« Kunst. Diese Kunstwerke von (damals) modernen Künstlerinnen, auch jüdischer Herkunft, waren der deutschen Rasse nicht würdig, sie waren undeutsch, kommunistisch, jedenfalls nicht rechtskonservativ. Diese wurden zerstört, versteckt, jedenfalls nicht gesammelt.

Gesammelt wurden alle »alten Meister«, die sich irgendwie als »deutsch« klassifizieren lassen konnten, also auch etwa die Niederländer Rubens oder van Eyck. Auch Michelangelo war ja mal auf Durchreise durch Deutschland.

Ganz besonders wichtig war auch die Revanche dafür, dass Napoléons Frankreich deutsche Bilder geraubt hatte, also war der Louvre unbedingt auszuplündern. Der napoleonische Kunstraub schien lauf Birgit Schwarz13 ein allgemein deutscher Kollektivgroll gewesen zu sein, und bei jeder Friedensverhandlung seit 1815 wieder thematisiert worden zu sein. Hitler sah sich dann also offenbar als Vollstrecker dieser langjährigen Forderung. Natürlich war wer als ehemaliger Postkartenmaler prädestiniert dafür, er war ja sozusagen Kunstexperte und umgab sich auch gerne mit solchen – viele davon ebenfalls minderbegabte Künstler.

Im Verlauf des Konflikts mit der Sowjetunion war eine weitere Bestrebung, die Kunst im Osten des Reiches vor den Russen zu retten. So kamen also im Lauf des Krieges Unmengen an Bildern, Skulpturen und anderen Gegenständen zusammen, die dann in Bunkern, aufgelassenen Minen oder sogar im Schloss Neuschwanstein gelagert wurden.

Zum Abschluss dieses Abschnitts möchte ich noch eine kleine Anmerkung loswerden: bei Birgit Schwarz‘ Buch drängt sich stellenweise der Verdacht auf, der Zweite Weltkrieg wäre nur geführt worden, um die »deutsche Kunst« »heim ins Reich« zu holen.

Ein weiteres Buch, mit dem ich mich in den letzten Wochen intensiv beschäftigt habe, ist »Monuments Men« von Robert M. Edsel. Davon mehr nach dem folgenden Musikstück.

Musik:

Sam Brown: Who Cares 03:08

Teil 4: Ausblick

Wie angekündigt komme ich nun abschließend zum Buch »Monuments Men« von Robert M Edsel.14 Der Untertitel lautet reißerisch: »Allied heroes, Nazi thieves, and the greatest treasure hunt in history«.

Dargestellt wird die Geschichte der Gruppe »Monuments, Fine Arts, and Archives« (MFAA), welche die Alliierten zusammen gestellt hatten, um die von den Nazis geraubten Kunstwerke diesen wieder wegzunehmen, also eine Art Gegen-Kunstraub. Die Initiative dazu ging von amerikanischen Kunstexperten aus, die sich die Frage stellten, was wäre, wenn die unschätzbaren Kunstwerke im guten alten Europa durch die Kriegshandlungen zerstört würden. Es wurden also keine zwei Dutzend Menschen (ich spare mir hier die weibliche Form, weil es ausschließlich Männer waren), Museumskuratoren, Bildhauer, Universitäts-Lektoren, usw. in Uniformen gesteckt, ohne Dienstgrade, die ihnen Befehlsgewalt verliehen hätten, und nach Europa verfrachtet. Ein paar Briten und Franzosen kamen noch dazu, aber grundsätzlich hat mensch den Eindruck, es handelt sich um eine rein amerikanische Aktion.

Einige von euch kennen vielleicht den gleichnamigen Film von und mit George Clooney. Ich habe ihn mir angesehen, bevor ich das Buch gelesen hatte. Wenn Romanverfilmungen schon meist vom Original abweichen, gilt das noch weitaus mehr für ein Sachbuch. Der Film ist ja ganz gut, er lebt halt von den bekannten Schauspielerinnen, und es war ja ganz interessant, sich beim Lesen des Buches die Gesichter der entsprechenden Schauspieler vorzustellen, anstatt ihnen selbst ein Gesicht zu imaginieren.

Der Film greift natürlich die spannenden Elemente – von der Landung in der Normandie bis zur Sichtung des Salzbergwerks in Altaussee – heraus, auch die Schwierigkeiten, mit denen dieses MFAA-Trüppchen zu kämpfen hat, um ihrem Auftrag nachzukommen, werden ganz realistisch heraus gearbeitet. Wenn es um bloße Schilderungen der Handlungen von Monuments Men geht, werden diese wie in einem Roman erzählt, da kommt natürlich die Frage auf, wie sehr aus den Briefen der Männer an die daheim gebliebenen Familien auf die genauen Vorgänge geschlossen werden kann, zumal ja vieles aus Sicherheitsgründen gar nicht näher beschrieben werden durfte oder der Zensur zum Opfer fiel.

Diese fiktiven Erzählungen, die dem amerikanischen Selbstbewusstsein schmeicheln, sind vermutlich auch der Grund, warum das Buch zum nationalen Bestseller und dann auch noch verfilmt wurde.

Was Buch und Film noch gemeinsam haben, ist nämlich die voreingenommene amerikanische Sichtweise, die kein gutes Haar an den Deutschen (und Österreicherinnen) läßt, egal wer sie sind und was sie machen oder gemacht haben. Selbst dem Widerstand wird mißtraut.

Ich hatte mir das Buch von Edsel deshalb als Kontrast zu Schwarz überlegt, weil sich der deutsch-österreichische und der amerikanische Blickwinkel doch so massiv unterscheiden, fast als ob von zwei völlig verschiedenen Ereignissen die Rede wäre. Wo Birgit Schwarz in der Art der modernen Gechichtswissenschaften versucht, neutral die Hintergründe heraus zu arbeiten, die zu den Ereignissen geführt haben, beschränkt sich Robert Edsel auf einseitig dramatische Schilderungen, und mensch merkt leider stark, dass er als populär-wissenschaftlicher Schriftsteller offenbar kein Interesse an einer vollständigen Darstellung hat. So existiert für ihn der Leiter des »Sonderauftrag Linz«, Heinz Posse, offenbar gar nicht, für ihn ist der »Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg« (ERR) offenbar die einzige Raubkunst-Organisation im Dritten Reich. Die Leserin hat den Eindruck, Hitler habe den ERR wie einst ein König seine Freibeuter ausgeschickt, um möglichst reiche Beute zu machen. Der »Führervorbehalt«, der nicht als solcher genannt wird, es ist nur von einem ominösen »paper«15 die Rede, der Sachverhalt wird so beschrieben, das Hitler die erste Wahl ander Beute hätte, dann kommt Göring dran, dann Rosenberg. Also eine Fehlinterpretation des »Führervorbehalts« und keine Silbe davon, dass die Kunstwerke eigentlich nicht zur bloßen egoistischen Bereicherung von Nazi-Bonzen dienen sollten.

Nur die Amerikaner handeln völlig selbstlos und sind die Einzigen, die jemals Kunstwerke retten statt behalten wollten. Selbst die Entdeckung von zig Tonnen »Nazi-Goldes« in einem ehemaligen Bergwerk wird beschrieben, als ob ein aufrechter Amerikaner eine Brieftasche am Gehsteig findet und selbstverständlich brav zur Polizei trägt.

Anstatt also auf die eigentlichen Hintergründe des Kunstraubs einzugehen, wird dieser als Korsarentum abgetan. Herumgeritten wird statt dessen auf einer geplanten Zerstörung der Kunstwerke durch die Nazis, damit diese nicht in Feindeshand fallen sollten, einen sogenannten »Nero decree«. Dieser hängt wie das bekannte Damoklesschwert über den Monuments Men, denn kaum finden sie eine Lagerstätte von Kunstwerken, könnte ihnen diese ja um die Ohren fliegen.

Offenbar ist nach Edsels Wissen erst Hitlers Testament zu entnehmen, dass die Kunstwerke niemals hatten zerstört werden sollen.16

Verwirrend ist vor allem die Frage, was im und um das Salzbergwerk Altaussee wirklich geschah. Denn es scheint einen bornierten Gauleiter, also so etwas wie einen Landeshauptmann, Eigruber gegeben zu haben, der das Bergwerk mit einer Riesenmenge Sprengstoff verminen ließ, und einen Bergwerksleiter, der sich um die heimliche Entschärfung bemühte. Weitere Mitspieler waren einige Bergleute, einige Nazis und Statisten aus der Zivilbevölkerung. Irgendwie flog die Mine letztlich doch nicht in die Luft und die Kunstwerke wurden gerettet – natürlich von den Amerikanern. Edsel scheint sich die Vorgänge aus den Gerichtsakten der Verhandlungen zusammen gereimt zu haben, die nach dem Krieg von den Alliierten geführt worden waren, um die Sachverhalte zu klären, ein paar Schuldige zu finden und ganz generell den Österreicherinnen und Deutschen die Lust auf eigene Vergangenheitsbewältigung zu nehmen. Denn dass die Aufarbeitung der damaligen Ereignisse selbst heute noch nicht so ganz in Gang gekommen ist, dass in den 50er bis 80er Jahren so gut wie gar nichts davon zu merken war, dass bis heute leider noch viele Menschen der Meinung sind, dass damals ja nicht alles so schlecht war wie uns linke Historikerinnen weis zu machen versuchen – ich denke, einen Teil dieses Widerwillens haben die Cops von jenseits des Teiches zu verantworten, die sich ja in jeden Konflikt des 20. Jahrhunderts eingemischt haben. Denn auch wenn es kindisch scheint, sich in Trotz zu verkriechen, wenn mensch bevormundet wird, es ist nun mal ein Wesenszug der Menschen. Und Generalverurteilungen mag auch niemand. Nein, es sind nicht alle Deutschen Nazis. Nein, Österreicher sind keine Deutschen… und so weiter.

Soll meine abschließende Konklusio sein, dass die Entwicklung von Nationalstaaten und Nationalismen eine der wesentlichen Ursache für die größten Kunstraube der Geschichte ist? Das wäre zwar schön einfach, ist aber genau aus diesem Grund nicht wirklich haltbar.

Hierher passt vielleicht eine Betrachtung des Germanisten Gerhard Kaiser »Schillers Einspruch gegen den Kunstraub der Weltmächte. Zur Bedeutung der Ästhetik für ein rechtliches Problem«.17

Schiller wendet sich ebenso gegen die Beutekunst aus Frankreichs Feldzügen wie gegen die massiven Ankäufe von Kunst durch die Briten. Auf schillerisch klingt das dann so:

»Was der Griechen Kunst erschaffen,

Mag der Franke mit den Waffen

Führen nach der Seine Strand

Und in prangenden Musäen ‚

Zeig er seine Siegstrophäen

Dem erstaunten Vaterland!18«

Bzw.

»Seine Handelsflotten streckt der Britte

Gierig wie Polypenarme aus,

[ …]

Alle Inseln spürt er, alle fernen

Küsten – nur das Paradies nicht auf.

[ …]

In des Herzens heilig stille Räume

Mußt du fliehen aus des Lebens Drang,

Freiheit ist nur in dem Reich der Träume,

Und das Schöne blüht nur im Gesang.19«

Für Schiller ist also nicht der Besitz des Kunstwerkes wichtig, also spielt auch die Art des Erwerbs keine Rolle, sondern allein die richtige Rezeption macht die Bedeutung der Kunst aus. Also sind auch Gipsabgüsse von antikem Marmor durchaus wertvoll – es kommt nur auf den rechten Geist in der Betrachterin an, und die Forderung nach diesem Geist finden wir dann auch etwa bei Goethe oder später bei Rilke. Es wird hier die Idee des nationalen Besitzes, oder der Rechtes auf ein Kunstwerk über ästhetische Überlegungen dekonstruiert, und das finde ich eine bemerkenswerte Leistung für Zeitgenossen Napoléons I.

Und natürlich ist für eine Diskussion darüber, wer denn jetzt nun das Recht auf ein Kunstwerk hat, in dieser Sendung auch kein Platz mehr, doch in der nächsten Sendung geht es um Restitution, also die Rückgabe der Raubkunst, da wird das Thema dann angesprochen werden.

Musik:

JAC: Strange swaying forget me 3:46

Abmoderation

So, aber nun genug hinterfragt für heute. Ich danke euch herzlich fürs Zuhören und hoffe, die Sendung hat euch wieder gefallen.

Und nochmals der Hinweis auf die Internet-Seiten zur Sendung:

Kritik, sowohl negative als auch positive, Wünsche und Anregungen könnt ihr gerne an mich per eMail senden: radio@hinterfragt.at.

Und wer die Sendung nachlesen möchte: die begleitende Website ist zu finden unter hinterfragt.at, dort findet ihr auch alle Links, oder könnt Kommentare zur Sendung abgeben. Außerdem könnt ihr mir auch auf Twitter folgen @hinterfragtAT oder auf Facebook unter hinterfragt.

Das war Ewald Strohmar-Mauler mit der Sendung hinterfragt. Das kulturwissenschaftliche Magazin.

… immer am zweiten Dienstag im Monat um 20 Uhr auf FREIRAD, dem Freien Radio Innsbruck, und die Wiederholung am 4. Donnerstag um 9 Uhr Vormittag.

Und nun verabschiede ich mich und wünsche euch noch eine gute Zeit.

Abspannmusik

Chriss Onac: Burning 05:06

Sendung anhören

1 https://de.wikipedia.org/wiki/Beutekunst

2 http://www.1000dokumente.de/index.html/index.html?c=dokument_de&dokument=0201_haa&object=pdf&l=de

3 Vgl. Zum Folgenden auch Volker Michael Strocka: Kunstraub in der Antike, in: ders. (Hg) Kunstraub – ein Siegerrecht? Historische Fälle und juristische Einwände, Berlin 1999)

4 Polybios V,10

5 Wahl 1999, 28 (in: Volker Michael Strocka(Hg): Kunstraub – ein Siegerrecht? Historische Fälle und juristische Einwände, Berlin 1999)

6 Wahl 1999,28

7 Wahl 1999, 27

8 Wahl 1999, 30

9 Vgl. Wahl 1999, 30

10 Vgl. Wahl 1999, 33

11 Schwarz, Birgit. Auf Befehl Des Führers: Hitler und der NS-Kunstraub. Darmstadt: 2014. Ebook.

12 Schwarz 2014, Kap.1

13 Schwarz 2014, Kap. 7

14 Edsel, Robert M, and Bret Witter. The Monuments Men: Allied Heroes, Nazi Thieves, and the Greatest Treasure Hunt in History. New York: Center Street, 2009. Ebook.

15 Edsel 2009, Kap. 21

16 Edsel 2009, Kap. 51

17 In: Volker Michael Strocka: Kunstraub in der Antike, in: ders. (Hg) Kunstraub – ein Siegerrecht? Historische Fälle und juristische Einwände, Berlin 1999), S.42-47

18 Friedrich Schiller, Schillers Werke, Nationalausgabe, Hg. Julius Petersen, Gerhard Fricke u.a.: Weimar 1943 (NA), Bd. 2, Teil 1, 408 »Die Antiken zu Paris«

19 Ebd.,128